Ronald Sider – biblischen Antworten auf Hunger und Ungerechtigkeit

„Die Reichen kümmern sich nicht um die Gerechtigkeit, weil diese von ihnen fordert, ihre Unterdrückung aufzugeben und den Reichtum mit den Armen zu teilen. Daher bekämpft Gott die Reichen so sehr.“ Diese Sätze könnten von einem lateinamerikanischen Befreiungstheologen stammen, aber Ronald Sider ist ein evangelikaler Christ in den USA, der die Reichen zur Umkehr auffordert. Er hat die Befreiungstheologie studiert und sich von ihr inspirieren lassen.

 

Auch diese Sätze könnten von einem Befreiungstheologen stammen: „Die Rettung der Reichen schließt ihre Befreiung von Ungerechtigkeit ein. Infolgedessen befindet sich Gottes Wunsch nach Rettung und Erfüllung der Reichen in völliger Harmonie mit den Aussagen der Bibel, dass Gott auf der Seite der Armen ist.“ Ronald Sider hat eine evangelikale Theologie vertreten, die Gottes Eintreten für die Armen sehr ernst nimmt und daraus klare Konsequenzen für die einzelnen Gläubigen und ihre Kirchen fordert. 

  

Die Augen nicht vor der sozialen Realität verschließen

Ronald Sider wurde 1939 in der kanadischen Provinzstadt Stevensville geboren. Sein Vater war Farmer und Pastor der Kirche „Brethren in Christ“, die die Erwachsenentaufe praktiziert, den Pazifismus vertritt, sich sozial engagiert und der „Mennonitischen Weltkonferenz“ angehört. Ronald Sider besuchte eine Oberschule und als erstes Mitglied seiner Familie ein College. Anschließend studierte er Geschichte an einer kirchlichen Universität in Ontario.

 

Nach dem Bachelor-Abschluss wechselte Ronald Sider an die Yale Universität. Nach einer Promotion in Geschichte und einem Abschluss in Theologie unterrichtete er als Professor am „Messiah College“ in Philadelphia. Dort sah er sich mit der tiefen Armut der schwarzen Bevölkerung und dem Rassismus und der Gleichgültigkeit der Weißen gegenüber dem sozialen Unrecht konfrontiert. Er wollte seine Augen vor dieser Wirklichkeit nicht verschließen und lebte mit seiner Frau Arbutus, einer Familienberaterin, und drei Kindern in einem Armenviertel von Philadelphia, in dem vor allem afroamerikanische Familien zu Hause waren. In seinen Vorlesungen und Seminaren behandelte er Themen wie Krieg, Rassismus und Armut.

 

Ronald Sider nahm wahr, wie sehr die soziale Realität eine biblisch begründete Antwort der evangelikalen Christen erforderte und dies auch auf politischem Gebiet. 1973 beteiligte er sich an der Kampagne „Evangelicals for McGovern“, um den demokratischen Präsidentschaftskandidaten zu unterstützen, der den Krieg in Vietnam ablehnte. Gemeinsam mit anderen Evangelikalen wie Jim Wallis lehnte Ronald Sider auch die republikanische „law-and-order“-Politik und eine Wirtschaftspolitik ab, die die Armut verschärfte.

 

McGovern verlor die Präsidentschaftswahl deutlich. Daraufhin trafen sich die evangelikalen Unterstützer in Chicago und verabschiedeten die Erklärung „The Theological Declaration of Evangelical Social Concern“, abgekürzt „Chicago Declaration“. Darin werden ökonomischer Materialismus, Ungleichheit, Militarismus und Sexismus abgelehnt. Geradezu prophetisch erscheint dieser Satz in der Erklärung: „Wir müssen der Versuchung widerstehen, diese Nation und ihre Institutionen zu Objekten einer nahezu religiösen Loyalität zu machen.“ Zu den Unterzeichnern der Erklärung gehörte auch Jim Wallis.

  

Ronald Sider auf dem evangelikalen Lausanner Kongress

1974 nahm Ronald Sider am „Internationalen Kongress für Weltevangelisation“ in Lausanne teil. Auf Initiative und unter Leitung von Billy Graham kamen 2.700 evangelikale Vertreterinnen und Vertreter aus 150 Ländern zusammen, um über eine Strategie zur Evangelisation der Welt zu beraten und eine „Verpflichtung von Lausanne“ zu erarbeiten. Die Richtung dieser Verpflichtung sollte nach Auffassung der Veranstalter Erweckung und Evangelisation sein.

 

Professor Tobias Faix hat im August 2022 in einem Interview mit dem christlichen Medienmagazin PRO die Rolle Siders auf diesem Kongress so beschrieben: „Ron Sider gehörte auf diesem Kongress zu den Kritikern diese Vorhabens, da das eine rein westliche Sichtweise des Evangeliums darstelle, die durch eine südliche Perspektive für soziale Gerechtigkeit ergänzt werden müsse. 500 Delegierte solidarisierten sich mit seiner Meinung, Streit war die Folge. Aber dadurch kam die Ergänzung in die Lausanner Verpflichtung … dass für Evangelikale beides zusammengehören sollte: Evangelisation und soziales Engagement.“

 

In der „Lausanner Verpflichtung“ heißt es nun u. a.: „... Wir tun Buße für dieses unser Versäumnis und dafür, dass wir manchmal Evangelisation und soziale Verantwortung als sich gegenseitig ausschließend angesehen haben. Versöhnung zwischen Menschen ist nicht gleichzeitig Versöhnung mit Gott, soziale Aktion, politische Befreiung ist nicht Heil. Dennoch bekräftigen wir, dass Evangelisation wie politische Betätigung gleichermaßen zu unserer Pflicht als Christen gehören.“

  

Plädoyer für kontextuelle evangelikale Theologien

Ronald Sider übernahm in den folgenden Jahren eine Vorreiterrolle in der evangelikalen Bewegung in den USA, um zu vermitteln, dass Theologie kontextuell ist und es nicht die eine evangelikale Theologie gibt, die in der ganzen Welt verkündet werden muss. Er solidarisierte sich mit Theologen wie René Padilla in Argentinien und Vinay Samuel in Indien, die eigenständige evangelikale Theologien erarbeiteten, die die Erfahrungen der Christinnen und Christen in ihrem Kontext einbezogen und nach Antworten auf die Fragen und Probleme in ihrem Land geben sollten.

 

Diese eigenständigen Theologien haben in großen Teilen der weltweiten evangelikalen Bewegung Anerkennung und Wertschätzung gefunden. Es bleibt aber das Problem, dass fundamentalistische US-amerikanische Fernsehprediger und Missionsorganisationen ein großes Übergewicht gewonnen haben, um ihre Glaubensvorstellungen und Theologie in aller Welt und besonders im Süden der Welt zu verbreiten.

  

Der Weg durchs Nadelöhr

Erstmals bekannt wurde Ronald Sider 1977 durch sein Buch „Rich Christians in an Age of Hunger: Moving from Affluence to Generosity“, auf Deutsch erschienen unter dem Titel „Der Weg durchs Nadelöhr, Reiche Christen und Welthunger“ (antiquarisch erhältlich). Das Buch, das in neun Sprachen übersetzt wurde und eine Auflage von 400.000 Exemplare erreichte, konfrontiert reiche und wohlhabende Christen damit, was die Bibel angesichts von Armut, Hunger und Ungerechtigkeit in der Welt von ihnen fordert, nämlich eine Umkehr und ein Engagement für tiefgreifende soziale Veränderungen. Das Werk ist ein überzeugendes Beispiel dafür, wie evangelikale Christinnen und Christen die Bibel, die sie wortwörtlich als Gottes Wort verstehen, zur Leitschnur ihres Lebens und ihres sozial verantwortlichen Handelns machen können.

 

Als Geleitwort für sein Buch hat Ronald Sider den Bibelvers Lukas 18,25 gewählt: „Es ist leichter für ein Kamel, durch ein Nadelöhr zu kommen, als für einen Reichen in das Reich Gottes!“ Hier ein Beispiel für seine Argumentation: „Der Gott der Bibel will als der Befreier der Unterdrückten erkannt werden. Der Auszug aus Ägypten war sicherlich das einschneidendste Ereignis bei der Schaffung des auserwählten Volkes. Wir verdrehen die biblische Aussage dieses wichtigen Ereignisses, wenn wir nicht sehen, dass der Herr an diesem geschichtlichen Angelpunkt am Werk war, um in die Unterdrückung einzugreifen und die Armen zu befreien.“

 

Beim Erscheinen des Buches 1977 war der Begriff Globalisierung noch nicht geprägt, aber vieles von dem, was Ronald Sider über globale Welthandels- und Welternährungsprozesse schreibt, besteht bis heute fort und hat sich unter den Bedingungen der vorherrschenden Globalisierung noch verschlimmert.

 

Der evangelikale Christ nimmt die klaren Aussagen zu Armen und Reichen in der Bibel zum Anlass, die Reichen immer wieder zur Umkehr aufzufordern. Gott „hasst und bestraft Ungerechtigkeit und Vernachlässigung der Armen. Und wenn wir die wiederholten Warnungen der Schrift ernst nehmen, dann müssen wir einsehen, dass die Reichen an beidem schuld sind.“ Deutlich heißt es in seinem Buch: „Aufrichtige biblische Reue und Umkehr führt Menschen dahin, dass sie sich von aller Sünde abkehren – wirtschaftliche Unterdrückung eingeschlossen. Die Rettung für die Reichen schließt ihre Befreiung von Ungerechtigkeit ein.“

 

Aus vielen biblischen Geschichten und Geboten leitet Ronald Sider ganz konkrete Forderungen an ein christliches Engagement gegen Unrecht und Elend und für ein Leben in der Nachfolge Jesu ab. Die biblische Zusage lautet: „Man sammelt im Himmel Schätze, wenn man auf Erden Gerechtigkeit verwirklicht.“

 

An die klaren biblischen Aussagen und Warnungen an die Reichen, diagnostizierte Ronald Sider, halten sich viele wohlhabende und reiche Christen allerdings nicht: „Die meisten Christen in der nördlichen Hemisphäre schenken dem, was Jesus über die großen Gefahren des Reichtums sagt, einfach keinen Glauben. Wir wissen alle, dass Jesus den Reichtum für eine große Gefahr hielt, ja für so gefährlich sogar, dass es einem reichen Mann schwer sei, überhaupt Christ zu sein.“ Dies ist, fällt sofort auf, eine radikale Gegenposition zu dem, was die Prediger des „Wohlstandsevangeliums“ verkünden.

 

Ronald Sider fand beim Lesen der Bibel immer neue Warnungen vor Habgier und dem Reichtum, der nicht mit Menschen in Not geteilt wird. Dem „Bösen in den Strukturen“ widmet der evangelikale Theologe ein eigenes Kapitel in seinem Buch und hätte heute sicher an diese Stelle die Bibel in Beziehung zur vorherrschenden Globalisierung gesetzt. Mit Amos hätte er denen, die diese Globalisierung propagieren und von ihr profitieren, erneut gesagt: „Es ströme wie Wasser das Recht.“

 

Nachdem er Amos zitierte, zählte Ronald Sider bereits in seinem ersten Buch vieles auf, was auch heutige Globalisierungskritiker anführen, so die „sündigen gesellschaftlichen Strukturen, die den Hunger in der Welt mitverursachen“. Auch das Thema „terms of trade“ greift er auf, also die verzerrten Preisrelationen zwischen den Rohstoffen, die die Länder des Südens exportieren, und den Fertigwaren, die sie aus dem Norden importieren.

 

Ronald Sider schloss sein Buch über den Hunger und die reichen Christen im Norden mit einer Anleitung ab, wie Christinnen und Christen eine Umkehr in die Praxis umsetzen können, so durch die Aktion „Selbstbesteuerung“, einen anderen Lebensstil, die Reduzierung des Konsums und ein Engagement für faire internationale Handelsbeziehungen. Auch die Kirche müsse sich verändern: „Die Kirche sollte aus Gemeinschaften bestehen, die ‚Widerstand‘ aus Liebe leisten … Eine tiefgreifende Reformation der Kirche ist eine Voraussetzung für eine neue Hinwendung zu Jesus und seine Sendung, die Unterdrückten zu befreien.“

  

Das Verständnis der Sünde

Im gleichen Jahr des Erscheinens des Buches, 1977, gründete Ronald Sider die Organisation „Evanglicals for Social Action“ (heute „Christians for Social Action“). Die Organisation unterscheidet sich von säkularen Nichtregierungsorganisationen dadurch, dass sie soziales Handeln als Gehorsam gegenüber Gott versteht.

 

Das wird aus Ronald Siders Verständnis von Sünde deutlich: „Sünde ist eine biblische Kategorie. Wenn man die Welt und die Bibel sorgfältig studiert und ebenso unsere Art und Weise wie wir anderen etwas abgeben, wie können wir dann zu einem anderen Ergebnis kommen, als festzustellen, dass wir rundheraus ungehorsam sind gegenüber dem, was der Gott der Bibel darüber sagt, in welcher Weise seine Leute für die Armen sorgen sollen.“

 

Sider musste allerdings erleben, dass viele Evangelikale sich in den letzten Jahrzehnten von Themen wie Krieg, Rassismus und Ungleichheit abgewendet haben. Bereits unter Ronald Reagan gewann die religiöse Rechte Auftrieb. Unter den evangelikalen Gläubigen gewannen Megachurches und Fernsehprediger viele Anhänger, von denen viele die fundamentalistische Botschaften übernommen haben und verbreiten.

  

Gewalt ist in jedem Fall falsch

1984 schloss Ronald Sider sich der Mennonitischen Kirche in Philadelphia an und hielt im gleichen Jahr einen Vortrag auf der Mennonitischen Weltkonferenz, in der er eine pazifistische Perspektive für die heutige Zeit darstellte. Er vertrat im Dezember des gleichen Jahres gemeinsam mit anderen Religions- und Menschenrechtsaktivisten in einer ganzseitigen Anzeige in der „New York Times“ die Position, dass Gewalt und Einschüchterung in jedem Fall falsch seien, egal gegen wen sie sich richteten.

  

Siders Haltung zu Homosexualität und Abtreibung

Ronald Sider lehnte Abtreibungen strikt ab. Auch sah er Homosexualität als unbiblisch an. Er war aber ein Gegner jeglicher Diskriminierung und Verfolgung von schwulen, lesbischen und queeren Menschen. Gleichgeschlechtliche Eheschließungen lehnte ab. Aber im letzten Blogpost vor seinem Tod setzte er sich für ein Gesetz ein, das die LSBTIQ-Menschen schützen und es unter Strafe stellen sollte, sie bei der Vergabe von Wohnungen und im Arbeitsleben zu benachteiligen. „Das ist notwendig und richtig und alle Christen, einschließlich der Evangelikalen, sollten es unterstützen.“

 

In den 1990er Jahren beteiligte Ronald Sider sich an der Gründung des „Evangelical Environmental Network“, das sich aus dem christlichen Glauben heraus unter anderem für den Schutz bedrohter Tierarten und für eine Verminderung des Benzinverbrauchs engagiert.

 

Hoffnung auf die ökumenische Bewegung

Eine frühe positive ökumenische Erfahrung von Ronald Sider waren die Reaktionen aus den „mainline churches“ auf die „Chicago-Declaration“. Dazu schrieb er drei Jahrzehnte später: „Eine unmittelbare Reaktion auf die Chicago-Deklaration kam 1973 von mainline-ökumenischen Christen. Sie waren hoch erfreut, dass Evangelikale über Rassismus und ökonomisches Unrecht sprachen. 1974 und 1975 hielten wir mindestens zwei zweitägige Konsultationen mit einer lutherischen Gruppe und einer Gruppe der United Methodist Church ab. Auch wurden wir eingeladen, an der Fünften Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1975 in Nairobi teilzunehmen.“

 

2009 unterstützte Ronald Sider die Sozialenzyklika „Caritas in veritate“ („Liebe in der Wahrheit“) von Papst Benedikt XVI. In der Enzyklika wird betont, dass eine wahre Entwicklung nicht nur wirtschaftlich sein kann, sondern den gesamten Menschen (Körper, Seele und Geist) umfassen muss. Der Papst kritisierte eine rein profitorientierte Wirtschaftsweise und die Illusion endlosen Wachstums. Die Globalisierung müsse solidarisch gestaltet werden, um die Würde jedes Einzelnen zu achten.

 

Ronald Sider teilte diese und viele weitere Überlegungen und Forderungen in der Enzyklika – ein Beispiel dafür, dass in diesem Jahrhundert das gemeinsame Engagement von Christinnen und Christen für grundlegende Veränderungen der Wirtschaft und für die Bewahrung der Schöpfung in vielen Teilen der Welt gewachsen ist.

 

Ronald Sider begrüßte die zu seinen Lebzeiten gewachsene ökumenische Zusammenarbeit in seinem Land und weltweit. 2014 schrieb er: „Es gibt eine substantiell wachsende ökumenische Bewegung, die sich in der Kirche überall in der Welt entwickelt. Ein Großteil der Kirche hat den Hass aufgegeben, den Protestanten und Katholiken aufeinander hatten und der Jahrhunderte lang den Leib Christi auseinandergerissen hat. Mehr und mehr Christinnen und Christen – darunter Evangelikale – betonen stärker, was katholische, orthodoxe und protestantische Christinnen und Christen verbindet und weniger, was sie trennt.“

 

Große Hoffnungen setzte Ronald Sider dabei in Papst Franziskus: „Papst Franziskus selbst ist ein Grund zur Hoffnung. Sein Geist der Bescheidenheit, sein einladender Ton und sein machtvoller Aufruf zu wirtschaftlicher Gerechtigkeit transformieren allmählich die römisch-katholische Kirche – und verbessern auch das Image der Christenheit … Und Papst Franziskus Leidenschaft sowohl für Evangelisation als auch für soziale Gerechtigkeit ist ein weiteres Zeichen für die Konvergenz, die wir in der Kirche erleben.“

  

Kritik an Globalisierung und freier Marktwirtschaft

Immer wieder setzte Ronald Sider sich kritisch mit der Globalisierung und einer freien Marktwirtschaft auseinander. So schrieb er 2001 in einem Zeitschriftenbeitrag: „Es hat sich empirisch als falsch erwiesen, zu denken, dass eine Marktwirtschaft, die von allen Regierungsinterventionen befreit ist, das schaffen wird, was die Bibel unter Gerechtigkeit versteht. Den Massen armer Menschen fehlt Kapital und sie sind nicht in der Lage, auch nur ihren grundlegenden Bedarf zu decken. Wenn das Kapital konzentriert ist, gefährdet das die Demokratie und unterhöhlt die Gerechtigkeit. Materialistische Botschaften und materialistisches Handeln zersetzen moralische Werte, das Familienleben und Gottes Schöpfung … Die Wirtschaft ist für die Menschen gemacht und nicht die Menschen für eine autonome, effiziente und über die Maßen wachsende Wirtschaft.“

 

2013 setzte Ronald Sider sich in einem Kommentar für eine Erhöhung der Einkommensteuern der Reichen und eine höhere Besteuerung von Kapitalvermögen ein. Haushaltsdefizite dürften nicht auf dem Rücken der Armen abgebaut werden. 2019 musste er aber feststellen, dass stattdessen die Reichen immer weniger Steuern zahlen mussten: „Die Steuern wurden unter den Präsidenten George W. Bush und Donald Trump mehrmals vermindert. Und 65% aller Steuersenkungen gingen an die reichsten 20%. 22% der Steuersenkungen gingen an das reichste 1%.“ Dies sei einer der Gründe dafür, dass die Kluft zwischen Armen und Reichen immer größer wird. Ein weiterer Grund sei, dass die Mindestlöhne in den USA so wenig erhöht worden sind, dass die Kaufkraft der Empfänger dieser Löhne in den letzten 50 Jahren um 27% abgenommen hat.

 

Auseinandersetzung mit der spirituellen Gefahr durch Donald Trump

2020 gab Ronald Sider einen Sammelband mit dem Titel „The Spiritual Danger of Donald Trump“ heraus. Er schrieb, dass er das Buch „in tiefer Traurigkeit und beharrlicher Hoffnung“ veröffentlichen würde. Er rief die amerikanischen Christinnen und Christen aus dem ganzen politischen Spektrum auf, ihre Bindung zu demonstrieren an “Wahrheit, Respekt für Andersdenkende und die Bereitschaft, vernünftige parteiübergreifende Kompromisse auszuhandeln“.

 

Ronald Sider schrieb in dem Buch über die Überzeugungen der Autoren: „Wir glauben daran, dass Christinnen und Christen einen großen Beitrag dazu leisten können, eine gute Zukunft für unsere Kinder und Enkel zu bewahren, indem sie für Gottes Wegweisung beten, sich uneingeschränkt biblischen Prinzipien wie Wahrheit, Gerechtigkeit und moralische Integrität unterordnen und aus dem Glauben heraus diese biblischen Prinzipien in allen politischen Entscheidungen anwenden.“

 

Die bleibende Bedeutung des evangelikalen Theologen

Ronald Sider starb am 27. Juli 2022 im Alter von 82 Jahren. Sein Lebenswerk wurde von vielen bekannten kirchlichen Persönlichkeiten gewürdigt. Darin wird auch hervorgehoben, dass er sich gegen den Missbrauch des Evangelikalismus zur Wehr setzte. Adam Russell Taylor, Präsident der linksevangelikalen Organisation Sojourners, äußerte dazu: „Ich denke, dass er wirklich jemand war, der retten und rehabilitieren wollte, was Evangelikalismus ist und wofür die Bewegung steht. Es schmerzte ihn, dass diese Bewegung in einem solchen Maße gekapert wurde mit einer ideologischen Agenda und einer Agenda der religiösen Rechten und schließlich zu einer Art Hingabe für den Trumpismus wurde.“

 

Nikki Toyama-Szeto, Exekutivdirektor der von Ronald Sider gegründeten Organisation „Christians for Social Action“, schrieb nach dem Tod Siders: „Ron lernte so viel von Theologen in Lateinamerika und half den Kirchen in Amerika dabei, diese Botschaft zu hören. Besonders beim Einsatz für Gerechtigkeit sind amerikanische Christen gut beraten, seinem Beispiel zu folgen.“

 

 © Frank Kürschner-Pelkmann