„Wir können den jungen Mann nicht kritisieren, denn wir sind nicht besser als er ... Alles dreht sich ums Geld. Das Ziel des Machtstrebens ist das Geld ... Die Geldgier macht uns blind und gleichgültig gegenüber all dem Elend, das die Armen und Schwachen betrifft. Wir bereichern uns auf Kosten der Schwachen und meinen dabei noch, Christen zu sein. Der Durst nach Geld stiehlt uns die Zeit, die wir für Gott haben sollten ...“[1] Dies ist nicht die Klage eines Christen im insgesamt reichen Deutschland, sondern ist der Predigt eines Theologen aus dem Kongo (früher Zaire), einem Land, in dem fast alle Menschen in tiefer Armut leben (Makanzu Mavumilusa: Die Mission und der Blumentopf, Wuppertal 1988, S. 71f.)
Der reiche Jüngling (Matthäus 19,16-26; Markus 10, 17-27; Lukas 18, 18-27), der traurig von dannen geht, weil er an seinem Reichtum hängt, er gehört zu den bemitleidenswertesten Gestalten in der ganzen Bibel. Jesus eröffnet ihm die Chance, sich gemeinsam mit ihm auf den Weg zum Reich Gottes zu machen, und der junge Mann, der gewissenhaft alle religiösen Gesetze eingehalten hat, schreckt davor zurück, sich von seinem Reichtum zu trennen. Jesus debattiert nicht mit ihm darüber, wie der junge Mann zu seinem Reichtum gekommen ist, ob er oder seine Eltern andere betrogen haben, ob sie sich zu willfährigen Helfern der römischen Besatzer gemacht haben ... Jesus fordert den reichen jungen Mann schlicht auf, alles, was er hat, zu verkaufen und ihm nachzufolgen.
Immer wieder wird herausgestellt, dass es sich bei dem Nadelöhr, durch das ein Kamel gehen sollte, nicht um eine Nähnadel handelt, sondern um ein schmales Tor in der Stadtmauer von Jerusalem, so als würde dadurch die Radikalität der Botschaft Jesu relativiert. Aber dieses schmale Tor, durch das sich Menschen nach der Schließung des großen Tors zwängen konnten, reichte bei Weitem nicht aus, um ein Kamel durchzulassen. Das Kamel blieb vor dem Tor der Stadt, das wussten die Zuhörerinnen und Zuhörer Jesu. Und die Reichen blieben vor den Toren des Reiches Gottes, wenn sie versuchten, mit der ganzen Last ihres Reichtums den Weg in dieses Reich zu schaffen, soviel war der Zuhörerschaft klar. Entsprechend entsetzt waren die Menschen. Dabei waren die allermeisten von ihnen ganz arme Leute. Aber der ganze Ernst der Nachfolge Jesu wurde ihnen in dieser Situation bewusst.
Luise Schottroff schrieb in einem Buchaufsatz hierzu: „Das Geld herrscht über uns, über unsere Herzen, über unsere Intelligenz, über unsere Körper, über unsere Beziehungen zu Menschen. Wenn uns das Evangelium erst aufmerksam gemacht hat, sehen wir auf einmal die Spuren dieser Herrschaft. Schon morgens wachen wir mit dieser Macht, die auf Tod aus ist, auf. Wir orientierten unser ganzes Leben am Erfolg, der in ökonomischen und gesellschaftlichen Kategorien gemessen wird.“ (Luise Schottroff: Wider die Herrschaft des Mammon – Der lange Marsch durchs Nadelöhr, in: Hartwig Liebich (Hrsg.): Die Mülltonnen der Reichen und der arme Lazarus, Stuttgart 1982, S. 48)
Gott oder Mammon, diese Frage stellt sich auch uns heute. Jesus beließ es nicht bei der drastischen Schilderung des verhängnisvollen Weges der Reichen. Er machte doch Hoffnung auf die Gnade Gottes. Alle Menschen sind auf diese Zusage der Gnade Gottes angewiesen, um mit Schuld und Verfehlungen zu leben. Diese Einsicht bewahrt davor, rechthaberisch und selbstgerecht auf andere Menschen mit der Messlatte des Evangeliums einzuschlagen. Aber gleichzeitig ist die Gnade Gottes kein Anlass, den Skandal der Kluft zwischen Arm und Reich nicht in seiner ganzen Schärfe beim Namen zu nennen. Es gilt, die Missstände dieser Welt mit den Maßstäben des Evangeliums zu betrachten und daraus Konsequenzen für das Leben, auch für das ökonomische Leben zu ziehen.
Die Begegnung Jesu mit dem reichen jungen Mann hat eine soziale Dimension, aber sie ist auch eine Anfrage an jeden und jede von uns. Luise Schottroff hat dies beim Kirchentag 1995 so in Worte gefasst: „Mit der Radikalität der Forderungen Jesu den reichen Menschen gegenüber hat sich seit damals die Christenheit herumgeschlagen. Alle nur denkbaren Umdeutungen sind mit exegetischer Raffinesse erfunden worden, um den Anstoß zu beseitigen ... Die Aufregung von christlichen Menschen in Deutschland heute über Jesu Radikalität ist auch meine Aufregung. Die Geschichte vom reichen Jüngling regt mich auf, weil sie mich nicht in Ruhe lässt – schon lange nicht. Ich will auch nicht alles verkaufen, was ich habe. Jesu Analyse des Reichtums trifft auch meine Existenz ... Aber Jesus hat den reichen Jüngling nicht aufgegeben und ist seiner Vision eines geheilten Lebens für alle Menschen treu geblieben.“ (Luise Schottroff: Der reiche Jüngling, Junge Kirche, 9/95, S. 484)
Es gibt im Neuen Testament eine ganze Reihe von Texten, die die Reichen davor warnen, ihr Vertrauen in ihr Vermögen statt in Gott zu setzen und die sie zur Umkehr auffordern. Deshalb kann kein Zweifel bestehen, dass die Verheißungen für die Armen und die Warnungen an die Reichen zum Kern dessen gehören, was Jesus gepredigt hat.
