
„… sie hatte nemlich damals die größte Angst, daß ich ein Dichter werden möchte, das wäre das Schlimmste, sagte sie immer, was mir passieren könnte.“ Die Mutter Heinrich Heines tat alles, um zu verhindern, dass ihr Sohn zu einem armen Poeten würde und riss ihm jeden Roman aus den Händen. Sie hatte Anderes, Größeres mit ihrem ältesten Sohn vor, und wenn wir der Darstellung Heinrich Heines vertrauen, machte sie schon vor seiner Geburt die ersten Pläne, was einmal aus ihm werden sollte. Dichter kam in diesen Planungen nicht vor. Aber, werden die Liebhaber von Heines Werken sagen, glücklicherweise konnte sie nicht verhindern, dass aus ihrem Ältesten schließlich doch ein Dichter wurde. Dass er Berühmtheit erlangte, mag sie darüber hinweggetröstet haben, dass aus allen ihren Karriereplanungen für den Sohn nichts geworden war.
Die Mutter Peira van Geldern kam am 27. November 1771 in eine Arztfamilie zur Welt. Der Vater stammte aus einer angesehenen Bankiers- und Gelehrtenfamilie in Düsseldorf. Seine Vorfahren waren aus den Niederlanden eingewandert. Peira erhielt eine ausgezeichnete Schulbildung. Sie erlernte nicht nur Latein, Französisch und Englisch, sondern las auch viele klassische Werke sowie Bücher von Aufklärern wie Rousseau. Als sie 1796 den Kaufmannssohn Samson Heine aus Hamburg kennenlernte und die beiden bald darauf heiraten wollten, erwies sich als Problem, dass er in Düsseldorf nicht als „Schutzjude“ anerkannt war und die jüdische Gemeinde ihn nicht aufnehmen und ihm keine Niederlassungserlaubnis in Düsseldorf gewähren wollte.
Die willensstarke Peira fand sich damit nicht ab, sondern übte massiven Druck auf die Gemeinde aus. Aber erst durch das neu eingeführte französische Recht konnte 1797 geheiratet werden. Die Braut nahm nicht nur den Namen ihres Mannes an, sondern änderte auch ihren Vornamen in Betty. Nach den schlechten Erfahrungen mit der jüdischen Gemeinde nahm sie nicht mehr am jüdischen Gemeindeleben teil. Der neue Status des Mannes erlaubte ihm, in Düsseldorf ein Textilgeschäft zu eröffnen.
Vier Kinder gingen aus der Ehe hervor, drei Jungen und ein Mädchen. Der jüngste Sohn Maximilian sprach später von einer „freien, liberalen Erziehung“. Während Samson sich um sein Geschäft kümmerte, nahm Betty die Erziehung und Karriereplanung ihrer Kinder in die Hand. Bei den drei jüngeren Kindern war sie mit ihrem Bildungs- und Aufstiegsprogramm erfolgreich, nur bei Harry klappte es nicht so wie erhofft.
Zunächst wollte sie ihn auf eine Karriere am Kaiserhof Napoleons vorbereiten, nach dessen Sturz sollte aus ihm ein Bankier oder Kaufmann werden. Dafür verbündete sie sich mit ihrem Schwager, dem reichen Bankier Salomon Heine in Hamburg. Harry zog tatsächlich 1816 nach Hamburg um, zeigte aber keinerlei Interesse an Bankgeschäften, und ein Textilgeschäft, das der Onkel für ihn einrichtete, betrat er nur höchst selten.
Mutter und Onkel änderten die Pläne und veranlassten nun Harry, ein Jurastudium zu beginnen. Er brachte „jenes gottverfluchte Studium“ erfolgreich hinter sich und konnte sich bald Dr. Heine nennen. Eine Anstellung im Staatsdienst fand der jüdische Jurist nicht, nicht einmal, nachdem er sich hatte taufen lassen. So musste die Familie hinnehmen, dass er am Ende doch Dichter wurde.
Inzwischen hatten seine Eltern große finanzielle Sorgen. In einer Wirtschaftskrise sank das Interesse an den Luxustextilien, die Samson Heine in seinem Geschäft anbot, und er musste 1819 Konkurs anmelden. Die Familie erhielt nun eine Unterstützung von dem reichen Salomon Heine in Hamburg. Betty und Samson Heine zogen 1828 mit ihren drei jüngeren Kindern nach Hamburg. Kurz darauf starb Samson Heine, und Salomon Heine ließ der Witwe eine Rente zukommen.
1843 stattete Heinrich Heine seiner Mutter und der übrigen Verwandtschaft in Hamburg von seinem Exil in Paris aus einen Besuch ab. Eindrücke von dieser Reise verarbeitete er zu seinem berühmten Buch „Deutschland. Ein Wintermärchen“. Darin ist auch ein Dialog mit seiner Mutter enthalten. Betty Heine starb dreieinhalb Jahre nach ihrem Sohn am 3. September 1859 im Alter von 87 Jahren an den Folgen einer Cholera-Erkrankung. Ihr Grab befindet sich auf dem jüdischen Teil des Ohlsdorfer Friedhofs. Durch ein Versehen der Behörden wäre sie beinahe statt der Ehefrau von Salomon Heine, die ebenfalls Betty hieß, mit einem Straßennamen geehrt worden.
Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte
