1844 – Vetter Kirchhoff, vom „vergneugtes“ Leben eines Hamburger Originals

Cover des Buches "Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 920 Seiten ISBN 978-3-384-05017-5 38 Euro

„Unser Weten is doch man blots Stückwark, un veel Weten makt dumm un trurich, un ick will vergnöggt leben, solang dat Leben duurt.“ Jacob Friedrich Kirchhoff, geboren am 13. Februar 1791, hat sich an sein Lebensmotto gehalten und sich um Wissen und Lernen nicht viel geschert. Als Makler hatte er einen gewissen Erfolg, aber als charmanter Spötter wurde er einer der beliebtesten Hamburger Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Anders als die meisten anderen Originale lebte er nicht nur in einer wirtschaftlich soliden Situation, sondern genoss die Gesellschaft anderer Menschen, die ihn zwar eigenwillig fanden, aber achteten und seine Gesellschaft schätzten. Er pflegte den Umgang mit Kaufleuten, Dichtern und Künstlern. Auch war er eloquent und besaß großen Wortwitz.

 

Der Schriftsteller Paul Möhring schrieb über ihn: „… ihm saß der Schelm im Nacken. Was ihm seine Originalität verschaffte, was ihn zum Original stempelte, das waren nicht seine gutbürgerlichen Eigenschaften und Vorzüge, das war vielmehr seine Neigung, den Schalksnarren zu spielen, allerlei Streiche auszuführen, die von seinen Mitmenschen belacht wurden, brave und biedere Bürger an der Nase herumzuführen, Respektspersonen höchst respektlos gegenüberzutreten …“

 

Vetter Kirchhoffs Tag begann mit einem Dampfbad. Er wohnte bei St. Annen in der heutigen Speicherstadt und ging von dort aus nur mit einem riesigen Tuch bekleidet zur Badeanstalt an der Kehrwiederspitze. Die Aussicht, sein beachtliches Gewicht so zu vermindern, schwand aber schon beim anschließenden üppigen Frühstück mit Austern und Champagner. Leisten konnte er sich das auch deshalb, weil er – hartnäckigen Gerüchten zufolge - als Liebhaber sehr begehrt war und von Damen großzügig finanziell bedacht wurde. Berühmt geworden ist Vetter Kirchhoff durch seine spitze Zunge.

  

Wie Kirchhoff auf einem Esel vor Herrenreitern ans Ziel kam

Kirchhoff liebte es, Maulhelden und selbstgerechte Bürger lächerlich zu machen. Als ihn einige junge Schnösel, die sich als Herrenreiter bezeichneten, verspotteten, es gebe wohl kein Pferd, das ihn tragen könne, lud Kirchhoff sie zu einem Wettrennen ein. Groß war das Gelächter, als er auf einem Esel erschien. Das Lachen erstarb, als die jungen Reiter rasch ins Hintertreffen gerieten. Kirchhoff hatte die Route für das Rennen mit Bedacht vorgeschlagen: Sie führte mitten durch eine Kiesgrube. Während der Esel seinen Reiter behände durchs Ziel trug, blieben die Pferde im Mahlsand stecken.

 

Vetter Kirchhoff verspottete auch viele hochnäsige Bürger. Sie verziehen ihm das meist rasch, aber einmal wurde es gefährlich. Er hatte sich im Theater mit einem schmächtigen Advokaten angelegt, der sich darüber beschwerte, dass er ihm den Blick auf die Bühne versperren würde. Der Advokat war so zornig, dass er Kirchhoff zum Duell herausforderte. Der ließ dem schießwütigen Advokaten ausrichten, er könne sich beim besten Willen nicht mit ihm duellieren, solange der Advokat so dünn wäre, er aber eine große Zielfläche böte. Das Duell müsste deshalb verschoben werden, bis der Advokat so dick wäre wie er selbst oder er selbst so dünn wäre wie der Herausforderer.

 

Alle lachten über den Advokaten, aber es hieß auch, Kirchhoff habe keinen Mut. Das ließ der nicht auf sich sitzen. Als ihn zwei kräftige junge Leute im Gedränge des Weihnachtsmarktes anrempelten, wurde er laut: „Ick mutt ju beiden Lümmels wull mol Anstand beibringen wat?“ Die Kraftprotze drehten sich um und riefen höhnisch: „Dat versöök man mol!“ Und tatsächlich, mit ungeahnter Schnelligkeit verteilte Kirchhoff zwei kräftige Faustschläge. Die Männer gingen zu Boden, und der Ruf des Spötters war wiederhergestellt. Er blieb es auch, als sich herumsprach, dass er die beiden für den Auftritt engagiert hatte.

 

Kirchhoffs Lebenswandel machte ihn nicht zum Freund des „Mäßigkeitsvereins“, in dem reiche Bürger sich zusammenschlossen, um gegen den Schnapskonsum der armen Leute zu wettern. Sie tranken „in gepflegter Atmosphäre“ gern einige Gläser Wein, aber das sahen sie als Mäßigkeit an. Kirchhoff war diese Scheinheiligkeit zuwider. Eines Nachts sah er einen total betrunkenen Mann in der Gosse liegen. Schnell rief er einige Arbeitsleute herbei: „De arme Kerl kann doch nich hier in den Rinnsteen liggen blieben, dat kunn jo sien Dot sien!“ Dann behauptete er keck, der Mann wäre der Knecht des Kornhändlers Ehlers. Er gab den Arbeitsleuten zwölf Schillinge, einen beachtlichen Betrag, um den Betrunkenen nach Hause zu bringen.

 

Die Arbeitsleute weckten den Hausherrn, der äußerst erbost war. „Mien Knecht? Dat is nich mien Knecht!“ Aber die Träger beharrten darauf, Kirchhoff hätte den Knecht erkannt und freundlicherweise für den Transport bezahlt. Um den Unbekannten loszuwerden, musste Ehlers den Trägern weitere zwölf Schillinge zahlen. Als Vorsitzender des Mäßigkeitsvereins wollte er keinen Betrunkenen vor seinem Haus liegen haben. Am nächsten Tag stellte er Kirchhoff zur Rede. Der antwortete seelenruhig: „Ick weet gor nich, warum Se sick so opregen, Ehlers! De Besopene hett mi doch seggt, dat he geern in den Mässigkeitsvereen opnohmen warden wull - na, und dor weur he doch bi Ihn an de richtige Adress!“

 

Eines Tages beorderte man Kirchhoff wegen groben Unfugs in das Stadthaus, wo ihn der Polizeiherr zur Rede stellte: „Sie werden in Ihrem Leben wohl nicht mehr vernünftig, Kirchhoff!“ Der antwortete: „Was nützt denn alle Vernunft? Hat sie Ihnen vielleicht was geholfen? Nee – Sie sind ein vielgeplagter Polizeiherr, und ich bin und bleibe der dicke, lustige Kirchhoff - ick will gor nicks anners as vergneugt leben, so lang dat Leben duert – ob mit Vernunft oder ohne Vernunft, dat is mi egool!“ Am 14. Mai 1844 ging dieses Leben zu Ende, aber die Geschichten vom dicken, vergnügten Kirchhoff sind auch dank des Buches „Drei Hamburger Originale“ von Paul Möhring unvergessen.

   

So auch diese: Der Bürgermeister war irritiert. Was wollten all die Menschen, die sich vor dem Rathaus versammelt hatten. Ein Ratsdiener konnte den Auflauf erklären: „Herr Bürgermeister, der Kirchhoff ist oben auf dem Dach des Rathauses und geht da immer auf und ab!“ Der Bürgermeister ließ ihn herunterholen und stellte ihn zur Rede: „Was haben Sie auf dem Dach vom Rathaus zu suchen? Solche Streiche verbitte ich mir! Aber verlassen Sie sich darauf, dieser Spaß wird Ihnen teuer zu stehen kommen!“. Kirchhoff belehrte ihn: „De Spooß kost mi gor nicks. Da - dor steht dat swatt up witt.“ Er reichte dem Bürgermeister das Schreiben, und dort stand: „Sie werden hiermit aufgefordert, morgen früh zwischen zehn und elf auf dem Rathaus zu erscheinen!“ 

 

 Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte

  

© Frank Kürschner-Pelkmann