Johann Gerhard und Sarah Oncken, die ersten Taufen von Baptisten auf Steinwerder 1834

Cover des Buches "Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 920 Seiten ISBN 978-3-384-05017-5 38 Euro

Wer heute von den St.-Pauli-Landungsbrücken über die Elbe schaut, sieht die Docks und Kräne der Werft Blohm & Voss. An dieser Stelle, auf der Elbinsel Steinwerder, hat 1834 ein Kapitel der europäischen Kirchengeschichte begonnen. Einer der Hauptbeteiligten, Johann Gerhard Oncken, wurde am 26. Januar 1800 als nichteheliches Kind in Varel (Ostfriesland) geboren. Sein Vater musste aus politischen Gründen nach England auswandern. Seine Mutter Anna Elisabeth Vaupel kümmerte sich gemeinsam mit ihren Eltern um den Sohn. Er selbst musste sich im Alter von 14 Jahren als schlecht bezahlte Hilfskraft in einer Kneipe verdingen - keine gute Voraussetzung, um Kirchengeschichte zu schreiben.

 

Aber Johann Gerhard Oncken hatte Glück. Er fiel einem durchreisenden Geschäftsmann aus Schottland auf, der sich entschloss, den Jungen zu seinem Gehilfen auszubilden. Oncken erhielt in Schottland eine solide kaufmännische Ausbildung, wurde in die schottische Frömmigkeit hineingenommen und kam auf Reisen in Kontakt mit Kirchengemeinden in verschiedenen Teilen Großbritanniens. Besonders beeindruckt war er 1820 vom Gottesdienst in einer kleinen Methodistengemeinde in London. Die Predigt bewegte ihn so sehr, dass er sich wie wiedergeboren fühlte und beschloss, sein Leben der Verbreitung des Evangeliums zu weihen.

  

„Hamburg ist ein zweites Sodom"

Oncken bekam die Aufgabe, für die britische Bibelgesellschaft „Continental Society for Promoting the Gospel“ nach Hamburg zu reisen, um dort Bibeln und Traktate zu verbreiten und die Menschen für Gott zu gewinnen. Mit Zagen nahm Oncken diese Aufgabe an und erinnerte sich später: „Es ist nicht zu beschreiben, wie elend und jämmerlich mein Auftreten damals war, als ich 1823 nach Hamburg kam. Aber ein Herz hatte ich für den Heiland und ein Herz für arme Sünder.“ Er schloss sich der englisch-reformierten Gemeinde an und war bemüht, möglichst wenig aufzufallen, denn Nichtlutheraner, und „Sectierer“ allemal, waren nicht gern gesehen in der Stadt. Oncken seinerseits äußerte sich tief enttäuscht über die Hanseaten: „Hier einen Christen zu finden, ist für wahr ein seltenes Ding.“ In einem Brief an seine Mutter schrieb er im Jahr seiner Ankunft: „Hamburg ist ein zweites Sodom.“

 

Und so machte sich Oncken mit Bescheidenheit und Entschlossenheit daran, dies zu ändern. Unermüdlich verkaufte er Bibeln zu einem geringen Preis und verteilte Traktate. Auch eine kleine Buchhandlung konnte er eröffnen. In seiner Wohnung versammelte er einen kleinen Kreis von Gläubigen zur Bibelstunde. Der Kreis wuchs rasch, und damit stieg auch das Misstrauen der staatlichen und vor allem der geistlichen Obrigkeit gegen „Oncken und Consorten“. Solche Treffen galten als illegal.

Nun stand der Polizeisenator Martin Hudtwalcker der Erweckungsbewegung nahe und war deshalb tolerant gegenüber dem zugereisten Prediger. Misstrauen erregte die Christenschar um Oncken vor allem dadurch, dass sie auf der Notwendigkeit der Erwachsenentaufe beharrte. Die Menschen sollten sich aus freiem Willen zu Gott bekennen. Für Oncken gab es eine zwingende Reihenfolge von Glaube, Taufe und Mitgliedschaft in der Gemeinde.

 

Mit diesem Verständnis der Taufe (englisch: „baptism“) wurden Oncken und seine Gruppe, die Baptisten, in die Tradition der „Wiedertäufer“ der Reformationszeit gestellt, und die standen im Ruf, Aufrührer zu sein. In seiner Ehefrau Sarah (geboren am 11. Januar 1806), die er 1828 in London geheiratet hatte, fand Oncken eine treue Verbündete für die Sache der Baptisten. Dass sie eine beträchtliche Mitgift in die Ehe einbrachte, ermöglichte es, ein Haus in Hamburg zu erwerben. Das Ehepaar hatte sieben Kinder, von denen drei bereits im Kindesalter starben.

  

Heimliche Taufen wegen des Vorwurfs, Aufrührer zu sein

Angesichts der Anfeindungen fand die erste Taufe der Gruppe um Oncken am 22. April 1834 mitten in der Nacht statt und zwar auf Steinwerder. Die Insel war damals noch ein ländliches Gebiet außerhalb der Stadt, und die Elbe war so sauber, dass die Täuflinge ohne Gesundheitsrisiken untergetaucht werden konnten. Neben Johann Gerhard Oncken und seiner Frau Sarah ließen sich noch fünf Erwachsene von dem amerikanischen Theologieprofessor Barnas Sears aus Boston taufen, der zu Besuch in Hamburg war. In den USA und Großbritannien gab es damals bereits Baptistengemeinden. Durch die Taufen entstand die erste Baptistengemeinde auf dem europäischen Kontinent, zu deren Ältesten und Prediger Oncken von Sears ordiniert wurde. Oncken nahm von nun an selbst Taufen vor und setzte Prediger in ihr Amt ein.

 

Dass ein Nichttheologe für sich in Anspruch nahm, Erwachsene zu taufen, brachte ihn in noch größere Konflikte mit der lutherischen Kirche und der staatlichen Obrigkeit. Seine Ordination durch Sears wurde nicht anerkannt, und er musste wegen der unberechtigten Spendung der Sakramente für kurze Zeit ins Gefängnis. Neue Konflikte entstanden dadurch, dass in der neuen Gemeinde auch Laien religiöse Funktionen übernahmen.

 

Der neue Polizeisenator Binder beobachtete die „Sectierer“ um Oncken mit großem Misstrauen. Der Prediger selbst sprach von 18 bis 20 „Citationen … welche mich unablässig vor die Schranken der Polizei forderten“. Mehr als einmal musste er ins Gefängnis. Die Maßnahmen der Obrigkeit gegen ihn bedeuteten auch für seine Frau eine große Belastung. Dass die Gemeindeversammlungen in ihrem Privathaus stattfanden, hatte zur Folge, dass Sarah Oncken und ihre Kinder die Polizeieinsätzen und Hausdurchsuchungen mitertragen mussten.

 

Einmal wurde nach einem Rechtsstreit das gesamte Mobiliar der Familie gepfändet. Die Tochter Margret erinnerte sich später so an diesen Vorfall: „Unvergeßlich ist mir Mamas leichenblasses Gesicht, aber auch Papas Gelassenheit und Würde, als seine liebe klangvolle Stimme sagte: ‚Laß fahren dahin, sie haben’s kein Gewinn.‘“ Die fehlende Gelassenheit der Mutter war gewiss darin begründet, dass sie es war, die sich um die Alltagssorgen der Familie kümmern musste und stärker als ihr Mann von den gravierenden Folgen der Pfändung betroffen war.

 

Oncken setzte sich mit großer Hartnäckigkeit für eine Erneuerung der Kirche ein. Zunächst hatte er nicht vor, eine eigene Kirche zu gründen, sondern hoffte, dass die Christinnen und Christen sich von der neuen Gemeinschaft beeinflussen und inspirieren lassen würden. Nach britisch-amerikanischem Vorbild wollte er eine Sonntagsschularbeit aufbauen und tat sich hierfür 1825 mit Pastor Rautenberg, dem lutherischen Pastor von St. Georg, zusammen. Gemeinsam versammelten sie jeden Sonntag arme Kinder aus der Vorstadt, um ihnen Lesen und Schreiben beizubringen und biblische Geschichten zu erzählen. Die Sonntagsschulbewegung war ein großer Erfolg, aber Oncken musste sich bald aus dieser Arbeit zurückziehen, weil sie dadurch gefährdet war, dass orthodoxe Lutheraner die Beteiligung des „Sectierers“ Oncken zum Anlass nahmen, die ganze Idee zu attackieren.

  

Die offizielle Anerkennung der Gemeinde

Die kleine Gemeinde Onckens versammelte sich zunächst in seiner Privatwohnung und dann in provisorischen Versammlungsräumen, immer misstrauisch beäugt von der Polizei. Dies änderte sich erst durch die selbstlose und unermüdliche Hilfe der Gemeinde für die Opfer des Großen Brandes von 1842. So brachte man obdachlos gewordene Menschen im Gemeindehaus unter und versorgte sie. Diese Hilfe fand viel Anerkennung und trug wesentlich dazu bei, dass der Rat der Stadt 1858 eine „Concession der Baptisten-Gemeinde“ veröffentlichte, die der Gemeinde eine freie Ausübung ihrer Religion ermöglichte.

 

Schon vorher konnten die Baptisten in der Böhmkenstraße in einem umgebauten Speicher eine eigene Kapelle eröffnen. Dass ihr Mann sich so intensiv um den Aufbau der Gemeinde kümmerte, bedeutete für seine Frau Sarah, dass sie sich um Haushalt und Betreuung der Kinder kümmern musste. Sie starb am 8. Juli 1845 im Alter von 39 Jahren an Brustkrebs.

 

Die Gemeinde wuchs rasch, auch wenn es häufiger zum Ausschluss von Mitgliedern kam. Als misstrauisch beobachtete Gruppe wollte man sich nicht durch das Fehlverhalten einzelner Mitglieder diskreditieren lassen, aber auch Tanz und Theaterbesuche führten zum Ausschluss von Gemeindemitgliedern. Außerdem gab es unterschiedliche Auffassungen in Fragen der Leitung der Gemeinde. Manchen Gemeindemitgliedern war der ansonsten hochgeschätzte „theure Bruder Oncken“ zu autoritär.

 

1867 hatte die Hamburger Gemeinde bereits etwa 700 erwachsene Mitglieder. Oncken baute nicht nur die Gemeinde in Hamburg auf, sondern unternahm auch zahlreiche Reisen durch ganz Deutschland sowie nach Russland und in andere europäische Länder, um dort neue Gemeinden zu gründen. Er starb am 2. Januar 1884, nachdem er mehr als ein halbes Jahrhundert in Hamburg gewirkt hatte.

   

 

Ein Gotteshaus der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde an der Grindelallee trägt den Namen Johann-Gerhard-Oncken-Kirche. Im Gegensatz zu mehreren anderen Städten hat Hamburg keine Straße nach dem bekannten Baptisten Oncken benannt. Die Onckenstraße in Groß Flottbek erinnert an den Historiker Hermann Oncken. 

 

Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte

  

© Frank Kürschner-Pelkmann