
Johanna Maria Carolina Ruaux, geboren am 2. Juli 1802, war die Tochter einer französischen Einwandererfamilie in Altona, die sich mehr schlecht als recht mit Wäschewaschen, einem Fuhrgeschäft und einem Lokal durchs Leben schlug. Die finanzielle Situation verbesserte sich schlagartig, als die Tochter, die sich nun Marianne nannte, 1824 das elterliche Gartenlokal in Langenfelde übernahm. Zwar lag das Lokal weitab von der Stadt, aber die 21-Jährige zog die Männer der weiten Umgebung so in ihren Bann, dass auch Berühmtheiten wie die Dichter Ludwig Börne und Heinrich Heine nach Langenfelde pilgerten. Heine beschrieb sie als „ein außergewöhnlich schönes Frauenzimmer“.
Groß war die Zahl der Bilder und Gedichte, die ihr gewidmet wurden, aber nicht immer entsprach die Dichtkunst ihrer Schönheit:
O Göttin, bIumenreiche Schöne!
Zauberin am HerzaItar!
Sieh versammelt Teutos Söhne,
Eine ganze Heldenschar!
Bei Dir zu schlürfen den Nektar.
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Welche Wonne, welch Entzücken,
Solch ein Wesen an das Herz zu drücken.
So oder so ähnlich schwärmten Hunderte Hamburger Männer von der schönen Wirtin Marianne. Heiraten durfte sie keiner von ihnen, jedenfalls lange Zeit nicht, und als sie heiratete, war der „Mariannen-Kult“ bereits Geschichte. Aber zunächst kamen so viele „Helden“, dass das Lokal einen stattlichen Eintrittspreis verlangen konnte und trotzdem so viel Publikum herbeiströmte, dass zeitweise die Polizei für Ordnung sorgen musste. „La belle Marianne" war über die Landesgrenzen hinaus eine Berühmtheit. Das Geheimnis der schönen Marianne war wahrscheinlich ihr melancholisches Lächeln und ihre hinter der Freundlichkeit durchschimmernde tiefe Traurigkeit, die so ganz dem Zeitgeist entsprach.
Zu ihrer Traurigkeit gab es auch eine Geschichte, die - wenn auch nicht wahr – so doch schön erfunden ist: Eines Tages brachte man der schönen Marianne ein Ölgemälde von einem Jüngling, der seinen Namen verschwieg, aber ihr mitteilen ließ, er liebe allein sie auf der Welt. Sie verliebte sich in das Bild und hoffte inständig, dass der Jüngling bald zu ihr kommen möge. Umso größer war ihr Schrecken, als eben dieser junge Mann auf einer Bahre in ihr Haus getragen wurde, schwer verletzt in einem Duell. Sie ließ ihn in ihr Schlafzimmer bringen, wo er starb. Zurück blieb Traurigkeit.
Sechs Jahre währte die öffentliche Anbetung Mariannes, deren Augen, so ein Bewunderer, „wie der Plöner See schmachtend dalagen“. Sie war mit ihrem Lokal so erfolgreich, dass eine ganze Reihe von „Mariannen-Wirtschaften“ in der Stadt entstanden, Wirtshäuser, in denen Frauen hinter der Theke standen. Sie selbst geriet allmählich in Vergessenheit, begleitet vom Spott von Zeitgenossen wie Heinrich Heine, der über sie schrieb, dass „der Zahn der Zeit“ an ihr „kaut“.
Es kam noch schlimmer. Als Marianne 1831 ein uneheliches Kind erwartete, musste sie ihr Lokal schließen, ihr Kind heimlich zur Welt bringen und es in Pflege geben. In Eimsbüttel eröffnete sie ein neues Lokal, konnte aber nicht an frühere Erfolge anknüpfen.
Auch die Ehe mit dem Hamburger Kaufmann Robert Schindler brachte Marianne kein Glück. Ihr Mann machte Konkurs, starb in geistiger Umnachtung und ließ die Mutter von inzwischen fünf Kindern in Armut zurück. Freunde aus alten Zeiten sorgten dafür, dass sie ein kleines Hotel an der Großen Theaterstraße eröffnen und später ihren Lebensabend in Eimsbüttel verbringen konnte.
Als würdige alte Dame sprach sie mit Freunden gern darüber, wie früher die Leute Schlange gestanden hatten, um ihre schönen Augen zu sehen. Am 4. Juli 1882, zwei Tage nach ihrem 80. Geburtstag, starb Marianne Ruaux. Sie hatte ihren eigenen Mythos um ein halbes Jahrhundert überlebt, aber bewiesen, dass eine Frau mit großem Erfolg ein Lokal führen kann.
Die Patriotische Gesellschaft hat am Eimsbütteler Marktplatz einen Gedenkstein für die „schöne Marianne“ aufstellen lassen, dort, wo ihr Ausflugslokal zum Anziehungspunkt für viele Hamburger Männer wurde. Von der damaligen ländlichen Idylle ist allerdings nichts übrig geblieben.
Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte
