Eine Alternative zur Jenseitsorientierung vieler Kirchen und kirchlicher Gruppen bieten seit den 60er Jahren die christlichen Basisgemeinden in Lateinamerika. Sie entstanden in den römisch-katholischen Diözesen ursprünglich als Reaktion auf den wachsenden Priestermangel sowie auf der Suche nach Gemeindeformen, die besonders den Armen eine Form von Gemeinschaft bieten und sie in ihrem sozialen Engagement unterstützen sollten. In diesen Basisgemeinden lesen und besprechen kleine Gruppen biblische Texte und beziehen sie auf ihr eigenes Leben.
Der lutherische Befreiungstheologe Milton Schwantes beschreibt, welche Erfahrungen er beim Gespräch über biblische Texte in einer Basisgemeinde gemacht hat: „Lange zögerte ich zum Beispiel, die Apokalypse in meiner Basisgemeinde zu lesen. Zu schwer, sagte ich mir. Dann brachte ich die Apokalypse doch und habe sie zu Beginn in den Kontext des Drachens, des Römischen Reiches, gestellt. Die Leute wollten nicht wissen, was dieses Römische Reich nun genau war. Das würde auch nicht viel weiterhelfen. Aber die kennen ja eigentlich das Römische Reich schon lange, die wissen, welchen Namen die Bestie heute hat und wie sie funktioniert.“ (Gespräch mit Milton Schwantes, in: epd Ausgabe für die kirchliche Presse, 8.7.1992)
Aus den Verheißungen der Bibel wird Hoffnung für ganz konkrete Alltagsprobleme. Sicher keine typische Basisgemeinde, aber doch eine Inspiration für viele von ihnen und für die übrige Weltkirche war die Gemeinschaft von Solentiname in Nicaragua, die mit Unterstützung von Ernesto Cardenal biblische Texte besprochen und auf den eigenen Kontext bezogen hat. „Das Evangelium der Bauern von Solentiname“, aufgezeichnet von Ernesto Cardenal (Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1980), ist zu einem klassischen Werk für die Art und Weise geworden, wie Arme in Lateinamerika heute die Bibel lesen. Die Mitglieder der Basisgemeinden unterstützen einander und gelangen zu solidarischem Handeln. In ganz Lateinamerika, aber auch auf den Philippinen und in einer Reihe anderer Länder des Südens entstanden viele Tausend dieser Basisgemeinden, und zwar nicht nur innerhalb der römisch-katholischen Kirche, sondern auch innerhalb protestantischer Kirchen oder auf ökumenischer Grundlage.
Wesentlich geprägt durch den Geist und die theologischen Einsichten und spirituellen Erfahrungen in den Basisgemeinden entstand in Lateinamerika eine Theologie der Befreiung. Dies war zunächst eine regionale Theologie, die aber in einem globalen Kontext stand vor allem dem Aufbruch in der römisch-katholischen Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Für die protestantischen Theologen wurden theologische Aufbrüche nach der ÖRK-Vollversammlung 1968 in Uppsala wichtig. Für Protestanten und Katholiken wurde die „Option für die Armen“ zu einem ganz zentralen Stichwort der Theologie und kirchlichen Arbeit.
Die Theologie der Befreiung wurde an Universitäten formuliert, entstand aber in enger Zusammenarbeit mit Basisgemeinden und aus ihren Erfahrungen des Leidens, des Kampfes und der Hoffnung heraus. Theologen wie Leonardo Boff und Enrique Dussel verstanden es, biblische Texte auf die lokale Situation von Armut und Verzweiflung zu beziehen und dabei auch den Kontext nationaler und globaler ökonomischer Prozesse im Blick zu haben. Unter den biblischen Texten waren es vor allem die Texte des Aufbruchs und der Befreiung, die ins Zentrum der Theologie gestellt wurden, zum Beispiel der Exodus-Bericht. Angesichts der sozialen Misere breiter Bevölkerungsgruppen in Lateinamerika scheinen in den letzten Jahren aber Klagetexte und andere alttestamentliche Texte, in denen Menschen ihr Leid ausdrücken und damit umgehen, an Bedeutung zu gewinnen.
Zentrale Kategorien der Theologie der Befreiung sind „Sehen – Urteilen – Handeln“. Bei der sozialen Analyse wurden auch marxistische Methoden eingesetzt, was den Befreiungstheologen den – ungerechtfertigten – Vorwurf einbrachte, sie seien Kommunisten. In einem Interview stellte Leonardo Boff klar: „Wir haben nie marxistische Thesen übernommen, nur die aufklärerische Dimension des Marxismus. Mit ihm kann man die Gesellschaft sinnvoll interpretieren. Als Analyse ist er sehr wertvoll, weil man damit die gesellschaftliche Ordnung als Unordnung entlarvt, als ungerechte Gesellschaft. Unser Grundanliegen aber ist vom christlichen Glauben bestimmt.“ (die tageszeitung, 6./7. Juni 1998) Der Kommunismus-Vorwurf führte von Anfang an zu einer Gegenkampagne der US-Regierungen und -Geheimdienste, die fürchteten, mit der Theologie der Befreiung könnte die Ausbreitung des Kommunismus in Lateinamerika gefördert werden.
Der globale Kampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus hatte also unmittelbare Auswirkungen auf die Kirchen in Lateinamerika und ihre Theologie. Trotz solcher Gegenstrategien hatte die Theologie der Befreiung in den 70er und 80er Jahren einen großen Einfluss auf die Theologie und die kirchliche Haltung zu sozialen Fragen in Lateinamerika. Humberto Kirchheim, Präsident der "Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien" (IECLB), hat die Bedeutung der Befreiungstheologie in einem Interview so bewertet: „Die Befreiungstheologie hat für die IECLB eine außerordentlich wichtige Rolle gespielt. Es ging um eine neue Hermeneutik, ein neues Verständnis, eine neue Lesart der Bibel, die stärker auf soziale Verantwortung der Kirche ausgerichtet war. In diesem Kontext ist die Befreiungstheologie weiterhin in unserer Kirche lebendig.“ (Zeitschrift Eine Welt, 3/99, S. 18)
In den letzten Jahren ist allerdings von einer Krise der Basisgemeinden und der Theologie der Befreiung die Rede. Auch wenn es falsch wäre, von gescheiterten Ansätzen zu sprechen und ihren kaum umkehrbaren Einfluss auf das theologische Denken zu übersehen, haben sie doch vielerorts die prägende Kraft für die Kirchen verloren. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen, so die Berufung einer großen Zahl konservativer Bischöfe und Erzbischöfe durch den Vatikan, die das Klima in vielen römisch-katholischen Diözesen verändert hat. Die traditionsreichen protestantischen Kirchen werden ihrerseits durch das Wachstum von Pfingstkirchen sowie Kirchen aus dem weiteren Feld der evangelikal-charismatischen Bewegung geschwächt.
Wichtig ist aber auch der Zusammenbruch der sozialistischen Staaten des Ostblocks, die Übernahme kapitalistischer Wirtschaftsprinzipien in China, das Scheitern der Revolution in Nicaragua und verschiedene Niederlagen der Linken in Lateinamerika. Globale und regionale Veränderungen bestimmen also inzwischen kontextuelle Theologien ganz entscheidend mit. Die Existenz sozialistischer Staaten, mit all ihren Fehlern, die durchaus bekannt waren, war für die Befreiungstheologen ein Beleg dafür, dass es Alternativen zum Kapitalismus gibt. Wo eine reale Alternative zum Kapitalismus in weite Ferne rückt, verlieren Utopien viel von ihrer Attraktivität – und gewinnen jenseitsorientierte Botschaften an Bedeutung.
Dies ist eine der Erklärungen für die Abwanderung von Mitgliedern von Basisgemeinden in Pfingstgemeinden. Auf dem „Supermarkt der Religionen“ sind die Basisgemeinden heute eines von vielen Angeboten, dazu eines mit sehr viel weniger Geld, als dies zum Beispiel fundamentalistische Gruppen haben, die aus Nordamerika unterstützt werden. Auf dem globalen religiösen „Markt“, so stellen die Basisgemeinden fest, haben sie gegen die kapitalstarke internationale Konkurrenz einen schweren Stand. Aber es wäre zu einfach, den Rückgang der Bedeutung der Basisgemeinden nur mit der Kapitalkraft von Konkurrenten zu erklären. Es muss konstatiert werden, dass viele Pfingstgemeinden heute viele Arme ansprechen können, die früher vielleicht in eine Basisgemeinde gegangen wären. Andere engagierte Personen schließen sich heute eher politischen Parteien und sozialen Organisationen an. Die zunehmende Demokratisierung Lateinamerikas und die Stärkung der Zivilgesellschaft im Vergleich zu den 70er Jahren schafft hier sehr viel mehr Möglichkeiten.
Auch eine zunehmende Säkularisierung lateinamerikanischer Gesellschaften scheint sich hier auszuwirken.[15] Für die Basisgemeinden kommt hinzu, dass der kalte Wind neoliberaler Wirtschafts- und Sozialpolitik und die Einschränkung von Staatsausgaben zur angeblichen Verbesserung der Konkurrenzfähigkeit im globalen Wettbewerb viele kleine Initiativen zur Verbesserung der Lebenssituation der Armen zum Scheitern gebracht hat. Wo das Elend immer größer wird, stirbt die Hoffnung, durch kleine Sozialvorhaben die Lebenssituation nennenswert zu verbessern.
Die Basisgemeinden haben ihre Stärke daraus gewonnen, dass sie biblische Verheißung und ganz konkrete kleine Projekte wie einen Brunnen oder ein kommunales Zentrum miteinander verbanden. Heute fehlt manchmal nicht nur die Überzeugung, sich für solche Vorhaben einzusetzen, sondern auch das Geld, solche Programme durchzuführen. Hier wirken sich sowohl die weitere eigene Verelendung als auch der fehlende Rückhalt vieler dieser Gemeinden in der institutionellen Kirche aus.
Dennoch gibt es überall in Lateinamerika weiterhin viele Tausend Basisgemeinden, und zum letzten Treffen der brasilianischen Basisgemeinden im Jahre 2000 kamen etwa 3.000 Gemeindevertreterinnen und -vertreter zusammen, die in einer gemeinsamen Erklärung unter anderem formulierten: „Angesichts der neoliberalen Gesellschaft, die den Armen und Ausgeschlossenen das Recht zu träumen nimmt, wurde die Rückgewinnung des Traums als eine der großen Aufgaben der kirchlichen Basisgemeinden angesehen.“ (Kirchliche Basisgemeinden: 2000 Jahre auf dem Weg, in: Weltkirche, 7/2000, S. 195)
Die Theologie der Befreiung wurde in den 90er Jahren zunehmend kritisiert von einflussreichen Kreisen im Vatikan[19], aber aus einer ganz anderen Perspektive auch vonseiten der Frauen, der schwarzen Bevölkerung Lateinamerikas und der indigenen Bevölkerung. Sie erschien und erscheint ihnen zu stark als das Ergebnis der theologischen Reflexion von Männern, deren Familien einen europäischen Hintergrund haben und die selbst die europäische Theologie gut kennen. Zwar haben die führenden Vertreter der Theologie der Befreiung inzwischen Themen der Rasse und des Verhältnisses von Frauen und Männern in ihre Exkurse aufgenommen, aber die feministischen Theologinnen in Lateinamerika legen Wert darauf, ihre eigenen theologischen Ansätze zu entwickeln und miteinander zu diskutieren. Sie knüpfen an die Theologie der Befreiung an, aber gehen einen eigenständigen Weg. Auf diese Entwicklung gehe ich im nächsten Beitrag ein.
Ähnliche Tendenzen sind unter den Vertretern von schwarzen und indigenen Theologien zu finden. Zu erwähnen ist außerdem, dass die Befreiungstheologie sich noch damit beschäftigt, die Prozesse zu analysieren, die unter dem Stichwort Globalisierung zusammengefasst werden, die sich von dem unterscheiden, was in den 60er und 70er Jahren am Kapitalismus kritisiert wurde.
Das bedeutet nun nicht, dass die Theologie der Befreiung tot ist. Sie entwickelt sich weiter und hat unter dem Einfluss von Leonardo Boff und anderen Theologen sehr viel stärker Fragen der Ökologie einbezogen. Bereits 1995 hat Leonardo Boff formuliert:
„Die Theologie der Befreiung und der ökologische Diskurs haben etwas gemeinsam: Ihr Ausgangspunkt sind zwei blutende Wunden. Die erste, die Wunde der Armut und des Elends, zerreißt das soziale Netz für Abermillionen von Armen auf der ganzen Welt. Die zweite, die systematische Gewaltanwendung gegenüber der Erde, stört nachhaltig das Gleichgewicht des Planeten ... In ihrer Analyse der Ursachen der Verarmung der Mehrheit der Weltbevölkerung erkannte die Theologie der Befreiung, dass hier eine perverse Logik am Werk ist. Es ist dieselbe Logik des Systems der Kapitalakkumulation und gesellschaftlichen Organisation, die die Arbeiter ausbeutet, ganze Nationen ausplündert und schließlich Raubbau an der Natur betreibt ... Entweder retten wir uns alle innerhalb eines Systems solidarischen und partizipativen Zusammenlebens mit dem und im Raumschiff Erde, oder wir bringen das Raumschiff vor Empörung zur Explosion und reißen alle mit in den Abgrund. Dieses Bewusstsein nimmt immer mehr zu ... Die Theologie der Befreiung muss sich die neue Kosmologie aus dem ökologischen Diskurs aneignen, das heißt die Sichtweise, die die Erde als einen lebendigen Großorganismus auffasst, der mit dem ganzen Universum verbunden ist.“ (Leonardo Boff: Theologie der Befreiung und Ökologie: Alternative, Gegensatz oder Ergänzung?, in: Concilium, 5/95, S. 423 und 428)
Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus einer breiten Diskussion, die belegt, wie lebendig diese Theologie ist. In den letzten Jahren gibt es intensive Bemühungen der lateinamerikanischen Befreiungstheologinnen und -theologen, den Prozess der Globalisierung zu analysieren und daraus Konsequenzen für das theologische Denken und soziale Handeln zu ziehen.
Eine besonders wichtige Rolle spielt dabei der Befreiungstheologe Franz Hinkelammert (Costa Rica). Er hält wie andere Globalisierungsgegner die Ausgrenzung großer Bevölkerungsgruppen für einen der entscheidenden Effekte der Globalisierung: „Die von der Ausgrenzung betroffene Bevölkerung protestiert. Doch wie lautet die Antwort der Mächtigen dieser Welt auf diese Proteste? Es gebe keine Alternative zu dieser Form der Globalisierung. Man kann sich kaum vorstellen, was bei den Menschen vor sich geht, die man so behandelt. Das Ergebnis ist das, was die Verantwortlichen dieser Globalisierungsstrategie erwarten: Fatalismus.“ (Interview mit Franz Hinkelammert, in: Publik-Forum, 20/2001, S. 52)
Vielleicht typisch für die Stimmung vieler Menschen in Lateinamerika sind vielleicht die Aussagen des katholischen brasilianischen Theologen Marcelo Barros, der schreibt, er lebe in einem Land, „dessen Regierung getreu den Dogmen des Neo-Liberalismus das ganze Land verkauft hat. Durch die maßlose Privatisierung wurde sowohl unser Gesundheits- als auch Bildungssystem zerstört. Ich lebe in einer Kirche, deren Hierarchie ihre prophetische Lebendigkeit und den Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils verloren hat. Noch kurz vor seinem Tod war ich bei Erzbischof Dom Helder Camara... In der Gebrechlichkeit seiner 90 Jahre sagte er mir fast flüsternd: ‚Lass die Prophetie nicht sterben!’“ (Marcelo Barros: Elija und das leise Säuseln auf dem Berg Horeb, Spiritualität und Globalisierung aus brasilianischer Perspektive, in: Forum Weltkirche – Katholische Mission, 1/2000, S. 18)
In diesem Sinne plädiert Barros dafür, dass die Kirchen ihr prophetisches Amt in einer globalisierten Welt wahrnehmen müssen, und dazu gehört es für ihn, mit der modernen Welt in ein Gespräch oder einen Dialog einzutreten. Und in vielen theologischen Stellungnahmen siegt am Ende doch die Hoffnung, so in einem Brief von Pedro Casaldáliga, dem Bischof von Sao Félix do Araguaia in Brasilien: „Doch inmitten dieser neoliberalen Nacht gehen überall in der Welt inzwischen Sterne alternativer Kreativität auf. Offenbar will sich das Leben nicht von einem System des Todes unterkriegen lassen, weil dies ja nicht das Schicksal der Menschheit sein kann.“ (Weltkirche, 2/1998, S. 56)
Franz Hinkelammert gehört zu den Theologen, die sich nicht nur um die Analyse der Misere, sondern auch um Alternativen bemühen. So hat er 2002 gemeinsam mit Ulrich Duchrow das Buch „Leben ist mehr als Kapital“ (Oberusel 2002) veröffentlicht. Die Herausforderung an die Kirchen hat Leonardo Boff so beschrieben: „Heute bietet sich die Möglichkeit eines wirklich universalen Christentums, das sich der Menschheit als Sinn stiftendes Element anbietet und von den verschiedenen Kulturen der Völker sowie der globalisierten Kultur angenommen werden kann, die sich allmählich herauskristallisiert. Auf diese Weise hilft die Theologie bei der Vermeidung einer allzu uniformierenden Globalisierung, sodass Unterschiede respektiert und gleichzeitig Übereinstimmungen in der Diversität identifiziert werden können. Diese Übereinstimmungen sind sowohl für alle Menschen als auch für den Erhalt des Systems der Erde wichtig.“ (Leonardo Boff: Neue Wege zur Transformation der Denkstruktur der Theologie, in: Raúl Fornet-Betancourt: Kapitalistische Globalisierung und Befreiung, Frankfurt am Main 2000, S. 386)
Es gibt auch neue Ansätze in einer Theologie, die sich an der Situation und den Glaubenseinsichten der Armen orientiert. Hier ist die Diskussion um eine „Theologie der Ausgeschlossenen“, wie sie vor allem in Lateinamerika geführt wird, wegweisend. Sie ist eine Antwort auf die „soziale Apartheid“ des Neoliberalismus und richtet den Blick auf die Menschen, die so ausgegrenzt und leidend sind, dass sie sich meist nicht mehr organisieren können, um ihre Interessen zu vertreten.
Luciano Mendes de Almeida, 1994 Vorsitzender der Katholischen Bischofskonferenz Brasiliens: „Die Theologie der Ausgeschlossenen enthält angesichts dieses neuen Elends das Element der Fürsorge ... Heute reicht die Selbstorganisation etwa der Arbeiter in ihren Gewerkschaften nicht mehr aus; das Gute, was wir in Brasilien ‚Korporativismus’ nennen, erreicht die Ausgestoßenen nicht. In Zukunft muss es um mehr gehen als die politischen Aktionen einer Klasse für ihre eigenen Interessen. Ich sehe in diesem Ansatz eine Weiterentwicklung der Befreiungstheologie.“ (Interview in Publik-Forum, 10/94, S. 26)
Abschließend soll hier noch einmal Leonardo Boff zitiert werden, der im Blick auf die Befreiungstheologie angesichts der Globalisierung feststellte: „Unmittelbar und kurzfristig geht es gegen die Strukturanpassungsmaßnahmen, gegen den Neoliberalismus und gegen die Gefräßigkeit der über den Weltmarkt vermittelten Globalisierung. Aber dieses System verweist uns auf tiefer greifende Fragen, bei denen es um ein neues Zivilisationsmodell, um veränderte Beziehungen zwischen dem Menschen und ein neues Verhältnis zur Arbeit geht. Wir dürfen nicht nur an die unmittelbaren Feinde Weltwährungsfonds, Weltbank usw. denken, sondern müssen auch sehen, welche Alternativen der Menschheit insgesamt offen stehen, um zu überleben. Wie Gandhi schon sagte: Die Erde hat genug für alle, aber nicht für die Gier der Wenigen.“ (Interview mit Leonardo Boff, dokumentiert in: epd Entwicklungspolitik, 13/96, S. 18)
