Es gibt zwei Welten im kleinen Hamburger Chinesenviertel an der Schmuckstraße in St. Pauli, die Welt der kleinen Läden und fleißigen Wäschereiarbeiter und die Welt der Glücksspiele und Opiumhöhlen. Die Opiumgeschäfte in den miteinander verbundenen verwinkelten Kellern der Schmuckstraße finden natürlich mehr Beachtung in der lokalen Presse, so am 13. März, als ein Drogenhändler tot aufgefunden wird und am 4. August, als in den hinteren Räumen einer Feinwäscherei 50 Opiumsüchtige festgenommen werden. Das kleine Chinesenviertel in Hamburg ist dadurch entstanden, dass sich strebsame chinesische Seeleute, Heizer und Köche hier niedergelassen und kleine Geschäfte aufgebaut haben.
Auch wenn es etwas übertrieben wäre, die chinesische Enklave an der Schmuckstraße mit Chinatown in San Franzisko zu vergleichen, so gibt es hier doch eine kleine Welt für sich, die für die Hamburger unheimlich und faszinierend zugleich ist. In einem Zeitungsbericht aus dem Jahre 1930 hieß es: „Die Fenster sind dicht verhängt, über schmale Lichtritzen huschen Schatten, kein Laut dringt nach außen. Alles trägt den Schleier eines großen Geheimnisses. Geht ein Mensch über die Straße, vielfach mit kurzen abgehackten Schritten, so ist es ein Chinese, eine Tür klappt irgendwo, und er ist verschwunden. Niemand weiß, was diese Menschen unter sich in den Wohnungen treiben.“
Die meisten Chinesen arbeiten hart, um zu einem bescheidenen Einkommen zu gelangen, sei hier ergänzt, aber das passte natürlich nicht in das Bild des Hamburger Beobachters von der fremden, unheimlichen Welt mitten in der eigenen Stadt. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten gehörten Chinesen zu den Opfern von Verfolgungen. Das Hamburger Chinesenviertel an der Schmuckstraße wurde intensiv observiert und 1938 eine Razzia durchgeführt, bei der 69 Chinesen vorübergehend festgenommen wurden. Manchen der wieder Freigelassenen gelang die Flucht aus Deutschland, andere hat man in Krieg zu Zwangsarbeitern gemacht.
Am 13. Mai 1944 organisierte die Gestapo eine „Chinesenaktion“ gegen die verbliebenen Chinesen im bisherigen Hamburger Chinesenwohngebiet. 130 Männer wurden in die Davidwache und dann in das Gestapo-Gefängnis Fuhlsbüttel gebracht. Eine ganze Reihe von ihnen starben dort an Folterungen und Misshandlungen, andere wurden in Zwangsarbeitslager und in das Konzentrationslager Neuengamme verschleppt.
Die Mehrzahl der verhafteten Chinesen ist ermordet worden, die meisten Überlebenden verließen nach dem Krieg Deutschland. Zu den wenigen, die in Hamburg blieben, gehörte der frühere Schiffskoch Chong Tin Lam. Er eröffnete am Hamburger Berg das „Hongkong-Restaurant“ und ergänzte es um ein Hotel. Stolpersteine erinnern an ihn und an Woo Lie Kein, einen von den Nationalsozialisten verfolgten und ermordeten Chinesen.
© Frank Kürschner-Pelkmann

