
„In zwei Wagen machte man sich auf den Weg. Bald hatte man das niedrige Haus erreicht und stieg seine schwindelige Treppe hinauf. Vor einem Tische saß Félicité. Fertige Zeichnungen deckten den Tisch; vor ihr lag eine Skizze, über deren Ausführung sie eben nachsann, während die Gedanken in’s Weite hinausflogen. Sie hatte den Ellbogen gestützt, um über die Vertheilung ihrer Blumen und Ranken nachzusinnen – und sie dachte an die Veilchen und Rosen im Garten zu Roucou, ihrer heimathlichen Besitzung. Da pochte es.
Die Gräfin Rochefoucauld war die Erste in der Stube. Ein Blick, ein Schrei hüben und drüben – Félicité, Gräfin von Genlis, war einer Ohnmacht nahe. Alle sprangen zu ihrer Stütze herbei; nachdem sie sich von der Erregung erholt, sagte sie: ‚Unbekannt und still wollte ich hier als Blumenmalerin für das Geschäft des Herrn Wengraf bis zu dem Tage leben, wo Frankreichs Stern wieder …‘
Da traten Georg Sieveking und seine Gattin vor. ‚Um Vergebung, Frau Gräfin‘, begann der Kaufmann und nannte seinen und seiner Frau Namen, ‚in meinem Salon sollen Sie erfahren, wie wir Sie und Ihren traurigen Aufenthalt entdeckten. In meinem Musikzimmer steht eine Pariser Harfe, die fortan die Ihre ist.‘“
Hat sich die erste Begegnung der französischen Gräfin Félicité de Genlis, die 1794 im Exil in Altona lebte, mit dem Kaufmann und Aufklärer Georg Heinrich Sieveking und seinen Freunden wirklich so zugetragen? Wir wissen es nicht. Die Beschreibung klingt nach der im 19. Jahrhundert sehr populären Zeitschrift „Die Gartenlaube“ – und dort erschien der Beitrag auch tatsächlich im Jahre 1864. Dort lesen wir auch, was die Gräfin geantwortet hat: „Meine Herrschaften, ich finde es weit ehrenhafter, von der Arbeit zu leben, als vom Müßiggange.“ Dieser Satz kann wirklich von Félicité de Genlis stammen, die ihr Leben lang hart gearbeitet hat und das besonders in der Zeit im Exil.
Zur Welt kam Stéphanie-Félicité Du Crest am 25. Januar 1746 in Burgund. Ihr Vater gehörte einer verarmten Adelsfamilie an, und die Eltern konnten ihr nicht viel mehr vererben als einen Adelstitel. Sie wurde zu Hause unterrichtet, „glänzend, aber ungeordnet“, wie sie sich später erinnerte. Als sehr vorteilhaft sollte es sich erweisen, dass die musikalische Tochter das Harfenspiel erlernte. 1758 zog sie nach Paris und machte dort durch ihr schönes Harfenspiel auf sich aufmerksam. Mit 16 Jahren heiratete sie den Grafen Charles Brûlart de Genlis.
Mit großem Ehrgeiz bemühte sie sich nun um eine bessere Bildung und lernte u. a. Italienisch, Englisch und Deutsch. Auch übte sie, unterschiedliche Instrumente zu spielen. Aber ihr Lieblingsinstrument blieb die Harfe. 1770 ernannte man sie zur Ehrendame der Herzogin von Chartres, und sie übernahm die Erziehung der herzoglichen Kinder. Eines der Kinder, Louis-Philippe, wurde später französischer König. Ihre eigenen Bildungsanstrengungen zahlten sich nun aus. Sie hatte jetzt Einfluss am Königshof, und man beschrieb sie als sehr ehrgeizig. Ihre gesellschaftliche Stellung festigte sie dadurch, dass sie in einen Salon einlud.
Aber dann brach 1789 die Französische Revolution aus. Ihr Mann starb unter der Guillotine, aber da lebte sie schon eine ganze Weile getrennt von ihm. Sie selbst musste 1791 nach England flüchten. Nach Frankreich konnte sie erst einmal nicht zurückkehren, und so ging sie nach Berlin ins Exil. Hier fand sie mehr Zeit als früher für ihre schriftstellerischen Arbeiten und die Malerei. 1794 war sie beim preußischen König in Ungnade gefallen und flüchtete nachts in einem offenen Boot über die Elbe nach Hamburg.
Eine jüdische Händlerin, mit der sie im Boot ins Gespräch gekommen war, half ihr, erst einmal in einer Altonaer Weinstube und Herberge unterzukommen. Mit ihrem Harfenspiel nahm sie den Wirt so für sich ein, dass er um ihre Hand anhielt. Sie lehnte ab und malte nun Mosaiken und Blumenmuster für die erwähnte Kattunfabrik. Georg Heinrich Sieveking und sein Freundeskreis halfen ihr, als Schriftstellerin zu reüssieren und so ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Hamburg und Altona nahmen die französischen Flüchtlinge gern auf, denn die Fremden förderten die Wirtschaft und besonders den Außenhandel. Auch brachten sie die französische Lebensweise an die Elbe, gründeten ein Theater und eigene Zeitungen. Vieles übernahmen die Hamburgerinnen und Hamburger von den Fremden. So kamen französische Barockgärten in Mode. Die Mode selbst prägte das „Pariser und Hamburger Damen-, Kunst- und Modejournal“. Unter den Franzosen an der Elbe gab es viele Intrigen und böse Gerüchte. Félicité de Genlis wurde besonders häufig ein Opfer von Verleumdungen. So streute man das Gerücht, sie lebe mit General Dumouriez zusammen, dem Gatten der Dame, die die Gräfin beim Blumenmalen entdeckt hatte.
Erich Jahn hat in einem Buchbeitrag die damalige Hamburger Welt der Gräfin Félicité de Genlis so beschrieben: „Es ist eine Welt von Klatsch und Gerüchten, aber auch eine Welt der angenehmsten und lautersten Bindungen zwischen hanseatischem Bürgerstolz, Gastfreundschaft und weltbürgerlicher Toleranz auf der einen Seite und französischer Geistigkeit, Abenteuerlust und Kultur auf der anderen Seite.“
Félicité de Genlis hat dieses Leben sehr geschätzt und bezeichnete Hamburg als „eine der gastfreundlichsten Städte Deutschlands“. Sie besuchte auch den berühmten Friedrich Klopstock. Zu einem Gespräch kam es nicht, sondern zu einem Monolog des Dichters, der seine eigentlich sehr eloquente Besucherin nicht zu Wort kommen ließ.
1801 durfte Félicité de Genlis nach Frankreich zurückkehren, und Napoleon gewährte ihr eine Pension. Die verlor sie zwar wieder unter Napoleons Nachfolger, aber danach kam Louis-Philippe als König an die Macht und bewilligte seiner früheren Erzieherin ein Gnadengehalt. Zu dieser Zeit war sie bereits so erfolgreich als Schriftstellerin, dass sie das Hin und Her der staatlichen Zahlungen gelassen hinnehmen konnte. Sie schrieb nicht nur Romane, sondern auch Bücher zu historischen, pädagogischen und kulturellen Themen. Insgesamt erschienen mehr als 80 Bücher von ihr. Félicité de Genlis starb am 31. Dezember 1830 in Paris. Die meisten ihrer Werke sind heute vergessen. War es eine späte Rache ihrer vielen Neider und Gegner, dass ausgerechnet eine fleischfressende Pflanze den Namen Genlisea erhielt?
Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte
