
„Die düstern Wohnungen in den engen Gränzen der Städte, und in den elenden Hütten der Dörfer, so wie die ganze, die körperliche Gesundheit der Armen zerstörende Lebensart, vertauscht der frey und gesund wohnende und munter arbeitende Kolonist, mit einem kleinen, aber reinlichen Hause, und mit einer, der menschlichen Natur weit angemesseneren Lebensweise.“ So warb Johann Daniel Lawaetz für die Armenkolonie, die er in der Nähe von Altona schaffen wollte. Die Armen sollten „zu braven Mitgliedern des Staates und tüchtigen Beschützern desselben, zu glücklichen Arbeitern, und bey der Tüchtigkeit, auch die Mäßigung und Ordnung erlernten Handwerkern gebildet werden.“
Politisch stellte Lawaetz den Absolutismus nicht infrage, sondern sicherte sich die Unterstützung des Landesherrn Frederik VI., dem König Dänemarks und Herzogs von Schleswig-Holstein. Ihm zu Ehren nannte er die Armenkolonie Frederiksgabe (später Friedrichsgabe). Lawaetz war sehr sensibel für die sozialen Umbrüche seiner Zeit, vor allem für die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich und die daraus entstehenden Gefahren für die Gesellschaft.
Er wurde am 19. Februar 1750 in Rendsburg geboren und begann bereits 1762 eine kaufmännische Ausbildung in einem Handelshaus in Hamburg. Er unternahm verschiedene Auslandsreisen und lernte dort auch kennen, wie man in anderen Gesellschaften mit der Verarmung großer Bevölkerungsschichten umging. Von 1778 an baute er in Altona ein eigenes Handelshaus auf und war dort eine anerkannte Persönlichkeit. 1790 ehrte die Stadt ihn als Etatsrat.
Lawaetz war ein rühriger und erfolgreicher Kaufmann und Manufakturbesitzer. Ab den 1780er Jahren produzierte er in mehreren Betrieben unter anderem Textilien, Strümpfe und Segeltuch. Aber von 1816 an trennte er sich schrittweise von seinen Betrieben, um sich ganz auf die Patriotische Gesellschaft in Schleswig-Holstein und den Aufbau der Armenkolonie zu konzentrieren. 1815 veröffentlichte er die Schrift „Ueber die Sorge des Staats für seine Armen und Hülfsbedürftigen“, in der er die Ursachen wachsender Verarmung untersuchte und dabei die ökonomischen und sozialen Verhältnisse einer kritischen Überprüfung unterzog. Eine Armenunterstützung, die die Ursachen der Verarmung ignorierte, könnte den Armen nicht helfen, ihre Misere zu überwinden. In einer weiteren Schrift betonte er, dass es den Armen ermöglicht werden müsste, eine produktive Arbeit zu finden: „Der bedrängte Arme tritt … dadurch aus der erniedrigenden Klasse unnützer, träger, bloß durch Mitleiden erhaltener Konsumenten in die ehrenvolle, für ihn selbst und den Staat unendlich nützliche Klasse der Producenten.“
Für Lawaetz war ein Schritt auf diesem Weg das „Anlegen kleiner Colonien in bisher wüste liegenden Landstrichen“. Aufgenommen werden sollten nur „einheimische, unbemittelte, zur Arbeit geneigte Menschen“. In der Kolonie sollten Familien mit „gutem Betragen“ ein Haus, Land, ein oder zwei Kühe sowie Acker- und Hausgeräte zur Verfügung gestellt bekommen. Allerdings: Die Kolonisten konnten das Land nur pachten, nicht erwerben, und die Abhängigkeit von der eingesetzten Leitung der Kolonie war groß. So heißt es in Lawaetzs Ordnung für die Armenkolonie: „Die strenge Aufsicht für Reinlichkeit, für Fleiß und Ordnung wird beobachtet.“ Bei Fehlverhalten drohten Strafen.
Als großes Manko erwies sich, dass Lawaetz nur geringe landwirtschaftliche Kenntnisse besaß. Während sein guter Freund Caspar Voght für sein Klein Flottbeker Mustergut auf profunde Kenntnisse der fortschrittlichen Bewirtschaftungsmethoden in England zurückgreifen konnte und diese den hiesigen Verhältnissen anpasste, konzentrierte Lawaetz sich darauf, eine Struktur für das Zusammenleben der Kolonisten zu erarbeiten. Das königliche Geschenk von 300 Hektar Heide und Moor im späteren Friedrichsgabe (heute ein Teil von Norderstedt) erwies sich als sehr schlecht geeignet für die landwirtschaftlichen Bemühungen der Kolonisten. Das Land war nicht ohne Grund vorher nicht besiedelt worden.
Erst einmal ließ sich das Vorhaben aber gut an, und es gelang Lawaetz, genügend Förderer für sein Vorhaben zu finden. Darunter war auch Salomon Heine. Im Jahre 1821 wurde mit dem Bau von zwanzig Siedlungshäusern begonnen. Zur feierlichen Grundsteinlegung für die Schule reiste zwei Jahre später sogar der dänische König an. Etwa 2-3.000 Menschen sollen an dem Ereignis teilgenommen haben.
Aber damals hatten in der Kolonie die Schwierigkeiten bereits begonnen. Der Landdrost von Pinneberg, also der königliche Verwalter des Gebiets, war keineswegs erfreut über die Neuankömmlinge und fürchtete, dass sie die Zahl der Hilfsbedürftigen in seinem Verwaltungsgebiet vergrößern würden. Deshalb verweigerte er ihnen das „Heimatrecht“, also ein gesichertes Wohnrecht und Anspruch auf staatliche Leistungen.
Noch gravierender wirkte sich aus, dass dem sandigen Heideboden und dem feuchten Moor kaum landwirtschaftliche Erträge abzutrotzen waren, zumal die Kolonisten aus der Stadt über keine landwirtschaftlichen Kenntnisse verfügten. Sie konnten mit den Ernten nicht einmal die eigene Ernährung sicherstellen und blieben auf die Unterstützung durch den Fürsorgefonds der Kolonie angewiesen. Aus einer Armenkolonie war eine Kolonie von weiterhin armen Menschen geworden.
Bis zu seinem Tod am 7. Oktober 1826 leitete Johann Daniel Lawaetz die Kolonie. Zu dieser Zeit konnte man die Probleme noch als Anfangsschwierigkeiten bewerten. Aber im Laufe der Jahre blieb von den Hoffnungen auf eine erfolgreiche Armenkolonie nichts mehr übrig. Juristen der Landdrostei stellten 1856 einen „Zustand der Verkommenheit und gänzlichen Verarmung“ fest.
1873 wurde die Armenkolonie offiziell aufgelöst und Friedrichsgabe in eine Landgemeinde umgewandelt. In Altona gibt es seit 1950 einen Lawaetzweg. Das Altonaer Museum besitzt ein Porträt des Sozialreformers. Die nach ihm benannte Johann Daniel Lawaetz Stiftung hat ihren Sitz im Lawaetz-Haus in Ottensen.
Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte
