
„Natürlich war meine ‚relecture’ politisch eingefärbt … Und während ich die Stiefel des Imperiums in der Geschichte von Bethlehem bis Golgatha alles zertrampeln hörte, was sich ihnen in den Weg stellte, sah ich ja die Flächenbombardements auf den Armenvierteln von San Salvador gleich hinter den glitzernden Auslagen auf der Fifth Avenue in New York.“ Mit diesen Sätzen hat Dorothee Sölle 1990 in einer Bibelauslegung beschrieben, wie sie die Bibel neu gelesen und das Geschehen in Bethlehem in Beziehung gesetzt hat zum politischen Geschehen in unserer Zeit. Die mondänen Läden in New York bildeten für sie den Kontrast zum Krieg gegen die Armen von El Salvador in den 1970er und 1980er Jahren, der massiv von den USA unterstützt wurde. Als Dorothee Sölle diese Sätze schrieb, hatte sie längst ihr Vertrauen in eine akademische Theologie im Elfenbeinturm verloren, und so lesen wir weiter: „Die sozialgeschichtliche Auslegung biblischer Texte erwächst nicht aus der Abstraktion der sich selbst neutral glaubenden Forscher. Sie erwächst unter leidens- und mitleidfähigen Menschen, die nach den Gründen des Elends fragen.“
Aus dieser Perspektive gewinnt auch die Geschichte von den Hirten, die Gott preisen und loben, eine neue Bedeutung: „Die Hirten, eben noch verängstigt, werden Boten Gottes. Sie organisieren sich, sie eilen, sie finden und sie sprechen mit anderen. Müssen wir denn alle Hirten werden, um den Engel zu Gesicht zu bekommen? Ich denke ja; ohne die Perspektive der Armen sehen wir nichts, und schon gar keine Engel.“
Es war ein weiter Weg, der Dorothee Sölle zu einem vernichtenden Urteil über das damalige und das heutige Imperium geführt hat, zur scharfen Kritik an der Gewaltherrschaft des Römischen Imperiums und an heutigem Unrecht mächtiger Staaten. Aber dann formulierte sie unmissverständlich: „Ohne dieses Imperium in seiner ökonomischen und ökologischen Todesmacht zu verstehen, können auch wir das Licht von Weihnachten nicht leuchten sehen.“
Dorothee Nipperdey wurde am 30. September 1929 in Köln geboren. Ihr Vater war Professor für Arbeitsrecht und Präsident des Arbeitsgerichtes Kassel. Die Eltern standen dem Christentum distanziert gegenüber, traten aber nicht aus der Kirche aus und die Kinder wurden konfirmiert. „Ich war nicht christentumsgeschädigt“, sagte Dorothee Sölle später über ihre Kindheit. Ihr eigenes Verhältnis zum Christentum war bis zum Abitur 1948 „kritisch-liberal“. Im Rückblick schrieb sie: „… ich sah wirklich nicht ein, dass man an die Jungfrauengeburt glauben musste, um die Bergpredigt zu verstehen“. Glaubenszweifel wurden verstärkt durch einen persönlichen Schicksalsschlag. Ihr Bruder Carl starb im Zug vom russischen Kriegsgefangenenlager in die Heimat. Dorothee Sölle erinnerte sich später so daran: „Als wir das kurz vor Totensonntag 1945 erfuhren, wusste ich, dass es keine Weihnacht und auch keinen ‚lieben Gott’ gäbe …“
Einen neuen Zugang zum christlichen Glauben fand Dorothee Nipperdey in der Oberstufe durch ihre Religionslehrerin Marie Veit, einer kritischen Christin, die mit ihren Schülerinnen und Schülern Texte von Paulus bis Satre las. Nachdem sie diese Lehrerin kennengelernt hatte, schrieb Dorothee Nipperdey in ihr Tagebuch: „Die neue Religionslehrerin ist umwerfend gut, leider Christ!“ Später bezeichnete Dorothee Sölle ihre damalige Lehrerin als eine „Theologin der Befreiung“, die nach den Erfahrungen des Faschismus die Notwendigkeit eines anderen Christentums erkannt hatte. 1999 schrieb Dorothee Sölle: „In den letzten Jahren ist mir meine alte Schullehrerin, ohne die ich nie zur Theologie gekommen wäre, immer mehr Vorbild als eine Lehrerin der Hoffnung geworden.“
Es war dann die Lektüre von Büchern Sören Kierkegaards, die die junge Frau endgültig zur Theologie brachte: „Was Kierkegaard mich lehrte, war, dass es ohne Angsterfahrung und -annahme keine Menschwerdung gibt.“ Dass Kirchenkritik und radikales Christentum zusammengehören, hat sie ebenfalls von Kierkegaard erfahren – und die „Leidenschaft für das Unbedingte“.
Nach dem Abitur studierte Dorothee Nipperdey von 1949 an zunächst Deutsch, Alte Sprachen und Philosophie in Köln. In dieser Zeit las sie mehrfach das Tagebuch von Anne Frank, und in ihr wuchs „das Grundgefühl … einer unauslöschlichen Scham: zu diesem Volk zu gehören …“ Sie entschloss sich, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben und begann 1951 mit dem Theologiestudium in Göttingen. Aber ihr war die dort gelehrte Theologie zu akademisiert. Nur Professor Friedrich Gogarten brachte sie weiter auf ihrem theologischen Weg.
Ralph Ludwig hat das in seiner Sölle-Biografie „Die Prophetin“ beschrieben: „Es waren gar nicht die theologischen Grundlagen, die Sölle von Gogarten übernommen hat. Vielmehr ist er in anderer Weise ihr großer Lehrer geworden: darin, dass er die Studenten zu einem eigenen, verantworteten Denken aufforderte, sie das Staunen über die Wirklichkeit lehrte, in der mehr möglich ist, als unser enger Horizont uns erlauben will.“
Für den theologischen Weg der Studentin wurden auch die Begegnung und der Austausch mit Rudolf Bultmann wichtig. Durch ihn wurde sie dazu ermutigt, den Verstand nicht an der Kirchentür abzugeben.
Dorothee Nipperdey befasste sich intensiv mit Bultmanns Programm der Entmythologisierung. 1971 veröffentlichte sie das Buch „Politische Theologie“, dem sie den Untertitel „Auseinandersetzung mit Rudolf Bultmann“ gab. Sie hat sehr klare, oft radikale Konsequenzen aus einer aufgeklärten Bibellektüre gezogen, und sie hat für eine neue Sprache plädiert, die nicht hinter die Aufklärung zurückfällt, aber auf der Einsicht beruht, dass große Theologie „immer das Erzählen und Beten geübt hat“. Und diese neue Sprache eröffnet dann auch einen neuen Zugang zum Glauben. Es ging der Befreiungstheologin von nun an um „einen dritten Schritt, der aus dem naiven Glauben über die befreiende entmythologisierende Kritik zur Wiederaneignung der im Mythos versprochenen Hoffnung für alle Menschen führt“.
Aber bis zu solchen Einsichten war es für die junge Studentin noch ein weiter Weg. 1954 machte Dorothee Nipperdey ihr Examen in Theologie und Literaturwissenschaft und wurde Lehrerin an einer katholisch geprägten Mädchenschule in Köln. Im Religionsunterricht machte sie – und das war damals eine große Seltenheit – die Erfahrungen der Nazizeit zum Thema. Politisch engagierte sich die Lehrerin in der Friedensbewegung gegen die deutsche Wiederbewaffnung und beteiligte sich an Ostermärschen. Es waren oft kleine Gruppen, die diese Friedensbewegung trugen, ohne Aussicht auf politischen Erfolg, aber die junge Frau war bereits von dem überzeugt, was sie später bei Martin Buber las: „Erfolg ist keiner der Namen Gottes.“
Parallel arbeitete sie an ihrer literaturwissenschaftlichen Doktorarbeit. 1954 heiratete sie den Maler Dietrich Sölle, eine Ehe von zwei sehr unterschiedlichen Menschen, die nach einem Jahrzehnt, drei Jahre nach der Geburt des dritten Kindes, zu Ende ging. Im Rückblick sprach Dorothee Sölle von „dunklen Jahren der Trennung“. Die junge Theologin entschied sich, ihre Lehrerinnenstelle aufzugeben, um sich ganz darauf zu konzentrieren, Beiträge für Zeitschriften und Rundfunksender zu verfassen und für ihre Kinder da zu sein. Das war zunächst nur mit finanzieller Unterstützung ihrer Eltern möglich.
Dann nahm Dorothee Sölle doch wieder eine feste Stelle an, als Assistentin am Philosophischen Institut der Technischen Hochschule in Aachen. Aber die akademische, männlich geprägte Welt blieb ihr fremd. Dazu kam der Stress als Mutter von drei kleinen Kindern, die zwischen Köln und Aachen pendeln musste. Nach zwei Jahren wechselte sie an die Universität Köln, sodass wenigstens die Bahnfahrten entfielen. 1965 erschien ihr erstes grundlegendes theologisches Buch, das durch den Untertitel als Provokation empfunden wurde: „Stellvertretung – Ein Kapitel Theologie nach dem Tode Gottes“. In dem 200-seitigen Buch wird dieser Untertitel präzisiert. Für Dorothee Sölle ist der allmächtige Gott tot. Aber von nun an wurde das Schlagwort „Gott ist tot“ von ihren Kritikern und Gegnern mit Dorothee Sölle in Verbindung gebracht.
Für die, die Dorothee Sölles Positionen teilen und die Theologin bewundern, ist ein anderes Stichwort viel wichtiger geworden: Politisches Nachtgebet. 1967 fanden sich evangelische und katholische Christinnen und Christen im Kölner Raum zu einem Freundeskreis zusammen, darunter der Benediktinermönch Fulbert Steffensky, Marie Veit und Dorothee Sölle. Ging es zunächst um theologische Fragen im engeren Sinne, traten bald politische Themen stärker in den Vordergrund, vor allem der Vietnamkrieg. Unter dem Motto „Vietnam ist Golgatha“ gestaltete die Gruppe eine Prozession durch Köln. 1968 wollte der Kreis beim Katholikentag in Essen stärker an die Öffentlichkeit treten und meldete eine Veranstaltung zur Situation in der Tschechoslowakei (Stichwort: „Prager Frühling“) an.
Die Veranstalter des Katholikentages waren bereit, die Veranstaltung ins Programm aufzunehmen, aber nur spätabends. Deshalb fand das „Nachtgebet“ erst um elf Uhr abends in einer katholischen Kirche statt und wurde trotzdem von zahlreichen Menschen besucht. Dorothee Sölle hat den Ablauf dieses und der weiteren „Nachgebete“ so beschrieben: „Es handelte sich dabei um politische Information, um ihre Konfrontation mit biblischen Texten, eine kurze Ansprache, Aufrufe zur Aktion und schließlich die Diskussion mit der Gemeinde. Information, Meditation und Aktion sind die Grundelemente aller folgenden Nachtgebete geblieben.“
Als es nach dem Katholikentag ein weiteres „Nachtgebet“ geben sollte, verhinderte Kardinal Höffner, dass es in einer katholischen Kirche stattfinden konnte – und dank der innerkirchlichen und medialen Debatte über das Verbot des Kardinals wurde die Veranstaltung umso bekannter. Bald waren die „Politischen Nachtgebete“ eine regelmäßige Veranstaltung, von der katholischen Amtskirche attackiert und von vielen Persönlichkeiten wie dem Schriftsteller Heinrich Böll vehement unterstützt. Ein „Credo“ von Dorothee Sölle sorgte für ökumenische „Ausgewogenheit“, denn nun gab es auch heftige Angriffe aus der evangelischen Kirche. Aber erst die allmähliche Auflösung der Gruppe führte dazu, dass die Reihe der „Politischen Nachgebete“ 1972 beendet wurde. Dorothee Sölle war durch sie eine von vielen verehrte, von manchen bekämpfte und auf jeden Fall bekannte christliche Persönlichkeit geworden.
In dieser Zeit stand Dorothee Sölle im Gespräch mit bedeutenden Denkern wie Martin Buber, Kurt Marti, Heinrich Böll – und Fulbert Steffensky, den sie 1969 heiratete. 1970 wurde ihr gemeinsames Kind Mirjam geboren. Trotz der zusätzlichen Belastung als Mutter stellte Dorothee Sölle ihre Habilitationsschrift über das Verhältnis von Theologie und Dichtung nach der Aufklärung fertig. Aber der öffentliche Vortrag und das Prüfungsgespräch führten zum Eklat. Vor allem wegen ihrer unbequemen Auffassungen bestand sie die Prüfung nicht und musste sie nach einem Vierteljahr wiederholen, diesmal erfolgreich. Aber der Vorgang ließ bereits ahnen, dass der frisch Habilitierten die Türen zur akademischen Welt in Deutschland nicht offenstanden, sondern fest verriegelt blieben. Nie wurde die international bekannte Theologin auf einen Lehrstuhl einer deutschen Universität berufen. 1994 erhielt sie wenigstens von der Universität Hamburg eine Ehrenprofessur.
Von den 1970er Jahren an lernte Dorothee Sölle die Realität im Süden der Welt durch Reisen nach Vietnam und Lateinamerika kennen. Besonders die lateinamerikanische Befreiungstheologie hat sie stark beeinflusst. Aber auch theologische Aufbrüche auf anderen Kontinenten nahm sie wahr und ernst. Die Antikriegsbewegung in den USA hat sie tief beeindruckt und ihr eigenes Friedensengagement verstärkt. Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter hat dazu in einem Nachruf auf Dorothee Sölle geschrieben: „Aus der Schulmeisterin, der kirchen- und theologiekritischen Lehrerin der Sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurde irgendwann einmal eine Schülerin der Ökumene. Wie bereitwillig, ja gierig sie bei den Geschwistern aus allen Teilen der weltweiten Kirche in die Lehre ging, auch darin unterschied sie sich. Von New York bis Porto Alegre, von Managua bis Soweto, von Vietnam bis Kingston war sie ganz Ohr, Zuhörende, Lernende.“ Aber sie war nicht nur Lernende der Ökumene, erfahren wir von Bärbel Wartenberg-Potter: „Aus vielen Teilen der Welt wurde bezeugt, dass Dorothee Sölles Bücher geholfen hätten, einen neuen Weg zu Gott, zum christlichen Glauben und zum aktiven Engagement zu finden.“
Mit dem Buch „Sympathie“ stellte sich Dorothee Sölle auf die Seite der vietnamesischen Opfer der Napalmangriffe der USA, bezeugte ihre Sympathie für revolutionäre Veränderungen und versuchte, theologische Begriffe wie Nächstenliebe und Gnade neu zu bestimmen. Dass sie in dem Buch auch auf die „Rote Armee Fraktion“ in Deutschland einging, ohne die Motive der Beteiligten in Bausch und Bogen zu verurteilen, sorgte für heftige Angriffe in verschiedenen deutschen Medien. Aber Dorothee Sölle blieb bei ihren linken Auffassungen und war bereit, auch vom Marxismus zu lernen: „Ich begann die Menschwerdung Gottes nicht länger als ein einmaliges, beendetes Ereignis zu verstehen, sondern als einen fortschreitenden Prozess in der Geschichte, in der Gott unsichtbar gemacht wird wie in Auschwitz oder auch sich offenbart in den Erfahrungen der Befreiung. Die Marxisten haben den Christen geholfen, die tiefe Diesseitigkeit des christlichen Glaubens, von der Dietrich Bonhoeffer sprach, besser zu begreifen.“
Parallel zu politischen und theologischen Analysen veröffentlichte Dorothee Sölle auch zahlreiche Gedichte und sprach mit ihrer „Theopoesie“ viele Menschen an und aus dem Herzen. „Um wirklich Theologie zu betreiben, brauchen wir eine andere Sprache. Poesie und Befreiung ist für mich ein Lebensthema. Immer wenn ich längere Zeit kein Gedicht geschrieben habe, fehlt mir etwas.“ In Gedichtbänden wie „spiel doch von brot und rosen“ hat Dorothee Sölle die Frage des Glücks zu einem zentralen Thema gemacht. „Es ist für mich wie Atemholen und zugleich eine zentrale Aufgabe, nicht nur über das Unglück reden zu müssen.“
1975 nahm Dorothee Sölle die Berufung zur Professorin an die angesehene Hochschule „Union Theological Seminary“ in New York an. Es traf sich gut, dass ihr Mann Fulbert Steffensky, damals Professor für Religionspädagogik in Hamburg, ebenfalls eine Gastprofessur in den USA erhielt, sodass ein gemeinsamer Umzug nach New York möglich wurde. 1977 kehrte die Familie nach Hamburg zurück, und Dorothee Sölle unterrichtete von nun an ein Jahrzehnt lang jeweils drei Monate im Jahr am „Union Theological Seminary“. Das übrige Jahr hatte sie Zeit für Vorträge in Deutschland und für ihre publizistische Arbeit, u. a. als Mitherausgeberin der Zeitschrift „Junge Kirche“, wo ich sie kennengelernt habe.
In den USA konnte Dorothee Sölle sich mit feministischen Auffassungen beschäftigen und entwickelte eigene Positionen. Gemeinsam mit Professorin Luise Schottroff setzte sie sich intensiv mit biblischen Texten und Traditionen auseinander. Zu den gemeinsamen Veröffentlichungen gehört das Buch „Jesus von Nazaret“, das in leicht verständlicher Form einen fundierten Zugang zum Leben und zur Botschaft Jesu ermöglicht. Die Verfasserinnen bezeichnen die Legenden um die Geburt Jesu als Legenden, aber sie legen sie damit nicht ad acta, sondern vermitteln, welche Bedeutung sie als Legenden für heutige Christinnen und Christen haben.
Groß war immer wieder Dorothee Sölles Enttäuschung über ihre Kirche, sodass sie im Juli 1983 in einem Interview sagte: „Ich bin unglücklich über die westdeutsche Kirche, die eine der reichsten und der substanzlosesten Kirchen ist, die es gibt.“ Man wird sagen müssen, dass sie an ihrer Kirche gelitten hat. Allerdings hat sie nie die Hoffnung auf eine Erneuerung und auf einen Aufbruch dieser Kirche verloren. Die Kirche ihrerseits hat Dorothee Sölle oft „links liegengelassen“. Das war zum Beispiel der Fall, als der Ökumenische Rat der Kirchen sie einlud, bei der ÖRK-Vollversammlung in Vancouver 1983 einen Vortrag zu halten. Ein führender Vertreter der evangelischen Kirchen in Deutschland beeilte sich, im ÖRK-Exekutivausschuss zu betonen, dass Dorothee Sölle nicht für die deutschen Kirchen sprechen werde, und es gab einen „erbitterten Widerstand der deutschen Kirchenvertreter“ (erinnerte sich später Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter) gegen diese ÖRK-Entscheidung.
Gleich der Beginn ihrer Rede war ein Paukenschlag: „Ich spreche zu Ihnen als eine Frau, die aus einem der reichsten Länder der Erde kommt; einem Land mit einer blutigen, nach Gas stinkenden Geschichte, die einige von uns Deutschen noch nicht vergessen konnten; einem Land, das heute die größte Dichte von Atomwaffen in der Welt bereithält. Ich möchte Ihnen etwas sagen über die Ängste, die in meinem wohlhabenden und militaristischen Land herrschen; ich spreche zu Ihnen aus Zorn, in Kritik und mit Trauer.“ In ihrer Rede stellte Dorothee Sölle plastisch dar, dass den Armen der Welt jenes Leben in Fülle versagt bleibt, für das Christus auf die Welt gekommen ist. Aber auch die, die vom herrschenden System profitieren, werden zu dessen Opfern, betonte Dorothee Sölle: „Die psychische Leere der Reichen ist Folge der wirtschaftlichen Ungerechtigkeit, von der sie profitieren.“
Der Beteiligung an der Ausplünderung stellte sie eine Alternative entgegen: „Im Kampf für eine gerechtere Welt dagegen nehmen wir teil am Schöpfungsplan Gottes, der uns die Erde anvertraut hat, sodass sie Leben in Fülle für alle gibt.“ Wie der reiche Jüngling, stehen auch die Wohlhabenden und Reichen vor der Aufgabe zu erkennen: „Der Reichtum des Menschen liegt in seinen Beziehungen zu anderen, in seinem Dasein-für-andere. Die Fülle des Lebens wird nicht weniger, wenn wir sie miteinander teilen, sondern sie vermehrt sich so wunderbar, wie fünf Brote und zwei Fische sich vermehrten. Christus befreit uns von der das Leben fressenden Armut und von der das Leben aufsaugenden inneren Leere in eine neue Gemeinschaft hinein, in der wir einander nicht mehr Gewalt antun müssen, sondern einander glücklich machen können. Wir sind eins geworden mit der lebendigen Liebe und brauchen das ewige Leben nicht mehr auf eine andere Zeit als die unsere zu verschieben.“
Die Rede wurde von vielen mit Begeisterung aufgenommen, vor allem von Delegierten aus dem Süden der Welt, erntete aber auch manch heftige Kritik, vor allem von deutschen Kirchenvertretern. Gleich nach der Rede trat Bischof Eduard Lohse, Vorsitzender des Rates der EKD und Leiter der deutschen Delegation in Vancouver, ans Mikrofon und distanzierte sich offiziell von dem, was die Rednerin gesagt hatte. Sie würde in der EKD eine Randposition einnehmen, und der ÖRK habe sie gegen die ausdrücklichen Bedenken der EKD zur einzigen deutschen Rednerin in Vancouver gemacht. Sie sei keine deutsche Delegierte und habe nicht in deren Auftrag gesprochen. Auch die konservative deutsche Presse griff die Theologin heftig an.
Ralph Ludwig schreibt in seiner Sölle-Biografie über diesen Konflikt und seine Hintergründe: „Der Konflikt um die Rede in Vancouver war in der Tat nur die Spitze des Eisberges. Dorothee Sölle personifizierte einen grundlegenden Konflikt der Kirchen. Bewusst einseitig stellte sie sich auf die Seite einer politischen Theologie, sie zielte auf eine veränderte Gesellschaft und verstand die Botschaft des Jesus von Nazareth als Aufforderung zum Widerstand gegen die ungerechten Verhältnisse, gegen die kapitalistische Wirtschaft und gegen Militarismus und Aufrüstung. Auf der anderen Seite stand die konservative Auffassung, die jede politische Spitze der Theologie ausschloss und eine volkskirchlich ausgerichtete und biblizistisch geprägte traditionelle Kirchlichkeit erhalten wollte.“ Dorothee Sölle erhielt nach ihrer Rede in Deutschland zahlreiche hasserfüllte Briefe, aber auch viele Zuschriften, in denen Menschen sich mit ihr solidarisierten.
Dorothee Sölle hat eine Sprache gefunden, mit der sie viele Menschen erreichen konnte, die der Kirche schon den Rücken gekehrt hatten. Sie analysierte nicht nur scharf die Missstände in Gesellschaft und Kirche, sondern sie machte den Menschen auch Mut, sich zu engagieren, damit mitten in dieser Welt ein Stück vom Reich Gottes verwirklicht werden kann.
Sie lernte viel von der lateinamerikanischen Befreiungstheologie und vom Aufbruch von Menschen im Süden der Welt, die den globalen Status quo nicht länger hinnehmen wollten. Die Befreiungstheologie hat ihr auch geholfen, die Bibel neu zu lesen und die biblischen Geschichten und Verheißungen ganz konkret in Beziehung zu setzen zum Alltag in dieser Welt. Das gab ihr auch angesichts von unüberwindbar scheinendem Unrecht und unvorstellbarer Gewalt die Hoffnung auf ein anderes Leben, eine andere Welt. Fromm und radikal zu sein, gehörte für Dorothee Sölle zusammen. Das sprach und spricht viele Christinnen und Christen an, die enttäuscht von der Ausgewogenheit ihrer Kirche sind und nach einer klaren Orientierung in einer Welt suchen, die grundlegender Veränderungen bedarf.
Auf den Evangelischen Kirchentagen zeigte sich immer wieder, wie viele Menschen diesen Weg Dorothee Sölles mitgehen wollten und sich von ihr inspirieren ließen. Auf diesen Kirchentagen fanden auch ihre deutlichen Angriffe auf den Militarismus breite Unterstützung. Und sie provozierte andere (hoffentlich auch zum Nachdenken), als sie auf dem Evangelischen Kirchentag 1981 erklärte: „Die Aufrüstung ist nicht die Vorbereitung auf einen militärischen Konflikt in der Zukunft, sondern sie ist der Krieg, den der Norden gegen den Süden führt. Die Bomben, die wir produzieren, fallen jetzt. Auf die Armen.“ Ihre Beteiligung an Protestaktionen gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen und gegen die US-Giftgasdepots in Deutschland führten zwei Mal zu Verurteilungen wegen Nötigung, und beide Male wurde sie danach höchstrichterlich freigesprochen.
Dorothee Sölle hat in ihren Bibelauslegungen und in ihren poetischen Texten immer wieder um das Verständnis von Gott gerungen. Dabei hat sie sich kritisch von in den Kirchen vorherrschenden Vorstellungen abgegrenzt: „Die herrschende theologische Vorstellung von Gottes absolutem Anderssein hat Konsequenzen in dreierlei Richtungen: für Gott, für die Welt und für das menschliche Dasein. Ist Gott absolut transzendent, dann wird er zum unsichtbaren, unbegreiflichen Schöpfer, für dessen Sein und Wirken es keine menschlichen Analogien gibt.“ Bei diesem Gottesverständnis schuf Gott seine Schöpfung in absoluter Freiheit und Willkür. „Ist Gott der total Andere, so wird die Welt zu einem gottlosen Ort, und es gibt in ihr nichts Heiliges, keine göttliche Wirklichkeit mehr … Der imperialistische Standpunkt gegenüber der Natur hat tiefe Wurzeln in der übertrieben transzendenten, monotheistischen und patriarchalen Religion.“
Für ihr Gottesverständnis war das, was mit dem Stichwort „Auschwitz“ zusammengefasst wird, von zentraler Bedeutung. Zur „Theologie nach Auschwitz“ hat sie geschrieben: „Ich konnte, religiös gesprochen, mit dem ‚Herrn, der alles so herrlich regieret’, nicht das Geringste anfangen. Hätte er nicht die Züge, die voller Juden nach Osten rollten, stoppen können?! Heute glaube ich, dass Gott uns alle braucht, um wirklich gute Macht zu haben.“ Dorothee Sölle war überzeugt: „Gott hat nur unsere Hände.“ In einem Vortrag im April 2002 in Bellheim betonte sie: „Ich glaube mit der jüdischen Tradition, was Martin Buber so formuliert hat: Im Anfang war eine Beziehung. Wort und Antwort, der Dialog zu den anderen und vielleicht auch zu dem Anderen, der in den Religionen so viele verschiedene Namen hat.“
Diese Gedanken führte Dorothee Sölle in einem anderen Beitrag fort: „Ich denke, dass Gott die Gemeinschaft will, dass Gott im Nächsten versteckt ist. Diese Geschwisterlichkeit ist eine zentrale Grunderfahrung. Sie geht über die menschliche Geschwisterlichkeit hinaus in die Welt. Ich bin ein Teil der Schöpfung, und ich möchte wirklich, dass diese Schöpfung bleibt und nicht kaputt gemacht wird.“ Zu dieser Zerstörung gibt es für Dorothee Sölle eine Alternative: „Könnten wir die Verbundenheit alles Lebendigen begreifen, so würden wir zu einer Haltung der Demut angesichts der Schöpfung zurückfinden.“ Und an anderer Stelle schrieb sie: „Der Glaube an die gute Schöpfung ist der Weg, die Erde mit andern zu teilen.“
In einem Interview mit dem „Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt“ äußerte Dorothee Sölle 1998: „Die Fülle des Lebens zu haben, wie in der Bibel steht, ist doch nichts anderes als Glück. Sterben gehört dazu … Ich glaube ja an das ewige Leben. Es geht weiter. Ich bin dann ein Tropfen in diesem Meer … Ich bin darin nicht verloren, ich habe Anteil am Ganzen.“ Und in einem anderen Interview sagte sie ein Jahr später vertrauensvoll: „Ich kleiner Tropfen bin in dem schönen Ozean gut aufgehoben.“
Immer stärker hat Dorothee Sölle die Bedeutung der Mystik erkannt und den engen Zusammenhang von Mystik und Befreiung herausgestellt. Als Beispiel dafür hat sie die Urgemeinde angesehen, „die sich gegen das Imperium behaupten musste. Auf sie haben sich die aufrührerisch-mystischen Bewegungen aller Epochen berufen … Die Urgemeinde verweigerte sich bestimmten gesellschaftlichen Angeboten und Zwängen des Imperiums. Abstinenz, Distanz, Dissens, Widerspruch und Widerstand flossen in dieser Minderheitskultur zusammen. Und genau an diesen Formen des ‚Neins’ zur herrschenden Kultur orientierten sich auch spätere Dissidenten.
Zu ihnen inspiriert auch eine Mystik, die selbst dort, wo sie sich extrem individualistisch gibt, zur Gemeinschaft befähigt.“ Es kann nicht überraschen, so lernen wir von Dorothee Sölle, dass Mystikerinnen und Mystiker im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder verfolgt worden sind und zwar sowohl von den politisch Mächtigen als auch den kirchlich Mächtigen. Eine „Gotteserkenntnis aus Erfahrung“, die die Mystik für sich in Anspruch nimmt, lässt sich von den Mächtigen nicht einfach disziplinieren, und aus diesem Grunde ist sie nicht selten brutal unterdrückt worden.
Der mystische Satz „Gott ist das Nichts, das alles werden will“ hat für Dorothee Sölle in der heutigen Zeit eine neue Bedeutung gewonnen: „In unserer westlichen Welt ist Gott zum Nichts geworden, zum unwesentlichen, kraftlosen Erbe unserer Vergangenheit. Mehr wird ihm im Würgegriff von Globalisierung und Individualisierung nicht mehr zugestanden.“ In dieser Hinsicht gäbe es Parallelen zur Zeit des Neuen Testaments. Die Verfasser neutestamentlicher Texte hätten dies als „im Tode sein“ bezeichnet, wobei mit Tod die Unterwerfung unter die beherrschende Macht gemeint war.
Die Befreiungstheologin Dorothee Sölle hat sich von bestimmten Formen des Mystik- und Spiritualitätsbooms abgegrenzt: „Ich habe da auch Angst, an die falschen Leute zu geraten. Erstens durch die New-Age-Bewegung und sehr viel falsche Spiritualität. Ich sehe diese Bewegung dieser neuen Religiosität auch als äußerst gefährlich, aber das heißt natürlich nicht, dass das Bedürfnis, das dahintersteht, falsch ist. Die Leute suchen natürlich etwas ganz Richtiges.“ Deshalb hat Dorothee Sölle bedauert, dass die Kirche und die „schlechte Theologie“, die praxisfern ist, diesen Menschen keine Angebote machen, oder, wie sie es ausdrückte, „nichts zu essen geben“.
Stattdessen hat Dorothee Sölle die mystischen Traditionen in Texten des Alten Testaments aufgespürt. 2001 sagte sie in einer Predigt: „In meiner Geschichte mit dem Glauben bin ich, vor allem in den letzten Jahren, immer jüdischer geworden, immer mehr auf die Schöpfung bezogen. Erlösung ist eine Einbindung in die Schöpfung, und ‚Gehorsam gegen Christus’ würde ich zuallererst verstehen wollen als Einbindung in den Glauben an die gute, von Gott gewollte Schöpfung.“
In ihrem letzten Interview erwähnte Dorothee Sölle, dass sie an einem Buch über die Mystik des Todes schrieb. Dieses Buch hat sie nicht mehr vollenden können. Am 27. April 2003 starb Dorothee Sölle in einem Krankenhaus in Göppingen, nachdem sie auf einer Tagung in Bad Boll einen Herzinfarkt erlitten hatte. Thema der Tagung war „Gott und das Glück“.
Renate Wind, Professorin an der Evangelischen Fachhochschule in Nürnberg, hat zur herausragenden Bedeutung Dorothee Sölles geschrieben: „Sie hat Wegzeichen der Hoffnung gesetzt für alle, die aufbrechen wollten in das gelobte Land der Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit, und die sich stattdessen oft genug in der Wüste wieder fanden. Sie hat unsere Befreiungs- und Emanzipationsprozesse in ihrer Widersprüchlichkeit begleitet und dem Widerstand gegen die Strukturen der Gewalt und der Ausbeutung eine spirituelle Dimension gegeben, die über die Erfolge und Niederlagen des Tages hinausreicht.“ Und in ihrer Ansprache bei der Trauerfeier für Dorothee Sölle bezeichnete die Lübecker Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter sie als „eine der großen Frauen unserer Zeit“ und betonte, dass vielen „die lebendige, prophetische und poetische Stimme dieser Frau schmerzlich fehlen wird.“
1995 hat Dorothee Sölle diesen Text verfasst:
Ich glaube an das Leben
nach dem Tod,
das Leben, das weitergeht
nach meinem individuellen Tod,
an den Frieden,
der vielleicht irgendwann einmal sein wird,
wenn ich schon lange tot bin,
an die Gerechtigkeit und die Freude.
Ich glaube nicht
an eine individuelle Fortexistenz
und möchte auch nicht in die Lage kommen,
daran glauben zu müssen.
Ich empfinde das wie eine Krücke des Glaubens,
aber eigentlich sollten wir ja gehen lernen,
und ich möchte gehen lernen,
ohne mich dieser bürgerlichen Krücke bedienen zu müssen.
„Die Weihnachtsgeschichte handelt von zwei Arten von Frieden“, hat Dorothee Sölle in einem Beitrag für den Band „Frieden – Weihnachtsgeschichte in unserer Zeit“ geschrieben, der 1981 von Walter Jens herausgegeben wurde. Da ist auf der einen Seite der Friede des Kaisers: „Steuerlisten, Eintragung, Volkszählung sind die Wörter, mit denen dieser Frieden beschrieben wird. Die Verwaltung des Römischen Reiches nimmt die unterworfenen Bewohner unter Kontrolle.“ Dorothee Sölle stellte das römische System der Herrschaft in Beziehung zur amerikanischen Hegemonie in der heutigen Welt:
„Man muss sich die Pax Romana vorstellen als ein in das Leben jedes Menschen eingreifendes Weltsystem, in dem die Menschen so gefangen sind wie wir heute unter der Pax Americana. Im Zentrum des ‚Friedens’, wie die Weltordnung auch damals genannt wurde, im geopolitischen Zentrum herrscht materieller Überfluss, maßlose Gier nach neuen Waren und Genüssen, moralische Korruption und seelische Leere und Empfindungslosigkeit. An den Rändern dieser Ordnung, in den beherrschten Provinzen, herrscht unvorstellbares Elend, Mangel an den einfachsten Notwendigkeiten wie Wasser, Obdach, Arbeit und Bildung und dabei eine apathische Hoffnungslosigkeit.“
Diesem Frieden der Herrschenden steht für Dorothee Sölle ein anderer Frieden gegenüber, der in den entfernten Provinzen und dort bei den Verarmten beginnt: „Der neue, andere Frieden bringt die Armen von der Hoffnungslosigkeit zu der großen Freude, ‚die bald das ganze Volk ergreifen wird’.“ Das hat Konsequenzen für unser Leben als Christin oder Christ: „Wenn wir glaubwürdig leben … leuchtet der helle Schein, der Abglanz Gottes, der das Licht aus der Finsternis hervorkommen ließ, aus unseren Herzen. Wir werden einbezogen in den Frieden der Weihnachtsgeschichte, die etwas anderes verspricht als der staatlich verordnete Gewaltfrieden.“
In der Weihnachtsgeschichte ist die Verkündigung an die Hirten eine Hoffnungsbotschaft: „… sie haben mehr zu erwarten, als was die Pax Romana ihnen verspricht. Genauso heute: Den Armen in den Slums und Favellas wird der Friede Christi versprochen und nicht das Zugrundegehen unter der euro-amerikanischen Weltherrschaft.“ Wenn es in der Weihnachtsgeschichte „Fürchte dich nicht“ heißt, wer wird dann angesprochen? Nach Überzeugung von Dorothee Sölle sind das „vor allem die, denen Unrecht geschieht, die aus ihrer Heimat vertrieben worden sind, die arm sind oder bedroht, verlassen oder verängstigt. Die hochschwangere ledige Mutter Maria und Josef, der ihr keine anständige Unterkunft bezahlen kann. Die Hirten, nicht die Könige. Die Unrecht leiden und nicht die, die vom Unrecht profitieren.“
Für Dorothee Sölle ist die Weihnachtsgeschichte eine Hoffnungsgeschichte, wenn wir glaubwürdig das leben, was wir in dieser Geschichte lesen: „Da leuchtet der helle Schein, der Abglanz Gottes, der das Licht aus der Finsternis hervorkommen ließ, aus unseren Herzen. Wir werden hineingezogen in den Frieden der Weihnachtsgeschichte …“ Diese Erleuchtung muss öffentlich sichtbar werden, war Dorothee Sölle überzeugt. Deshalb müssen sich die Christen und ihre Kirche in der Gesellschaft und in der Politik einmischen, auch wenn dadurch Konflikte entstehen. Die Kirche darf sich nicht auf den engen Bereich von Seelsorge und Verkündigung beschränken, lautet eine Erkenntnis der Theologin aus der Weihnachtsgeschichte.
Der Frieden für alle, von dem wir in der Weihnachtsgeschichte lesen, war Dorothee Sölle überzeugt, hat auch Konsequenzen für das christliche Leben. Das eigene Leben bekommt ein Ziel, und die eigenen Bedürfnisse ändern sich. „Du findest etwas, wofür zu leben sich lohnt, mit anderen zusammen, du machst dich auf den Weg mit den Hirten, die zu den Ärmsten der Armen gehörten.“
Wer etwas von dem Licht von Weihnachten erzählen will, „muss die verschüttete Sehnsucht der Menschen ausgraben“. Dorothee Sölle war überzeugt, dass die sozialgeschichtliche Auslegung der Bibel unsere Sehnsucht nach wirklichem Frieden vertieft, „der keine andere Grundlage haben kann als ökonomisch-ökologische Gerechtigkeit. Diese grundlegende Arbeit der Benennung der Alternative zur pax romana und zum Modell Deutschland ist Aufgabe der Kirchen an Weihnachten.“
Bei jungen Leuten in der westlichen Welt nahm Dorothee Sölle den Wunsch nach dem anderen Leben wahr, „die Sehnsucht nach Umkehr zum wirklichen Leben, die aus der Verzweiflung über das sogenannte Machbare kommt.“ Dorothee Sölle forderte ihre Leserinnen und Leser auf: „Kehrt um!“ Die Befreiungstheologin hat uns eingeladen, der Verheißung der Engel zu folgen, uns nicht zu fürchten und uns auf den Weg zu dem Frieden zu machen, der auf Gerechtigkeit beruht.
„Ein Grundgefühl, das sich mit dem Neoliberalismus der neunziger Jahre verstärkt, sagt mir, dass unsere heutige Welt diesem alten Imperium (dem Römischen Reich) immer ähnlicher wird, weil die Schere zwischen den ‚Ökonomiefähigen’ und den Ausgeschlossenen sich immer weiter öffnet.“ So hat Dorothee Sölle die Ähnlichkeit zwischen antiker und heutiger Globalisierung auf den Punkt gebracht.
Dadurch, dass Jesus als Zimmermann gearbeitet hat, ist es, schrieb Dorothee Sölle, zu einer Neubewertung körperlicher Arbeit gekommen. In der Antike galt körperliche Arbeit als unwürdig für freie Menschen und wurde von einem Heer von Sklaven ausgeführt. Jesus lebte das Gegenteil vor und gab der Arbeit Würde.
Aber im Kapitalismus geht diese Errungenschaft verloren: „Der arbeitende Mensch wird als Objekt behandelt, und deshalb erfährt er sich selbst auch als bloßes Objekt des Produktionsprozesses. Die Arbeiter verlieren das Gefühl dafür, dass sie selbstständig handelnde Subjekte sind. Das Kapital gewinnt Priorität über ein menschenwürdiges Leben. Gerechtigkeit würde bedeuten, dass das Kapital gegenüber der Arbeit nur eine dienende Funktion hat.“
Am 1. Oktober 2001 hielt Dorothee Sölle einen Vortrag zum Thema „Eine andere Welt ist möglich“ an der Universität Hamburg, in der sie im ersten Teil vor den Gefahren der vorherrschenden Globalisierung warnte: „Die Ökonomie, in der wir leben, wird immer totalitärer. Sie unterscheidet sich sehr von den beiden totalitären Systemen, die wir aus dem vorigen Jahrhundert kennen, sie ist intelligenter und effizienter und vor allem ‚softer’, sie brüllt nicht Kommandos, sondern wirbt mit zarter Stimme. Sie diktiert den Takt unseres beschleunigten Lebens, sie erzwingt tendenziell die politischen Entscheidungen der Verantwortlichen, Wirtschaft ist eben wichtiger als Politik.“ Den Irakkrieg interpretierte Dorothee Sölle als den Kampf für den Wohlstand der Reichen.
Aber es gibt Alternativen: „Ein Gegenentwurf zu der herrschenden Globalisierung, die den Konsumwahn der Reichen bedient, ist die vor allem von Frauen der Dritten Welt gelebte und proklamierte Wirtschaft der Subsistenz, in der die ortsüblichen Lebensmittel von den Bewohnerinnen angebaut, ‚gehegt und gepflegt’ und lokal, oft ohne Geldvermittlung im Tausch, vermarktet werden.“ Und bei anderer Gelegenheit stellte Dorothee Sölle fest: „Auch wir inmitten der reichen Welt haben diese Sehnsucht, dass wir nicht auf Kosten anderer Kaffee trinken, Bananen essen, unseren Müll in die armen Länder verschieben, sexuelle Lustobjekte kaufen und verkaufen und an exportierten Waffen und Giftgas reich werden. Auch in uns steckt etwas von dieser Utopie Jesu, dass wir alle, miteinander, den Willen Gottes tun, eine andere Weltwirtschaftsordnung aufbauen als diese mörderische, eine andere Art Frieden suchen als den auf A-, B- und C-Waffen beruhenden.“
Am 18. November 2001 hielt Dorothee Sölle einen Vortrag beim Politischen Nachtgebet in der Hauptkirche St. Katharinen in Hamburg, in dem es um die Frage ging, wie der Gewalt der Boden entzogen werden kann. Dieser Vortrag endete mit Sätzen, die als politisches Vermächtnis von Dorothee Sölle in Globalisierungsfragen angesehen werden können: „Die Globalisierung von oben ist ein barbarisches System der Verelendung der Mehrheit der Menschen und der Zerstörung der Erde. Wir brauchen eine andere Globalisierung. Von unten. Im Interesse der Erde, im Interesse der Ärmsten.“
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Die Weihnachtsgeschichte - Fakten, Legenden und tiefere Bedeutung
Viele haben sich im Weihnachtsgottesdienst schon gefragt, ob die Geschichten von der Geburt und Kindheit Jesu Legenden sind, vielleicht sogar Märchen. In diesem Buch wird fundiert und anschaulich dargestellt, was heute über das damalige Geschehen bekannt. Es wird deutlich, dass viele legendarische Texte die Glaubensüberzeugungen der Jesusbewegung zum Ausdruck bringen und auch heute noch eine religiöse Orientierung bieten. Ausführlich wird das damalige Leben in Palästina unter der Herrschaft des römischen Imperiums dargestellt. Es hatte überraschende Ähnlichkeiten mit heutigen Imperien. Der Autor stellt außerdem ausführlich dar, was es bedeutet, dass Jesus, seine Familie und die meisten Menschen, die in den ersten Kapiteln der Evangelien Juden waren.
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