1845 – Jenny Lind, die „Schwedische Nachtigall“ feiert an der Alster große Erfolge

Cover des Buches "Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 920 Seiten ISBN 978-3-384-05017-5 38 Euro

Ein berühmter Stern am Hamburger Musikhimmel ging am 29. März 1845 auf. Die schwedische Opernsängerin Jenny Lind eroberte im Sturm die Zuneigung der Hamburgerinnen und Hamburger. Die „schwedische Nachtigall“, wie sie bald in ganz Europa genannt wurde, gab einen Gesangsabend im voll besetzten Stadttheater, und die Begeisterung war so gewaltig, dass sie zum Schluss inmitten eines Teppichs von Blumen stand, die die häufig als reserviert geltenden Hanseaten auf die Bühne geworfen hatten.

 

R. D. Molaswi veröffentlichte noch 1845 ein kleines Buch über „Jenny Lind in Hamburg“, in dem er die Stimmung beim Konzert für die Nachwelt festhielt: „Eine selige Empfindung bemächtigte sich aller Gemüther und Eine Stimmung herrschte unter Tausenden. Entzückt und anbetend verehrte ich die Macht der göttlichen Kraft und ihrer wunderholden Priesterin …“. Über den Gesang Jenny Linds schrieb er: „Ja, sie sang, aber es war kein Gesang, es war Sphärenmusik, es war eine gesungene Seligkeit, ein hingehauchter Gottesathem, eine hörbare Seele, ein gesungener Herzensfriede, der Frühlingsgruß einer Nachtigall.“ Begeistert beschloss der Chronist sein Werk mit den Zeilen: „Wir haben genossen das irdische Glück. Wir haben gelebt und Jenny Lind gehört.“

 

Ein Jahr später, beim zweiten Besuch Linds, kannte die Begeisterung für die himmlisch singende und bezaubernd schöne Sängerin keine Grenzen mehr. Die Polizei musste die Straße vor dem Stadttheater absperren, um Tumulte zu verhindern. Ein Fackelzug und ein speziell für die Sängerin inszeniertes Alsterfeuerwerk gehörten ebenso zur Welle des Enthusiasmus wie Extrablätter der Zeitungen. Es war von einem „Lind-Fieber“ die Rede, wozu auch ihr schlichtes und bescheidenes Auftreten beitrug. Dieses Bild wurde durch keinen Skandal getrübt, im Biedermeier eine unverzichtbare Voraussetzung dafür, sich als berühmte Künstlerin zu etablieren.

 

Auch bei ihren späteren Auftritten in Hamburg löste sie jedes Mal lange Schlangen vor den Kassen aus. So viel Begeisterung rief Konkurrenz und Spötter auf den Plan, und so trat eine Sängerin als „Jenny Bind“ auf und gab verschiedene Opernparodien zum Besten, ebenfalls vor ausverkauftem Haus.

 

 

Der Aufstieg zur international verehrten Sängerin

Die am 6. Oktober 1820 geborene Jenny Lind stammte aus einer verarmten und zerrütteten Stockholmer Familie. Mit neun Jahren entdeckte der Intendant des königlichen Hoftheaters ihre „Engelsstimme“ und sorgte dafür, dass sie eine musikalische Ausbildung erhielt. Rasch stieg sie zur gefeierten Sängerin auf, die in ganz Europa und in den USA die Konzertsäle füllte. Die „schwedische Nachtigall“ wurde auch von anderen Musikern hoch geschätzt. Der in Hamburg geborene Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy, mit dem sie eine innige Freundschaft verband, bekannte:

 

„Sie ist eine der größten Künstlerinnen, die je gelebt haben.“

Frédéric Chopin hat Jenny Lind nicht nur geschätzt, sondern auch geliebt – und sie ihn, aber den Bund der Ehe wollte er letztlich zu ihrer großen Enttäuschung doch nicht mit ihr eingehen. Robert Schumann erlebte sie in Hamburg und schwärmte, dass bei ihrem Gesang die Sonne richtig den Buckel wärmen würde. Clara Schumann bekannte: „Die Lind ist ein Gesangsgenie, wie es in langer Zeit oft kaum einmal wiederkehrt.“

 

 

Das Privatleben der Sängerin

Der dänische Märchendichter Hans Christian Andersen verehrte sie ebenfalls und verliebte sich in sie, sie allerdings nicht in ihn. Mehr als einen „Bruderkuss“ gewährt sie ihm nicht. Trotzdem hat er sie in seinem Märchen von der Nachtigall verewigt, in dem der Kaiser von China durch den Gesang der Nachtigall vor dem Tod gerettet wird. Auch gekrönte Häupter waren begeistert von der Sängerin, so der häußter schwedischen König und die englische Königin.

 

Geheiratet hat Jenny Lind 1852 den Pianisten und Komponisten Otto Goldschmidt, der aus einer liberalen jüdischen Familie in Hamburg stammte. Seine Mutter Johanna Goldschmidt war eine bekannte Reformpädagogin in Hamburg. Der 1829 geborener Sohn Otto studierte am Konservatorium in Leipzig und fand viel Anerkennung als Klavierspieler und Komponist. Als Jenny Lind 1851 bei einer langen USA-Tournee dringend einen neuen Pianisten suchte, war Goldschmidt sofort bereit, diese Aufgabe zu übernehmen und reiste umgehend nach New York. Es muss eine Liebe auf den ersten Blick gewesen sein, denn wenige Monate später heiratete das Paar.

 

Seiner Frau zuliebe konvertierte Otto Goldschmidt zum evangelischen Glauben. Das Paar zog nach der Rückkehr aus den USA nach Dresden und kam von dort häufiger zu Besuchen nach Hamburg. Nach fünf Jahren in Dresden lebten sie von 1858 an mit ihren drei Kindern in London, wo Otto Goldschmidt hohes Ansehen als Musikprofessor genoss und auf Konzertreisen auch mehrfach nach Hamburg kam. Jenny Lind trat mit großem Erfolg als Sängerin auf und gab Unterricht am Royal College of Music in London. Theodor Fontane hat einen Abend bei dem gastlichen Musikerpaar in seinem Roman „Der Stechlin“ beschrieben.

 

Jenny Lind starb am 2. November 1887 in England. Mehrere Hospitäler und Waisenhäuser tragen ihren Namen und erinnern an ihre freigiebige Unterstützung sozialer Einrichtungen. In den USA tragen mehrere Straßen den Namen Jenny Linds und im eisigen Norden Kanadas eine unbewohnte Insel. Mitten im Zweiten Weltkrieg, 1941, kam in Deutschland der Film „Die schwedische Nachtigall“ mit Ilse Werner in die Kinos. In Schweden genießt Jenny Lind weiterhin ein hohes Ansehen. Ihr Bild war längere Zeit auf den 50-Kronen-Scheinen zu sehen.

 

Und in Hamburg? Dort gibt es (noch) keine Jenny-Lind-Straße, obwohl sie zu den berühmtesten Sängerinnen des Stadttheaters gehörte und obwohl sie der Stadt als Dank für die ihr entgegengebrachte Wertschätzung das kostbare „Heiligenstädter Testament“ von Ludwig von Beethoven vermachte, das sie gemeinsam mit ihrem Mann erworben hatte. Es befindet sich heute in einem Tresor der Staats- und Universitätsbibliothek und wird zu besonderen Anlässen wie der Eröffnung der Elbphilharmonie ausgestellt.

  

Immerhin, in Ritzebüttel (früher zu Hamburg gehörig und heute ein Teil von Cuxhaven) gibt es eine Jenny-Lind-Straße. Es ist Ausdruck des Danks dafür, dass die Sängerin 1846 dort ein Wohltätigkeitskonzert zugunsten der Armen des Ortes gab. Der Dank ließ allerdings lange auf sich warten. Erst 1975 wurde durch Ratsbeschluss die Straße nach ihr benannt.

 

Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte

  

 

© Frank Kürschner-Pelkmann