Bedrohte Feuchtgebiete in Deutschland

Auenwald bei Erlenfurt
Auenwald bei Erlenfurt, Foto: KaiBorgeest, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

Es gibt 35 Ramsar-Gebiete in Deutschland, also Gebiete, die als international bedeutende Feuchtgebiete anerkannt sind. Die meisten von ihnen sind gleichzeitig als Naturschutzgebiete, Nationalparks oder Biosphärenreservate anerkannt. Die Gesamtfläche der deutschen Ramsar-Gebiete beträgt fast  870.000 Hektar, was der Größe des Saarlands entspricht.  Die Ramsar-Gebiete zeichnen sich durch eine große ökologische Vielfalt aus. Dafür sollen nachfolgend einige Beispiele gegeben werden. 

Das Wattenmeer, eine Gezeitenlandschaft mit einer großen Vielfalt von Pflanzen und Tieren

Wattenmeer in der Umgebung der Insel Neuwerk
Wattenmeer in der Umgebung der Insel Neuwerk, Foto: Ralf Roletschek, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons

Das deutsche Wattenmeer erstreckt sich entlang der Nordseeküste und reicht von der niederländischen bis zur dänischen Grenze. Niederländisches, deutsches und dänisches Wattenmeer sind gemeinsam als UNESCO Weltnaturerbe anerkannt. Das Wattenmeer ist gleichzeitig Ramsar-Gebiet.

 

Ebbe und Flut der Nordsee haben eine einzigartige Gezeitenlandschaft entstehen lassen. Die Wattflächen, bestehend aus Sand und Schlick,  werden bei jeder Flut überspült. Salzwiesen, Dünen und Strände bilden den Übergang zum Festland. In solch einem Lebensraum gedeihen spezialisiere Pflanzen und Tiere wie Seegras und der Wattwurm, die Kegelrobbe und die Muscheln. Bei jeder Wattwanderung lernen Touristen einen kleinen Ausschnitt aus der Flora und Fauna dieses Lebensraums kennen. Eine große Zahl von Vögeln schätzt das Angebot an Beutetiere, die besonders bei Ebbe im Wattenmeer zu finden sind.  Etwa 30 Vogelarten brüten auf Inseln und Halligen sowie auf den Salzwiesen, Stränden und Dünen. 

 

Auch die Zugvögel haben das Wattenmeer und die angrenzenden Dünen und Salzwiesen als willkommene Nahrungsquelle bei Zwischenstopps während ihrer Tausende Kilometer langen Reisen entdeckt. Die Zahl dieser gefiederten Besucher des Wattenmeers im Frühjahr und Herbst wird auf insgesamt bis zu zwölf Millionen geschätzt.

 

Es gab zunächst Widerstand gegen die Schaffung des Nationalparks Wattenmeer in der lokalen Bevölkerung. Die Kritik ist inzwischen weitgehend verstummt, allein schon deshalb, weil man erkannt hat, welche Bedeutung ein intaktes Wattenmeer für den Tourismus hat. Konflikte gibt es weiterhin darüber, ob Öl- und Gasvorkommen unter dem Wattenmeer ausgebeutet werden dürfen.

 

Der von Menschen verursachte Klimawandel stellt auch für das Wattenmeer eine Bedrohung dar.  Dazu steht auf der Website des Nationalparks Wattenmeer: "Der Klimawandel stellt das Wattenmeer vor eine existenzielle Herausforderung: Durch den Meeresspiegelanstieg werden weniger Wattflächen täglich trockenfallen und das Meer nagt an der Salzwiese. Werden die Wattflächen und Salzwiesen dadurch kleiner? Oder gelingt es dem Ökosystem, damit Schritt zu halten durch natürliches Aufsedimentieren? Unbeweidete Salzwiesen bremsen bei Überflutungen die Wellenenergie durch den hohen Aufwuchs und Ermöglichen dadurch das Ablagern der Sedimente im Wasser: So können sie in die Höhe wachsen. Wildnisentwicklung wird dadurch zur Lebensversicherung für den Lebensraum Wattenmeer."

 

Boddengewässer an der Ostseeküste

boddenlandschaft in Vorpommern
Bodden sind vom Meer abgetrent und haben eine eigene Gemeinschaft von Pflanzen und Tieren entwickelt. Foto: W. Bulach, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

Der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft ist der drittgrößte deutsche Nationalpark. Bodden sind flache Küstengewässer, die durch Inseln oder Landzungen vom Meer abgetrennt sind. Üblicherweise nennt man solche Gewässer Lagunen. Das in Mecklenburg gebräuchliche Wort Bodden kommt aus dem Niederdeutschen und bedeutet “Boden” oder “Grund”. Im Vergleich zur Ostsee besitzt das Wasser der Bodden einen deutlich geringeren Salzgehalt. Auch fehlt hier ein Seegang. Dafür zeichnen die Bodden sich durch einen erheblich größeren Nährstoffreichtum als die Ostsee aus. Zum Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung nach dem Ramsar-Abkommen gehören das Ostufer Zingst, die Westküste Rügens und Hiddensee. 

 

Die Bodden- und die angrenzende Insellandschaft besitzt so unterschiedliche Naturräume wie Salzwiesen, Schilfgürtel, Strände und Wälder. Unter der Wasseroberfläche befindet sich eine besonders üppige Unterwasservegetation, die die Lebensgrundlage für eine große Zahl unterschiedlicher Kleinstlebewesen bildet. Die großen Wasserflächen ohne nennenswerten Wellengang werden von vielen Zugvögeln geschätzt, unter anderem von bis zu 40.000 Graugänsen. Auch bis zu 40.000 Kraniche finden sich hier ein. 

 

Die Salzwiesen werden nur zeitweise vom Wasser der Bodden überflutet. Aufgrund des niedrigen Salzgehaltes dieses Wassers gedeihen in den Salzwiesen sowohl die typischen Salzgraspflanzen als auch manche Süßwasserpflanzen. Viele Vögel schätzen die Salzwiesen als Lebensraum. 

 

Charakteristisch für die Bodden sind ausgedehnte Röhrichte an den Ufern. Dort sind vor allem unterschiedliche Schilftypen zu finden. In der vielleicht etwas monoton wirkenden Schilflandschaft ist eine große Zahl von Tieren zu entdecken, darunter viele Brutvögel. 

 

Mehr Informationen über die Boddenlandschaft finden Sie auf der Website "Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft". 

 

Diepholzer Moorniederung

Wiedervernässung im Diepholzer Moor
Wiedervernässung im Diepholzer Moor. Foto: Muschelschubser, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons

 Die Diepholzer Moorniederung hat eine

Größe von 1.050 qkm. Davon ist allerdings nur noch knapp ein Viertel als Hochmoor mit einer Torfbodendichte von 30 cm anzusehen. Diese Hochmoorflächen verteilen sich auf 15 Moorgebiete.  Seit Jahrhunderten ist in der Region großflächig Torfabbau betrieben worden. In einzelnen Bereichen wird weiterhin Torf abgebaut.

 

Der gesamte Landschaftsraum hat sich durch eine starke Entwässerung und den Torfanbau stark verändert. Große Flächen werden inzwischen intensiv landwirtschaftlich genutzt, vor allem durch den Ackerbau. Die Landwirtschaft hat auch wesentlich zu den Nährstoffeinträgen in die Gewässer beigetragen. 

 

Größere Flächen in der Diepholzer Moorniederung, darunter Vogelschutzgebiete an den großen Binnenseen Dümmer und Steinhuder Meer, zählen zu den im Rahmen des Ramsar-Vertrages anerkannten Feuchtgebieten von internationaler Bedeutung.  Zur Anerkennung hat wesentlich beigetragen, dass es in dem ökologisch vielfältigen Gebiet zahlreiche Vögel zu finden sind, darunter drei Vogelarten,  die auf der Roten Liste stehen, also vom Aussterben bedroht sind. Viele Vögel nutzen die Moore als Brutgebiete oder als Rastplätze von Zugvögeln.  

 

In einigen Hochmoorgebieten wird durch Wiedervernässung der Versuch unternommen, die ursprüngliche Moorlandschaft wieder herzustellen.  Seit Anfang der 1980er Jahre engagiert sich der BUND für den praktischen Moorschutz in der Diepholzer Moorniederung, seit 2018 mit einer Ökologischen Station.  Die Umweltschutzorganisation arbeitet eng mit den staatlichen Naturschutzverwaltungen zusammen. Zu den Schwerpunkten der Arbeit gehört der Schutz bodenbrütender Vogelarten. 

 

In den letzten Jahr­hunderten sind auch die hiesigen Moore systematisch zerstört worden, um Torf zu gewinnen und landwirtschaftliche Nutzflächen zu schaffen. Von den ursprünglich 1,5 - 1,8 Millionen Hektar Moor­flächen in Deutschland sind nur noch 1 bis 2% in ihrem ursprünglichen Zustand intakt. Mehr als 90% der Moorflächen wurden trockengelegt. Dabei sind Moore nicht nur für die Tier- und Pflanzenwelt wichtig, sondern speichern auch sehr viel mehr CO2 als gleich große Waldgebiete. Die Wiedervernässung von Moorgebieten hat deshalb eine wachsende Bedeutung bei Programmen zur Begrenzung des Klimawandels. Die Fähigkeit der Moore, große Mengen Wasser auszunehmen, wird immer wichtiger angesichts von vermehrten Dürren und Überschwemmungen als Folge der Klimawandels.  

 

Mehr Informationen hierzu finden Sie im Mooratlas der Heinrich Böll Stiftung.  

 

Unterer Inn

Foto: Ewald Ehtreiber, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons
Foto: Ewald Ehtreiber, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

An Flussufern sind in Deutschland noch einige Auenwälder erhalten, die mühelos damit fertig werden, dass sie zeitweise meterhoch im Wasser stehen. Auch andere Feuchtwälder, etwa in Moorgebieten, gedeihen, auch wenn sie von Zeit zu Zeit „nasse Füße“ bekommen. Baumarten wie Erlen, Weiden und Pappeln sind in diesen Wäldern in großer Zahl zu finden. Es gibt eine Vielzahl von Pflanzen- und Tierarten, die sich den Lebensbedingungen im Feuchtwald ideal angepasst haben. So nistet zum Beispiel der Kranich gern in diesen Wäldern, und auch Moorfrösche und Ringelnattern kommen hier in großen Zahlen vor. Leider ist ein Großteil der Auwälder in Deutschland mit Entwässerungsmaßnahmen zerstört worden, um Land für den Ackerbau, für Fischteiche oder für eine unter kommerziellen Gesichtspunkten erfolgreiche Waldwirtschaft zu schaffen. Das trägt immer wieder dazu bei, dass starke Niederschläge zu Flutkatastrophen führen.

 

Auwälder am Unteren Inn

Ein bedeutendes Beispiel für diese Auswälder findet man am Unteren Inn zwischen Haiming und Neuhaus. Dieser Abschnitt des Inn war bereits im Mittelalter eine vielgenutzte Wasserstraße, blieb aber ein wildes Gewässer mit vielen Nebenarmen und Untiefen. Der Fluss nahm eine Breite von bis zu zehn Kilometern in Anspruch.  Die Schiffer benötigten Lotsen (damals "Wasserseher" genannt), um in dem Gewirr von Flussarmen den richtigen Weg an ihr Ziel zu finden. Für Pflanzen und Tiere waren die Auwälder des Flussbetts ein geschätzter Lebensraum.

 

Wie vorher schon andere Flüsse, hat man den Unteren Inn von 1862 an zwischen Dämme gezwängt und so besser schiffbar gemacht. Dies geschah in Zusammenarbeit der Regierungen von Bayern und Österreich, denn der Untere Inn ist ein Grenzfluss. Im Nachhinein erwies es sich als Segen, dass sich die aufwendigen Wasserbaumaßnahmen bis 1930 hinzogen. Denn so blieb noch etwas vom ursprünglichen Naturraum des Unteren Inn übrig, als man sich entschloss, diesen Teil des Flusses für eine Kette von Flusskraftwerken zu nutzen.

 

Es entstanden von 1938 an vier große Kraftwerke mit Stauseen, an deren Ufern teilweise noch erhalten gebliebene Auwälder und Schilfgürtel eine neue Heimat fanden. In den Flachwasserzonen der Stauseen, wo sich Sedimente ablagerten, siedelten sich viele Würmer und Insekten an, was dann auch viele Vögel anlockte.  Auch Zugvögel machen hier gern Rast. Sie schätzen auch die bis zu drei Kilometer breiten Stauseen. Die Stauseen gehören inzwischen zu den wichtigsten "Drehscheiben" im internationalen Vogelzug zwischen Europa, Afrika und Asien. Manche Kormorane und andere Zugvögel verbringen den Winter inzwischen am Unteren Inn, statt wie früher weiterzufliegen. Zeitweise können pro Tag 20.000 Vögel gezählt werden. Mehr als 300 Vogelarten konnten gesichtet werden. Im Sommer können Besucherinnen und Besucher zum Beispiel auch etwa 800 Schmetterlingsarten entdecken. 

 

1996 wurde ein bayerisches Gebiet am Unteren Inn auf einer Länge von 55 Flusskilometern im Rahmen der Ramsar-Konvention als Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung anerkannt. Auch das angrenzende österreichische Naturschutzgebiet erhielt diesen Status. Beiden Schutzgebiete gemeinsam ist der Titel "Europareservat Unterer Inn" verliehen worden. Seit einigen Jahren werden umfassende Renaturierungsprogramme umgesetzt.

 

Auf beiden Seiten des Grenzflusses Inn sind Umweltbildungszentren eröffnet worden. Sie helfen Gästen, eine einmalige Fluss- und Auwaldregion zu entdecken, die durch den Bau von Flusskraftwerken und einer allmählichen Verlandung der Stauseen in etwas veränderter Form erhalten geblieben sind.  

© Frank Kürschner-Pelkmann