Patrice Lumumba – der nie gesühnte Mord an einem Freiheitskämpfer des Kongo

Porträt von Premierminister Lumumba
Offizielles Porträt von Premierminister Lumumba im Jahr 1960 Foto: unknown, Republic of the Congo (Léopoldville) government, Public domain, via Wikimedia Commons

Der letzte Täter ist verstorben und die politische Vertuschung erfolgreich abgeschlossen

 

Die Tragödie begann dramatisch und endete juristisch vor einigen Wochen kaum beachtet. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang war vertuscht worden, warum und wie Patrice Lumumba im Januar 1961 ermordet wurde. Dank der Verschleppungstaktik von belgischer Regierung und Justiz blieben die Täter und Hintermänner straffrei. Ende 2025 lebte von den Tätern nur Étienne Davignon. Er war als Diplomat im Kongo in die Ermordung Lumumbas verwickelt gewesen.

 

Das verhinderte nicht, dass er danach politisch Karriere machte und zum Vizepräsidenten der EU-Kommission aufstieg. Später war er als Geschäftsmann u. a. Vorstandsvorsitzender des umstrittenen Bergbaukonzerns „Union Minière“. Gegen ihn wurde erst mit 65 Jahren Verspätung am 17. März 2026 Anklage erhoben. Er starb am 18. Mai 2026 im Alter von 93 Jahren, bevor sein Prozess begonnen hatte. Dass niemand für die Verbrechen bestraft wurde, ist Grund genug, an die Hintergründe der Ermordung von Patrice Lumumba zu erinnern und ebenso an die deutsch-deutschen Reaktionen auf diesen Mord.

 

Das Ende der belgischen Kolonialherrschaft

Ihren Anfang nahm die Tragödie am 30. Juni 1960, dem Tag der Unabhängigkeit des Kongo. König Baudouin und viele Belgier wollten nicht wahrhaben, was an diesem Tag stattfand: das Ende einer durch Verbrechen und Ausbeutung geprägten belgischen Kolonialherrschaft. Der belgische König Leopold II. hatte von 1885 an das riesige Land als Privatkolonie ausgeplündert und die Einheimischen auf brutalste Weise unterdrückt. Die „Kongogräuel“ forderten wahrscheinlich mehreren Millionen Tote. Leopold II. wurde 1908 gezwungen, die Kolonie an den belgischen Staat zu übertragen. Belgische Unternehmen wie der Bergbaukonzern „Union Minière“ beuteten danach noch systematischer die riesigen Rohstoffvorkommen des Landes wie Kupfer und Gold aus.

 

König Baudouin und seine Berater nahmen 1960 nicht wahr, mit welchen Gefühlen die Kongolesen auf die belgische Herrschaft zurückblickten. So fuhr der König am Unabhängigkeitstag im offenen Wagen durch die kongolesische Hauptstadt Leopoldville, aber der Jubel der Einheimischen blieb aus. Ein Kongolese entriss dem Monarchen den Säbel und streckte ihn triumphierend in die Höhe. Diese Szene wurde zu einem Symbol für das Ende des Kolonialismus.

 

König Baudouin hielt an diesem Tag eine Ansprache im Parlament des Kongo. Wahrscheinlich war es schiere Ignoranz, die den König zu Sätzen wie diesen veranlasste: „Die Unabhängigkeit des Kongo ist der Abschluss der Arbeit, die König Leopold II. mit Weitsicht und ausdauerndem Mut begann und die Belgien beharrlich fortgeführt hat ... Wir sind glücklich, trotz größter Schwierigkeiten dem Kongo bis heute die Dinge gegeben zu haben, die das Land auf eine eigenständige Entwicklung vorbereiteten.“ Vielleicht hätten die politischen Führer des neuen Kongo diese Sätze noch hingenommen, aber dann fuhr der König fort: „Es ist nun an Ihnen, meine Herren, zu beweisen, dass wir recht hatten, als wir unser Vertrauen auf Sie gesetzt haben.“ Daran schloss er eine Reihe „guter Ratschläge“ an.

 

Lumumbas Ansprache bei der Unabhägigkeitsfeier

Unterzeichnung des Unabhängigkeitsdokuments
Unterzeichnung des Dokuments, durch das der Kongo seine Unabhängigkeit erhielt, durch Patrice Lumumba, neben ihm der belgische Premierminister Eyskens. Foto: unknown, Congopresse, Public domain, via Wikimedia Commons

Der neu gewählte Premierminister Patrice Lumumba, den die Belgier vorher wegen seines Eintretens für die Unabhängigkeit ins Gefängnis geworfen und gefoltert hatten, war zutiefst empört und verletzt. Entgegen den vorherigen Absprachen ging er ans Mikrofon und hielt spontan eine Rede. Er betonte, dass die Kongolesen nicht vergessen würden, dass sie ihre Unabhängigkeit im Kampf gewonnen hatten: „Wir sind stolz auf diesen Kampf, die Tränen, das Feuer und das Blut, bis in die Tiefen unseres Seins, denn es war ein nobler und gerechter Kampf, und unentbehrlich, um der erniedrigenden Sklaverei, die uns mit Gewalt aufgedrückt wurde, ein Ende zu bereiten.“ Besonders belgische Wirtschaftsvertreter hörten beunruhigt, wie Lumumba das Land und seine Bodenschätze für die Kongolesen reklamierte.

 

Als Vision für den Kongo verkündete Lumumba: „Wir werden nicht mit dem Frieden der Gewehre und Bajonette regieren, sondern mit einem Frieden des Herzens und des Wollens.“ Kaum hatte er seine Rede beendet, stürzte Baudouin wütend aus dem Saal. Danach waren sich die Regierungen Belgiens und der USA sowie internationale Konzerne rasch einig, dass Lumumba entmachtet und bei Bedarf ermordet werden musste.

 

Die völlig unzureichende Vorbereitung des Kongo auf die Unabhängigkeit durch die belgischen Kolonialherren

Der Rebellenführer von Katanga, Moise Tshombé.
Der Rebellenführer von Katanga, Moise Tshombé. Foto: See Wikimendia page for author, Public domain, via Wikimedia Commons

Belgien hatte seine Kolonie überhaupt nicht auf die Unabhängigkeit vorbereitet und gab seine Herrschaft dann in aller Eile auf. Lediglich 30 Einheimische hatten einen Hochschulabschluss, im Staatsdienst hatten nur drei Einheimische etwas höhere Positionen erlangt und in der Armee war kein einziger einheimischer Offizier zu finden. Erschwerend kam hinzu, dass die belgische Regierung und belgische Konzerne wie „Union Minière“ ihren beherrschenden Einfluss auf das Land auch nach einer formalen Unabhängigkeit beibehalten wollten.

 

Die belgische Offiziere weigerten sich nach der Unabhängigkeitsfeier, einheimische Offiziere für die Armee zu ernennen. Daraufhin kam zu vereinzelten bewaffneter Auseinandersetzungen, was eine Flucht Tausender Belgier aus dem Kongo auslöste. Es gab aber keine Einheimischen, die ausgebildet waren, die vakanten Stellen in Verwaltung und Wirtschaft zu übernehmen.

 

Um eigene Wirtschaftsinteressen zu sichern, entschloss sich Belgien, die Sezession des rohstoffreichen Katanga im Südosten des Kongo voranzutreiben. Am 11. Juli 1960 verkündete Moise Tshombé in Absprache mit der belgischen Regierung, die Unabhängigkeit Katangas. Die Rebellen verteidigten belgische Wirtschaftsinteressen und Belgien entsandte Soldaten zu ihrer Unterstützung. Lumumba fürchtete zu Recht einen Zerfall des Landes. Auch konnte er nicht hinnehmen, dass die größten Reichtümer des Landes unter Kontrolle der „Union Minière“ und einer Separatistenbewegung zu Belgiens Gnaden blieben.

 

Lumumba versuchte, die US-Regierung für eine Unterstützung im Kampf gegen die Rebellen zu gewinnen. Sie lehnte ab, schon deshalb, weil auch US-Konzerne an der Ausbeutung der Rohstoffe in Katanga beteiligt waren. Auch andere westliche Hilfe blieb aus. Lumumba hatte bereits kurz vor der Unabhängigkeit 1960 Wetzlar besucht, um deutsche Unternehmen und Politiker für ein Engagement im Kongo zu gewinnen, allerdings ohne greifbare Erfolge.

 

Ein Mord mit ausländischen Drahtziehern

Der verhaftete Patrice Lumumba
Das letzte Foto des verhafteten Patrice Lumumba und seiner Begleiter vor ihrer Ermordung. Foto: See Wikimedia page for author, Public domain, via Wikimedia Commons

Als Lumumba nun die Sowjetunion um Hilfe bat, löste das im Westen Empörung aus. Der kongolesische Premierminister wurde als Kommunist gebrandmarkt. Ein CIA-Agent brachte Gift für seine Ermordung in den Kongo, das aber aus nicht geklärten Gründen nicht zum Einsatz kam. Um einen sowjetischen Brückenkopf in Afrika zu verhindern, stimmten die westlichen Staaten einer UN-Mission für den Kongo zu. Im August 1960 entsandten die UNO erste Soldaten, aber die taten lange nichts, um die Sezession zu beenden.

 

Zielstrebig setzten die Regierungen Belgiens und der USA ihre Pläne um, Lumumba auszuschalten. Am 5. September 1960 erklärte Staatspräsident Kasavubu auf Betreiben der belgischen Regierung den Premierminister für abgesetzt. Im Gegenzug verkündete Lumumba die Entlassung Kasavubus. Drei Tages später gewann Lumumba eine Vertrauensabstimmung im Parlament. Aber Kasavubu erkannte die Abstimmung nicht an und löste das Parlament auf. Joseph Mobutu, der gerade ernannte Generalstabschef der Armee, nutzte die Situation am 14. September 1960 für einen Putsch mit Unterstützung der USA. Er machte sich zum Diktator des Landes.

 

Lumumba wurde unter Hausarrest gestellt, konnte aber Ende November 1960 aus Leopoldville fliehen. Allerdings wurde er von Soldaten Mobutus festgenommen und am 13. Januar 1961 an die Rebellenregierung in Katanga überstellt, was einem Todesurteil gleichkam. Lumumba wurde in Katanga brutal gefoltert und am 17. Januar 1961 unter Mitwirkung einiger belgischer Militärs erschossen. Einer der wichtigsten Verbindungspersonen der belgischen Regierung in Kongo war in diesen dramatischen Monaten der junge Diplomat Étienne Davignon. Er übernahm eine aktive Rolle beim Sturz der demokratisch gewählten Regierung des Kongo und bei der Ermordung Lumumbas. Er wurde deshalb im März 2026 unter dem Vorwurf des Kriegsverbrechens in Brüssel angeklagt. Sein Tod hatte die Konsequenz, dass das Verfahren eingestellt wurde. Die belgische Regierung hat bisher lediglich eine „moralische Verantwortung“ für das damalige Geschehen anerkannt, ohne eine Entschädigung an den Kongo zu zahlen.

  

Lumumba-Denkmal in Kinshasa
Lumumba-Denkmal in Kinshasa. Das Denkmal konnte erst nach dem Sturz des Diktators Mobutu errichtet werden, der am Mord an Lumumba beteiligt war. Foto: MONUSCO Photos, CC BY-SA 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0>, via Wikimedia Commons

Deutsche Reaktionen auf den Mord

Lumumba-Denkmal in Leipzig. Foto: LIU, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons
Lumumba-Denkmal in Leipzig. Foto: LIU, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons

Mitten im Kalten Krieg waren die Reaktionen auf den Mord an Lumumba in BRD und DDR extrem unterschiedlich. In der DDR wurden in Städten wie Leipzig, Magdeburg und Dresden Straßen nach Lumumba benannt. Außerdem wurde vor einem Universitätsgebäude in Leipzig ein Lumumba-Denkmal aufgestellt. An den Geburts- und Todestagen des Freiheitskämpfers fanden dort offizielle Gedenkveranstaltungen statt. Das Denkmal wurde 1997 geschändet und die Büste gestohlen. Danach geschah jahrelang nichts mit den Resten des Denkmals. Es bedurfte einer hartnäckigen privaten Initiative, um das Denkmal neu zu errichten und im Januar 2010 einzuweihen. In Berlin steht seit 2013 am Garnisonskirchplatz eine Bronzebüste Lumumbas.

  

Im Westen sprachen Anfang der 1960er Jahre viele Medien von „Kongo-Wirren“ und vom Kommunisten Lumumba, dem „Negerpremier“. Der Kongo galt als Beispiel dafür, dass sich die Afrikaner nicht selbst regieren konnten. Westdeutschen Konzerne nutzten die Möglichkeit, im unabhängigen, aber vom Westen abhängigen Kongo glänzende Geschäfte zu machen. Zwar mussten sie beträchtliche Bestechungsgelder an den Diktator Mobutu und seine Gefolgsleute zahlen, aber danach war es ihnen zum Beispiel möglich, ungehindert große Regenwaldgebiete abzuholzen.

 

Zu den politischen Freunden Mobutus gehörte Franz Josef Strauß, der sich auch für Investitionen im Kongo einsetzte. Straßen in Erinnerung an Patrice Lumumba gibt es in Westdeutschland nicht. Eine makabre „Ehrung“ Lumumbas: Ein Getränk erhielt Anfang der 1960er Jahre seinen Namen. Neben Kakao enthält es einen „Schuss“ Rum. Es dauerte bis in die 2020er Jahre, bevor Proteste dazu führten, dass vor allem bei Weihnachtsmärkten und Stadtfesten das Getränk andere Namen als „Lumumba“ erhielt. 

 

© Frank Kürschner-Pelkmann