Louis-Nicolas Davout wird 1811 "Generalgouverneur der Elbmündung“

Cover des Buches "Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 920 Seiten ISBN 978-3-384-05017-5, 38 Euro

 

Am 19. November 1806 besetzten französische Truppen Hamburg. Eine Gegenwehr erfolgte nicht. Sie wäre auch sinnlos gewesen, wo sich schon Preußen und Österreich nicht gegen Napoleon durchsetzen konnten. Eine weitere schlechte Nachricht folgte zwei Tage später: Napoleon verhängte eine Kontinentalsperre gegen England und brachte damit den Außenhandel über den Hamburger Hafen zum Erliegen. Alle britischen Waren in der Hansestadt wurden konfisziert, und viele bedeutenden Handelshäusern mussten Konkurs anmelden. Von der Wirtschaftskrise waren vor allem die Armen betroffen, die ihre Arbeit verloren und unter der Teuerung litten. Nur der Schmuggel von und nach Altona und Wandsbek half beim harten Überlebenskampf.

 

Hamburg wurde zunächst als ein Territorium behandelt, das zur Durchsetzung der Kontinentalsperre besetzt worden war, aber nicht als erobert galt. Das politische System der Stadt blieb in dieser Phase bestehen, auch wenn die Franzosen das Sagen hatten. Schrittweise führten die neuen Herren aber die französischen Gesetze ein, und im Januar 1811 erfolgte die Eingliederung Hamburgs in das Kaiserreich. Das war Teil der Strategie Napoleons, einen kontinentaleuropäischen Wirtschaftsraum unter französischer Kontrolle zu schaffen, was auch dem besseren Absatz französischer Manufakturwaren dienen sollte.

  

Der Aufstieg Davouts zum Marschall

Außerdem war die Region um Hamburg als Aufmarschraum für den geplanten Feldzug gegen Russland vorgesehen. Das erklärt auch, warum Napoleon 1811 keinen zivilen Verwaltungsfachmann, sondern seinen hoch dekorierten Marschall Louis-Nicolas Davout zum Generalgouverneur des „Departements der Elbmündung“ ernannte. Sitz seines Oberkommandos war Hamburg.

 

Louis-Nicolas Davout hatte bereits eine bewegte Karriere als Offizier vorzuweisen, als er nach Hamburg kam. Geboren wurde er am 10. Mai 1770. Seine Eltern gehörten einer angesehenen adligen Familie an, und so konnte es nicht überraschen, dass er Offizier werden wollte. 1788 stand er noch ganz am Anfang einer militärischen Karriere mit dem Rang eines Unterleutnants der königlichen Kavallerie. Als die Französische Revolution ausbrach, schloss Davout sich begeistert den Aufständischen an und stieg 1791 zum Chef eines Freiwilligenbataillons auf. Er kämpfte gegen die österreichisch-preußische Koalition und trug erheblich zu den französischen Siegen bei, wäre aber trotzdem beinahe von den radikalen Jakobinern verhaftet und hingerichtet worden. Stattdessen ernannte die Regierung ihn 1793 zum Brigadegeneral.

 

Kurz darauf schien der militärische Aufstieg Davouts erneut ein abruptes Ende zu finden, denn die radikalen Kräfte unter den Jakobinern setzten durch, dass alle ehemaligen Adligen aus der Armee ausgeschlossen wurden. Nur vorübergehend, wie sich bald zeigte, denn nach dem Sturz Robespierres konnte Davout 1794 mit dem gleichen Dienstgrad in die Armee zurückkehren und nahm erneut an den Kämpfen gegen die Koalitionstruppen teil. Er geriet in Mannheim in Gefangenschaft, und wieder hatte er Glück, denn er wurde nach einigen Monaten ausgetauscht, nahm an den weiteren Kämpfen teil und erhielt für seinen Einsatz erneut eine Auszeichnung.

 

Anschließend kämpfte er unter seinem früheren Mitschüler Bonaparte in Italien und war als Kavalleriegeneral am Ägypten-Feldzug beteiligt. Er stieg weiter auf, und als Bonaparte sich als Napoleon I. zum Kaiser krönen ließ, ernannte er Davout zum Marschall und Befehlshaber der kaiserlichen Garde.

 

Die Vorbereitung des Russland-Feldzug Napoleons

Von 1811 an bereitete Davout von Norddeutschland aus den Feldzug gegen Russland vor. Parallel dazu wurde die Region systematisch in das Kaiserreich integriert. Die Übernahme französischer Gesetze und Verwaltungsstrukturen hatte positive Auswirkungen in Hamburg. So erlangten die nicht-lutherischen Christen und die Juden eine Gleichstellung mit den lutherischen Gläubigen, ebenso sorgten Reformen für eine wirkungsvollere Justiz und Verwaltung. Die Gerichte wurden unabhängig von der Verwaltung, und es entstanden Geschworenengerichte für Strafprozesse. Unter der französischen Militärherrschaft standen die offiziell zugestandenen individuellen Freiheitsrechte zwar nur auf dem Papier, aber ihre Einführung war dennoch ein wichtiger Schritt auf dem Wege zu einem Rechtsstaat. Viele Reformen der französischen Besatzer wurden allerdings nach deren Abzug wieder zurückgenommen.

 

Im März 1812 verließ Davout mit einem Großteil seiner Truppen Hamburg, um an Napoleons Feldzug gegen Russland teilzunehmen. Offiziell blieb er Generalgouverneur. In seiner Abwesenheit zogen sich die französischen Truppen im März 1813 – zum Zorn Napoleons - vor den heranrückenden russischen Truppen unter Friedrich Karl von Tettenborn aus Hamburg zurück. Die Hamburgerinnen und Hamburger begrüßten die russischen Truppen begeistert als Befreier. Allerdings blieben sie nur einige Wochen und zogen sich angesichts einer anrückenden französischen Streitmacht unter Davout aus der Stadt zurück, wobei von Tettenborn noch Zeit fand, zahlreiche Wagen mit Besitztümern, die er sich in Hamburg angeeignet hatte, in Sicherheit zu bringen.

 

Mit seinen nach der Niederlage in Russland dezimierten Armee von etwas mehr als 40.000 Soldaten rückte Davout am 30. Mai 1813 in Hamburg ein. Etwa 8.000 seiner Soldaten waren Verletzte. Wegen der Unterstützung der russischen Truppen unter Tettenborn belegte Davout Hamburg mit einer hohen Strafzahlung. Als die Stadt das Geld nicht aufbringen konnte, ließ er die Silbervorräte und Barbestände der „Hamburger Bank“ plündern. Davout musste, wollte er nicht bei Napoleon in Ungnade fallen, um jeden Preis die Stadt Hamburg verteidigen – und den Preis dafür zahlten die Hamburgerinnen und Hamburger, vor allem die armen Familien.

  

Die Vorbereitungen der Franzosen auf die drohende Belagerung Hamburgs

Nach der verlorenen Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 musste Davout mit einer baldigen Belagerung Hamburgs durch starke gegnerische Truppen rechnen. Er ließ die ein Jahrzehnt zuvor beseitigten militärischen Wallanlagen erneuern und setzte dafür einheimische Zwangsarbeiter ein. Harburg wurde in die Festungsanlage einbe­zogen. Um ein freies Schussfeld zu erhalten, ließ Davout viele Häuser in den Vorstädten wie St. Pauli und St. Georg niederbrennen.

 

Die Unterbringung der Pferde in Kirchen verurteilte die Bevölkerung als Willkürakt. Aber besonders die Vertreibung von etwa 30.000 Einwohnern aus der Stadt mitten im eisig kalten Winter hat sich im kollektiven Gedächtnis der Stadt eingebrannt. Davout hatte die Bevölkerung aufgefordert, sich angesichts der drohenden Belagerung mit ausreichend Lebensmitteln zu versorgen. Wer es nicht geschafft hatte, ausreichend Korn, Mehl und Gemüse für die Zeit bis zum nächsten Juli einzulagern, wurde Ende Dezember 1813 gnadenlos aus der Stadt vertrieben. Die meisten der Vertriebenen fanden Zuflucht in Altona, Wandsbek und weiteren Orten in Holstein. Weit mehr als 1.000 Vertriebene starben an Hunger und Unterkühlung. Für sie wurde ein Gedenkstein in Planten un Blomen aufgestellt.  

  

Die Verteidigung Hamburgs und die Folgen der Niederlage Napoleons

Es gelang Davout, Hamburg gegen die Angriffe der alliierten Truppen zu verteidigen und sogar noch zwei Monate nach der Kapitulation Frankreichs zu halten. Ende Mai 1814 verließ seine geschwächte und dezimierte Truppe die Hansestadt und kehrte nach Frankreich zurück. Hamburg war die letzte Stadt, die sich unter der Kontrolle der napoleonischen Truppen befunden hatte. In Frankreich klagte man Davout wegen seiner drakonischen Maßnahmen bei der Verteidigung Hamburgs an, er habe damit den Ruf Frankreichs geschädigt. Dagegen setzte er sich mit einer Verteidigungsschrift zur Wehr. Als Napoleon im Februar 1815 aus Elba geflüchtet und nach Paris zurückgekehrt war, machte er seinen verdienten Marschall Davout zum Kriegsminister.

 

Nach der Schlacht von Waterloo verlor er diesen Posten wieder, und im Juni 1816 verbannte ihn Ludwig XVIII. ins Exil. Aber er schaffte es nach einigen Jahren, rehabilitiert und erneut zum Marschall ernannt zu werden. 1822 wählte man ihn zum Bürgermeister der Stadt Savigny. Er starb am 1. Juni 1823. In Hamburg blieb er als brutaler Unterdrücker in Erinnerung, in Frankreich ist sein Name ehrenvoll am Triumphbogen in Paris zu lesen. Er hatte es immer wieder geschafft, aus Krisen, die andere aufs Schafott geführt hätten, gestärkt hervorzugehen. 

   

Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte

  

 

© Frank Kürschner-Pelkmann