1837 - Betty Heine, der Tod der Ehefrau des reichen Bankiers Salomon Heine

Cover des Buches "Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 920 Seiten ISBN 978-3-384-05017-5 38 Euro

Beinahe wäre Betty Heine, die Ehefrau von Salomon Heine, bei der Vergabe Hamburger Straßennamen leer ausgegangen und das durch eine behördliche Panne. Es war vorgesehen, eine Straße neben dem früheren Betty-Heine-Stift nach ihr zu benennen. Dann kam es aber zu einer Verwechslung, und plötzlich machten die Behörden 2019 die Mutter Heinrich Heines, die auch Betty Heine hieß, zur Namensgeberin des Betty-Heine-Stiegs. Im Juni 2020 wurde dieser Fehler korrigiert, sodass der Stieg nun wie ursprünglich schon vorgesehen an Salomon Heines Frau erinnert.

 

Die am 25. September 1777 in Hamburg geborene Betty Goldschmidt gehörte einer wohlhabenden jüdischen Familie der Stadt an. Im Alter von 17 Jahren heiratete sie 1794 den zehn Jahre älteren Bankier Salomon Heine, der damals bereits auf dem Weg zu einer Karriere als Bankier und einem großen Vermögen war. Es war eine glückliche Ehe, obwohl Betty häufig unter den plötzlichen Wutausbrüchen ihres Mannes auch gegenüber Besuchern litt und sich um einen ausgleichenden Einfluss bemühen musste.

 

Susanne Wiborg schreibt in ihrem Salomon Heine-Buch über Betty Heine: „Sie wird als freundlich, geduldig und gutmütig beschrieben – Eigenschaften, die sie im Zusammenleben mit Salomon ganz sicher dringend gebraucht hatte.“ Heinrich Heine < hat seine Tante geliebt und schickte ihr seine neuen Bücher zu. Auch ein Geburtstagsgedicht hat er ihr gewidmet. Nach ihrem Tod sandte er seinem Onkel ein Kondolenzschreiben, „eigentlich nur, um das Andenken einer Frau zu ehren, die wie eine gütige Fee aus allen Erinnerungen meiner Jugend mir beständig entgegenlächelt …“.

 

Von den neun Kindern Bettys starben drei bereits im Kindesalter, vier weitere starben, bevor sie 40 Jahre alt wurden. In die Literaturgeschichte eingegangen ist die Töchter Amalia und dann Therese, die die Avancen ihres Verwandten Heinrich Heine zurückwiesen. Therese heiratete den Juristen Dr. Adolph Halle, was den Dichter in tiefen Liebeskummer stürzte. Salomon Heines Sohn Carl übernahm nach dem Tod des Vaters die Leitung der Bank und stellte ebenfalls große Beträge für wohltätige und kulturelle Zwecke zur Verfügung.

 

Anders als viele andere wirtschaftlich erfolgreiche jüdische Familien lehnten Betty und Salomon Heine es entschieden ab, ihren gesellschaftlichen Aufstieg durch einen Religionswechsel zu erleichtern. Sie blieben ihrem jüdischen Glauben treu. 1818 traten sie dem liberalen Neuen Israelitischen Tempel-Verein bei. Betty Heine starb am 15. Januar 1837 mit 59 Jahren. Ihr plötzlicher Tod stürzte ihren Mann in eine tiefe seelische Krise.

 

Das Israelitische Krankenhaus - in Erinnerung an Betty Heine

Zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau schrieb er seinem Neffen Heinrich: „Den 15. Jan. wird es Zwey Jahr, daß mein Glück zur Erde gegangen, meine Nächte sind fürchterlich genug, was helft schreiben und klagen, der Mann mus allein tragen können.“ Als die Jüdische Gemeinde an der Simon-von-Utrecht-Straße ein Krankenhaus bauen wollte, sah der Bankier eine Gelegenheit, die Erinnerung an seine Frau wachzuhalten.

 

Das Israelitischen Krankenhaus an der Simon-von-Utrecht-Straße ist ein Kleinod. Der schöne weiße Bau ist eines der wichtigsten historischen Zeugnisse jüdischer Geschichte in Hamburg. Als die Stadt das Gebiet um die heutige Simon-von-Utrecht-Straße bebauen wollte, zählte auch die Deutsch-Israelitische Gemeinde zu den Interessenten an einem Grundstück. Sie benötigte dringend ein neues Krankenhaus, denn das bestehende jüdische Hospital war feucht und viel zu klein. Die Stadt verpachtete das Gelände für einen minimalen Betrag.

 

Der jüdische Bankier Salomon Heine stiftete 1839 einen großen Geldbetrag für den Bau des Krankenhauses mit der Auflage, dass an der Fassade deutlich sichtbar werden müsse, dass seine Schenkung zu Ehren seiner verstorbenen Frau Betty erfolgte. Sein Wahlspruch auch bei dieser Schenkung lautete: „Menschenliebe ist die Krone aller Tugenden.“ Diese Menschenliebe kannte für Heine keine religiösen Barrieren, und so war es für ihn ganz selbstverständlich, dass das Krankenhaus auch Christen offenstehen sollte. Im Giebelfeld des Gebäudes wurde die Schrift angebracht: „Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde, der sel. Betty Heine zum Andenken erbaut von ihrem Gatten Salomon Heine Ao. 1841.“ Das Haus hieß zunächst Betty-Heine-Stift, später dann Israelitisches Krankenhaus.

 

Dank der Schenkung Heines konnte ein stattliches Gebäude mit einer beeindruckenden Fassade und hellen, nach Süden ausgerichteten Krankenzimmern mit insgesamt 80 Betten erbaut werden. Für die Patienten legte man einen schönen Garten an. Um die Verbindung von religiösem Heil und körperlicher Heilung zu gewährleisten, wurde koscher gekocht und an hervorgehobener Stelle über dem Haupteingang ein Betsaal eingerichtet.

 

Das Krankenhaus strahlte das neu gewonnene Selbstbewusstsein der Juden in Hamburg aus. Allerdings, noch war der Weg zur Gleichberechtigung nicht vollendet. Als Heinrich Heine ein Lobgedicht auf den Stifter schrieb, ließ er es mit diesen Zeilen beginnen:

 

    Ein Hospital für arme, kranke Juden,

Für Menschenkinder, welche dreyfach elend,

Behaftet mit drei bösen Gebresten,

Mit Armut, Körperschmerz und Judentume!

 

Das moderne und recht komfortable Krankenhaus konnte nur betrieben werden, weil Salomon Heine und später sein Sohn Carl großzügig Mittel für den laufenden Betrieb zur Verfügung stellten. Dank dieser und anderer Zuwendungen war es auch möglich, das Krankenhaus in den folgenden Jahrzehnten zu erweitern und zu modernisieren, sodass es schließlich 300 Betten besaß und auch unter den Hamburgerinnen und Hamburgern christlichen Glaubens ein hohes Ansehen genoss. 1939 wurde das Gebäude enteignet.

  

 

Anfang der 1960er Jahre wurde das Israelitische Krankenhaus an anderer Stelle neu erbaut. Das historische Gebäude wird heute von Behörden genutzt. Der Betsaal, der Betty-Heine-Saal, ist restauriert worden. Ein Gemälde von Betty Heine hat die Jüdische Gemeinde als Dauerleihgabe dem Heine-Haus übergeben, das sich im früheren Gartenhaus der Familie Heine an der Elbchaussee befindet. 

 

Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte

 

© Frank Kürschner-Pelkmann