1843 – Alexis de Chateauneuf plant die Alsterarkaden als Kleinod des neuen Hamburg

Cover des Buches "Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 920 Seiten ISBN 978-3-384-05017-5 38 Euro

Sie sind ein Schmuckstück des Städtebaus in Hamburg, die Alsterarkaden, und erinnern mit ihren Rundbögen an die Bauten der italienischen Renaissance. Diese Arkaden und die dazugehörigen fünfgeschossigen Geschäftshäuser sind ein Blickfang, wenn man vom Rathausmarkt Richtung Jungfernstieg blickt. In der Mitte der Arkaden entstand eine kleine Passage mit Geschäften, die eine Verbindung zum Neuen Wall schafft. Es ist die älteste Einkaufspassage der Stadt. Der Rathausmarkt, die Anlage der Kleinen Alster und die Arkaden wurden vom Architekten Chateauneuf als Ensemble konzipiert und wecken Erinnerungen an den Markusplatz in Venedig. Der Architekt Gottfried Semper sprach von einem „Venedig des Nordens“ in Hamburg.

 

Alexis de Chateauneuf kam am 18. Februar 1799 in Hamburg zur Welt. Der adlige Vater war nach dem Ausbruch der Französischen Revolution in die Hansestadt geflüchtet, wo sich bald eine größere französische Kolonie bildete. Der Vater war früher französischer Generalkonsul in Tunis und Gesandter seines Landes in Genf gewesen, nun versuchte er, als Buchhändler den Lebensunterhalt seiner Familie zu bestreiten. Er heiratete die Hamburgerin Marie Elisabeth Schniebes. Als der Vater starb, war der Sohn Alexis nicht einmal ein halbes Jahr alt. Seine Mutter Marie Elisabeth heiratete erneut und zwar den Drucker und Verleger Johann August Meissner.

 

Der Sohn wollte Architekt werden, machte nach dem Abschluss der Schule eine Zimmererlehre und besuchte parallel die Abendschule des Stadtbaumeisters Carl Ludwig Wimmel. Von 1818 bis 1922 absolvierte er ein Architekturstudium in Karlsruhe und unternahm mehrere Studienreisen, u. a. nach Italien. Gleich nach dem Studienabschluss bewarb sich der 22-Jährige um einen prestigeträchtigen Auftrag und reichte einen Entwurf für die geplante Singakademie in Berlin ein. Er trat damit in Konkurrenz zu dem be­kannten Architekten Karl Friedrich Schinkel, der nicht zögerte, den Entwurf des Neuankömmlings heftig zu kritisieren. Am Ende bekam keiner der beiden den Auftrag. Sie befreundeten sich später trotzdem.

 

Chateauneuf ließ sich nun als selbstständiger Architekt in Hamburg nieder und erhielt zunächst vor allem Aufträge für Privathäuser, zum Beispiel 1826 für das Haus der Senatorenfamilie Hudtwalcker. Während damals vor allem verputzte Häuser gebaut wurden, entschieden sich Chateauneuf und seine Auftraggeber für einen unverputzten Backsteinbau. Der Neubau an der ABC-Straße löste heftige Debatten in der Stadt aus. Der Architekt errichtete trotz aller Anfeindungen weitere Backsteingebäude und hat damit wesentlich zur Wiederbelebung der Backsteinkunst in Hamburg beigetragen. Es ging ihm darum, die „Wahrheit“ des Baumaterials sichtbar werden zu lassen.

 

Der Weg zum Erfolg war mühsam, und Chateauneuf erhielt zunächst vor allem kleinere Aufträge, so für den Bau des Torhauses für den Friedhof in Bad Oldesloe. 1827 kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung mit seinem früheren Lehrer, dem Stadtbaumeister Wimmel. Die Gelehrtenschule Johanneum sollte ein neues Gebäude auf dem Gelände des zwei Jahrzehnte zuvor abgerissenen Doms im Zentrum der Stadt erhalten. Der Entwurf Chateauneufs wurde von Schinkel hoch gelobt und erhielt bei dem Wettbewerb den ersten Platz. Das half dem Architekten aber nicht viel, denn Wimmel kritisierte die Pläne und bezeichnete sie als zu teuer. In der Kaufmannsstadt Hamburg war das immer ein überzeugendes Argument, und nach zehn Jahren Debatten und Auseinandersetzungen baute man die Schule nach den Plänen Wimmels. Chateauneuf erhielt vom Senat lediglich eine kleine Entschädigung für seinen Arbeitsaufwand.

 

Von Chateauneufs sozialem Engagement zeugt, dass er ein großes Backsteinhaus mit Fachwerk kostenlos für das neu entstandene Rauhe Haus von Johann Hinrich Wichern entwarf und den Bau betreute. Aber große Aufträge blieben weiterhin aus. Chateauneuf schrieb enttäuscht an Schinkel: „Die hiesige mindere Ge­sinnung aber eines gänzlich geistlosen Stadtregiments, die wenige Einsicht, daß Leute hier etwas Ordentliches zu bauen gedenken, mußte mich auf den Gedanken bringen, meiner Tätigkeit auswärts ein Feld zu eröffnen.“

  

Viele Aufträge nach dem Großen Brand von 1842

Chateauneuf setzte seine Architektentätigkeit 1838 in London fort und gewann mit einem Entwurf für die Londoner Börse immerhin den zweiten Platz. Auch ernannte man ihn zum Ehrenmitglied des „Royal Institute of Britisch Architects“. Das machte auch in Hamburg Eindruck, als er im folgenden Jahr zurückkehrte. Nun erhielt er immerhin den Auftrag für den Bau des großen Amalienstifts in St. Georg.

Es war dann der Große Brand von 1842, der Chateauneuf über Jahre viele lukrative Aufträge in seiner Heimatstadt sicherte. Als Vorsitzender der Wiederaufbaukommission der Stadt nahm er großen Einfluss auf die Neugestaltung Hamburgs. Ein besonders schönes Ergebnis sind die erwähnten Alsterarkaden. Daneben beteiligte sich Chateauneuf zum Beispiel am Wiederaufbau der St. Petri-Kirche und entwarf das neue Postamt (inzwischen Alte Post genannt) an der Poststraße.

 

Es gab damals noch keine landesweite Post, sondern viele Gesellschaften, die sich zum Beispiel auf den Postverkehr nach Schweden oder Hannover spezialisiert hatten. Ein zentrales Postamt für mehrere Gesellschaften sollte es erleichtern, die Post aufzugeben. Das Gebäude im Stil italienischer Renaissance-Palazzo-Bauten fällt durch einen hohen Turm auf. Er hatte eine praktische Funktion. Um Reeder und Kaufleute frühzeitig über die Ankunft von Schiffen zu informieren, wurde ein optisches Signalsystem mit Türmen von Cuxhaven bis Hamburg aufgebaut. Der Turm des Postgebäudes war die Endstation. Allerdings war das Signalsystem nur kurze Zeit im Einsatz, dann ersetzte man es durch das neue elektrische Telegrafensystem mit Morsezeichen. Die Ladenpassage in der Alten Post entstand erst Anfang der 1970er Jahre.

 

Die Vielseitigkeit des Architekten Chateauneuf zeigt sich darin, dass die Liste seiner Werke vom Bahnhof in Bergedorf über den Wasserturm in Rothenburgsort bis zu Grabmalen reicht. Er kann als der herausragende Hamburger Architekt seiner Zeit angesehen werden. Chateauneuf heiratete 1846 die Norwegerin Caspara Möller und ließ sich für einige Jahre in Christiana (dem heutigen Oslo) nieder. Hier entstand eine Kirche nach seinen Plänen und eine zweite wurde nach seinen Vorschlägen umgebaut. Auch reichte er einen Entwurf für das neue norwegische Parlament ein, aber wie so oft kam er nicht zum Zuge.

 

Die vielen Niederlagen, die Totgeburt eines Kindes und das Zerbrechen seiner Ehe waren die Ursachen für eine Gemütskrankheit, die ihn daran hinderte, seine berufliche Tätigkeit fortzusetzen. Er kehrte 1850 nach Hamburg zurück, lebte zeitweise in einer Nervenklinik in Kiel, die er selbst entworfen hatte, und starb dort am 31. Dezember 1853.

 

Der spätere Stadtbaudirektor Fritz Schumacher, der ebenfalls den Bau von Backsteingebäuden propagierte, hat das Werk Chateauneufs studiert und als die „größte künstlerische Leistung Hamburgs im 19. Jahrhunderts“ gewürdigt. Die meisten seiner Entwürfe gingen im Zweiten Weltkrieg verloren, als das Gebäude der Patriotischen Gesellschaft ausbrannte, wo sie lagerten.

   

Neben Alsterarkaden und Postgebäude zeugen verschiedene weitere Bauten von den Leistungen dieses Pioniers des Backsteinbauens. In Hamm wurde eine Straße nach ihm benannt. Anlässlich seines 200. Geburtstags vergab die Stadt 1999 erstmals die Chateauneuf-Medaille für großes persönliches Engagement für städtebauliche Bauten und Projekte.

 

Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte

  

© Frank Kürschner-Pelkmann