
„ ‚Was soll ich schreiben?‘ fragte Jegor und tauchte die Feder ein.“ So beginnt die berühmte Kurzgeschichte „Zur Weihnachtszeit“ von Anton Tschechow. Die Antwort fällt Wassilissa nicht leicht. Ihre Tochter Jefimja hat vor einigen Jahren geheiratet und ist mit ihrem Mann nach Petersburg gezogen. Zuerst sind noch einige Briefe von ihr gekommen, aber seit mehreren Jahren hat Wassilissa nichts mehr von der geliebten Tochter gehört. Nun, in der Weihnachtzeit, will sie endlich einen Brief an die Tochter schreiben. Aber Wassilissa, die in einem russischen Dorf lebt, kann nicht schreiben und ihr Mann auch nicht. Sie hat deshalb Jegor, den Sohn einer Wirtin, beauftragt, den Brief für sie zu schreiben und bezahlt ihn dafür. „Und nun saß Jegor am zweiten Feiertag in der Küche der Schenke am Tisch und hielt den Federhalter in der Hand.“
Es fällt Wassilissa nicht leicht, den Brief zu formulieren, und ihr Mann ist auch keine Hilfe. Sie diktiert: „Unserem lieben Schiegersohn, Andrej Chrissanfytsch, und unserer einzigen geliebten Tochter Jefimja Petrowna, in Liebe herzliche Grüße und elterlichen Segen auf ewig unwandelbar.“ Sie fügt hinzu: „Wir gratulieren auch noch zum Feiertag von Christi Geburt, wir leben und sind gesund, was wir auch für euch vom Herrn … dem himmlischen Herrscher … erflehen.“
Dann beginnt Wassilissa zu weinen. Nächtelang hat sie überlegt, was sie schreiben will, aber nun fehlen ihr die Worte. Jegor, der Soldat gewesen ist, und der weiß, dass der Mann von Jefimia ebenfalls Soldat war, schreibt nun einen für den Anlass völlig unsinnigen Text über die Einhaltung der Bestimmungen des Militärstrafgesetzbuches. Das alte Ehepaar macht einen Versuch, etwas Geeignetes an die Tochter zu schreiben, aber sie wissen nicht, ob sie die Enkelkinder erwähnen können, die es vielleicht gar nicht gibt. Jegor schreibt weiter an seinem unsinnigen Text über das Militärgesetzbuch. „Er saß auf einem Hocker, satt, gesund, breitschnäuzig und rotnackig, die Beine unter dem Tisch weit gespreizt. Es war die Gemeinheit selbst, die hier hockte, grob, anmaßend, unüberwindlich und stolz darauf, dass sie in der Schenke geboren war; Wassilissa begriff sehr wohl, dass dies die Gemeinheit war, aber sie konnte das nicht in Worten ausdrücken, sondern schaute Jegor nur böse und misstrauisch an.“ Der liest ungerührt seinen Brieftext noch einmal vor. Das alte Ehepaar bezahlt den Schreiber und schickt den Brief am nächsten Tag ab.
Der Brief kommt am Neujahrstag in de Heilanstalt an, in der Andrej Chrissanfytsch Portier ist. Er verhält sich untertänig gegenüber einem General, aber gleichgültig und herablassend gegenüber seiner Frau. In der Post findet er den Brief seiner Schwiegereltern, öffnet und überfliegt ihn und gibt ihn dann seiner Frau. Sie sitzt in dem einzigen Zimmer, in dem sie mit ihrem Mann und den drei kleinen Kindern lebt. Sie liest die ersten Zeilen laut ihrem ältesten Sohn vor und erzählt ihm dann liebevoll vom winterlichen Leben in ihrem Dorf und ihren Lieben daheim. „Als Andrej Chrissanfyztsch dies hörte, fiel ihm ein, dass seine Frau ihm drei- oder viermal Briefe gegeben und ihn gebeten hatte, sie abzuschicken, aber irgendwelche wichtigen Angelegenheiten hinderten ihn daran, er hatte sie nicht abgeschickt, die Briefe waren irgendwo liegengeblieben.“
Als ihr Mann in das Zimmer zurückkehrt, verstummt seine Frau und wischt ihre Tränen ab. „Sie hatte große Angst vor ihm, so große Angst! Sie zitterte und wurde von Schrecken ergriffen, wenn sie seine Schritte hörte, wenn er sie ansah, und sie wagte in seiner Gegenwart kein einziges Wort.“ Er raucht ein Zigarette und eilt davon, als die Klingel läutet und er beflissen dem General zu Diensten sein wird.
Dass Anton Tschechow in der Geschichte erwähnt, dass der Brief an die Tochter am Weihnachtstag geschrieben wurde, ist kein Zufall. Wie in mehreren anderen Erzählungen macht der Schriftsteller den Kontrast zwischen der Geburt Jesu, der später die Menschen zu Liebe und Geschwisterlichkeit aufforderte, und der Bösartigkeit vieler Menschen deutlich. Anton Tschechow selbst war stets bemüht, ein anständiges Leben zu führen, und er wollte in seinen literarischen Werken die Menschen dazu ermutigen, ein anständiges Leben zu führen.
Anton Pawlowitsch Tschechow wurde am 29. Januar 1860 in Taganrog in Russland geboren. Sein Vater war der Sohn eines ehemaligen leibeigenen Bauern und seine Mutter stammte ebenfalls aus einer früher leibeigenen Bauernfamilie. Solche Familien hatten auch nach der Aufhebung der Leibeigenschaft in Russland einen niedrigen sozialen Status. Das Ehepaar Tschechow hatte sechs Kinder, die unter armen Verhältnissen aufwuchsen. Der Vater machte in seinem Billigwarenladen sehr geringe Umsätze und kaum Gewinn. Anton und seine Brüder mussten schon in jungen Jahren im Laden mithelfen. Anton litt unter seinem autoritären Vater und der streng orthodoxen Religiosität der Eltern. Er wurde zum Beispiel gezwungen, täglich an den Gesangsstunden in einem Kirchenchor teilnehmen. Später erklärte er: „Wer mit Güte nichts erreicht, erreicht auch nichts mit Strenge.“
Immerhin konnte Anton Tschechow ein Gymnasium besuchen und es 1879 mit dem Abitur abschließen. Da hatte der Vater bereits Konkurs anmelden und seinen Laden aufgeben müssen. Vor seinen Gläubigern flüchtete er nach Moskau, wohin ihn die meisten seiner Familienangehörigen folgten. Anton blieb allein in Taganrog zurück, um dort Abitur zu machen. Da seine Familie in Moskau in großer Armut lebte, war er finanziell weitgehend auf sich selbst gestellt. Er erteilte Nachhilfeunterricht und verkaufte den verbliebenen Hausrat seiner Familie, um überleben zu können. Wenn er später das Leben armer Leute beschrieb, konnte er an eigene Erfahrungen anknüpfen.
Nach dem Abitur erhielt Anton Tschechow von der Stadt ein Stipendium, um studieren zu können. Er entschloss sich zu einem Medizinstudium in Moskau. Um sein Einkommen aufzubessern und seine Familie zu unterstützen, schrieb er humoristische Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften, hatte zunächst wenig Erfolg. Auch als viele Beiträge von ihm veröffentlicht wurden, musste er mit der schlechten Zahlungsmoral der Verleger und der Zensur kämpfen.
1884 schloss Anton Tschechow sein Medizinstudium ab. Da er aber vor allem arme Menschen, darunter Verwandte und Freunde, behandelte, waren seine Honorareinnahmen gering. Da erwies es sich als günstig, dass er allmählich größeren Erfolg als Autor hatte und von seiner schriftstellerischen Arbeit bescheiden leben konnte. Er schrieb neben humoristischen und satirischen Texten nun auch Erzählungen, Novellen und Bühnenstücke zu ernsten Themen. Der Humor blieb ihm wichtig, und so erklärte er zum Beispiel: „Am liebsten erinnern sich die Frauen an die Männer, mit denen sie lachen konnten.“ Er selbst war ein humorvoller Mensch – und zugleich ein ernsthafter Mensch.
Beständig war auch sein soziale Engagement des Schriftstellers. 1890, in einer literarischen Schaffenskrise, reiste er auf die russische Pazifikinsel Sachalin. Dort wurden Sträflinge unter extrem unmenschlichen Bedingungen gefangen gehalten. Fast drei Monate war er unterwegs, um von Moskau aus die Gefangeneninsel zu erreichen. Die lange Reisedauer machte ihm, dem leidenschaftlichen Reisenden, nichts aus.
Anton Tschechow hat sich auf Sachalin sehr gründlich mit der Bestrafung und Misshandlung der Gefangenen beschäftigt und zahllose Gespräche mit Bewohnern geführt. Er bezeichnete die Insel später als eine „Hölle“. Er war dort nicht nur als Autor tätig, sondern behandelte auch Strafgefangene und die örtliche Bevölkerung als Arzt. Er konnte also seine „Ehefrau Medizin“ ebenso zufriedenstellen wie seine „Geliebte Literatur“. Zurück reise er mit dem Schiff über Hongkong, Singapur und Colombo. „Dann kam Ceylon – der Ort, wo das Paradies lag.“
Zurück in Moskau schrieb er ein aufrüttelndes Buch über die katastrophalen Verhältnisse auf Sachalin. Das Buch, an dem er fünf Jahre lang arbeitete, ist eine Zusammenstellung von statistischen Daten und anekdotischen Porträts von Bewohnern der Gefangeneninsel. Das öffentliche Entsetzen über die im Buch dargestellten Missstände veranlasste das Justizministerium dazu, eine Untersuchungskommission auf die Gefängnisinseln, um die schlimmsten Missstände zu beseitigen. Als politischen Schriftsteller verstand Anton Tschechow sich auch danach nicht, was ihm andere Schriftsteller zum Vorwurf machten.
Ein Beispiel dafür, wie das Eintreten und das Engagement für die Armen und Ausgegrenzten der russischen Gesellschaft das ganze literarische Werk Anton Tschechows prägt, ist die anrührende Erzählung „Wanka“. Der neunjährige Wanka Schukow schläft die Weihnachtsnacht nicht. Das liegt nicht an der Erwartung von Geschenke. Die wird er nicht bekommen, weiß er. Er wartet darauf, dass der Schuster Aljachin und seine Familie zur Frühmesse gehen. Kaum sind sie weg, holt er die Tinte und die Feder seines Meisters aus dem Schrank, um auf einem zerknitterten Blatt Papier einen Brief an seinen Großvater zu schreiben. Wankas Eltern sind verstorben und der Großvater hat sich um ihn gekümmert. Dann haben die Gutsherrn des Dorfes den Jungen zu einem Schuster in Moskau in die Lehre gegeben, weit weg vom heimatlichen Dorf.
Wanka schreibt nun, wie schlecht er dort behandelt wird: „Gestern hab‘ ich Prügel bekommen. Der Meister hat mich an den Haaren auf den Hof gezerrt und mich mit dem Spannriemen verprügelt, weil ich nämlich ein Kind in der Wiege schaukeln sollte und dabei eingeschlafen bin. Und vorige Woche befahl mir die Frau, einen Hering zu putzen, da habe ich am Schwanzende angefangen, da hat sie den Hering genommen und ihn mir in den Mund gestopft.“ Es folgen weitere Beispiele für die schlechte Behandlung und Misshandlung. Der Junge hat nicht einmal Schuhe und fürchtet sich vor dem Frost. „Lieber Großvater, sei um Gottes Willen so gut und hol mich wieder nach Hause im Dorf, hier kann ich es nicht aushalten … Ich bitte Dich auf den Knien, ewig will ich für Dich zu Gott beten, hol mich fort von hier, sonst sterbe ich hier …“
Wanka erinnert sich an das Weihnachten im Heimatdorf und an das Leben mit seinen Eltern. Nun schreibt er: „Mein Leben ist hin. Ich lebe schlimmer als jeder Hund.“ Der Brief endet mit der Aufforderung „… komm doch lieber Großvater“. Danach faltet Wanka den Brief und steckt ihn in den Umschlag, den er sich gekauft hat. Auf den Umschlag schreibt er: „An den Großvater im Dorf.“ Er denkt noch einmal nach und fügt dann den Namen des Großvaters hinzu. Dann läuft er zum Briefkasten und wirft seinen Brief ein. Voller Hoffnung kehrt er in das Haus des Schusters zurück, schläft gleich ein und träumt davon, wie er zu seinem Großvater im Dorf zurückkehrt.
Die Leserinnen und Leser wissen, dass sein Brief ohne Ortsangabe und ohne Briefmarke nie bei seinem Großvater ankommen wird. Dafür wird der Schuster mit seiner Familie von der Weihnachtsmesse bald heimkehren und Wanka wird weiterhin misshandelt werden. Dem schlichten, dörflichen Glauben Wankas stellt Anton Tschechow eine Religiosität und eine Kirche gegenüber, die strikt zwischen der Messe und dem alltäglichen Leben unterscheiden. Ein solchen Glauben teilt der Schriftsteller ganz entschieden nicht.
Nach der Rückkehr von Sachalin unternahm Anton Tschechow zur Erholung eine Reise durch verschiedene europäische Länder. Er war ein passionierter Reisender und liebte die Erfahrung des Reisens. Er war aber kein Reiseschriftsteller und seine Reiseeindrücke finden sich nur in manchen seiner etwa 4.500 Briefe. Er litt immer stärker unter einer Tuberkulose-Erkrankung, die ihn fast das halbe Leben quälte. Deshalb bedauerte er, nun keine großen Reisen mehr unternehmen zu können: „Wenn sich meine Gesundheit bessern würde, würde ich irgendwohin weit weg auf eine Seereise aufbrechen.“
Anton Tschechow war aber kein rastloser Mensch. Er erwarb 1892 das Gut Melichowo für sich und seine Familie. Hier war er in de Landwirtschaft tätig, konnte in Ruhe schreiben, empfing viele Besucher und behandelte die örtliche Bevölkerung kostenlos als Arzt. Er schrieb nun vermehrt Theaterstücke wie „Onkel Wanja“ und „Die Möwe“. Es gelang Anton Tschechow überzeugend, das Alltagsleben der Menschen auf die Bühne zu bringen. Dazu gehören auch die Pausen im Geschehen und die Stille. Zeiten der Stille sind ein Charakteristikum der Stücke Tschechows.
Angesichts seiner Tuberkulose-Erkrankung folgte Anton Tschechow dem Ratschlag seiner Ärzte, die Wintermonate in einem milderen Klima zu verbringen. Er reiste nun im Winter an die französische Mittelmeerküste oder auf die Krim.
1898 lernte er in Moskau die Schauspielerin Olga Knipper kennen, die später die Hauptrolle in seinem Theaterstück „Der Kirschgarten“ spielte. Sie war seine große Liebe und sie heirateten 1901. Ihre Ehe litt aber darunter, dass sie als Schauspielerin in Moskau angebunden war und er wegen seiner fortschreitenden Erkrankung immer mehr Zeit auf der Krim verbrachte. Über die Liebe äußerte der Schriftsteller: „Bis heute ist über die Liebe nur ein einziger wahrer Satz gesprochen worden, nämlich: Das Geheimnis ist groß.“
Im Juni 1904 reiste Anton Tschechow zur Tuberkulose-Behandlung nach Badenweiler im Schwarzwald und seine Frau begleitete ihn. Aber auch dort konnte man dem Schriftsteller nicht mehr helfen und er starb am 15. Juli 1904 in Badenweiler. Anton Tschechow wird bis heute in Russland verehrt und zählt neben Leo Tolstoi, Fjodor Dostojewski und Maxim Gorki auch international zu den bedeutendsten russischen Schriftstellern.
In Badenweiler erinnert ein Denkmal an den Schriftsteller. Dort ist zu lesen:
DEM GÜTIGEN
MENSCHEN UND ARZT
DEM GROSSEN SCHRIFTSTELLER
ANTON P. TSCHECHOW
Anton Tschechow stand der Institution Kirche kritisch gegenüber, wohl auch aufgrund seiner Erfahrungen mit dem christlichen Glauben in seiner Kindheit und seiner späteren Wahrnehmung, welche Rolle die orthodoxe Kirche in der damaligen russischen Gesellschaft übernommen hatte. Er rang weiter mit der Frage des Glaubens an Gott, ohne dies öffentlich zu machen. Er hat erklärt: „Man muss an Gott glauben, und wenn man den Glauben nicht hat, dann soll man an seiner Stelle keinen Sensationsrummel setzen, sondern suchen, einsam suchen, allein mit sich und seinem Gewissen.“
Der Anglistikprofessor Bill Blaisdell hat in seiner Studie „Tschechow wird zu Tschechow“ geschrieben, „… war er nie selbstgefällig in Bezug auf seinen Atheismus“. Viele Figuren in seinen Werken finden ihre einzige Hoffnung in der Religion, und Tschechow verspottet diese Quelle der Hoffnung nie. 1902 erschien Tschechows Erzählung „Der Bischof“, in der er die letzten Tage im Leben des Bischofs Pjotrs darstellt.
Schwer krank erfüllt er weiterhin seine Pflichten als Bischof in Ostergottesdiensten und in der Verwaltung der Kirche. Seine Mutter und Enkelin wollen ihn treffen, wird ihm abends gemeldet, ein Anlass für ihn, sich noch einmal an seine Kindheit zu erinnern. Der Bischof muss am nächsten Tag erleben, dass seine Mutter – wie die Gläubigen in seiner Kirche – eine große Distanz zu ihm hat. An der Schwelle zum Tod muss der Bischof erkennen, wie groß die Kluft zwischen ihm und dem Kirchenvolk ist. Dazu gehört auch, dass er im Gegensatz zu den einfachen Gläubigen große Mühe hat, die Endlichkeit des Lebens aus dem Glauben heraus anzunehmen. Tschechow war überzeugt, der Mensch solle den Tod „als etwas Unausweichliches und Unumgängliches hinnehmen, wie traurig das auch ist. Man muss nur nach Kräften seine Pflicht tun – das ist alles.“
Anton Tschechow stand dem Spiritismus und seinem Umgang mit dem Tod kritisch gegenüber. Der Spiritismus war in Russland im 19. Jahrhundert weit verbreitet und bemühte sich um eine Sinnstiftung in Zeiten dramatischen sozialen Umbruchs. Der Spiritismus bildete einen Gegensatz zum christlichen Glauben, den die Russisch-Orthodoxe Kirche vertrat. Das lässt sich an der Erzählung „Eine Schreckensnacht“ erkennen.
Iwan Petrowitsch Gräbermann erzählt in dieser Geschichte, wie er das Weihnachtsfest 1883 verbracht hat. Und wieder ist es kein Zufall, dass die Geschichte Weihnachten spielt, einem der höchsten Feste der Kirche. Im Kontrast dazu wohnte der Erzähler in der Nacht vor Weihnachten einer spiritistischen Sitzung bei. Er erhielt die Botschaft: „Dein Leben nähert sich dem Ende … Tue Buße …“ Dazu wurde ihm noch vorhergesagt, er werde noch in dieser Nacht sterben. Der Erzähler sagt seinen Zuhörern, wie er darauf reagiert hatte: „Ich glaube an den Spiritismus nicht; aber der Gedanke an den Tod, ja, schon eine Hindeutung auf ihn, versetzen mich in trübe Stimmung.“
Und diese trübe Stimmung verstärkte sich für den Erzähler noch, als er in kalter Finsternis und bei Regen auf dem Weg von der spiritistischen Sitzung zu sich nach Hause war. Ihn erfüllte eine „undefinierbare, kalte Furcht“. In dieser Stimmung erreichte er sein Zuhause und trat in seine dunkle Wohnung. Ein Streichholz beleuchtete das Zimmer. „Ich schrie auf, trat einen Schritt nach der Tür zu und schloss vor Bestürzung, Entsetzen und sinnloser Angst die Augen … Mitten in meinem Zimmer stand ein Sarg.“ Es war ein wertvoller Sarg, aber das konnte dem Erzähler seine Angst nicht nehmen.
Hals über Kopf verließ er seine Wohnung und flüchtete auf die Straße. Da er sich nicht in seine Wohnung zurücktraute, machte er sich mitten in der Weihnachtsnacht auf den Weg zu einem Freund. Der war nicht da, aber der Erzähler wusste, wo der Schlüssel des Freundes versteckt war und öffnete die Tür. Als er ein Zündholz ansteckte, ergriff ihn eine noch größere Angst. „Ich schrie auf, erhob mich taumelnd und stürzte, fast bewusstlos, aus dem Zimmer. In dem Zimmer meines Kollegen hatte ich dasselbe gesehen wie in dem meinigen: einen Sarg!“ Ohne seinen Pelz und seine Mütze, die er bereits abgelegt hatte, stürzte er in die Kälte.
Er beschloss, nun zu einem befreundeten Arzt zu flüchten, der ebenfalle an der spiritistischen Sitzung teilgenommen hatte. Als er die Wohnung des Freundes erreichte, kam dieser ihm hilferufend entgegen. Er hatte gerade in einem Zimmer einen Sarg entdeckt. Sie brauchten eine Stunde, um sich wieder etwas zu beruhigen und beschlossen dann, den Sarg im Zimmer des Arztes näher anzusehen und zu untersuchen.
Der Arzt nahm allen Mut zusammen und öffnete den Sarg. Darin lag kein Toter, nur ein Brief. Darin erklärte ein Freund, er habe die wertvollsten Särge seines Schwiegervaters in die Wohnungen von Freunden geschafft. Dieser Schwiegervater war Sargfabrikant und so hoch verschuldet, dass eine Zwangsvollstreckung bevorstand. Um wenigstens einige wertvolle Särge zu retten, waren diese heimlich in die Wohnungen von Freunden gebracht und versteckt worden.
Der Erzähler beendete die Geschichte so: „Nach diesen Erlebnissen befand ich mich wegen eines Nervenschocks drei Monate in ärztlicher Behandlung; unser Freund aber,
der Schwiegersohn des Sargfabrikanten, hatte sein Vermögen gerettet; er hat jetzt ein Beerdigungskontor und handelt mit Grabdenkmälern und Grabsteinen. Sein Geschäft geht nicht besonders gut, und
jeden Abend, wenn ich zu mir nach Hause komme, fürchte ich jetzt immer, neben meinem Bette ein weißes Marmordenkmal oder eine
prächtige Bahre zu erblicken.“
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Die Weihnachtsgeschichte - Fakten, Legenden und tiefere Bedeutung
Viele haben sich im Weihnachtsgottesdienst schon gefragt, ob die Geschichten von der Geburt und Kindheit Jesu Legenden sind, vielleicht sogar Märchen. In diesem Buch wird fundiert und anschaulich dargestellt, was heute über das damalige Geschehen bekannt. Es wird deutlich, dass viele legendarische Texte die Glaubensüberzeugungen der Jesusbewegung zum Ausdruck bringen und auch heute noch eine religiöse Orientierung bieten. Ausführlich wird das damalige Leben in Palästina unter der Herrschaft des römischen Imperiums dargestellt. Es hatte überraschende Ähnlichkeiten mit heutigen Imperien. Der Autor stellt außerdem ausführlich dar, was es bedeutet, dass Jesus, seine Familie und die meisten Menschen, die in den ersten Kapiteln der Evangelien Juden waren.
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