Paulus - der große Theologe der entstehenden Kirche

Kirchenfenster in der Deutschen Kirche in Stockholm
Kirchenfenster in der Deutschen Kirche in Stockholm Foto: iStock.com/Jorisvo

Über keinen der Jesusanhänger der ersten und zweiten Generation wissen wir so viel wie über Paulus. Lukas hat ihm lange Passagen in seiner Apostelge­schichte gewidmet, und Paulus selbst schrieb lange Briefe, die in das Neue Testament aufgenommen wurden. Es bleiben allerdings gelegentlich Zweifel, was in diesen Darstellungen Biografie und was Legende ist.

 

Geboren wurde Paulus etwa im Jahre 8 n. Chr. in Tarsus in Kleinasien, damals eine be­deutende hellenistisch geprägte Stadt, die als Bildungszentrum berühmt war. Seine strenggläubigen jüdischen Eltern gaben ihm den Namen Saul, aber er nahm den römischen Namen Paulus an, lange bevor er sein Erweckungserlebnis auf dem Weg nach Damaskus hatte. Paulus studierte die Tora eifrig und erwarb zugleich fundierte Kenntnisse der griechischen Sprache, Kultur und Philosophie. Er war also in zwei Kulturen zu Hause.

 

Das hat es ihm später ermöglicht, die im jüdischen Kontext verkündete Lehre Jesu einer hellenistisch geprägten Zuhörerschaft zu vermit­teln und damit die Voraussetzung für eine Verbreitung des Evangeliums im ganzen Mittelmeerraum zu schaffen. Dass Paulus wie sein Vater das römische Bürgerrecht besaß, zeigte seine Zugehörigkeit zu der gebildeten und relativ wohlhabenden Schicht von Tar­sus. Die Tätigkeit als Zeltmacher war in der römischen Zeit zu einem Handwerk geworden, das in kleinen Manufakturen ausgeübt wurde. Ein selbst­ständiger Zeltmacher konnte zu einigem Wohlstand gelangen.

  

Von Tarsus über Jerusalem bis Rom

Paulus gab seine Berufstätigkeit in Tarsus auf, um eine religiöse Ausbildung in Jerusalem zu absolvieren. Als pharisäischer Schriftgelehrter war er an den Debatten mit der jüdischen Jesusbewegung beteiligt. Ob Paulus wirklich die Jesusbewegung verfolgt und bei der Steinigung von Stephanus anwesend war, wie es Lukas in seiner Apostelgeschichte schildert, ist umstritten. Und ob seine Bekehrung auf dem Weg nach Damaskus so dramatisch verlief, wie sie uns Lukas überliefert hat, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Paulus hatte in einer Vision eine Begegnung mit Jesus, der ihm vorwarf, ihn zu verfolgen und der ihn aufforderte, einen neuen Weg einzuschlagen. So steht es im 9. Kapitel der Apostelgeschichte. Diese Darstellung hat wahrscheinlich einen historischen Kern.

 

Paulus wurde danach zu einem überzeugten Verkünder der Botschaft von Jesus Christus, zu einem Apostel. Professor Wolfgang Stegemann hat die Konsequenzen der Bekehrung des Paulus 2002 in der Zeitschrift „Publik-Forum“ so zusammengefasst: „Paulus bleibt nach seiner Berufungs- oder Bekehrungserfahrung Jude. Doch vertritt er jetzt einen endzeitlichen Heilsuniversalismus, der in der jüdischen Tradition angelegt ist und sich für ihn in der Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus als dem Erlöser aller Menschen manifestiert hat.“

 

Unter den jüdischen Gelehrten, die sich mit dem Juden Jesus und mit Paulus beschäftigen, gibt es keine einheitliche Auffassung darüber, welche Rolle Paulus bei der endgültigen Trennung von Judentum und Christentum hatte. Der jüdische Historiker und Publizist Micha Brumlik vertrat 2012 in einer Sendung des „Deutschlandfunks“ diese Position: „Man muss einfach sagen, dass der Letzte, der unverbrüchlich an der jüdischen Erwählung festgehalten hat, der Apostel Paulus gewesen ist; die auf ihn folgenden Kirchenväter im zweiten und dritten Jahrhundert haben dann eine Substitutionstheorie vertreten, dass also die Kirche das heilsgeschichtlich überflüssige Israel abgelöst habe. Und dann gab es auch schon beginnend im zweiten Jahrhundert christliche Lehrer, die glaubten, die Juden des Gottesmordes und der Heilsverhinderung beschuldigen zu müssen.“

 

Paulus als Apostel im Römischen Reich

Paulus wollte das Evangelium von Jesus Christus überall im Römischen Reich verbreiten, bis hin nach Spanien, wenn sich dazu die Gelegenheit ergeben hätte. In den ersten Versen des Römerbriefes stellte Paulus sich selbst so vor: „Paulus, ein Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert zu predigen das Evangelium Gottes, dass er zuvor verheißen hat durch seine Propheten in der Heiligen Schrift, von seinem Sohn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch, der eingesetzt ist als der Sohn Gottes in Kraft nach dem Geist, der da heiligt, durch die Auferstehung von den Toten – Jesus Christus, unserm Herrn. Durch ihn haben wir empfangen Gnade und Apostelamt, den Gehorsam des Glaubens um seines Namens willen aufzurichten unter allen Heiden, zu denen auch ihr gehört, die ihr berufen seid von Jesus Christus.“

 

Wie in den Evangelien wird auch hier schon einmal am Anfang des Römerbriefes das zusammengefasst, was Paulus wichtig war. Für sich selbst legte er Wert auf den Ehrentitel des Apostels. Als solcher sah er sich in der Tradition der Apostel in der Hebräischen Bibel. Sein Verständnis von Jesus Christus hat die junge Kirche später stark geprägt. Paulus war überzeugt, dass Jesus nach seinem Fleisch, also biologisch betrachtet, ein Angehöriger des Geschlechtes Davids war. Als Sohn Gottes war er eingesetzt worden durch den Heiligen Geist. Auffällig ist, dass Paulus daraus keine Geburt durch eine Jungfrau ableitete. Das war nicht sein Thema. Wir müssen uns bewusst sein, dass die Evangelien noch nicht geschrieben waren, als Paulus seinen Brief an die Römer verfasste. Auch war Paulus ein jüdischer Gelehrter, der in der Tora zu Hause war, und dort gab es keine Tradition von Jungfrauengeburten. Wenn wir heute also nur die Briefe des Apostels Paulus und das Markusevangelium kennen würden, wüssten wir nichts von einer Jungfrauengeburt, und die Jesusmutter wäre unstreitig das, was sie auch sehr wahrscheinlich wirklich war, eine junge Frau.

Wichtig war Paulus die Auferstehung Jesu von den Toten, denn dieser Glaube gab den Angehörigen der Jesusbewegung Kraft und Vertrauen.   

Standbild des Apostels Paulus
Standbild des Apostels Paulus von Pierre-Étienne Monnot in der Basilika St. John Lateran in Rom. Fto: Jastrow, CC BY 2.5 <https://creativecommons.org/licenses/by/2.5>, via Wikimedia Commons

Paulus großes Anliegen war die Verbreitung des Evangeliums unter den Heiden. Er sprach in den Städten, in die er kam, zunächst mit den jüdischen Gläubigen und den Gottesfürchtigen; letztere waren Nichtjuden, die dem Judentum nahe standen, aber vor einer Beschneidung und der Einhaltung der jüdischen Speisevorschriften zurückschreckten. Der Apostel wandte sich auch an einen weiteren Kreis von Nichtjuden und eröffnete ihnen einen Weg, Teil der Gemeinden zu werden, ohne alle Gesetze einhalten zu müssen, die für Jüdinnen und Juden verpflichtend waren.

 

Paulus trug damit entscheidend dazu bei, dass der heidenchristliche Anteil an der Jesusbewegung immer größer wurde. Zugleich war er stets bemüht, die Verbindung zur judenchristlichen Urgemeinde in Jerusalem zu bewahren und sie von seiner Missionsarbeit zu überzeugen. Auch des­halb sammelte Paulus auf seinen Missionsreisen beträchtliche Gelder für die Jerusalemer Gemeinde. Die von Paulus initiierte Sammlung ist bis heute ein Beispiel dafür, wie zur ökumenischen Gemeinschaft auch das Teilen materieller Güter über Ländergrenzen hinweg gehört.

 

Mit den Erfolgen von Paulus Missionstätigkeit unter den Nichtjuden sank allerdings der Anteil der Judenchristen in den Gemeinschaften, die die jüdischen Gesetze einhielten. Nicht nur aus diesem Grunde wuchs die Kluft zu den übrigen Juden. Die entstehende christliche Theologie, auf die Paulus einen entscheidenden Einfluss hatte, betonte die Göttlichkeit Jesu. Wenn der Apostel predigte, dass nur derjenige, der an den Christus glaubt, wie Jesus den Tod überwinden werde, war der Bruch mit dem Judentum kaum mehr abzuwenden. Es kann nicht überraschen, dass Paulus aus manchen Synagogen vertrieben wurde. Die Trennung in Judentum und Christentum war dennoch ein längerer Prozess, der zu Lebzeiten von Paulus noch längst nicht abgeschlossen war.

 

Etwa im Jahr 49 reiste Paulus nach Jerusalem, um von der Urgemeinde die Zustimmung zu erhalten, dass Heiden sich den Gemeinschaften der Jesusbewegung anschließen durften, ohne sich beschneiden zu lassen und ohne alle jüdischen Gesetze einzuhalten. Er erhielt diese Zustimmung und damit begann die Veränderung von einer jüdischen Bewegung in eine christliche Kirche. Aber das hat Paulus nicht mehr erlebt. Zu Paulus Zeiten war die Jesusbewegung ein Teil des pluralen Erscheinungsbildes des Judentums. Die Theologin Claudia Janssen hat 2003 beim Ökumenischen Kirchentag in einem Vortrag betont:

 

„Paulus wurde in der Tradition vielfach als Begründer der christlichen Kirche gesehen. Dabei ist das der Zeitsituation überhaupt nicht angemessen. Ein christliche Kirche hat es in der Mitte des ersten Jahrhunderts noch nicht gegeben. Die Jesusbewegung und die Gemeinden, in denen Paulus zuhause war, waren Teil des Judentums, die paulinischen Texte sind jüdische Schriften. Gemeinsam mit anderen jüdischen Gruppierungen gehörten diejenigen, die an Jesus als den Messias (griechisch: Christus) glaubten, zu einer religiös motivierten Befreiungsbewegung gegen die römische Besatzungsmacht.“

 

 

Entgegen dem Klischee von der Frauenfeindlichkeit des Apostels Paulus muss erwähnt werden, dass nachweislich unter denen, die sich zusammen mit ihm um die Verbreitung des Evangeliums bemühten, eine ganze Reihe von Frauen waren. Auch wollte er die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen aufheben, verkündete er doch: „... hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“ (Galater 3,28). Demgegenüber gibt es große Zweifel daran, dass Paulus tatsächlich die Frauen aufgefordert hat, in der Kirche zu schweigen. Viel spricht dafür, dass diese Forderung im 2. Jahrhundert im Rahmen der Zurückdrängung der Frauen aus Leitungspositionen in der Jesusbewegung nachträglich in den 1. Korintherbrief eingefügt worden ist. Paulus war kein Feminist, aber er war auch nicht der Frauenfeind, als der er in der ihm fälschlich zugeschriebenen Aussage in 1. Korinther 14,34f. erscheinen muss.

Paulus Beitrag zur Ausbreitung der Jesusbewegung

Wie Jesus zog auch Paulus unermüdlich als Wanderprediger von Ort zu Ort. Aber während Jesus vor allem in galiläischen Dörfern und Kleinstädten predigte, fand Paulus in den Zentren hellenistischen Denkens und römischer Herrschaft seine Zuhörerinnen und Zuhörer. Die entstehenden Gemeindegruppen bestanden allerdings zunächst nur aus einer kleinen Zahl von Gläubigen. Von den damals etwa 100.000 Einwohnern von Korinth sollen sich zunächst nur etwa 100 Personen der Gemeinde angeschlossen haben.

 

In diesen kleinen Gemeinschaften gab es häufig Konflikte, wie wir den Briefen des Apostels entnehmen können. Viele Prediger hätten vielleicht ob des völligen Misserfolgs in einigen Städten und der geringen Zahl von Gläubigen in anderen Städten resigniert, aber Paulus zog unermüdlich weiter und hielt Kontakt zu den bestehenden Hausge­meinden. Auf seinen Reiserouten war Athen ebenso zu finden wie Rom, wo er aber als Gefangener hingebracht und etwa 64 n. Chr. hingerichtet wurde.

 

Der Apostel Paulus hat die Aufgabe übernommen, die Lehre Jesu systematisch zusammenzustellen und weiterzuvermitteln, wie er sie verstanden hatte. Bekanntlich lagen zu Lebzeiten von Paulus die Evangelien noch nicht vor. Vermutlich waren Paulus allenfalls kleine Sammlungen von Aussprüchen Jesu zugänglich. In seinen Briefen zitierte er nur an vier Stellen „Worte des Herrn“. Die Beantwortung der Frage, inwieweit Paulus mangels genauer Kenntnisse als Interpret Jesu dessen Lehre verändert hat, würde den Rahmen dieses Buches sprengen.

  

Festzuhalten bleibt, dass Paulus alle Menschen, Juden und Nichtjuden, Frauen und Männer, Sklaven und Freie dafür gewinnen wollte, sich der Jesusbe­wegung auf ihrem Weg zur Wiederkehr Jesu und zum Reich Gottes anzuschließen. Paulus war im Judentum zu Hause und verfügte über ein profundes Wissen der jüdischen Religion. Er wollte seine jüdischen Glaubensbrüder und -schwestern einladen, den Weg zum Heil mitzugehen, den Jesus gewiesen hatte. Er lud auch Nichtjuden ein, Teil dieser Bewegung zu werden, die für ihn aber ein Teil der jüdischen Religionsgemeinschaft war und blieb. Es war die Tragik des Apostels, dass er alle ansprechen und einbeziehen wollte und doch letztlich die sich anbahnenden Konflikte und Trennungen nicht verhindern konnte. 

Paulus und die Geschichte der Familie Jesu

Ein Biograf Jesu wollte Paulus offenkundig nicht werden. Dabei hätte er durchaus die Möglichkeit gehabt, Zeitzeugen intensiv zu befragen, denn seine Bekehrung erfolgte vermutlich etwa drei Jahre nach der Kreuzigung Jesu. Es ging Pau­lus aber vor allem um die Botschaft des gestorbenen und auferstandenen Mannes aus Naza­reth, und die galt es, bis an die Enden der Welt zu tragen. Der Theologe und Rundfunkjournalist Eike Christian Hirsch hat aufgrund der biblischen Quellen über einen Besuch des Paulus in Jerusalem geschrieben: „Niemanden sonst von denen, die Jesus noch selbst gekannt hatten, außer Jakobus, den Bruder Jesu, wollte er sehen. Er hatte nicht einmal den Wunsch, etwas über Jesus und sein Leben zu erfahren.“ (Eike Christian Hirsch: Mein Wort in Gottes Ohr, Hamburg 1995, S. 175)

 

Von Paulus erfahren wir über das Leben Jesu wenig und besonders wenig über dessen Geburt. Der Apostel hatte die Tendenz, so Gert Theißen und Annette Merz in ihrem grundlegenden Werk „Der historische Jesus“ (Göttingen 2001, S. 35), „in Jesus ein präexistentes, mythisches Wesen zu sehen“. Dass Maria nur an einer Stelle vorkommt, und dort nicht einmal namentlich genannt wird, kann nicht überraschen. Dass der Name Ma­ria nicht fällt, sollte nicht als Zeichen von Paulus viel diskutierten Vorbehalten gegen Frauen gewertet werden. Josef kommt nämlich bei Paulus überhaupt nicht vor, denn die Familie Jesu stieß bei Paulus auf keinerlei Interesse. Aber dieses christuszentrierte Verständnis allein war vielen Gläubigen in der frühen Kirche nicht genug.

 

Die Gläubigen der zweiten und dritten Generation wollten wissen, wer die­ser Jesus war und wie er gelebt hatte. Der Verfasser des Markusevangeliums hat das Leben des erwachsenen Jesus dargestellt, aber keine Beschreibung der Geburt und Kindheit geliefert. Diese Aufgabe übernahmen Matthäus und Lukas, aber es blieben Lücken in der Biografie Jesu und den Biografien seiner Eltern. Und diese Lücken wurden mit viel Fantasie von den „apokryphen Texten“ gefüllt.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann