
Maria kommt in den Evangelien und Briefen des Neuen Testaments gemessen an der heutigen Marienfrömmigkeit nur selten und dazu noch auf sehr unterschiedliche Weise vor. Von den 27 Schriften des Neuen Testaments erwähnen nur vier Maria namentlich: Matthäusevangelium, Markusevangelium, Lukasevangelium und die Apostelgeschichte. Insgesamt findet Maria 19 Mal Erwähnung.[1]
Meist wird sie als Mutter Jesu bezeichnet, und darin ist das katholische Dogma der Gottesmutterschaft biblisch begründet. Insgesamt erfahren wir recht wenig über die Mutter Jesu, und manches bleibt widersprüchlich. Aber gerade das hat die Gläubigen dazu inspiriert, diese einfache Frau aus Nazareth immer neu darzustellen und sich von ihr im eigenen Glauben und Handeln stärken zu lassen. Die Marienbilder und die Marienverehrung sagen uns mehr über den Glauben der Menschen in den letzten zwei Jahrtausenden als über die „historische Maria“. Was erfahren wir im Neuen Testament über Maria?
Paulus, der in Jerusalem noch Mitglieder der Gemeinde traf, die Maria gekannt hatten, nennt in seinen Briefen kein einziges Mal ihren Namen, nur einmal wird über Jesus in einem Nebensatz gesagt „geboren von einer Frau“ (Galater 4,4). Und an dieser Stelle geht es nicht um eine biografische Angabe, sondern um eine theologische Aussage.[2]
Dieser Befund ist auf dem Hintergrund zu verstehen, dass Paulus eine christuszentrierte Theologie vertrat und am „historischen Jesus“ sehr wenig interessiert war und noch weniger an dessen Familiengeschichte. Der Hinweis auf die Geburt durch eine Frau diente dem Apostel vor allem dazu zu betonen, dass Jesus wirklich als Mensch auf die Welt gekommen und als Mensch gelebt und gelitten hatte.[3]
Trotzdem sollten wir die Erwähnung der Jesusmutter im Galaterbrief nicht unbeachtet lassen. Lesen wir dazu den ganzen Satz: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, auf dass er die, die unter dem Gesetz waren, loskaufte, damit wir die Kindschaft empfingen.“ (Galater 4,4f.) Jesu Mutter wird hier an einem ganz entscheidenden Punkt der Heilsgeschichte erwähnt, nämlich „als aber die Zeit erfüllt war“. Mit der Geburt Jesu beginnt für Paulus etwas Neues, die Erlösung der Menschen als Kinder Gottes.
Mit solchen Aussagen ist allerdings die Gefahr verbunden, einen scharfen Gegensatz zwischen der Zeit des „Gesetzes“ und der neuen Zeit aufzubauen, die mit Jesus beginnt und zur Erlösung führt. Jesus hat sich aber sehr wahrscheinlich nicht zum Ziel gesetzt, das „alte“ Judentum durch eine neue Religionsgemeinschaft zu ersetzen, sondern er war in dem, was er lebte und lehrte, fest im Judentum verwurzelt. Maria, die junge jüdische Frau, hat nicht ein Kind zur Welt gebracht, das die göttliche Verheißung für das jüdische Volk für beendet erklärte, sondern der alle Menschen eingeladen hat, als Kinder Gottes zu glauben und zu leben.
Im Markusevangelium kommen Maria und die Geschwister Jesu in zwei Abschnitten vor, wo sie in einem ausgesprochen ungünstigen Licht erscheinen. Jesus war, berichtet Markus im 3. Kapitel, in Kapernaum erstmals öffentlich aufgetreten und hatte viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Der Evangelist fährt fort: „Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn ergreifen; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen.“ (Markus 3,21). Daraufhin distanzierte Jesus sich, heißt es bei Markus, in schroffer Form von seiner leiblichen Familie: „Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ (Markus 3,33-35)
Diese Neubestimmung von Familie bedeutet einen Bruch mit der antiken Vorstellung von Familie. Dazu hat der Neutestamentler Professor Daniel Marguerat 2019 in der Zeitschrift „Welt und Umwelt der Bibel“ geschrieben: „Jesus ersetzt hier die biologische Familie durch eine Familie der inneren Verbindung, eine Wahlverwandtschaft, die familia dei („Familie Gottes“). Blutsbande, die in den Gesellschaften des Altertums über jeder anderen Bindung standen, werden relativiert; die Identität des Einzelnen hängt nicht mehr allein von der Clanzugehörigkeit ab.
Wer das Wort Gottes hört, gewinnt eine neue Zugehörigkeit; das Wort stiftet eine Gemeinschaft, die aus den Rollen befreit, die jedem Menschen durch die patriarchale Ordnung vorgeschrieben sind.“ Diese Dimension der Befreiung wird in zahllosen Auslegungen dieses Bibeltextes übersehen. Und diese radikale Botschaft, muss hier hinzugefügt werden, wurde schon nach einigen Generationen von der Jesusbewegung ignoriert. Das hatte nicht nur Konsequenzen für das Zusammenleben von Männern und Frauen, sondern hat auch begünstigt, dass die Kirche nach dem vorherrschenden Familienbild patriarchal gestaltet wurde. Das wirkt sich bis heute aus.
Die zweite Erwähnung Marias im Markusevangelium erfolgt ebenfalls in einem negativen Zusammenhang. Jesus war nach Nazareth gekommen, um dort zu predigen und stieß dort auf Ablehnung: „Ist er nicht der Zimmermann, Marias Sohn, und der Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon? Sind nicht auch seine Schwestern hier bei uns? Und sie ärgerten sich an ihm. Jesus aber sprach zu ihnen: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und bei seinen Verwandten und in seinem Hause.“ (Markus 6,3-4)
Es kann vermutet werden, dass diese Verse des Markusevangeliums auf einem Kern realer Erfahrungen Jesu beruhten. Ein Wanderprediger, und Jesus war nur einer von einer ganzen Reihe dieser Prediger, galt offenbar beim religiösen Establishment nicht viel. Dem schlossen sich viele Gläubige an. Und Jesus, den seine Nachbarn als Zimmermann kannten, stieß vermutlich auch in seinem Heimatdorf auf Ablehnung. Wie konnte er sich anmaßen, als Ausleger der Tora aufzutreten, mögen sie sich gefragt haben. Im Kontrast dazu fand Jesus aber unter anderen Juden in Galiläa viele Anhänger, die mit ihm glaubten, dass das Reich Gottes nahe herbeigekommen war. Und zu denen, die ihm auf seinem Weg folgten und seiner Botschaft auch nach seiner Hinrichtung treu blieben, gehörte seine Mutter Maria.
Ganz unbefangen nennt Markus hier die Namen der vier Brüder Jesu, und auch mindestens zwei Schwestern gab es nach diesem Bericht. Der Verfasser des Markusevangeliums wusste offenbar nichts von einer Jungfrauengeburt und schon gar nichts von der Behauptung, dass Maria ewig Jungfrau blieb und daher nach Jesus keine weiteren Kinder zur Welt gebracht haben sollte.
Umstritten ist, ob die Jesusmutter Maria ein drittes Mal im Markusevangelium erwähnt wird. Ist sie die Maria, von der Markus in der Kreuzigungsdarstellung spricht? Wahrscheinlich ist sie es nicht, denn dann hätte es nahe gelegen, sie explizit als Mutter Jesu zu benennen.[4] Maria war damals ein weit verbreiteter jüdischer Frauenname, und das erklärt, warum im Neuen Testament von mehreren Frauen berichtet wird, die Maria hießen.
Es ist sehr kontrovers darüber diskutiert worden, warum Maria und die übrige Familie Jesu im Markusevangelium derart negativ dargestellt werden. Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass dies das älteste der Evangelien ist, Markus also zeitlich den Ereignissen im Leben Jesu unter den Evangelisten noch am nächsten war, als er seinen Text schrieb. Wenn Markus den Gedanken der Zugehörigkeit der Gläubigen zur Familie Gottes herausstellen wollte,[5] bestand keine Notwendigkeit, die leibliche Familie Jesu negativ darzustellen. Es ist daher möglich, dass Markus von Spannungen innerhalb der Familie Jesu erfahren hatte und diese Berichte für glaubwürdig hielt.
Zu berücksichtigen ist aber auch, dass Markus in seinem Evangelium immer wieder dargestellt hat, dass Menschen, die Jesus nahe standen, ihn und seine Botschaft zu seinen Lebzeiten auf Erden nicht verstanden. Das gilt auch für die Jüngerinnen und Jünger. Das Unverständnis der Familie ist daher bei Markus Teil eines weit verbreiteten Unverständnisses der Menschen im Umfeld Jesu, das erst nach seinem Tod und seiner Auferstehung wich.[6]
Die Aussagen Jesu über den Ernst der Nachfolge und außerdem die Verfolgungserfahrungen seiner Anhänger der ersten und zweiten Generation könnten dazu beigetragen haben, dass Markus vehement die Bindungen an die leibliche Familie hintangestellt hat gegenüber der Gemeinschaft der Gläubigen. Gefragt war in der extremen Situation eine grundlegend andere Lebensweise als die relative Geborgenheit in einer traditionellen Großfamilie.
Der ökumenisch engagierte neuseeländische Theologe John Bluck schreibt über die Zurückweisung der leiblichen Familie Jesu im Markusevangelium: „Dreh- und Angelpunkt der Mission ist das uneingeschränkte Vertrauen, dass Jesus in jede und jeden seiner Anhänger setzte, sein vollkommenes Vertrauen darauf, dass sie den Weg zu Gottes Liebe und Gnade weisen würden. Es waren ganz gewöhnliche Leute ohne besondere Fähigkeiten oder eine spezielle Ausbildung … Was uns in diesem Abschnitt angeboten wird, ist eine radikal neue Lebensweise, in der unser eigenes Vertrauen und Selbstwertgefühl, unsere Fähigkeit, weitreichende und kühne Entscheidungen zu treffen, nicht von der Zustimmung und Anerkennung anderer Menschen abhängt.“[7] Zu beachten ist auch, dass die Mitglieder der ersten Gemeindegruppen eine rasche Wiederkehr Jesu erwarteten, und gegenüber der Vorbereitung auf diese Wiederkehr erschienen familiäre Bindungen sekundär.
Das unstete und gefährliche Leben von Wanderpredigerinnen und Wanderpredigern vertrug sich nicht mit engen Bindungen an die Großfamilie und die Tätigkeit im elterlichen Landwirtschafts- und Handwerksbetrieb. Es ist möglich, dass Spannungen zwischen Jesus und seiner Familie auch darauf zurückgingen, dass er als Erstgeborener seine Verpflichtungen gegenüber der Familie vernachlässigt und sich für ein Leben als Wanderprediger entschieden hatte.
Zu berücksichtigen ist zudem, dass in Galiläa zu Lebzeiten Jesu tief greifende soziale Veränderungen stattfanden, die man heute vielleicht als „Modernisierungsschub“ bezeichnen würde. Unter dem Einfluss der zunehmenden ökonomischen, sozialen und kulturellen Einbeziehung Galiläas in das Römische Reich und seine „globalen“ Strukturen, die auf Vereinheitlichung abzielten, verloren traditionelle Familienstrukturen an Bedeutung und boten nicht länger die frühere Sicherheit und Geborgenheit.[8] Insofern sagt die Darstellung bei Markus vielleicht mehr über die Lebenssituation Jesu und den gesellschaftlichen Kontext zu seiner Zeit aus als über Maria.
Susanne Heine hat 1997 in den „Lutherischen Monatsheften“ auch einen positiven Sinn in dem gefunden, was zunächst einmal als feindlich gegenüber der Familie erscheinen kann: „Nicht die Blutsverwandtschaft ist ausschlaggebend, vielmehr verbindet die gemeinsame Überzeugung die Menschen zur Familie Gottes. Markus will sagen, dass der Glaube die eigenständige Einsicht jeder einzelnen Person verlangt, ohne sich auf Äußerlichkeiten wie Herkunft und Rang zu stützen. In der universalen Perspektive des Christentums entscheidet nicht die Vergangenheit über Menschen, sondern die Zukunft: der Glaube an die Botschaft Jesu vom kommenden Gott.“[9]
Die neue Gemeinschaft, die von Jesus verkündet wurde, ist aber nicht primär eine asketische Leidensgemeinschaft, sondern es ist eine Hoffnungsgemeinschaft, denn sie trägt den Samen eines neuen Zusammenlebens der Menschheit in sich, den Beginn des Reiches Gottes. Bei Markus lesen wir im 10. Kapitel ab Vers 28: „Da fing Petrus an und sagte zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Jesus sprach: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Mutter oder Vater oder Kinder oder Äcker verlässt um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der nicht hundertfach empfange: jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker mitten unter Verfolgungen – und in der zukünftigen Welt das ewige Leben. Viele aber werden die Letzten sein, die die Ersten sind, und die Ersten sein, die die Letzten sind.“
Wer Jesus nachfolgt, der wird nicht nur aufs Jenseits vertröstet. Die Verheißung ist, schon jetzt in diesem Leben reich beschenkt zu werden, vor allem mit einer neuen Gemeinschaft. Zu dieser neuen Familie schreibt Joachim Kügler, Professor für Neues Testament an der Universität Bamberg: „Die neue Familie, die die Jesusbewegung bildet, ist nicht einfach eine Kopie der patriarchalen Familie, die die Aussteiger hinter sich gelassen hatten. Die traditionelle antike Familie ist durch ihre klare Hierarchie charakterisiert, die neue Familie wird dagegen eher als eine Gemeinschaft von Gleichberechtigten gesehen.
Deswegen nimmt auch Jesus nicht den Platz des Vaters ein. Er spricht in dem oben zitierten Text (vgl. Markus 3,34f.) nicht von seinen Kindern, sondern von seinen neuen Brüdern, Schwestern und Müttern. Und bei der Aufzählung dessen, was die Aussteiger als neue Familie erhalten, fehlen die Väter auffälligerweise. Die neue Familie ist eine vaterlose Familie, zumindest hat sie keinen irdischen Vater. Einen himmlischen Vater hat sie aber durchaus. Er nährt und schützt und versorgt seine Kinder wie eine gute Mutter. Neben diesem mütterlichen Vater im Himmel braucht die Jesusbewegung keinen irdischen Vater (Mt. 23,9), und keine irdische Vatermacht oder -autorität soll je über dem himmlischen Vater stehen.“[10]
Zu dieser neuen Familie schrieb Joachim Kügler, Professor für Neues Testament an der Universität Bamberg, 2009 in einem Beitrag der Zeitschrift „Welt und Umwelt der Bibel“: „Die neue Familie, die die Jesusbewegung bildet, ist nicht einfach eine Kopie der patriarchalen Familie, die die Aussteiger hinter sich gelassen hatten. Die traditionelle antike Familie ist durch ihre klare Hierarchie charakterisiert, die neue Familie wird dagegen eher als eine Gemeinschaft von Gleichberechtigten gesehen. Deswegen nimmt auch Jesus nicht den Platz des Vaters ein. Er spricht in dem oben zitierten Text (Markus 3,34f.) nicht von seinen Kindern, sondern von seinen neuen Brüdern, Schwestern und Müttern. Und bei der Aufzählung dessen, was die Aussteiger als neue Familie erhalten, fehlen die Väter auffälligerweise. Die neue Familie ist eine vaterlose Familie, zumindest hat sie keinen irdischen Vater. Einen himmlischen Vater hat sie aber durchaus. Er nährt und schützt und versorgt seine Kinder wie eine gute Mutter. Neben diesem mütterlichen Vater im Himmel braucht die Jesusbewegung keinen irdischen Vater (Mt. 23,9), und keine irdische Vatermacht oder -autorität soll je über dem himmlischen Vater stehen.“
In diesem Zusammenhang sollen kurz ergänzende Aussagen in anderen Evangelien herangezogen werden. In Matthäus 23,8 lesen wir: „Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder.“ Mehrfach verurteilte Jesus, dass sich Jünger in patriarchal geprägten Machtvorstellungen an die Spitze der Jüngerschar stellen wollten. Die Evangelien von Matthäus, Markus und Lukas berichten vom „Rangstreit der Jünger“. Bei Markus lesen wir dazu im 9. Kapitel, Vers 33-35: „Und sie kamen nach Kapernaum. Und als er im Hause war, fragte er sie: Was habt ihr auf dem Weg besprochen? Sie aber schwiegen; denn sie hatten auf dem Weg miteinander besprochen, wer der Größte sei. Und er setzte sich und rief die Zwölf und sprach zu ihnen: Wenn jemand will der Erste sein, der soll der Letzte sein von allen und aller Diener.“
Es blieb nicht bei diesem einmaligen Rangstreit, berichten uns die Evangelien. Es gab auch einen Streit darüber, wer im Himmel zur Rechten Jesu sitzen dürfte, und nach dem Tod Jesu gab es den fast komischen Wettlauf von zwei Jüngern zum Grab Jesu, weil jeder als Erster das leere Grab sehen wollte: „Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus, und sie kamen zum Grab. Es liefen aber die beiden miteinander, und der andere Jünger lief voraus, schneller als Petrus, und kam zuerst zum Grab“ (Johannes 20,3-4). Der andere Jünger ließ Petrus schließlich den Vortritt beim Betreten des Grabes. Aber die Jünger hatten patriarchale Rangkämpfe nicht hinter sich gelassen.
Von Lukas erfahren wir in seiner Apostelgeschichte, dass die zerstreuten Angehörigen der Jesusbewegung sich nach einer Ermutigung und Stärkung durch den Heiligen Geist wieder in Jerusalem versammelten und eine Gemeinschaft bildeten, die wie eine – nicht-patriarchale – Familie zusammenlebte.
Nachdem Lukas einige der Apostel aufgezählt hatte, schrieb er: „Diese alle hielten einmütig fest am Gebet samt den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.“ (Apostelgeschichte 1,14) Maria und ihre Söhne schlossen sich also der neuen Familie an. Der Jesusbruder Jakobus übernahm sogar eine leitende Aufgabe in dieser Gemeinschaft und wurde für seine Überzeugungen getötet. Mitglieder der Familie Jesu fanden den Weg in die neue Familie, die Jesus verheißen hatte. In dieser neuen Gemeinschaft wird damit der Gegensatz zwischen leiblicher Familie und neuer Familie der Jüngerinnen und Jünger Jesu überwunden. Es war eine Familie, in der alle einmütig zusammenlebten. Das war offenbar so anziehend für andere Menschen, dass die Jesusbewegung rasch wuchs.
Bei Matthäus wird Maria mehrfach in Zusammenhang mit der Geburt Jesu, der Flucht nach Ägypten und der Rückkehr in die Heimat erwähnt, wobei aber Josef die aktivere Rolle übernimmt. Er ist es, der in Träumen göttliche Weisungen erhält. Auch wird er in der Abstammungsreihe erwähnt, die bis David und Abraham zurückgeht, allerdings wird ihm am Ende der Auflistung die Vaterschaft Jesu verwehrt und Maria als Mutter Jesu aufgeführt. Hier soll erwähnt werden, dass Maria im Matthäusevangelium eine bedeutendere Rolle innehat als bei Markus, aber in dieser Geburtsgeschichte im Vergleich zur Lukasdarstellung einen weniger aktiven Part übernimmt als Josef.[11]
Von Maria sind allerdings im Matthäusevangelium – anders als im Lukasevangelium – keine Aussagen und schon gar kein Magnifikat zu finden. Der katholische Theologe Claudio Ettl schrieb 2009 in der Zeitschrift „Welt und Umwelt der Bibel“ über Maria in diesem Evangelium: „Beiläufig, fast lapidar, wird die jungfräuliche Empfängnis angesprochen – ein Beleg dafür, dass diese Vorstellung in der Gemeinde des Matthäus bereits bekannt ist. Übergehen konnte er sie nicht. Doch ebenso deutlich ist, dass es Matthäus nicht um eine Erzählung der Umstände der Empfängnis, auch nicht um die Geburt Jesu geht – diese erwähnt er nur in einem Nebensatz. Im Zentrum steht die Aussage: Die Herkunft als Sohn Davids geschieht durch göttliches Walten …“
Trotz seiner Geburtsgeschichte, in der Jesu Eltern die besondere Bestimmung ihres Sohnes erkennen, übernimmt Matthäus aus dem Markusevangelium die beiden Geschichten, in denen Jesu Familie vorkommt. Während es bei Markus über die Verwandten heißt, sie „schickten zu ihm und ließen ihn rufen“ (Markus 3,31), erfahren wir bei Matthäus, sie „wollten mit ihm reden“ (Matthäus 12,46). Das klingt nicht ganz so drängend.
Kleine Änderungen nimmt Matthäus auch beim Auftritt Jesu in seiner Heimatstadt Nazareth vor. Sagt Jesus laut Markusevangelium: „Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und bei seinen Verwandten und in seinem Haus.“ (Markus 6,4), lässt Matthäus die Verwandten aus der Auflistung weg (Matthäus 13,57). Die Behauptung der Angehörigen Jesu „Er ist von Sinnen“ (Markus 3,21) fehlt bei Matthäus ganz. Der Bruch zwischen der Geburtsgeschichte und dem Unverständnis der Familie für Jesu öffentliches Wirken wäre sonst sehr krass gewesen.
Jürgen Becker, emeritierter Theologieprofessor der Universität Kiel, schrieb in seinem „Maria“-Buch zusammenfassend über die Darstellung der Familie Jesu bei Matthäus im Vergleich zu Markus: „Die grundsätzliche Distanz zwischen Jesus und seiner leiblichen Familie bleibt auch bei ihm erhalten. Sie hat jedoch an Aggressivität verloren.“[12]
Bei Lukas hat Maria eine zentrale Position in dem Zyklus der Geschichten um die Geburt und Kindheit Jesu, während Josef sich mit einer Rolle im Hintergrund begnügen muss.[13] Überraschen kann das nicht, zeichnet sich das Lukasevangelium doch dadurch aus, dass Frauen hier immer wieder als wichtige Handelnde auftreten. Auf das Magnifikat wird in einem eigenen Abschnitt eingegangen werden.
Auffällig auch, dass Maria und die Geschwister Jesu bei Lukas deutlich positiver dargestellt werden als bei Markus. Der Eklat um Jesu Auftritt in seiner Heimatstadt Nazareth, von dem Markus ausführlich berichtet, wird von Lukas neu gestaltet. In Lukas 4,16-30 über Jesu Predigt in Nazareth tritt die Familie Jesu überhaupt nicht auf, und nur an zwei Stellen wird auf die Wurzeln Jesu in diesem Ort hingewiesen. Vers 15 beginnt mit den Worten: „Und er kam nach Nazareth, wo er aufgewachsen war …“ In Vers 22 fragen die Zuhörer in der Synagoge: „Ist das nicht Josefs Sohn?“.
Dadurch, dass Lukas hier von keinem Konflikt mit der Familie berichtet, bewahrt er die Schlüssigkeit seiner Geschichte, die anders als das Markusevangelium mit einer Geburtsgeschichte beginnt, in der Maria und Josef die göttlichen Zusagen für ihren Sohn hören. Das können sie nicht vergessen haben und ratlos bis ablehnend den Predigten ihres Sohnes gegenüberstehen. Konsequenterweise verkürzt Lukas auch Jesu Antwort auf die Aussage: „Kein Prophet ist willkommen in seinem Vaterland.“ (Lukas 4,24) Die von Markus erwähnten Verwandten und Familienmitglieder bleiben hier unerwähnt.
Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang, wie Lukas die Szene darstellt, in der Jesu Verwandte den jungen Mann in Kapernaum treffen wollen: „Es kamen aber seine Mutter und seine Brüder zu ihm und konnten wegen der Menge nicht zu ihm gelangen. Da wurde ihm gesagt: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sehen. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Meine Mutter und meine Brüder sind diese, die Gottes Wort hören und tun.“ (Lukas 8,19-21) Anders als bei Markus lehnt Jesus hier ein Treffen mit den Verwandten nicht ab, sondern sie können wegen der großen Menschenmenge nicht zu ihm gelangen. Auch sagt sich Jesus nicht von seiner leiblichen Familie los, sondern er preist alle dafür, dass sie Gottes Wort hören und danach handeln.
Auch an zwei weiteren Stellen im Lukasevangelium wird die Nachfolge Jesu vor familiäre Bindungen gestellt. In Lukas 12,49-53 sagt Jesus voraus, dass er mit seiner Botschaft Zwietracht säen wird, und dass auch Auseinandersetzungen innerhalb von Familien zu erwarten sind: Noch radikaler ist Jesu Ankündigung in Lukas 14,26 und 27: „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern, dazu auch sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein. Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.“
Solche Aussagen machen deutlich, dass Jesus im Evangelium des Lukas nicht seine leibliche Familie brüsk zurückweist, sondern deutlich machen will, dass eine konsequente Jüngerschaft erfordert, sich nicht durch menschliche Bindungen und vor allem durch familiäre Bindungen davon abbringen zu lassen, ihm nachzufolgen. Lukas räumt der Familie Jesu keine Sonderstellung oder hervorgehobene Stellung ein.
Das geht auch aus Lukas 11,27f. hervor: „Und es begab sich, als er solches redete, da erhob eine Frau im Volke ihre Stimme und sprach zu ihm: Selig ist der Leib, der dich getragen hat, und die Brüste, an denen du gesogen hast. Er aber sprach: Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren.“ Auffällig ist, dass Jesus der Frau aus dem Volke nicht widerspricht, aber das Glück auf all die bezieht, die Gottes Wort hören und bewahren. Jesus vermeidet es also, die Selig- oder Glücklichpreisung seiner Mutter zurückzuweisen und stellt sie in den größeren Rahmen der Gläubigen.
Deshalb ist es in der lukanischen Darstellung auch kein Bruch, wenn er gleich am Anfang seiner Apostelgeschichte schreibt, dass sich Maria und ihre Söhne der Gruppe der Jesusbewegung in Jerusalem anschlossen. „Diese alle hielten einmütig fest am Gebet samt den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.“ (Apostelgeschichte 1,14) Das ist für Lukas mehr als nur eine zufällige Mitgliedschaft. Dazu schreibt der katholische Theologe Claudio Ettl in dem erwähnten Beitrag:
„Unzweifelhaft zählt Lukas die Mutter Jesu zur Urgemeinde, die nach Ostern in Jerusalem zusammenkommt. Sie symbolisiert die Kontinuität der Heilsgeschichte, die im Wirken Jesu begonnen hat und nach Ostern ihre universale Fortsetzung erfährt.“
Claudio Ettl schreibt über die Darstellung Marias im Lukasevangelium: „Bei Lukas finden wir erstmals ein deutlich konturiertes Marienbild … Die Mutter Jesu ist die idealtypische Gläubige, Vorbild und Prototyp der wahrhaft Glaubenden. Weit entfernt davon, Maria als demütig und sich passiv dem Willen Gottes unterordnende Frau zu sehen, zeichnet er das Bild einer beispielhaften Christin, die sich überlegt und bewusst auf ihre Rolle einlässt und sie aktiv gestaltet. Das passt bestens zu der wichtigen und positiven Funktion, die Frauen gerade im lukanischen Doppelwerk spielen.“
Dass Lukas an diesem Bibelabschnitt ausdrücklich die Brüder Jesu erwähnt, ist wohl auch dem Umstand geschuldet, dass zu seinen Lebzeiten weithin bekannt war, dass Brüder Jesu und besonders Jakobus zur Urgemeinde gehört hatten. Schließlich war Jakobus als Märtyrer gestorben, und es wäre unsinnig gewesen, seine Verwandtschaft zu Jesus verschweigen zu wollen.
Dass neben Markus, der die Jungfrauengeburt nicht kannte, auch Lukas, der von ihr schrieb, unbefangen von den Brüdern Jesu geschrieben hat, rüttelt an den Fundamenten der dogmatischen Überzeugung, Maria sei ihr Leben lang Jungfrau geblieben.
Im Johannesevangelium wird Maria nirgends mit ihrem Namen erwähnt. Aber es gibt zwei zentrale Stellen, an denen die Mutter Jesu vorkommt. Der katholische indische Theologe Abbot John Kurichiyaniyil schreibt hierzu in einem theologischen Aufsatz: „Die einfache Tatsache, dass diese zwei Szenen ganz am Anfang des öffentlichen Wirkens Jesus und ganz am Ende seines Lebens stehen, ist bereits ein Hinweis darauf, dass Maria eine bedeutsame Rolle im Johannesevangelium einnimmt. Das ist umso mehr der Fall, als Maria in den anderen Evangelien kaum jemals in der Zeit des öffentlichen Auftretens Jesu erscheint und nirgends in Zusammenhang mit seinem Leiden und Tod.“[14]
Dass bei Johannes die aktive Rolle Marias herausgestellt wird und das Zerwürfnis mit ihrem Sohn nicht im Mittelpunkt steht, zeigt sich auch am Schluss der Darstellung über die Hochzeit in Kana: „Danach ging Jesus hinab nach Kapernaum, er, seine Mutter, seine Brüder und seine Jünger, und sie blieben nicht lange dort.“ Man ging also, so die Darstellung von Johannes, gemeinsam in den Ort, wo Jesus sein öffentliches Wirken fortsetzte.
Es ist bisher nicht eindeutig geklärt worden, wo das biblische Kana lag, denn drei Orte nehmen dies für sich in Anspruch. Viele Pilger besuchen heute das arabische Dorf Kefar Kenna, das etwa sechs Kilometer nordöstlich von Nazareth liegt und wo es bereits im 5. Jahrhundert eine Kirche gab, die an das Wunder erinnerte. Andere vermuten das antike Kana in Chirbet Kana 14 Kilometer nördlich von Nazareth. Schließlich gibt es noch einen Ort im Libanon, der für sich reklamiert, das historische Kana zu sein. Allen drei Orten ist gemeinsam, dass der Weg von dort nach Nazareth nicht über Kapernaum führt. Die Mutter Jesu und seine Brüder gingen also, können wir der Darstellung von Johannes entnehmen, nicht mit nach Kapernaum, weil dieser Ort auf ihrem Heimweg lag, sondern weil sie Jesus auf der ersten Strecke seines Wirkens und späteren Leidens begleitet wollten.
Auffällig ist, dass Johannes bei der Auflistung der Begleitung Jesu auf dem Weg nach Kapernaum Jesu Mutter als Erste nennt, dann die Brüder und erst danach die Jünger. (Die Schwestern bleiben hier vermutlich unerwähnt, weil sie zu dieser Zeit bereits verheiratet waren und in den Familien ihrer Männer lebten.) Anders als bei anderen Evangelisten wird die leibliche Familie an den Anfang gestellt, dann erst werden die Jünger erwähnt.
Das mag man für einen Zufall halten, aber die zweite Erwähnung der Jesusmutter im Johannesevangelium lässt weitere Zweifel daran aufkommen, dass Jesus sich wegen seines göttlichen Auftrags seiner Jüngerschaft zu- und von seiner leiblichen Familie abgewandt hat. So wie am Anfang seines Wirkens tritt die Jesusmutter in der Darstellung des Johannesevangeliums auch am Ende des Leidensweges Jesu auf. Sie steht mit zwei anderen Frauen unter dem Kreuz in Golgatha.

In der Geschichte von der Hochzeit von Kana, die nur von Johannes im 2. Kapitel seines Evangeliums überliefert wird, ging den Gastgebern der Wein aus. Um sie aus ihrer peinlichen Situation zu befreien, sprach die Jesusmutter ihren Sohn an: „Sie haben keinen Wein mehr.“ Das sollte offenkundig ein Hinweis für Jesus sein, durch ein Wunder für Wein zu sorgen. Die philippinische Ordensschwester Merle Salazar verweist auf die aktive Rolle Marias in dieser Szene: „… weder die Braut noch der Bräutigam wenden sich hier an Jesus oder an Maria. Maria, wird uns gezeigt, sieht aus eigener Freiheit das Problem und lenkt Jesu Aufmerksamkeit darauf.“[15]
Jesus verstand die Anfrage richtig, antwortete aber schroff: „Was geht’s dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Das hätte das Ende einer Konfrontation von Mutter und Sohn sein können, aber überraschenderweise sagte Maria den Dienern: „Was er euch sagt, das tut.“ Damit kennen wir bereits den zweiten der beiden Sätze, die Johannes in seinem ganzen Evangelium von Maria überliefert. Den Auftrag an die Diener interpretiert Merle Salazar so: „Diese Anweisung, so kurz wie sie ist, bringt den Glauben, das Vertrauen und das Selbstvertrauen in den zum Ausdruck, der Wunder bewirkt, Jesus. Der Satz zeigt, dass Maria keinen Zweifel daran hatte, dass Jesus schließlich eingreifen würde.“[16]
Der zweite Satz Marias war in der Tat vorausblickend, denn Jesus forderte die Diener dazu auf, sechs große Fässer mit Wasser zu füllen. Anschließend ließ er den Speisemeister den Wein, der auf wunderbare Weise aus dem Wasser entstanden war, kosten. Ob des köstlichen Weins ging der Speisemeister zu den Gastgebern und fragte, warum sie erst jetzt diesen guten Wein anbieten würden.
Die Bedeutung dieses Wunders ordnete Johannes so ein: „Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.“ In dieser Geschichte geht es nur vordergründig um ein Zerwürfnis von Mutter und Sohn sowie um die Verwandlung von Wasser in Wein. Im Mittelpunkt steht für Johannes, dass Jesus seine Gottessohnschaft offenbart.
Nach der Darstellung des Evangelisten hat Jesus gezögert, das schon zu diesem Zeitpunkt zu tun und sein öffentliches Wirken zu beginnen. Deshalb wies er seine Mutter zurück. Aber sie ließ sich nicht beirren, vertraute auf die Fähigkeiten ihres Sohns und gab den Anstoß dafür, dass die Heilsbotschaft Gottes nicht abstrakt blieb, sondern ganz konkret in Beziehung gesetzt wurde zu den materiellen Bedürfnissen der Menschen, auch den Bedürfnissen nach Wein und einem fröhlichen Fest. Das ist nicht die ganze Botschaft des Evangeliums, aber das ausgelassene Feiern bei bestem Wein gehört auch dazu. Maria hat ihren Sohn dazu bewegt, in Kana dafür zu sorgen, dass es den Menschen für das Fest an nichts mangelte, ein beeindruckendes Gegenbild zu manchen späteren sauertöpfischen Formen christlichen Denkens und Lebens.
Bei Johannes begegnen wir einer ganz anderen Maria als bei Markus, wo berichtet wird, dass die „Seinen“ (einschließlich Maria) der Auffassung waren, er wäre „von Sinnen“. Hier zeigt sich auf überzeugende Weise, dass die Mariendarstellungen in den vier Evangelien nicht einfach addiert und zu einer Mariabiografie verschmolzen werden können. Es gilt, ernst zu nehmen, dass die neutestamentlichen Texte unterschiedliche Bilder von Maria zeigen, die nicht künstlich in Übereinstimmung gebracht werden können. Zu Recht schreibt der katholische Theologe Claudio Ettl in einem Aufsatz über Maria und ihre Familie im Neuen Testament: „Das neutestamentliche Marienbild ist vielfältig. Es gibt nicht eines, sondern mindestens vier davon.“[17]

Johannes schreibt: „Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“ (Johannes 19,26-27) Anzumerken ist an dieser Stelle, dass unter Theologinnen und Theologen umstritten ist, wer dieser Lieblingsjünger war und in welchem Verhältnis er zu der Gemeinschaft stand, in der das Johannesevangelium entstanden ist. Aber in unserem Zusammenhang ist entscheidend, dass Maria in der Darstellung von Johannes ihren Sohn bis ans Kreuz begleitet hat.
Als ältester Sohn sorgte Jesus im Sterben dafür, dass seine Mutter nicht die Not vieler zurückgebliebener Witwen erlitt und völlig verarmte. Es wird angenommen, dass Josef bereits Jahre vorher verstorben war, denn in keinem der vier Evangelien des Neuen Testaments wird er erwähnt, wenn in der Zeit des öffentlichen Wirkens Jesu von seiner Familie die Rede ist. Daher hatte Jesus als ältester Sohn eine besondere Verantwortung für seine Mutter.
Die philippinische katholische Ordensschwester Merle Salazar hat in einer Auslegung dieser Szene am Kreuz geschrieben: „Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ist diese Szene nicht historisch, sondern symbolisch. In dieser Szene handeln die Mutter Jesu und der geliebte Jünger als repräsentative Figuren. Heute stimmen die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler darin überein, dass Jesus am Kreuz eine neue Gemeinschaft gläubiger Jüngerinnen und Jünger begründet hat, deren erste Mitglieder die beiden Menschen waren, die ihm am Nächsten standen, seine Mutter und sein geliebter Jünger.“ Wenn wir dieser Argumentation folgen, nehmen wir Abschied von der Historizität der von Johannes beschriebenen Szene, gewinnen dafür aber die Einsicht, welch hohe Wertschätzung Johannes der Jesusmutter entgegengebracht hat und welchen wichtigen Platz er ihr bei der Gründung der neuen Gemeinschaft derer einräumte, die Jesus nachfolgten.
Dafür, dass die Argumentation von Merle Salazar zutreffend sein dürfte, spricht ein weiterer Gesichtspunkt. Es fällt auf, dass Jesus einen Jünger damit betraute, sich um seine Mutter zu kümmern, nicht aber seine Brüder oder den nächstälteren Bruder, wie es in der nahöstlichen Tradition üblich gewesen wäre. Wenn wir zur Überzeugung gelangen, dass Johannes eben nicht ein historisches Ereignis beschreibt, sondern eine Glaubensbotschaft vermitteln will, können wir den Text neu einordnen. Der Jünger, den Jesus lieb hatte, hat an mehreren Stellen im Johannesevangelium eine hervorgehobene Rolle, und es kann nicht überraschen, dass Johannes die Kreuzigung Jesu so darstellt, dass dies auch beim Tod Jesu der Fall ist. Im Rahmen der Komposition des Evangeliums ist dieser Passus daher konsequent.
Allerdings gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, welche Rolle Maria in dieser Komposition zukommt. Während Merle Salazar ihr an der Seite des Lieblingsjüngers eine herausgehobene Rolle als Nukleus einer neuen Gemeinschaft zuerkennt, schreibt Professor Jürgen Becker in seinem „Maria“-Buch, dass dem Verfasser nichts an Maria liegt: „Vielmehr dient hier die Mutter Jesu in einer literarischen Funktion dazu, den Lieblingsjünger mit seiner Bedeutung als Testamentsvollstrecker Jesu zu definieren. Seine Sonderstellung im Jüngerkreis in Gestalt seiner speziellen Nähe zu Jesus soll herausgestellt werden.“ Die unterschiedlichen Bewertungen belegen, dass es sich lohnt, am ökumenischen Gespräch über biblische Texte teilzuhaben.
Bei all diesen Überlegungen ist zu bedenken, dass wir in den vier Evangelien über die Biografie von Maria oder Miriam wenig erfahren. Wir lesen, dass sie eine jüdische Frau aus dem Dorf Nazareth war, dass sie Josef heiratete und mehrere Kinder hatte, dass sie sich Sorgen um ihren Sohn Jesus machte und dass sie sich nach dessen Tod der Gemeinschaft der Jesusjüngerinnen und -jünger in Jerusalem angeschlossen hat. Das war angesichts der aufkommenden Marienfrömmigkeit schon in den ersten Jahrhunderten der Christenheit recht wenig. In einigen apokryphen Schriften wurde daher der Versuch unternommen, sehr viel mehr über Maria zu erzählen.
An dieser Stelle soll nun noch ganz kurz auf den Text Offenbarung 12,1-17 eingegangen werden.[18] Seit dem vierten Jahrhundert wurde die Auffassung vertreten, bei der Frau, die mit der Sonne bekleidet ist, den Mond unter sich und ein Kreuz von zwölf Sternen über sich hat, handele es sich um Maria. Die Auffassung, dass diese Frau, die unter Schmerzen ein Kind zur Welt brachte, Maria sei, vertraten zunächst nur einzelne Ausleger des Offenbarungstextes. Aber im Mittelalter fand diese Interpretation viele Anhänger.
Inzwischen besteht in Theologenkreisen aber weitgehend Einigkeit darüber, dass an dieser Stelle in der Offenbarung des Johannes die Jesusmutter Maria nicht gemeint ist und dass auch der Anknüpfungspunkt ausscheidet, das Motiv einer Himmelskönigin mit Maria in Verbindung zu bringen. Professor Daniel Marguerat hat dieses Bild in der Offenbarung 2019 in der Zeitschrift „Welt und Umwelt der Bibel“ so erklärt: „Aber wer ist dann die Frau? Wir begegnen hier einer Metapher aus dem Alten Testament wieder, die besonders oft bei den Propheten vorkommt: Die Frau ist in den Schriften Israels das Symbol für das auserwählte Volk; sie steht für Israel, manchmal auch für Jerusalem.
Die zwölf Sterne ihre Krone sind die zwölf Stämme Israels, vielleicht auch die zwölf Tierkreiszeichen.“ Demgegenüber scheidet der Anknüpfungspunkt aus, Maria mit einer Himmelskönigin in Verbindung zu bringen, denn die Bezeichnung Marias als Himmelskönigin war im frühen Christentum noch nicht gebräuchlich.
Das bedeutet nicht, dass diese Verknüpfung keine Wirkung in der Kirchengeschichte hatte. „Scheidet Off. 12 aus den Marientexten des Urchristentums aus“, schreibt Jürgen Becker in seinem „Maria“-Buch, „so hat die spätere mariologische Deutung des Textes gleichwohl in der Kunst der Kirche und in ihrer Dichtung zu entsprechenden Mariendarstellungen geführt. Die biblische Gestaltung der Maria als Himmelskönigin erhält nicht selten Motive aus Offb. 12. Unter den Marienliedern greift Luthers Nachdichtung von Joh. 12 besonders eindrücklich die Hauptmotive des Textes auf.“[19] Das wird zum Beispiel in diesen Zeilen deutlich:
Sie trägt von Gold so rein ein Kron’,
da leuchten drin zwölf Sterne;
ihr Kleid ist wie die Sonne schon (= schön).
das glänzt hell und ferne,
und auf dem Mon’
ihr’ Füße stohn.[20]
[1] Vgl. Claudio Ettl: Leben mit einem Wunderkind, Maria und die Familie Jesu, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2009, S. 11
[2] Ebenda, S. 12
[3] Vgl. hierzu u. a. Martin Koschorke: Jesus war nie in Bethlehem, Darmstadt 2007, S. 41f. und Susanne Heine: Glauben mit Leib und Seele, Lutherische Monatshefte, 11/97, S. 4f.
[4] Vgl. Claudio Ettl: Leben mit einem Wunderkind, a.a.O., S. 13
[5] Vgl. Christine Gerber/Dieter Vieweger: Patriarchat, in: Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel, a.a.O., S. 438
[6] Vgl. Claudio Ettl: Leben mit einem Wunderkind, a. a. O., S. 12f.
[7] John Bluck: The Giveaway God, Ecumenical Bible Studies on Divine Generosity, Genf 2001, S. 26f.
[8] Vgl. Martin Koschorke: Jesus war nie in Bethlehem, a.a.O., S. 86ff.
[9] Susanne Heine: Glauben mit Leib und Seele, Lutherische Monatshefte, 11/97, S. 3
[10] Joachim Kügler: Die alternative Familie Gottes, in: Maria und die Familie Jesu, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2009, S. 29
[11] Vgl. Claudio Ettl: Leben mit einem Wunderkind, Maria und die Familie Jesu, Welt und Umwelt der Bibel, 4/2009, S. 13f.
[12] Jürgen Becker: Maria, Leipzig 2001, S. 143
[13] Claudio Ettl: Leben mit einem Wunderkind, a.a.O., S. 14f.
[14] Abbot John Kurichiyaniyil: Mary in the Gospel of John, Bible Bhashyam, Vol. 37 (2011), No. 1, S. 42
[15] Merle Salazar: The Mother of Jesus in the Gospel of John, East Asian Pastoral Review, Vol. 43, No. 3, S. 275
[16] Ebenda. S. 276
[17] Claudio Ettl: Leben mit einem Wunderkind, a.a.O., S. 17
[18] Vgl. ebenda, S. 221ff.
[19] Ebenda, S. 224f.
[20] Zitiert nach ebenda, S. 225
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