
Zur Jesus-Mutter ist mit dem jüdischen Religionswissenschaftler Pinchas Lapide festzustellen, dass sie „eine durch und durch jüdische Tochter, Frau und Mutter“ war. In einem Brief an Maria fährt Pinchas Lapide fort: „Diese schlichte Tatsache passt vielen Deiner Verehrer gar nicht in den Kram, Du sollst aus demselben Volk stammen wie etwa die beiden sogenannten Schächer an den Kreuzen zu Seiten Deines Sohnes? Oder gar eine Volksgenossin von Judas Iskariot sein? … Lass mich doch einmal ohne Umschweife feststellen: Ich bin stolz auf Dich und Deine jüdischen Zeitgenossinnen in Jerusalem und ganz Galiläa, die tapfer ‚ihren Mann’ gestanden haben, in schweren Zeiten der Unterdrückung der Juden durch die Römer.“ (Pinchas Lapide: Liebe Maria, Publik-Forum, 21/96, S. 54)
Maria oder Miriam, wie ihr jüdischer Name lautete, hat in den Weihnachtsgeschichten einen hervorgehobenen Platz, aber wir erfahren wenig über ihre Biografie, und was wir über sie in den Evangelien erfahren, lässt sich nicht einfach zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Gerade das hat die Möglichkeit eröffnet, sich immer neu und manchmal auf eine ganz überraschende Weise mit dieser Frau zu verbinden. Die Gemälde, Geschichten und theologischen Beiträge über Maria sagen allerdings häufig mehr über diejenigen, die diese Bilder malten und diese Texte verfassten als über die Jesus-Mutter. Wer war Maria und welche Bedeutung hat sie heute für uns? Das wurde in der Geschichte der Kirchen immer wieder kontrovers und heftig debattiert, und noch vor einigen Jahren wurde ein srilankischer Theologe aufgrund seines Maria-Buches exkommuniziert.
Über das alltägliche Leben Marias nach der Geburt Jesu steht in den Evangelien nichts. Es ist aber inzwischen manches über das Leben jüdischer Frauen in Galiläa erforscht worden und es ist anzunehmen, dass Maria einen ähnlichen Alltag gehabt haben wird wie andere damalige Frauen. Der israelische Religionshistoriker Dan Jaffé hat diesen Alltag 2019 in der Zeitschrift „Welt und Umwelt der Bibel“ so beschrieben:
„Eine Ehefrau sollte … ihrem Mann und seiner Familie den Haushalt führen – unter anderem kochen, waschen und Kinder stillen. Zu ihren Aufgaben gehörte weiterhin, den Herd in Gang zu halten, Wolle und Flachs zu spinnen … Stoffe zu färben und Kleidung zu nähen. Die Küchengerätschaften – Gefäße und Töpfe aus Ton, Flaschen aus Glas und Becher – mussten nach rituellen Reinheitsvorschriften gehandhabt werden … Zudem sollte eine Frau darauf achten, das keine Schädlinge die Ernte befielen und die Grundnahrungsmittel sicher aufbewahren … Die schriftliche Überlieferung zur Kleidung der rabbinischen Epoche lässt vermuten, dass Maria in eine Tunika gekleidet war, deren Faltenwurf bis auf die Knöchel reichte ...“
Die Frau sollte in Begleitung ihres Mannes das Haus verlassen. Er war es, der die Einkäufe auf dem Markt erledigte. Frauen holten aber das Wasser von Brunnen, die häufig außerhalb des Dorfes lagen. Auch arbeiteten sie und die älteren Kinder ganz selbstverständlich in der Landwirtschaft mit. Viele Frauen in Galiläa waren erwerbstätig außerhalb der Familie. Nur so war es möglich, einen kargen Lebensunterhalt zu erwirtschaften und die hohen Steuern zu zahlen. Viele Familien mussten zusätzlich auch die Pacht für das von ihnen genutzte Land aufbringen. Die Kleinfamilie von Mutter, Vater und Kindern lebte mit großer Selbstverständlichkeit im Verbund der patriarchalen Großfamilie des Mannes. Nach einem frühen Tod des Ehemanns hatte eine Witwe große Mühe, mit ihren Kindern zu überleben, und das schon deshalb, weil die Löhne von Frauen sehr viel niedriger waren als die von Männern. Jesu Sorge für Witwen, von denen die Evangelien berichten, hatte also einen realen Grund in der galiläischen Gesellschaft.
Im „Sozialgeschichtlichen Wörterbuch zur Bibel“ heißt es zum Stichwort „Witwe“ unter anderem: „Im Neuen Testament steht die Witwe in der Tradition des Alten Testaments für Armut und Hilfsbedürftigkeit (Mk 12,38-40 par), mit den Waisen gehört sie zur Gruppe der Bedrängten (Lk 18.6) … Die Witwe, die trotz ihrer Armut ihren ganzen Lebensunterhalt spendet, wird zum Vorbild für die Jünger.“ Da Josef nach dem Besuch des zwölfjährigen Jesus im Lukasevangelium in keinem Evangelium mehr erwähnt wird, auch nicht in Zusammenhang mit Jesu Familie, wird angenommen, dass er früh gestorben ist und Maria zur Witwe wurde.
Spannungen in Jesu Familie könnten dadurch entstanden sein, dass Jesus sich als Wanderprediger seiner Verantwortung als ältester Sohn entzog. Wir wissen aber nicht, ob es tatsächlich Konflikte in der Familie gab und welche Ursachen sie hatten. Johannes Darstellung von der Hochzeit in Kana könnte, wenn sie einen historischen Kern hat, eher darauf hindeuten, dass Maria den Weg ihres Sohnes unterstützt hat. Sie war es, die Jesus aufforderte, Wasser in Wein zu verwandeln und damit sein öffentliches Zeugnis zu beginnen. Andere Texte im Neuen Testament könnten auf eine Distanz von Jesus zu seiner Familie hindeuten.
Ein Besuch von Bildungseinrichtungen, soweit es diese in galiläischen Dörfern überhaut gab, war Frauen wie Maria nicht möglich. Dan Jaffé weist in seinem Beitrag darauf hin, dass Forschungsergebnisse zeigen, „dass in dieser Epoche auch Frauen am Gottesdienst teilnehmen konnten, um die Toralesung und die Predigt des Rabbi zu hören – aber wie häufig das geschah und wie viele Frauen tatsächlich die Synagoge besuchten oder toragelehrt waren, bleibt unklar.“
Interessant im Blick auf Jesu spätere Predigten und Gespräche ist das familiäre religiöse Leben, zu dem Dan Jaffé schreibt: „Vermutlich hat allerdings die Volksfrömmigkeit, wie sie die pharisäischen Schulen verbreiteten, auch Jesu Familie beeinflusst. Sein Vater Josef wird zumindest im Matthäusevangelium als vor dem Gesetz ‚Gerechter‘ (dikaíos, Mt 1,19) bezeichnet.“ Maria wird, wie damals in jüdischen Familien üblich, nach dem Essen das Dankgespräch gesprochen haben. Auch hat sie mindestens einmal (siehe den Abschnitt über den zwölfjährigen Jesus, S. 257ff.) an Pilgerfesten in Jerusalem teilgenommen.
In dem Sammelband „Was geht uns Maria an?“ hat der jüdische Gelehrte Schalom Ben-Chorin über Maria und andere jüdischen Frauen geschrieben: „Das religiöse Leben einer jüdischen Frau in dieser Zeit müssen wir uns wohl stark introvertiert vorstellen. Nach außen hin tritt es viel weniger in Erscheinung als das religiöse Leben der Männer. Zwar ist auch die Frau auf die Gebete verpflichtet, aber andererseits ist sie von allen Geboten dispensiert, die an bestimmte Stunden gebunden sind. Der Grund hierfür liegt in den Mütterpflichten. Die Mutter, die ihre Kinder sehr lange stillt, konnte die vorgeschriebenen Gebetszeiten nicht immer einhalten, so dass ein Dispens notwendig war. Natürlich war die Frau von der umfassendsten aller Pflichten dispensiert, dem Studium der Thora.“
Dan Jaffé stellt dar, dass Maria im Talmud nur in kurzen Passagen aus dem 5. und 6. Jahrhundert erwähnt wird und zwar ausgesprochen negativ. Das ist auf dem Hintergrund der damaligen polemischen Auseinandersetzungen zwischen Juden und Christen zu sehen. Es wird behauptet, Jesus sei ein uneheliches Kind Marias und eines römischen Soldaten gewesen. An anderer Stelle wird von ihr behauptet, sie sei eine Prostituierte gewesen. Solche Behauptungen sollten die Christen diskreditieren, die ihrerseits die Juden mit polemischen Angriffen überschütteten. Auch haben die Christen, die nun Angehörige der vorherrschenden Religionsgemeinschaft im Römischen Reich waren, die jüdischen Gemeinden benachteiligt und verfolgt.
Weitere Beiträge der Reihe "Ökumenische Porträts" finden Sie auf der Seite "Ökumenische Porträts".
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Zum Weiterlesen:
Die Weihnachtsgeschichte - Fakten, Legenden und tiefere Bedeutung
Viele haben sich im Weihnachtsgottesdienst schon gefragt, ob die Geschichten von der Geburt und Kindheit Jesu Legenden sind, vielleicht sogar Märchen. In diesem Buch wird fundiert und anschaulich dargestellt, was heute über das damalige Geschehen bekannt. Es wird deutlich, dass viele legendarische Texte die Glaubensüberzeugungen der Jesusbewegung zum Ausdruck bringen und auch heute noch eine religiöse Orientierung bieten. Ausführlich wird das damalige Leben in Palästina unter der Herrschaft des römischen Imperiums dargestellt. Es hatte überraschende Ähnlichkeiten mit heutigen Imperien. Der Autor stellt außerdem ausführlich dar, was es bedeutet, dass Jesus, seine Familie und die meisten Menschen, die in den ersten Kapiteln der Evangelien Juden waren.
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