Das Evangelium von einer umfassenden Befreiung

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Kaiser Augustus ließ überall im Römischen Reich sein „euangelion“ verkünden, seine „frohe Botschaft“ oder „gute Nachricht“, wie sich dieses griechische Wort übersetzen lässt. Bei den guten Nachrichten des Kaisers ging es um gewonnene Kriege und um andere Erfolge des uneingeschränkten Herrschers. Dass die Verfasser der biblischen Texte über das Wirken und die Botschaften Jesu als Evangelien bezeichnet haben, bringt ihre Überzeugung zum Ausdruck, dass es Jesus um die frohe Botschaft des wahren Herren der Welt ging.

 

Wie ein roter Faden durchzieht die vier Evangelien und die übrigen Texte des Neuen Testaments die Botschaft Jesu von einer umfassenden Befreiung. Es wird immer wieder exemplarisch dargestellt, wie Jesus Menschen von ihren Krankheiten befreit hat, wie er den Hunger bekämpft hat (so bei der Speisung der Fünftausend), wie er sich bemüht hat, Menschen vom Festklammern am Mammon zu befreien, wie er den Allmachtanspruchs des Kaisers und seiner Vertreter wie Herodes infrage stellte und Gott als den wahren Herrscher der Welt verkündete, wie er Menschen dazu ermutigt hat, sich von ihrer Gefangenheit in einem sündigen Leben zu befreien …

 

Jesus hat immer wieder deutlich gemacht, dass eine Befreiung in konkreten Situationen und ebenso in einem umfassenden Sinne ein Entscheidung der einzelnen Menschen ist und ihre Mitwirkung erfordert. Jesus hat in der biblischen Geschichte der Versuchung durch den Teufel widerstanden, die Welt zu beherrschen. Er hat den Menschen die Freiheit gelassen, selbst ihren Weg zu gehen – und sei es in Irrweg wie der reiche Jüngling, der sich an seinen Reichtum klammerte und sich nicht der Jesusbewegung anschloss.

 

Jesus hat sich bei seinen Predigten und Gleichnissen, seinen Heilungen und seinem übrigen Handeln ganz in die Tradition der Befreiungstexte der Hebräischen Bibel gestellt. Er hat diese biblischen Texte für seine Zeit neu ausgelegt und auf die konkrete Lebenssituation der Menschen bezogen, so wie es auch andere jüdische Prediger zu seiner Zeit getan haben. Jesus hat dabei eine umfassende Befreiung im Blick gehabt, also zum Beispiel nicht nur Heilungswunder vollzogen.

Diese Orientierung an einer umfassenden Befreiung gilt es in unserer heutigen Situation neu zu verstehen und sich daran auszurichten. Das erfordert, Jesu befreiende Botschaft zu studieren und daraus zu lernen, was sie in der Welt bedeutet, in der wir heute leben. Dann gilt es, Position zu beziehen und in der Nachfolge Jesu an einer umfassenden Befreiung mitzuarbeiten Das betrifft sowohl das persönliche Umfeld, als auch nationale und globale Probleme.

 

Wir haben mittlerweile den großen Vorteil, dass wir diesen Weg zu einer umfassenden Befreiung gemeinsam mit Christinnen und Christen in allen Teilen der Welt gehen können. Viel können wir von den Befreiungstheologinnen und Befreiungstheologen im Süden der Welt lernen. In diesem Bereich der Website, der sich noch im Aufbau befindet, finden Sie viele Denkanstöße und Ermutigungen, in der Nachfolge Jesu an dieser umfassenden Befreiung mitzuwirken. Dabei werden auch Informationen zur Entstehung der Evangelien und zur politischen, sozialen, kulturellen und religiösen Situation in der Heimat Jesu gegeben. Dabei wird auch deutlich, warum die Menschen sehnsüchtig auf Befreiung hofften und wie schwierig die Befreiungsprozesse waren. 

 

 © Frank Kürschner-Pelkmann