Herodes Archelaus - kein König und kein erfolgreicher Herrscher

Erst nach dem Tod von König Herodes kehrten Josef, Maria und Jesus aus Ägyp­ten zurück, lesen wir im Matthäusevangelium. Wie viele heutige politische Flüchtlinge warteten sie auf einen günstigen Zeitpunkt, zurück in die Heimat zu reisen. Aber damals wie heute bleibt die Unsicherheit, ob der Tod eines Despoten schon aus­reichend Veränderungen bewirkt hat oder ob ein neuer Herrscher mit den gleichen Methoden re­giert wie sein Vorgänger.

 

Als Josef hörte, wie brutal der Hero­dessohn Archelaus (oder Archelaos) in Judäa regierte, fürchtete er sich. Im Traum befahl Gott ihm, nach Galiläa zu ziehen (Matthäus 2,22). Die Familie folgte dieser Anweisung und ließ sich in Nazareth nieder. Wie bei Lukas kam die Familie also auch in der Darstellung von Matthäus schließlich in Galiläa an. Das war unabdingbar, denn im ersten Jahrhundert war in der Jesusbewegung bekannt, dass Jesus in Nazareth aufgewachsen war.

 

Die Furcht vor Archelaus, die Matthäus in seine Geschichte eingeflochten hat, war durchaus berechtigt, denn dieser Herodessohn ist als besonders brutaler Herr­scher in die jüdische Geschichte eingegangen. Er stand ursprünglich bei der Erbfolge auf keinem der oberen Plätze, aber nachdem Hero­des drei seiner Söhne ermorden ließ (siehe Abschnitt Herodes, S. 394ff.), konnte sich Arche­laus Hoffnungen auf den Königsthron machen. Allerdings hatte er einen Bruder und eine Reihe von Halbbrüdern aus den verschiedenen Ehen seines Vaters. Seine Mutter Maltake stammte aus Samarien und war eine von etwa zehn Ehefrauen von König Herodes. Archelaus wurde vom Vater wie mehrere seiner Brüder und Halbbrüder nach Rom geschickt, um dort eine Bildung zu erhalten und sich auf eine eventuelle politische Karriere vorzubereiten.

 

Die Intrigen am Königshof von Herodes richteten sich nach dessen Rückkehr aus Rom auch gegen Archelaus, sodass er als Opfer von Verleumdungen zunächst keine Aussichten auf den Thron hatte. Nachdem Herodes zwei Söhne wegen angeblicher Putschpläne hinrichten ließ und der älteste Sohn Anti­pater in Ungnade gefallen war (und später auf Befehl des Königs ermordet worden war), ernannte Herodes in einem Testament seinen Sohn Antipas zu seinem Haupterben. Er war ein Bruder von Archelaus. Doch kurz vor seinem Tod 4 v. Chr. änderte der König sein Testament erneut. Nun sollte Archelaus zum Haupterben werden und als König die Gebiete Judäa, Samarien und Idumäa regieren. Sein Bruder Antipas sollte Galiläa und Peräa verwalten und seine Halbbruder Philippus Gebiete nördlich und östlich des Sees Genezareth erhalten. Eine Tante von Herodes sollte einige Städte als Erbe bekommen. Archelaus sollte seinen Verwandten als König übergeordnet sein.

 

Nur war es so, dass Herodes als Klientelkönig nicht berechtigt war, sein Erbe letztgültig selbst zu regeln. Der Kaiser in Rom konnte die Erbregelungen von Herodes bestätigen oder auch ändern. Augustus wird sehr beunruhigt darüber gewesen sein, dass Herodes drei seiner Söhne ermorden ließ und die Nachfolgepläne mehrfach geändert hatte. Man kann nur ahnen, welche Machtkämpfe vor und unmittelbar nach dem Tod von Herodes am Königshof tobten. Das war eine Fortsetzung der Intrigen, die das Leben am Hof schon längere Zeit vergiftet hatten. Archelaus berief sich auf das letzte Tes­tament von König Herodes und übernahm nach dem Tod seines Vaters die Herrschaft in Jeru­salem.

 

Als Archelaus nicht zum König wurde

Er sah sich bereits als neuer König und genoss zunächst auch eine gewisse Unterstützung in der Bevölkerung, nachdem er Verminderungen der hohen Abgaben in Aussicht gestellt hatte. Aber die Stimmung kippte rasch, als die Soldaten von Archelaus einige Wochen nach seinem Machtantritt gegen ihn gerichtete Unruhen im Tempel während des Pessachfestes gewaltsam beendeten, wobei es eine große Zahl von Todesopfern gab. Glaubt man dem antiken jüdischen Historiker Flavius Josephus, übte Archelaus nun eine solche Schreckens­­herrschaft aus, dass er sehr rasch äußerst verhasst war.

 

Die gewaltsamen Ausein­andersetzungen wurden umgehend in Rom bekannt und bestä­tigten die Befürch­tungen, dass es nach dem Tod von Herodes zu Unruhen in seinem Königreich kommen würde. Arche­laus reiste nach Rom, um sich dort seine Königswürde betätigen zu lassen. Aber auch sein Bruder Antipas und sein Halbbruder Philippus sahen sich als legitime Nachfolger des toten Königs Herodes und bean­spruchten das ganze Erbe oder doch wenigstens Teile davon. Dass die drei Hero­dessöhne mit getrennten Delegationen und je eigenen Vorstellungen in Rom erschienen, machte auf Augustus einen denkbar schlech­ten Eindruck.

 

Dazu reiste auch noch eine Dele­ga­tion aus der jüdischen Bevölkerung mit dem Vor­schlag an, der römi­sche Kaiser mö­ge das Land direkt regieren. Diese Delegation aus der jü­dischen Bevölkerung hat übrigens mit hoher Wahrscheinlichkeit Eingang in das Neue Testament gefunden. Bei Lukas lesen wir in einem Gleichnis im 19. Kapitel, Vers 12-14: „Ein Mann von edler Herkunft zog in ein fernes Land, um ein Königtum zu erlangen und dann zurückzukommen. Der ließ zehn seiner Knech­te rufen und gab ihnen zehn Pfund und sprach zu ihnen: Handelt damit, bis ich wie­der­komme! Seine Bürger aber waren ihm feind und schickten eine Gesandtschaft hinter ihm her und ließen sagen: Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche.“ Das Ende des Abschnitts lässt Schlimmes befürchten, denn der Herrscher verkün­dete: „Doch diese meine Feinde, die nicht wollten, dass ich über sie herrsche, bringt her und macht sie vor mir nieder.“

 

Drei Herodessöhne wollen die Macht für sich - und verärgern Augustus

Dass die drei Herodessöhne und ihre Berater einander vor Augustus verun­glimpf­ten, konnte den Kaiser nur noch mehr alarmieren. Zudem erreichten ihn Be­richte, dass es in Jerusalem und anderen Orten Palästinas nach der Abreise der Delegationen zu weiteren Unruhen gekommen war. Erst der Einsatz von zwei Legionen sorgte im römischen Sinne wieder für Ruhe. Augus­tus hörte alle drei Aspiranten auf den Königtitel an, ebenso die Delegation aus der Bevölkerung. Von dieser Delegation erfuhr Augustus, dass Archelaus schon nach wenigen Wochen Herrschaft als Tyrann wahrgenommen wurde.

 

Augustus war weiterhin an Klientelherrschern interessiert, die ihr Herrschaftsgebiet effizient, wirtschaftlich erfolgreich und ohne bürgerkriegsähnliche Verhältnisse verwalteten. Unter den Umständen konn­te Archelaus schon froh sein, überhaupt noch mit der Herrschaft über Judäa, Samarien und Idumäa betraut zu werden. Das war ein besonders großer und wichtiger Teil des vä­terlichen Erbes. Allerdings ernannte Augustus ihn nicht wie erhofft zum König, sondern verlieh ihm lediglich den deutlich niedrigeren Status als Ethnarch, was sich mit „Herrscher über das Volk“ übersetzen lässt. Seine Brüder Antipas und Philippus erhielten jeweils weitere Teile des Herrschaftsgebietes des Vaters. Sie wurden nicht Archelaus, sondern direkt dem Kaiser unterstellt. Archelaus und Antipas nahmen, wo sie schon nicht zu Königen geworden waren, den Namen des Vaters Herodes in ihren eigenen Namen auf.

 

Dass Augustus den Herodessohn Ar­che­laus nicht in die Wüste schickte, lag vielleicht auch daran, dass dieser in seiner Kindheit eine Bildung in Rom erhalten hatte und daher Anlass zur Hoffnung bestand, dass er die griechisch-römische Kultur und Lebensweise in seinem Herrschaftsgebiet för­dern würde. Da auch die beiden angereisten Brüder ebenfalls Teile des väterlichen Erbes erhalten sollten, hatte Augustus vermutlich die Hoffnung, dass nun wieder politische Stabilität in dieser für ihn so wichtigen Region an der Ostgrenze seines Reiches einkehren würde.

Druck "Archelaus kniet vor Kaiser Augustus"
Archelaus kniet vor Kaiser Augustus, Druck von Jan Luyken aus dem Jahr 1704. Foto: Rijksmuseum, CC0, via Wikimedia Commons

Ein verhasster Herrscher

Dass Archelaus nicht wie erwartet als König aus Rom zurückkehrte, bedeu­tete einen beträchtlichen Gesichtsverlust für ihn. Wenn Archelaus danach noch Sympathien in der Bevölkerung besessen haben sollte, verspielte er sie durch zahlreiche willkürliche Maßnahmen wie die Absetzung des Hohepriesters. Dass er die einzige Stadt, die er gründete, nach sich selbst Archelais nannte, spricht nicht für einen souveränen Umgang mit der Macht. Seine Bruder Antipas war klüger und benannte eine von ihm gegründete Stadt am See Genezareth Tiberias nach Kaiser Tiberius, einem Nachfolger von Augustus. Solche Gesten kam am Kaiserhof gut an.

 

Als Sohn einer Samaritanerin war Herodes Archelaus „erblich belastet“. Er beging dann auch noch den Fehler, die Witwe seines Bruders Alexander zu heiraten. Eine solche Heirat war aber nach jüdischem Recht nicht statthaft, wenn die Witwe bereits Kinder aus erster Ehe hatte. Archelaus Reputation in religiösen Kreisen ist außerdem dadurch untergraben worden, dass er noch mehrfach Hohepriester am Tempel in Jerusalem nach eigenem Gutdünken ein- und absetzte. Es ist deshalb nur zu verständlich, dass Josef und Maria mit ihrem Kind nach der Erzählung von Matthäus aus dem Exil in Ägypten nicht nach Bethlehem in Judäa zurückkehrten. Sie ließen sich stattdessen, so schreibt Matthäus, in Galiläa nieder, also im Herrschaftsgebiet von Herodes Antipas.

 

Nach einem Jahrzehnt Herrschaft war Herodes Archelaus so verhasst, dass eine gemein­same Delegation der Bevölkerung aus Judäa und Samarien 6 n. Chr. nach Rom reis­te, um sich über diesen Herrscher zu beschweren. Dass die beiden in ständigem Kon­flikt miteinander lebenden Bevölkerungsgruppen eine gemeinsame Delegation ent­sandten, lässt ah­nen, wie groß der Leidensdruck gewesen sein muss. Augustus hörte sich die Beschwerden an, bestellte Archelaus nach Rom, ließ ihn verhören und schickte ihn in die Verbannung nach Gallien, wo er zwölf Jahre später starb.

 

Dieses Verhalten des Kaisers mag auf den ersten Blick überraschen. Warum reagierte Augustus auf die Vorwürfe der Bevölke­rung und ließ seinen Vasallen fallen? Der Grund ist einleuchtend: Zwar regierte Rom mit harter Hand, aber das Imperium war nur zusammenzuhalten, wenn ein Gebiet nach der Eroberung „befriedet“ wurde und blieb, wenn also Aufstände nach Möglichkeit vermieden wurden. Solche Auf­­stände banden Truppen und beeinträch­­tigten die ökonomische Ausbeutung der betreffenden Region zum Vorteil der Me­tropole des Reiches.

Ein Vasall, der solche unsicheren Verhältnisse auslöste, wur­de in die Wüste geschickt – oder eben nach Gallien. Eine Gewaltherrschaft ohne ra­ti­onale militärische und politische Stra­tegie störte die wirksame Verwaltung des Welt­reiches und die Nutzung der Wirtschaftskraft der abhängigen Gebiete zum Wohle Roms.

 

Die Folgen des Sturzes des Despoten

Hier muss einschränkend gesagt werden, dass diese Darstellung des Sturzes des Herodessohnes weitgehend auf den Angaben von Flavius Josephus beruht, und dass es Thesen gibt, der Sturz von Herodes Archelaus könnte andere Gründe gehabt haben. Un­strittig ist, dass Herodes Archelaus seinen Posten verlor und sein Vermögen konfisziert wurde. Es ist lediglich noch bekannt, dass er im Jahr 18 n. Chr. in Vienna in Gallien starb.

Sein bisheriges Herrschaftsgebiet wurde an den römischen Statthalter in Syrien übertragen. Bei der inneren Verwaltung und in der Rechtsprechung gestanden die Römer dem Hohen Rat und den Hohepriestern eine bedeutende Rolle zu. Die Hohepriester wurden nun aller­dings vom römischen Statthalter ein- und abge­setzt.

Der erste für Judäa zuständige syri­sche Statthalter war Sulpicius Qui­ri­nius (siehe Abschnitt über Quirinius, S. 528ff.), der eine Nebenrolle in der Weih­nachts­geschichte des Lukas zugewiesen bekam. Er ließ 6 und 7 nach Christus eine Volkszählung und Steuerschätzung in den nun von ihm verwalteten Gebieten durch­führen, die die Grundlage für die Besteuerung der Bürger bilden sollte. Bei Lu­kas wird sie irrtümlich in die Regierungszeit des Herodes verlegt und als reichsweiter Zensus dargestellt. Für den von Quirinius angeordneten Zensus, verbunden mit einer Steuerschätzung, musste auch nicht ein jeglicher in seine Heimatstadt reisen, schon gar nicht von Nazareth nach Bethlehem, denn Na­za­reth in Galiläa gehörte gar nicht zu den Gebieten, die dem Statthalter unterstellt waren.

   

Zwei Jahrzehnte später regierte Pontius Pilatus als Präfekt des Kai­sers in Jerusalem – und erhielt einen bedeutenden, wenn auch nicht schmeichelhaf­ten Platz im christlichen Glaubensbekenntnis. Herodes Archelaus hat im Neuen Testament nur eine kleine Rolle zugewiesen bekommen, und dass er überhaupt namentlich vorkommt, verdankt er wie erwähnt der Tatsache, dass Matt­häus erklären musste, warum Joseph, Maria und Jesus von Ägypten aus nicht nach Bethlehem zurückkehrten, wo sie nach diesem Evangelium vor der Flucht gelebt hatten, sondern sich in Nazareth niederließen. Das ist ein Beispiel dafür, wie die Evangelisten reale politische Führungspersonen und reale politische Verhältnisse in ihre Evangelien einbezogen.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

-----------------------------------------------------------

Cover des Buches "Die Weihnachtsgeschichte"

Zum Weiterlesen:

 

Die Weihnachtsgeschichte - Fakten, Legenden und tiefere Bedeutung 

 

Viele haben sich im Weihnachtsgottesdienst schon gefragt, ob die Geschichten von  der Geburt und Kindheit Jesu Legenden sind, vielleicht sogar Märchen. In diesem Buch wird fundiert und anschaulich dargestellt,  was heute über das damalige Geschehen bekannt. Es wird deutlich, dass viele legendarische Texte die Glaubensüberzeugungen der Jesusbewegung zum Ausdruck bringen und auch heute noch eine religiöse Orientierung bieten. Ausführlich wird das damalige Leben in Palästina unter der Herrschaft des römischen Imperiums dargestellt. Es hatte überraschende Ähnlichkeiten mit heutigen Imperien. Der Autor stellt außerdem ausführlich dar, was es bedeutet,  dass Jesus, seine Familie und die meisten Menschen, die in den ersten Kapiteln der Evangelien Juden waren.

Weitere Informationen zum Buch finden Sie hier.