Johann Hinrich und Amanda Wichern gründen 1833 das „Rauhe Haus“ für Kinder

Cover des Buches "Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 920 Seiten, ISBN 978-3-384-05017-5, 38 Euro

„Als ‚Genie der Liebe‘ wird er in einer geschichtsbewussten Christenheit seinen Platz behalten. Seine theologisch-politischen Positionen, die weite Teile des Protestantismus des 19. Jahrhunderts in einen aussichtslosen, undifferenzierten Kampf gegen die neuzeitlichen Emanzipationsbewegungen geführt haben, beschleunigten den Exodus weiter Teile des liberalen Bürgertums und des sozialdemokratischen Proletariats aus der Kirche.“ Das schrieb Professor Günter Brakelmann in einem Beitrag des Bandes „Protestantische Profile“.

 

Johann Hinrich Wichern setzte sich entschlossen für kirchliche Reformen und die diakonische Arbeit ein. Aber anders als die Sozialisten wollte er keine revolutionären Veränderungen, sondern eine Erneuerung einer ständischen Gesellschaft. Er wollte Reformen, aber er glaubte an eine „göttliche Ordnung von Oben und Unten, von Regierenden und Regierten, Eltern und Kindern, Herren und Knechten, Obrigkeiten und Untertanen“.

 

Johann Hinrich Wichern wurde am 21. April 1808 in Hamburg geboren. Als er fünf Jahre alt war, flüchtete die Familie vor den französischen Besatzungstruppen bei lebensgefährlichem Eisgang über die Elbe und fand in Cranz in einem völlig überfüllten Haus Aufnahme. Dieses Erlebnis von Flucht und Not hinterließ einen tiefen Eindruck auf das Kind und schärfte sein Gespür für die Not von Mitmenschen. Nach dem Abzug der Franzosen kehrte die Familie in die bürgerliche Welt eines Hamburger Notarhaushaltes zurück. Der Sohn besuchte eine Privatschule und das Johanneum.

 

Der Tod des Vaters 1823 zwang die Mutter von sieben Kindern, Zimmer zu vermieten und einen Wollhandel aufzubauen. Ihr fünfzehnjähriger Sohn Johann Hinrich gab Privatunterricht. Dieser Unterricht und die Verpflichtungen in der Familie nahmen ihn so in Anspruch, dass sich seine schulischen Leistungen verschlechterten und er nicht in die Prima aufgenommen wurde. Er fand eine An­stellung als Erziehungsgehilfe an einer Schule. Bis in die Nächte lernte er daneben selbst und schaffte doch noch das Abitur.

 

 

Nicht für ein Leben im Elfenbeinturm geboren

Im Oktober 1828 brach Wichern mit einem Stipendium zum Theologiestudium nach Göttingen und Berlin auf. Er stellte bald fest, dass er nicht für ein Leben im Elfenbeinturm geboren war und schrieb, „dass ein Verstehen des Christentums nicht möglich ist ohne das Leben in demselben“. 1831 schloss er das Theologiestudium ab und fand eine Anstellung in Pastor Rautenbergs Sonntagsschule in St. Georg. Dort lernte er die Not der Armen kennen. Er erkannte, dass es nicht reichte, die Kinder am Sonntag zwei Stunden zu betreuen. Viele Kinder benötigten einen sicheren dauerhaften Hort. Er hatte seine Lebensaufgabe gefunden und wurde zum Verfechter der sozialreformerischen Erweckungsbewegung.

 

Durch die Sonntagsschularbeit lernte er Amanda Böhme kennen, und die beiden jungen Leute verlieben sich. Sie erteilte ehrenamtlich Unterricht, obwohl sie selbst nur eine bescheidene Schulbildung besaß. Sie war am 12. September 1810 geboren worden und war die Tochter eines Direktors der Feuerkasse. Sie verlor ihre Mutter, als sie dreizehn Jahre alt war und wurde für ihre Geschwister zu so etwas wie einer zweiten Mutter. So lernte sie früh, Verantwortung zu übernehmen. Wichern hat später viel davon profitiert, dass sie ein ausgleichendes Wesen besaß, während er leicht ungeduldig, zornig und aufbrausend war.

 

 

Die Gründung des Rauhen Hauses

Bauernkate, in der  das Rauhe  Haus seine Arbeit aufnahm
In dieser kleinen Bauernkate eröffnete Wichern seine "Rettungsanstalt" für Kinder, Foto: Pauli-Pirat, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

Am 25. Februar 1833 versammelten sich über tausend Menschen, um von dem gerade erst 24-jährigen Wichern zu hören, wie er sich das Rettungswerk für Kinder vorstellte. Der Redner konnte seine Vorstellungen von einem Heim für „verwahrloste“ Kinder so anschaulich und packend darstellen, dass die Zuhörerinnen und Zuhörer spontan größere Beträge spendeten. Der Hamburger Syndikus Karl Sieveking stellte ein großes Gelände in Horn mit einer Bauernkate für die Rettungsanstalt zur Verfügung, das „Ruge Hus“ (Rauhe Haus).

Bereits im November 1833 konnten die ersten Kinder in das Rauhe Hauses aufgenommen werden. Sie sollten in „Familien“ zusammenleben und betreut werden. Wichern beschrieb seinen Erziehungsstil so: „Von dem Geiste solcher Liebe soll in dem Rettungsdorfe alles zeugen, was dem Kinde entgegenkommt, sodass ihm unwillkürlich bewusst werden muss: Hier bin ich in einer neuen Welt, die ich geahnt und nicht gefunden habe bisher.“ Anders als in „Bewahranstalten“ für Kinder gab es keine Mauern, Zäune oder Riegel, dafür eine liebevolle Betreuung.

 

Damit verbunden war es, den Kindern die christliche Botschaft zu vermitteln. In der Vorweihnachtszeit wollte Wichern den Kindern nahebringen, dass das Fest der Freude und des Lichts näher rückte. So zündete er in den Adventswochen bei den morgendlichen Andachten jeden Tag eine zusätzliche Kerze an. Für die vielen Kerzen ließ Wicherns im Versammlungsraum einen großen Holzreif aufhängen, der mit Tannenzweigen geschmückt wurde. Der Adventskranz war geboren und verbreitete sich rasch im ganzen Land.

 

Das Erziehungskonzept Wicherns bewährte sich, und mit großem Enthusiasmus lebten und lernten die Jungen und Mädchen im neuen Dorf und arbeiteten in Landwirtschaft und Handwerk. Bald gab es auf dem weitläufigen Gelände auch mehrere Werkstätten, in denen zum Beispiel alle Tischlerarbeiten erlernt wurden. Das Rauhe Haus entwickelte sich zum Modell für „Rettungshäuser“ für Kinder in ganz Deutschland.

 

In diese Zeit des Aufbruchs fiel am 29. Oktober 1835 die Heirat mit Amanda Böhme. Sie hatte zunächst einen schweren Stand, denn ihre Schwiegermutter leitete die hauswirtschaftliche Arbeit im Rauhen Haus und ließ die junge Frau spüren, wer das Sagen hatte. Erst als Wichern seiner Frau die Verantwortung für die Finanzen der Einrichtung übertrug, konnte sie sich selbstständig entfalten. Es war aber auch der Beginn einer starken Belastung als Berufstätige, Ehefrau und Mutter von neun Kindern.

 

 

Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie, hervorgegangen aus einer Gründung Wicherns, Foto: Ktiv, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

Wichern hatte zu dieser Zeit schon neue große Pläne. Eine Druckerei und ein Verlag sollten Einnahmen erzielen und die christliche Botschaft in gedruckter Form verbreiten. Sein nächstes Vorhaben: Nachdem die Zahl der Kinder immer größer geworden war, stieg auch der Bedarf an gut ausbildeten pädagogischen Helfern, und so eröffnete das Rauhe Haus 1844 ein „Gehilfeninstitut“, die heutige Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie.

Großer Einfluss durch zahlreiche Vorträge

Inzwischen wurde Wichern überall in Deutschland zu Vorträgen eingeladen. Von da an übernahm seine Frau viele Leitungsaufgaben im Rauhen Haus. Eine große Rolle spielte in Wicherns Vorträgen die Sorge der wohlhabenden und konservativen Menschen in Kirche und Gesellschaft über die Unruhe unter der arbeitenden Bevölkerung. Er ging mit denen hart ins Gericht, die die Arbeiter ausbeuteten und die Arbeiterfamilien der Not überließen. Er forderte angemessene Löhne, Arbeitersiedlungen und ein Verbot von Kinder- und Sonntagsarbeit. Er wollte die Kirche zur entscheidenden Kraft im Kampf gegen soziales Unrecht auf der einen und die Verfechter von Demokratie und Sozialismus auf der anderen Seite machen.

 

Am 22. September 1848 hielt Wichern beim evangelischen Kirchentag in Wittenberg einen viel beachteten Vortrag, in dem er eine „Innere Mission“ in Deutschland forderte. Von nun an war er noch häufiger zu Vorträgen unterwegs und arbeitete immer öfter bis an den Rand der Erschöpfung. Ein neues Arbeitsgebiet kam hinzu. Er hatte erkannt, dass die Gefängnisse in ihrem bestehenden katastrophalen Zustand eine Brutstätte für Kriminalität und sozialer Unruhen waren und drängte auf eine Gefängnisreform. Er nahm 1857 die Aufgabe eines „Vortragenden Rates für die Strafanstalten und das Armenwesen“ in Preußen an, was zur Folge hatte, dass er nun häufig in Berlin war.

 

1866 führte Wicherns Leben über die eigenen Kräfte dazu, dass ihn ein Schlaganfall traf. Er erholte sich nur langsam, setzte aber seine unermüdliche Arbeit für die Reform von Gesellschaft und Kirche fort. Seine Kräfte ließen immer weiter nach. Nur mit Mühe konnten ihn seine Frau und die Ärzte überzeugen, sich bei Kur­aufenthalten zu erholen. Aber 1874 ereilte ihn ein weiterer Schlaganfall. Er saß danach im Rollstuhl und musste erleben, wie seine körperlichen und geistigen Kräfte schwanden.

 

Als er am 7. April 1881 starb, war es für ihn eine Erlösung. Seine Arbeit im Rauhen Haus hatten längst andere übernommen. Amanda Wichern vereinsamte nach dem Tod ihres Mannes. Sie legte einen Rosengarten an und fand so eine Beschäftigung, aber erblindete 1886. Als sie am 7. Mai 1888 starb, hatten sich ihre Kinder und Enkel an ihrem Bett versammelt, und sie nahm Abschied von ihnen im tiefen Glauben daran, dass sie ihren Mann bald wiedertreffen würde.

  

Die nach ihrem Gründer benannte Wichern-Schule vereint Grundschule, Stadtteilschule und Gymnasium. Der Wichernweg in Hamm erinnert an das Ehepaar, das das Rauhe Hause geprägt hatte. An dieser Straße steht die Wichernkirche.

 

Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte

  

© Frank Kürschner-Pelkmann