In den letzten Jahrzehnten haben evangelische und katholische feministische Theologinnen Maria als Frau und als Verkünderin des Magnifikats neu wahrgenommen und eine neue Wertschätzung für sie entwickelt. Das war nicht immer der Fall. „So gut wie alle feministischen Theologinnen der ersten Generation standen dem Thema Maria überaus kritisch, ja ablehnend gegenüber“, schrieb die katholische Theologin Sabine Pemsel-Maier 2007 in einem Beitrag der evangelischen Monatszeitschrift „Zeitzeichen“. Es gibt aber inzwischen verschiedene Ansätze, Maria neu zu verstehen, darunter das Bemühen, „Maria als Inbegriff und Symbol der Befreiung zu erschließen“. Dies sei ein Anliegen, das feministische Theologinnen bei uns mit denen im Süden der Welt teilen.
Zu den Vertreterinnen dieser feministischen Richtung zählt die Autorin u.a. Dorothee Sölle und die brasilianische Theologin Ivone Gebara. Es kann nicht überraschen, dass diese feministischen Theologinnen vor allem das Magnifikat als Lied der Befreiung verstehen. Dazu noch einmal Sabine Pemsel-Maier: „Das einfache Mädchen Maria wird durch ihr Protestlied zur prophetischen Frau aus dem Volk, Patronin der Unterdrückten und Bedrängten und Repräsentantin der Option Gottes für die Armen und Entrechteten.“
Die 2011 verstorbene niederländische feministische Theologin Catharina J. M. Halkes hat bereits 1980 in ihrem Buch „Gott hat nicht nur starke Söhne“ für ein positives Bild von Maria plädiert. Das hat für die Katholikin auch biografische Gründe und ist aufgrund ihrer positiven Marienerfahrungen in der Kindheit in den 1930er Jahren zu verstehen. „Zwischen Kindergarten und Studentenzeit war mein Leben voll von Mariennamen und Marienbildern. Uns drei Schwestern wurde allen ‚Maria’ als dritter Name gegeben, und in vielen Zimmern meines Elternhauses stand ein Marienbild, oft mit einer Kerze oder eine Blume davor.“ Ihre Mutter verehrte Maria, und das übertrug sich auf die Töchter. An Marienandachten in der Kindheit behielt Catharina Halkes auch als feministische Theologin noch „ganz zarte und liebe Erinnerungen“.
Als sie nach dem Zweiten Weltkrieg Theologie studierte, verblasste ihr Marienbild, denn in der damaligen Theologie kamen die Jesusmutter und ihre Verehrung kaum vor. Erst als Catharina Halkes in den Werken ökumenischer Theologen wie Karl Rahner las, gewann sie ein neues Bild von Maria: „Meine Augen gingen endlich auf, und ich entdeckte die Maria der Evangelien als die erste Gläubige des Neuen Bundes. Ich erinnere mich noch immer an meine Freude und Überraschung, aber auch meine Entrüstung, dass uns diese Maria nicht überliefert worden war.“
Umso deutlicher fiel Catharina Halkes auf, dass an der Katholischen Fakultät Nimwegen die Jesusmutter weder in den Lehrveranstaltungen noch in Gesprächen der Studierenden irgendeine Rolle spielte. Das änderte sich erst, als sie selbst als Dozentin in Seminaren über Maria ein neues, feministisches Verständnis der vergessenen Jesusmutter vermittelte.
In ihrem Buch „Gott hat nicht nur starke Söhne“, das zu einem richtungweisenden Werk europäischer feministischer Theologie geworden ist, schrieb Catharina Halkes 1980:
„Ich hoffe darauf, dass wir aufgrund der Bibel und der Theologie, aber noch viel kosmischer und allumfassender – auch mit Hilfe der Religionswissenschaft – eine Maria entdecken, die eine kraftvolle, prophetische und kritische Gestalt ist, die zur Befreiung aufruft, aber zugleich menschlich nahe sein kann, entspannt und voll Hingabe, weil sie nicht habsüchtig danach strebt, Macht zu erwerben, sondern einen Aspekt eschatologischen Seins darstellt, indem sie ihren Protest nicht fordert, sondern hinweist, nicht tadelt, sondern offenbart, nicht verabsolutiert, sondern offen bleibt, teilhabend an jener Fülle des Seins, dem sie so einzigartig verbunden ist.“
Der katholische Theologe Hans Küng hat den Beitrag der feministischen Theologie zu einem neuen Marienverständnis bereits 1983 in der Zeitschrift „Consilium“ gewürdigt:
„Wie sehr Maria selbst der Befreiung bedarf von den Bildern, die sich insbesondere die männliche Priesterhierarchie, aber oft auch die Frauen selber von Maria gemacht haben, wird aus der Perspektive der feministischen Theologie überdeutlich in dem Beitrag der holländischen Theologin Catharina Halkes … Feministischer Theologie geht es darum, gerade im Verständnis Christi und Mariens die Fixierung auf bestimmte Rollenstereotypen von Mann und Frau im Heilsgeschehen zu überwinden. Frauentheologie und lateinamerikanische Befreiungstheologie finden sich hier in einer ‚Befreiungsmariologie‘, wie sie vor allem von der katholischen Amerikanerin Rosemary Radford Ruehter vertreten wird.“
Die feministische Theologin Catharina Halkes schrieb in der gleichen Zeitschriftenausgabe: „Maria verlangt nach Befreiung von dem Bild, das man sich von ihr gemacht hat; sie verlangt nach Befreiung von den Projektionen, die eine männliche Priesterhierarchie an sie geheftet hat. Es rührt aus einem tiefen Gefühl der Solidarität oder der Schwesterschaft, dass ich sie nicht einfach fallen lassen will. Es ist auch nötig, dass wir Frauen befreien von den herrschenden Marienbildern, welche auf Frauen beengend wirken. Diese Bilder müssen deswegen analysiert und entlarvt werden. Es ist auch nötig, dass wir Frauen befreien von den vorherrschenden Marienbildern, welche beengend auf Frauen wirken.“
„Das Marienbild in der feministischen Theologie von Catharina Halkes“ war das Thema der Dissertation der polnischen Theologin Elżbieta Adamiak. Da hatte sie bereits einen längeren Weg zum Verständnis von Maria zurückgelegt: „Mein Leben hat mit dem Bild von Maria als bescheidener Frau im Hintergrund angefangen.“ Erst später hat sie die Maria des Magnifikats entdeckt. Maria blieb die wichtigste Frau für ihren Glauben. Maria hat, erkannte Elżbieta Adamiak, eine Entwicklung an der Seite ihres Sohnes gemacht: „Sie wird von der Mutter Jesu zu seiner Jüngerin.“ Die katholische Theologin promovierte 1994 an der Universität Lublin. Sie hatte 1983 ihr Studium an dieser Universität begonnen und sich mit „Grundsatzfragen des Lebens“ beschäftigt. Einige Semester verbrachte sie an den Universitäten von Regensburg und Njimegen (Niederlande). Hier lernte sie die europäische feministische Theologie näher kennen und schätzen. Ihre beruflichen Perspektiven als katholische Theologin in Polen waren von vornherein ungünstig und für eine feministische Theologin galt das noch mehr. In ihrer Kirche hätte sie nur als Katechetin arbeiten können, wobei sie immer dem örtlichen Pfarrer unterstellt gewesen wäre.
1998 konnte Elżbieta Adamiak eine Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für Dogmatik an der Universität Posen aufnehmen. Sie leitete ein Forschungsprojekt zur Lehre der polnischen Kirche über die Frauen. 2012 konnte sie sich habilitieren. Es gab aber keine Aussicht für sie, Professorin an einer polnischen Universität zu werden. Sie übernahm deshalb 2014 eine Vertretungsprofessur am Institut für Katholische Theologie an der Universität Koblenz-Landau. Seit 2016 ist sie Professorin für Fundamentaltheologie und Dogmatik in Landau. Sie ist Präsidentin der „Europäischen Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen“.
Über ihren ganzen Bildungs- und Berufsweg hat Elżbieta Adamiak sich immer wieder mit Maria beschäftigt. 2017 äußerte sie sich in „katholisch.de“ über den Blick der feministischen Theologie auf Maria. Sie betonte, wie wichtig ihr Maria als Mensch in der feministisch-theologischen Forschung ist: „Dazu gehören interessanterweise auch Elemente, die traditionell mit ihrer Mutterrolle verknüpft werden, aber sie werden hier anders interpretiert. Beispielsweise in der Verkündigungsszene: Maria sagt da ‚fiat‘, also zu Deutsch ‚mir geschehe‘. In der traditionellen Auffassung war das ein Ausdruck der Demut von Maria. Aber in der feministischen Theologie wird es als freie Entscheidung von Maria gedeutet, als ein klar gesagtes ‚Ja‘ zu ihrer Berufung. Ebenso bei ihrer Aussage ‚Ich bin die Magd des Herrn‘. Eigentlich geht es hier um die Entsprechung von dem Bekenntnis ‚ich bin Diener des Herrn‘. Als ‚Diener des Herrn‘ werden viele alttestamentliche Glaubensgestalten bezeichnet, auch Jesus im Philipperbrief. Und wenn es von Maria ebenso heißt, bedeutet es, dass sie in eine Reihe mit den wichtigsten biblischen Vorbildern gehört. Dann wird klar, dass auch Frauen ‚Diener des Herrn‘ sein können.“
An anderer Stelle äußerte Elżbieta Adamiak, Maria sei ein Vorbild für sie, weil sie „selbstständig und kämpferisch wird und sich für andere einsetzt“. Glaube ist für die Professorin aus Polen dafür da, die Welt zu verändern, und das sei auch der Grund für sie gewesen, Theologie zu studieren. Feministische Theologie soll nach ihrer Auffassung einen Beitrag dazu leisten, dass „die Menschen nicht die Hoffnung verlieren, dass sich die Kirche noch verändern kann“.
Verschiedene feministische Theologinnen erinnern inzwischen daran, dass das christliche Marienbild stark von nichtchristlichen Vorstellungen von einer Muttergöttin beeinflusst worden ist. Aber gibt es einen Weg zurück zum Mythos der Muttergöttin? Renate Wind, Professorin für Biblische Theologie an der Evangelischen Fachschule für Religionspädagogik in Nürnberg und Verfasserin einer Biografie von Dorothee Sölle, warnte 1996 in der Zeitschrift „Publik-Forum“: „Kein einziger biblischer Text kann als Grundlage für den alten und neuen Marienkult herhalten. Die ‚andere Maria’, auf die wir uns heute neu besinnen, ist nicht die Neuauflage der Muttergöttin. Sie ist die Menschenfrau von Nazareth, die Mutter des Menschensohns.“
Zum Lobgesang der Maria betont Renate Wind: „Das Magnifikat machte Maria zur Mutter der Armen und zum Zeichen dafür, dass Gott seit den Zeiten des Mose und des Jesus auf der Seite der Unterdrückten sei. Das aber ist nur möglich, wenn Maria wirklich nichts anderes ist als das Mädchen aus dem Volk, die Frau aus Nazareth, deren ‚Niedrigkeit’ garantiert, dass der Messias von unten und nicht von oben kommt, dass die Herrschaft Gottes die alten Machtverhältnisse nicht fortschreibt, sondern umwirft.“
Wie ist die Kirche mit dieser radikalen Botschaft von Maria und Jesus umgegangen? Dazu schreibt Renate Wind: „Mit dieser revolutionären Bewegung hat die Kirche, die sich nach und nach mit der alten Macht arrangiert hat, nichts zu tun haben wollen. Sie hat die Inkarnation, die Menschwerdung Gottes, rückgängig gemacht, indem sie den ‚Sohn Gottes‘ vergöttlichte und in den Himmel verbannte. Die Verwandlung der Frau aus Nazareth in die Madonna und Gottesmutter entspricht diese Tendenz.“
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Die Weihnachtsgeschichte - Fakten, Legenden und tiefere Bedeutung
Viele haben sich im Weihnachtsgottesdienst schon gefragt, ob die Geschichten von der Geburt und Kindheit Jesu Legenden sind, vielleicht sogar Märchen. In diesem Buch wird fundiert und anschaulich dargestellt, was heute über das damalige Geschehen bekannt. Es wird deutlich, dass viele legendarische Texte die Glaubensüberzeugungen der Jesusbewegung zum Ausdruck bringen und auch heute noch eine religiöse Orientierung bieten. Ausführlich wird das damalige Leben in Palästina unter der Herrschaft des römischen Imperiums dargestellt. Es hatte überraschende Ähnlichkeiten mit heutigen Imperien. Der Autor stellt außerdem ausführlich dar, was es bedeutet, dass Jesus, seine Familie und die meisten Menschen, die in den ersten Kapiteln der Evangelien Juden waren.
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