In den letzten drei Jahrzehnten haben deutliche Veränderungen in der weltweiten evangelikalen Bewegung stattgefunden. Ein Grund dafür ist, dass die Zahl und der globale Einfluss evangelikaler Christinnen und Christen in Afrika, Asien und Lateinamerika deutlich zunimmt. Sie sind direkt „vor ihrer Haustür“ mit Armut, Elend und Ungerechtigkeit konfrontiert und lesen die Bibel auf diesem Hintergrund. Deshalb haben biblischen Aussagen zu Armut und Unrecht für viele von ihnen eine große Bedeutung für ihren Glauben und ihre Theologie.
Das verbindet sie mit vielen ökumenisch orientierten Christinnen und Christen in ihren Kirchen. Kommt hinzu, dass die zum Teil heftigen Kontroversen zwischen evangelikalen und ökumenisch orientierten kirchlichen Gruppierungen in den USA und europäischen Ländern wie Deutschland nicht ihre Erfahrungen sind und sie häufig unbefangener auf diese Kirchen zugehen. Auf internationalen evangelikalen Versammlungen vertreten prominente Evangelikale aus dem Süden der Welt klare Positionen in Fragen des christlichen Engagements in der Gesellschaft, die viele Evangelikale in den USA, aber auch hierzulande irritieren.
Auch in der westlichen Welt und vor allem den USA gibt es eine Bewegung sozial engagierter Gläubiger, die sich auch in die Auseinandersetzungen um die politische Zukunft des Landes einmischen. Die sozial engagierten evangelikalen Christinnen und Christen in aller Welt lesen und verstehen die biblischen Aussagen zu Armut und Ungerechtigkeit wortwörtlich als Gottes Wort und Auftrag an die Menschen und ziehen daraus dann klare und manchmal radikale Konsequenzen.
Welches Gewicht sie innerhalb der evangelikalen Bewegungen global und in den einzelnen Ländern haben, ist von außen schwer zu beurteilen. Ökumenische Christinnen und Christen sollten den Einfluss aber nicht überschätzen, auch wenn ihnen die Argumentation dieser Evangelikalen sehr viel mehr einleuchtet als die der theologisch und politisch konservativen Evangelikalen.
Nicht unterschätzt werden darf, dass die Milliardäre und Multimillionäre unter den Evangelikalen ausschließlich oder fast ausschließlich in der konservativen evangelikalen Bewegung zu finden sind. Und Geld spielt auch in nationalen und globalen religiösen Bewegungen eine wichtige Rolle, zumal die Rolle von religiösen Medien zunimmt, und die sind nicht nur bei globalen religiösen „Feldzügen“ teuer. Und doch verdienen die sozial engagierten Evangelikalen große Beachtung, weil sie eine wichtige prophetische Stimme in der Weltchristenheit sind und Propheten schon in biblischen Zeiten großen Gruppen von Gläubigen gegenüberstanden, die den religiösen und gesellschaftlichen Status quo verteidigen wollten.
Häufig werden die evangelikalen Christinnen und Christen als „Linksevangelikale“ bezeichnet. Richtig daran ist, dass sie in gesellschaftlichen und ökonomischen Fragen vielfach Positionen vertreten, die auch von der politischen Linken verfochten werden. Aber die geistlich-religiösen Grundlagen für dieses Engagement unterscheiden sich deutlich.
Ergänzend zu diesem Beitrag können Sie zwei ausführliche Porträts vo Persönlichkeiten der gesellschaftlich-engagierten evangelikalen Bewegung in den USA lesen:
