
In den letzten Jahren haben evangelische und katholische feministische Theologinnen Maria als Frau und als Verkünderin des Magnifikats neu wahrgenommen und eine neue Wertschätzung für sie entwickelt. Das war nicht immer der Fall. „So gut wie alle feministischen Theologinnen der ersten Generation standen dem Thema Maria überaus kritisch, ja ablehnend gegenüber“, schrieb die katholische Theologin Sabine Pemsel-Maier 2007 in einem Zeitschriftenbeitrag.[1]
Es gibt aber inzwischen verschiedene Ansätze, Maria neu zu verstehen, darunter das Bemühen, „Maria als Inbegriff und Symbol der Befreiung zu erschließen“.[2] Dies sei ein Anliegen, das feministische Theologinnen bei uns mit denen im Süden der Welt teilen. Zu den Vertreterinnen dieser feministischen Richtung zählt die Autorin unter anderem Dorothee Sölle und die brasilianische Theologin Ivone Gebara. Es kann nicht überraschen, dass diese feministischen Theologinnen vor allem das Magnifikat als Lied der Befreiung verstehen. Dazu noch einmal Sabine Pemsel-Maier: „Das einfache Mädchen Maria wird durch ihr Protestlied zur prophetischen Frau aus dem Volk, Patronin der Unterdrückten und Bedrängten und Repräsentantin der Option Gottes für die Armen und Entrechteten.“[3]
Verschiedene Theologinnen erinnern inzwischen daran, dass das christliche Marienbild stark von nicht-christlichen Vorstellungen von einer Muttergöttin beeinflusst worden ist. Aber gibt es einen Weg zurück zum Mythos der Muttergöttin? Renate Wind, Professorin für Biblische Theologie an der Evangelischen Fachschule für Religionspädagogik in Nürnberg und u. a. Verfasserin einer Biografie von Dorothee Sölle, warnt: „Kein einziger biblischer Text kann als Grundlage für den alten und neuen Marienkult herhalten. Die ‚andere Maria’, auf die wir uns heute neu besinnen, ist nicht die Neuauflage der Muttergöttin. Sie ist die Menschenfrau von Nazareth, die Mutter des Menschensohns.“[8]
Und zum Lobgesang der Maria betont Renate Wind: „Das Magnifikat machte Maria zur Mutter der Armen und zum Zeichen dafür, dass Gott seit den Zeiten des Mose und des Jesus auf der Seite der Unterdrückten sei. Das aber ist nur möglich, wenn Maria wirklich nichts anderes ist als das Mädchen aus dem Volk, die Frau aus Nazareth, deren ‚Niedrigkeit’ garantiert, dass der Messias von unten und nicht von oben kommt, dass die Herrschaft Gottes die alten Machtverhältnisse nicht fortschreibt, sondern umwirft.“[9]
Maria bleibt bis in die heutige Zeit eine Hoffnungsträgerin für sehr viele Christinnen und Christen in aller Welt, die versuchen, die Frau aus Nazareth neu zu verstehen. Viele Christinnen aller Konfessionen, die nach Emanzipation und Befreiung streben, haben Maria neu „entdeckt“, erkennen sie als Opfer der antiken Unterdrückung und Globalisierung und als inspirierendes Vorbild für das heutige Engagement für eine andere Welt.
Die katholische Theologin Katja Heidemanns hat in einem Aufsatz über Maria im Spiegel der Glaubens- und Lebenserfahrung von Frauen im Süden der Welt betont, dass „die Maria des Magnifikats zur Schlüsselfigur der Spiritualität von Frauen in den kirchlichen Basisgemeinden Lateinamerikas geworden“ ist. Dabei geht es nicht um eine platte Instrumentalisierung der Jesusmutter in den Auseinandersetzungen um gesellschaftliche Veränderungen, sondern Maria ist auch Vorkämpferin und Modell für eine neue Spiritualität.[10]
Besonders große Bedeutung hat Maria auch als Mutmacherin im Kampf der lateinamerikanischen Basisgemeinden um eine umfassende Befreiung.[11] Im „Dictionary of Third World Theologies“ heißt es über Maria: „… Wenn die Armen und gläubigen Menschen Maria anrufen, ist dies ein Ruf der Suche nach Hoffnung. Maria ist Hoffnung, ist Mutter und Beschützerin, die ihre Kinder nicht in Stich lassen wird. Das macht die Spiritualität der Menschen in Lateinamerika und besonders der Marienspiritualität aus.“[12]
Die feministischen brasilianischen Theologinnen Ivone Gebara und Maria Bingemer betrachten Maria in der Perspektive des Reiches Gottes. Sie betonen, dass Jesus Nachdruck auf die Zeichen für die Nähe dieses Reiches gelegt hat und nicht auf seine Person. Der Reich-Gottes-Begriff zielt, so Gebara und Bingemer, auf seine gesamte Bewegung, an der Männer und Frauen aktiv mitwirken. Deshalb sei der Reich-Gottes-Begriff von erheblicher Bedeutung für die Mariologie: „Von ihm her lässt sich das Handeln Marias in den verschiedenen Formen, unter denen es in der Schrift dargestellt wird, als ein Tun verstehen, das die Zeichen für die Gottesherrschaft aufscheinen lässt, als ein konkretes Tun, das die Gegenwart der Erlösung in der menschlichen Geschichte aufzeigt.“[13]
Das konkretisieren die beiden katholischen Theologinnen mit diesen Sätzen: „Maria ist Verkünderin des Reiches, genauso wie Jesus und so viele andere Männer und Frauen. Jedes Handeln Marias, Jesu, der Propheten, der Apostel, Jünger und Jüngerinnen läuft aufs Reich Gottes zu, auf dieses Neugeborenwerden inmitten der alten Menschheit.“[14] Aus einem solchen Verständnis heraus ist Maria nicht mehr nur die verehrungswürdige Mutter Jesu, sie ist „Arbeiterin in der Ernte des Reiches, aktives Mitglied in der Bewegung der Armen – genau wie Jesus von Nazareth“.[15]
Viele Frauen im Süden der Welt sehen in Maria eine Schwester, eine Frau, die Solidarität mit anderen Frauen, mit den Schwachen und Schutzlosen gezeigt hat, heißt es in einem Beitrag im „Dictionary of Third World Theologies“. Maria wird als Modell für eine wahre Jüngerschaft verstanden, die das Wort Gottes gehört und es dann angenommen und ins praktische Leben umgesetzt hat.[16] In Asien wird der Versuch unternommen, auf der Grundlage des alltäglichen Lebens die biblischen Texte über Maria neu zu lesen, schreibt Katja Heidemanns: „Die Maria, die im Magnifikat zur Prophetin ihrer eigenen Befreiung durch Gott wird, ermutigt Frauen in Südostasien, die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise ihrer Region in ihrem globalen Kontext zu analysieren und sich für die Umkehrung einer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung einzusetzen, die auf fortgesetzter Unfreiheit und Ungleichheit beruht.“[17]
Die koreanische Theologin Sung-Hee Lee-Linke liest die Weihnachtsgeschichte bei Lukas so: „Durch diese Maria habe ich noch andere Bedeutungen von Weihnachten entdeckt. Weihnachten ist nicht nur ein Fest der Menschwerdung Gottes und ein Familienfest der Christen. Sondern es ist vor allem ein Dankesfest für die besondere Liebe Gottes zu den unterdrückten Frauen in dieser Welt. Diese Liebe finde ich in der Tatsache, dass Gott für die Inkarnation nicht eine Fürstentochter, nicht eine Ausgebildete, nicht eine Außergewöhnliche, nicht eine Schönheit auserwählt hat, sondern eine einfache Frau.“[18]
Auch in den europäischen Kirchen trägt die feministische Suche nach einem neuen Marienverständnis dazu bei, Gläubige zu grundlegenden Veränderungen in Kirche und Gesellschaft zu ermutigen. Elisabeth Tröndle, damals Leiterin des katholischen Hauses der Versöhnung in Teufen/Schweiz, hat dies 2000 in einem Zeitschriftenbeitrag mit diesen Worten zum Ausdruck gebracht: „In der feministischen Theologie wird aufgezeigt, wie das tradierte Marienbild der katholischen Kirche integrierter Bestandteil des patriarchalen Systems ist. Gegen eine Marienverehrung, die Frauen auf Empfängnis, Mütterlichkeit, Biologie und Gehorsam festlegen will, und in der nur ein weiblicher Stützpfeiler in der Männerkirche zementiert wird, sollten wir mit dem alten Protestruf der Maria protestieren, dass Gott die Niedrigen erhöht und alle Werte umkehrt.“[19]
Die frühere Hamburger Bischöfin Maria Jepsen hat beschrieben, wie sie einen neuen Zugang zur Jesusmutter fand: „Durch die Befreiungstheologie Lateinamerikas wurde Maria mir innerlich vertrauter und lieber. Ich lernte sie zu verstehen als kraftvolle Frau, die für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit einsteht, die Geborgenheit vermittelt, die andere ermutigt, sich gesellschaftlich zu engagieren. Die für die Schwachen und Unterdrückten steht, dafür, dass Ungerechtes so nicht bleiben darf. Maria war nicht mehr nur madonnenhaft und himmelsnah, sondern erdverbunden und mit beiden Beinen auf dem Boden.“[20]
Angelika Meirhofer hat 2018 in Wien eine theologische Masterarbeit zum Thema „Maria – inspirierendes Vorbild für alle!“ veröffentlicht. Sie hat die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit so zusammengefasst: „Aus dem Blickwinkel der feministischen Theologie ist Maria als unabhängige junge Frau zu betrachten, welche entgegen allen Erwartungen den großen Auftrag unerschrocken annimmt und ohne einen Mann ein Kind zur Welt bringt und damit auf die Pauke der Weltrevolution Gottes schlägt. Entsprechend kann Maria allen Menschen ein Vorbild in der Christusnachfolge sein: mit Verletzlichkeit leben, mit Sorgfalt über das Kommen von Christus nachdenken und Zeugin für Gottes Handeln in der Welt sein. Möglichkeiten einer vertiefenden protestantischen Wertschätzung liegen darin, Maria als Mutter, Prophetin und Jüngerin verstärkt in die Geschichte der Befreiung zu stellen und ihr unter diesen Aspekten mehr Platz in den Predigten einzuräumen.“
Auch viele Männer haben sich von traditionellen Vorstellungen von Maria verabschiedet. Dazu gehört eine kritische Beschäftigung mit der Mariologie in der bisher männlich dominierten Kirchengeschichte. Der Theologieprofessor Jürgen Moltmann hat dazu bereits 1988 in dem Sammelband „Was geht uns Maria an?“ geschrieben: „Mariologie – das wird man ehrlich und nüchtern feststellen müssen – hat bisher eher antiökumenisch gewirkt. Die immer weiter entwickelte Mariologie hat Christen von Juden, die Kirche vom Neuen Testament, die evangelischen von den katholischen Christen und die Christen insgesamt von der modernen Welt entfernt.“
Die negativen Bedingungen für eine ökumenische Mariologie hat nach Auffassung Moltmanns verhindert, dass Maria „eine Gestalt in der befreienden Geschichte des Evangeliums“ geworden ist. Die traditionelle Mariologie sei eine gegenreformatorische, antimodernistische und gegenrevolutionäre Bewegung. Diese Analyse wird wie dargestellt von befreiungstheologischen und feministischen Theologinnen und Theologen geteilt. Eine neue Mariologie ist auch ein Beitrag dazu, grundlegenden theologischen, innerkirchlichen und gesellschaftlichen Veränderungen zum Durchbruch zu verhelfen, die sich am Reich Gottes orientieren und die Verheißungen Marias Wirklichkeit werden lassen wollen.
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Zum Weiterlesen:
Die Weihnachtsgeschichte - Fakten, Legenden und tiefere Bedeutung
Viele haben sich im Weihnachtsgottesdienst schon gefragt, ob die Geschichten von der Geburt und Kindheit Jesu Legenden sind, vielleicht sogar Märchen. In diesem Buch wird fundiert und anschaulich dargestellt, was heute über das damalige Geschehen bekannt. Es wird deutlich, dass viele legendarische Texte die Glaubensüberzeugungen der Jesusbewegung zum Ausdruck bringen und auch heute noch eine religiöse Orientierung bieten. Ausführlich wird das damalige Leben in Palästina unter der Herrschaft des römischen Imperiums dargestellt. Es hatte überraschende Ähnlichkeiten mit heutigen Imperien. Der Autor stellt außerdem ausführlich dar, was es bedeutet, dass Jesus, seine Familie und die meisten Menschen, die in den ersten Kapiteln der Evangelien Juden waren.
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