Hamburg und Bremen hatten ein großes Interesse daran, ihren Handel mit dem 1822 unabhängig gewordenen Brasilien und den anderen lateinamerikanischen Staaten auszuweiten, nachdem der Handel vorher über die Kolonialmächte Spanien und Portugal laufen musste. Der Präses der Hamburger Handelskammer Martin Joseph Haller verkündete im Juni 1822: „Alle seit Jahrhunderten uns verschlossenen, uns verborgen gewesenen Länder und Weltteile sind uns offen geworden, und wir können auch sagen: Hamburg hat Kolonien erhalten.“
Aus Portugal importierten Hamburger Kaufleute bereits vom 17. Jahrhundert an Zucker und später auch große Mengen Kaffee. Die Unabhängigkeit Brasilien eröffnete die Möglichkeit, in großem Stil direkten Handel mit diesem Land zu betreiben. Als Hindernis erwies sich, dass Großbritannien einen vorteilhaften Handelsvertrag abgeschlossen hatte, der dem Land hohe Zollvergünstigung im Vergleich zu allen anderen Ländern gewährte. Die Hansestädte Hamburg, Bremen und Lübeck entsandten 1827 eine gemeinsame Handelsdelegation nach Brasilien, um ebenfalls einen günstigen Handelsvertrag abzuschließen.
Als vorteilhaft erwies sich, dass Großbritannien mit Rücksicht auf die eigenen Kolonien kein Interesse an brasilianischem Kaffee und Zucker besaß und die Regierung in Rio erfreut war, dass die Hansestädte große Mengen dieser Waren importieren wollten. Nachteilig war, dass die Manufakturen in Hamburg und Bremen nicht konkurrenzfähig gegenüber den aufblühenden britischen Industriebetrieben waren. Deshalb gab es ein deutliches Handelsbilanzdefizit für die Hansestädte. Besonders gravierend war, dass die Hamburger Schiffe nicht genug Ladung auf der Reise nach Brasilien aufwiesen, während die Laderäume auf der Rückreise gefüllt waren.
Die hanseatischen Unterhändler erreichten, dass die Städte auch Waren zollvergünstigt nach Brasilien bringen konnten, die aus anderen Ländern stammten. Die Hamburger Schiffe konnten nun andere europäische Häfen anlaufen und zusätzliche Waren laden, bevor sie sich auf die Reise nach Brasilien machten. Den Vertrag hatte für Hamburg der Syndikus Karl Sieveking ausgehandelt, ein versierter Jurist und Diplomat im Hamburger Staatsdienst. Der Handelsvertrag vom 21. November 1827 erwies sich als sehr vorteilhaft für Hamburg. Die Zahl der Abfahrten Hamburger Schiffe nach Brasilien verdoppelte sich in wenigen Jahren. Für Brasilien fiel die Bilanz der Handelsverträge längerfristig sehr viel ungünstiger aus. Zwar fand das Land Absatzmärkte für Kaffee und Zucker, aber verblieb auf der Stufe der Rohstoffexporteure, während die einheimische Industrie der überseeischen Konkurrenz wenig entgegenzusetzen hatte. Das wirkt bis heute nach.
Als Brasilien 1839 seine Handelsverträge kündigte, war das eine gute Nachricht für Hamburg. Denn in den nun abgeschlossenen neuen Verträgen wurde festgelegt, dass die Handelspartner nur die Zölle zahlen mussten, die sie selbst auf Importe aus Brasilien erhoben. Da Hamburg keine solche Zölle erhob, waren die Hamburger Kaufleute bei ihren Handelsgeschäften mit Brasilien von Zöllen befreit, die französische und englische Konkurrenz aber nicht, weil ihre Länder noch Zölle auf brasilianische Importe erhoben. Später profitierte Hamburg davon, dass deutschen Auswanderer in Brasilien den Handel mit der alten Heimat ankurbelten.
