Joachim Ringelnatz – Weihnachten an Land und auf See

 Joachim Ringelnatz bei einem Vortrag auf der Freilichtbühne Hellerau 1926
Joachim Ringelnatz bei einem Vortrag auf der Freilichtbühne Hellerau 1926, Foto: Genja Jonas https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/2f/Genja_Jonas_-_Joachim_Ringelnatz_1926.jpg

 

Da stand behangen mit süßem Konfekt,

Vergoldeten Nüssen und mit Lichtern besteckt,

Der Weihnachtsbaum.

Und sie brannten alle, die vielen Lichter,

Aber noch heller strahlten am Tisch

(Es läßt sich wohl denken

Bei den vielen Geschenken)

Drei blühende, glühende Kindegesichter.

 

So hat der Schriftsteller Joachim Ringelnatz in seinem Gedicht „Der Weihnachtsbaum“ seine Erinnerungen an das Weihnachten seiner Kindheit beschrieben. In dem langen Gedicht finden sich auch diese Zeilen:

 

Wie schnurgerade

Die Bleisoldaten auf dem Baukasten standen

Und wie schnell die Pfefferkuchen verschwanden.

- Und die liebe Mama? – sie saß am Klavier.

Es war so schön, was sie spielte und sang,

Ein Weihnachtslied, das zu Herzen drang.

 

Kein Zweifel, der Schriftsteller erinnerte sich gern an die Weihnachten seiner Kindheit mit seinen Eltern und seinen beiden Geschwistern. Später schrieb er: „Weihnachten war auch uns Kindern in jedem Jahr das Fest der Seligkeit, der Herzlichkeit, der Anhänglichkeit, des Reichtums, des Glücks.“ Und doch wäre Ringelnatz nicht Ringelnatz, wenn er nicht auch dieses „Kindergebetchen“ verfasst hätte:

 

Lieber Gott mit Christussohn,

Ach schenk mir doch ein Grammophon.

Ich bin ein ungezognes Kind,

Weil meine Eltern Säufer sind.

Verzeih mir, dass ich gähne.

Beschütze mich in aller Not,

Mach meine Eltern noch nicht tot

Und schenk der Oma Zähne.

 

Wer war der Dichter dieser Zeilen? „An seinen Vortragsabenden trug er Matrosenbluse und flattrige Seemannsbüx. Selten ließ er dabei das Glas aus der Hand, nahm zwischen den Zeilen einen stärkenden Schluck und schwankte gelegentlich auch bedenklich. Doch er fiel niemals aus der Rolle, auch bei einem anschließenden Zug über St. Pauli nicht.“ So erinnerte sich der Journalist und Kunsthistoriker Lovis H. Lorenz an die vielen Auftritte von Joachim Ringelnatz in Hamburg. Hier hatte er seine kurze Seemannslaufbahn begonnen und hier wurde ihm 1933 der Auftritt verboten. Das, was dazwischen lag, war ein Leben mit vielen Aufs und Abs – eigentlich mehr Abs. Aber Ringelnatz gab nicht auf und verarbeitete viele seiner Erlebnisse in Gedichten, die bis heute (oft amüsiert) gelesen werden.

 

Geboren wurde er am 7. August 1883 als Hans Gustav Bötticher in Wurzen bei Leipzig. Da war sein Weg zum witzig-skurrilen Schriftsteller, Kabarettisten und Maler noch nicht vorgezeichnet. Aber die Voraussetzungen dafür waren günstig. Sein Vater Georg Bötticher war Zeichner und vor allem erfolgreicher Verfasser humoristischer Verse und Kinderbücher. Er konnte von seiner schriftstellerischen Tätigkeit leben, veröffentliche vierzig Bücher und war das große Vorbild des Sohnes. Die Mutter Rosa Marie zeichnete ebenfalls und erstellte Muster für Perlenstickereien. Die Eltern waren mit ihrer künstlerischen und schriftstellerischen Tätigkeit so erfolgreich, dass sie zu Wohlstand kamen und zum Beispiel zwei Dienstmädchen beschäftigen konnten.

 

Das Ende einer Schulkarriere

1886 zog die Familie nach Leipzig um, wo der Vater noch besser Kontakte für seine schriftstellerische Tätigkeit knüpfen konnte. So gab er nun zum Beispiel regelmäßig „Auerbachs Deutschen Kinderkalender“ heraus, wo dann auch die ersten literarischen Arbeiten des Sohnes erschienen, ein Märchen und zwei Gedichte. In der Schule hatte der zukünftige Schriftsteller große Probleme, nicht nur mit den Lehrern, sondern auch den Mitschülern. Diese hänselten ihn wegen seiner mädchenhaften Frisur, seiner Vogelnase und seinem markanten Kinn. Später bekannte Ringelnatz: „Ich bin überzeugt, dass mein Gesicht mein Schicksal bestimmt. Hätte ich ein anderes Gesicht, wäre mein Leben ganz anders, jedenfalls ruhiger verlaufen.“ So aber flüchtete der Junge erst einmal in die Welt des Zeichnens und Schreibens.

 

Die Gymnasialzeit ging abrupt zu Ende, nachdem er kurz vor Weihnachten mehrmals eine „Völkerschau“ in Leipzig mit Frauen aus Samoa besuchte. Den Samoanerinnen schenkte er Weihnachtsschmuck, den er zu Hause geplündert hatte. Das Ergebnis war beeindruckend, erinnerte er sich später: „Bald trugen alle dreiundzwanzig Insulanerinnen Glaskugeln, kleine Weihnachtsmänner, Schokoladenherzen und Zuckerfiguren, Wachsengel und Ketten im Haar. Sie dankten mir, indem sie mich anlächelten oder über mein blondes Haar strichen, was mich beseligte.“

 

Einer Samoanerin erfüllte seinen Wunsch und stach ein Tattoo auf seinen Unterarm. Der Schüler zeigte das Ergebnis stolz in der Schule. Er wurde daraufhin mit sofortiger Wirkung des Gymnasiums verwiesen. Der Besuch einer Privatschule verbesserte seine schulischen Leistungen nicht, sodass er zwei Schuljahre wiederholen musste und mit der Obersekundarreife seine Schulzeit im Jahre 1901 beendete. Er schrieb später: „Keines der Lehrfächer regte mich an. Ich war in allen schlecht.“

  

Weihnachten in tosender See

Zum Entsetzen seiner Eltern beschloss er, Seemann zu werden. Alle ihre Warnungen halfen nichts, er heuerte noch 1901 in Hamburg auf dem Segelschiff „Elli“ an, wurde wieder gehänselt (allein schon wegen seines sächsischen Dialekts) und beleidigt, musste sogar körperliche Gewalt erdulden. Und trotzdem blieb Bötticher zunächst Seemann und hat später das Gedicht „Weihnacht zur See“ verfasst. Es beginnt mit diesen Zeilen:

 

Weihnacht war es auf tosender See.

Haushohe Wellen an Luv und an Lee.

Am Ruder stand Jürgen Claus;

Sah bald auf den Kompass und bald voraus.

Die eisernen  Speichen lenkte er fest

Und führte verwegen

Durch Sturm und Regen

Das ächzende Schiff nach West-Nord-West.

 

Der Seemann Jürgen Claus war Weihnachten im Sturm mit seinem Schiff unterwegs, während seine alte Mutter zu Hause im Lehnstuhl unter dem Weihnachtsbaum saß und seinen letzten Brief las. Der Sohn, ahnen wir aus dem Schluss des Gedichts, dachte mitten im Sturm an sein Zuhause und seine Mutter.

 

Die eiserne Speiche lenkte er fest

Und führte voll Kraft und kühnen Mut

Das ächzende Schiff gen West-Nord-West.

Claus Jürgen stand seinen Mann.

War es wohl salzige Meeresflut,

Was heiß ihm über die Wangen rann?

 

Mehrere Jahre blieb Bötticher Seemann, eine Tätigkeit, die er in den Häfen immer wieder unterbrach, um für eine Weile Aushilfsjobs anzunehmen. Nach eigenen Angaben hat er mehr als 30 verschiedene Tätigkeiten ausgeübt. Die Arbeit als Aushilfe bei einem Schlangenbeschwörer in der „Schlangenbude“ auf dem Hamburger Dom gehört zweifellos zu den interessantesten dieser Tätigkeiten. Hier hatte er die Aufgabe, die Riesenschlangen zu tragen.

 

  

Ein einsamer Heiliger Abend in Hamburg

Sein Weihnachten 1901 hat Ute Maack in dem Buch „Weihnachten mit Joachim Ringelnatz“ so beschrieben: „Am Heiligen Abend 1901 streift Ringelnatz ohne Stellung, obdachlos, fremd  und hungrig durch die reichen Stadtviertel Hamburgs, schaut in die erleuchteten Fenster und denkt an zu Hause. Die Lebensmittel aus dem elterlichen Weihnachtspaket sind längst aufgegessen, das mitgeschickte Bargeld ausgegeben. Am folgenden Tag schreibt er seinen Eltern ‚einen völlig verlogenen Brief, worin ich lang und breit schildere, wie ich mich in der Heiligen Nacht an ihren Geschenken delektiert hätte, und dass ich ihrer gedenkend mit guten Freunden auf das Wohl unserer Lieben angestoßen hätte‘.

 

Das Tagebuch vermerkt dagegen knapp: ‚Traurige Weihnacht, Hunger.‘“ Dass er danach wieder Seemann wurde, war vor allem seiner trostlosen Situation geschuldet, nicht der vermeintlichen Seefahrtromantik.

  

Der Heiligabend des Seemanns Daddeldu

Seine Seemanns-Karriere beendete Bötticher 1905 bei der Kaiserlichen Marine in Kiel. Aber sein Traum, als Seemann die Meere der Welt zu befahren, blieb lebendig, und er verarbeitete ihn später zu seinen berühmten „Kuddel-Daddeldu“-Versen.

Zu den bekanntesten dieser Gedichte gehört „Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu“. Es wird erzählt, wie der Seemann in der „stillen heiligen Nacht“ im Hamburger Freihafen von Bord geht, um mit seiner Braut Weihnachten zu feiern, die „bei einer Abortfrau in die Lehre geht“. Aber erst einmal landet Kuttel in dem Lokal „König von Schweden“, wo er gut bekannt ist. Er hat chinesische Tassen für seine Braut bei sich.

 

Aber nun sangen die Gäste „Stille Nacht, Heilige Nacht“,

Und da schenkte er jedem Gast eine Tasse

Und behielt für die Braut nur noch drei.

Aber als er sich später mal darauf setzte,

Gingen auch diese versehentlich noch entzwei,

Ohne dass sich Daddeldu selber verletzte.

 

Der Besuch im „König von Schweden“ endete mit einem Brand und einer wüsten Schlägerei. Daddeldu landete ohne Tassen und ohne Geld vor dem Abort, in dem seine Braut arbeitete. Das Gedicht hat diesen Schluss:

 

Die alte Abortfrau begab sich zur Ruh.

Draußen stand Dadddeldu

Und suchte für alle Fälle nach einem Groschen.

Da trat aus der Tür seine Braut

Und weinte laut:

Warum er so spät aus Honolulu käme?

Ob er sich gar nicht mehr schäme?

Und klappte die Tür wieder zu.

An der Tür stand. „Für Damen“.

 

Es dämmerte langsam. Die ersten Kunden kamen.

Und stolperten über den schlafenden Daddeldu. 

  

Als Haudichter in der Künstlerkneipe "Simplicissimus"

Anfang 1905 begann Bötticher eine Lehre bei einer Hamburger Dachpappenfirma, nahm aber gleichzeitig seine schriftstellerische und künstlerische Arbeit wieder auf. Es erschien wieder ein Beitrag von ihm in „Auerbachs Deutschem Kinderkalender“, und er erprobte seine Fähigkeiten mit ersten Ölgemälden. In den nächsten Jahren scheiterten die Bemühungen um eine feste Anstellung immer wieder an seinen spontanen abenteuerlichen Reisen ohne ausreichend Geld.

 

1909 begannen – etwas – bessere Zeiten. Bötticher trat in der Künstlerkneipe „Simplicissimus“ in München auf und stieg zu so etwas wie dem Hausdichter des Hauses auf. Er bekam viel Lob, aber wenig Honorar. Zunächst erhielt er für jeden Auftritt lediglich ein Bier und etwas zu essen, dann zusätzlich zwei Mark. Davon konnte er nicht leben und auch nicht von den Honoraren der Zeitschrift „Simplicissimus“. Er fühlte sich zu Recht ausgebeutet und machte sich wieder auf die Wanderschaft.

 

Bötticher kam weit herum und blieb bitterarm. Dass er von 1912 an zwei Jahre lang in den Bibliotheken von Adligen arbeiten konnte, war die große Ausnahme, änderte nichts an seiner insgesamt beklagenswerten Situation. 1914 meldete er sich freiwillig zum Kriegseinsatz bei der Marine, wo er vergeblich auf einen Einsatz in einer Seeschlacht hoffte. Er musste sich damit zufrieden geben, zum Kommandanten eines Minensuchbootes in Cuxhaven aufzusteigen. Und all die Jahre schrieb und veröffentlichte er zahlreiche Gedichte, Geschichten und Novellen. Sie erschienen von 1919 an unter dem Pseudonym Joachim Ringelnatz.

 

Ich komme und gehe wieder,

Ich, der Matrose Ringelnatz.

Die Wellen des Meeres auf und nieder

Tragen mich und meine Lieder

Von Hafenplatz zu Hafenplatz.

Ihr kennt meine lange Nase,

Mein vom Sturm zerknittertes Gesicht

Daß ich so gerne spaße,

Versteht ihr das ?

Oder nicht?

  

Erfolgloser Revolutionär und erfolgreicher Dichter

1919 schloss er sich den aufständischen Matrosen an, beharrte aber darauf, mit der Offiziersmütze auf dem Kopf an der Revolution teilzunehmen. Bekanntlich scheiterten die aufständischen Matrosen mit ihren Hoffnungen auf eine deutsche Revolution und Ringelnatz scheiterte mit ihnen. Ein Jahr später heiratete er die Lehrerin Leonharda Pieper, ein großer Glücksfall für ihn, denn sie wurde zum sicheren Hafen in einem Vagabundenleben und unterstützte ihn bei seiner Arbeit. Er war inzwischen durch Auftritte in Kabaretts und Veröffentlichungen bekannt und anerkannt. Auch im neuen Medium Rundfunk war er gefragt.

 

Die berühmte Filmschauspielerin Asta Nielsen freundete sich mit ihm an, lud ihn in ihr Haus auf Hiddensee ein und beschrieb ihn so: „Ringelnatz war klein und unwahrscheinlich mager. Auf den ersten Blick schien sein Gesicht von einer mächtigen Don-Quichote-Nase be­herrscht zu sein, sah man aber näher hin, wich alles in seinem großen Antlitz, ja beinahe seine ganze Gestalt, hinter ein Paar großer, dunkelblauer Augen zurück, die so schön waren, wie ich es kaum jemals erlebt habe.“

 

Dann kamen die Nazis an die Macht, und Ringelnatz musste erleben, dass sein Humor bei den neuen Herren nicht gefragt war. Im Gegenteil. Er erhielt ein Auftrittsverbot und seine Bücher wurden verbrannt. Dem Verbot fiel auch die von Freunden in Hamburg geplante Veranstaltung zu seinem 50. Geburtstag zum Opfer. Es war vorgesehen, dass er selbst Gedichte vortragen würde. Sein Kommentar zu den unsicheren politischen Verhältnissen hatte er bereits 1931 so ausgedrückt:

 

Wir haben keinen günstigen Wind.

Indem wir die Richtung verlieren,

Wissen wir doch, wo wir sind.

Aber wir frieren.

 

Das Ehepaar Ringelnatz verarmte, und dann erkrankte Ringelnatz zu allem Unglück auch noch an Tuberkulose. Er starb am 17. November 1934 in Berlin. Seine Lebensgefährtin Leonharda Gescher-Ringelnatz, die er liebevoll „Muschelkalk“ genannt hatte, wohnte bis zu ihrem Tod 1977 in Berlin. In der Nachkriegszeit erlebten seine Gedichte, nicht nur die humorvollen, eine Renaissance.

  

Das Weihnachten armer Kinder

Interessant ist, wie unterschiedlich Erich Kästner und Joachim Ringelnatz in Weihnachtsgedichten mit der Armut von Kindern umgegangen sind, die sich besonders Weihnachten zeigte. Erich  Kästner beginnt sein Gedicht „Weihnachtslied, chemisch gereinigt“ mit diesen Zeilen:

 

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!

Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.

 

Das Gedicht endet mit diesen Zeilen:

 

Morgen kommt der Weihnachtsmann.

Allerdings nur nebenan.

 

Joachim Ringelnatz gönnt dem armen Kind im Gedicht „Am Weihnachtsabend“ ein Weihnachtswunder:

 

Ein armer Junge jammert im Bette:

„Ach, wenn ich doch auch einen Weihnachtsbaum hätte!!“

 

Kaum hatte er diese Worte gesprochen,

Kommt mancherlei aus dem Ofen gekrochen:

 

Ein Schaukelpferd, Wagen und Bleisoldaten,

Eine Trommel, ein Buch, ein Kaufmannsladen,

Ein Eisenbahnzug und ein Reifenspiel,

Ein Luftschiff, ein Fahrrad, ein Automobil

Und Äpfel und Nüsse und Zuckerschaum

Und ganz zuletzt noch ein Weihnachtsbaum.

Die Engel im Himmel singen mit Macht

Das Festlied: Stille Nacht, heilige Nacht.

 

 © Frank Kürschner-Pelkmann 

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Cover des Buches "Eine Weihnachtsgeschichte - Fakten, Legenden und tiefere Bedeutung"
Frank Kürschner-Pelkmann: Die Weihnachtsgeschichte - Fakten, Legenden und tiefere Bedeutung, Rediroma Verlag, Remscheid 2025, ISBN 978-3-86870-734-2, 680 Seiten, 26,95 Euro

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Die Weihnachtsgeschichte - Fakten, Legenden und tiefere Bedeutung 

 

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