Ernst Schimmelmann, ein Verfechter der Aufklärung, wird am Sklavenhandel beteiligt

Cover des Buches "Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 920 Seiten ISBN 978-3-384-05017-5 38 Euro

 

Als er am 4. Dezember 1747 in Dresden geboren wurde, erwarb sein Vater gerade ein Vermögen und sollte bald zu einem der reichsten Männer Europas aufsteigen. Und als er am 9. Februar 1831 in Kopenhagen starb, war der väterliche Reichtum bereits wieder zu einem großen Teil verloren gegangen und er selbst praktisch bankrott. Ernst Heinrich Schimmelmann, meist Ernst genannt, war der älteste Sohn von Heinrich Carl Schimmelmann. Dieser hatte als Heereslieferant, durch dubiose Währungsgeschäfte, den günstigen Erwerb dänischer Fabriken und vor allem durch Sklavenhandel und Sklavenausbeutung ein riesiges Vermögen angehäuft und zudem die einflussreiche Position als Schatzmeister im dänischen Königreich erlangt.

 

Ernst Schimmelmann wurde als ältester Sohn gründlich darauf vorbereitet, einmal die Leitung der Unternehmen der Familie zu übernehmen. So studierte er zwei Jahre lang Wirtschaftswissenschaften in der Schweiz. Aber nicht Wirtschaftstheorien begeisterten ihn dort, sondern die Schriften von Jean-Jacques Rousseau. Aus der Sicht des Vaters war dieser Studienaufenthalt daher ein Misserfolg, und er beschloss, seinen Sohn auf eine „grand tour“ zu schicken, eine Rundreise in verschiedene europäische Länder, wie sie in reichen Familien damals populär waren. So sollte der Sohn internationale Erfahrungen sammeln und seinen Horizont erweitern. Ernst Schimmelmann besuchte Frankreich, Großbritannien, die Niederlande und Schweden – und kam als gefestigter Anhänger der Aufklärung zurück nach Kopenhagen.

  

Als Anhänger der Aufklärung an der Spitze eines Konzerns, der durch Sklavenhandel und Sklaverei reich wurde

Der Sohn teilte die ungezügelte Gewinnsucht seines Vaters nicht, sondern wollte sich, beeinflusst von Rousseau und Kant, für eine humanere Welt einsetzen. Nach dem Tod seines Vater 1782 fand er sich aber an der Spitze eines großen Unternehmensgeflechts wieder, dessen wertvollster Besitz ausgerechnet die auf Sklavenarbeit be­ruhender Zuckerplantagen in der Karibik waren. Er schrieb an seine Braut Emilie: „Ach, wären wir doch Vorsteher einer Gesellschaft, gegründet zum Wohle der Menschen! Könnten wir doch, anstatt Unruhe und Verderben in einen Teil der Welt zu bringen, um dadurch nur Habgier, Lug und Trug zu vermehren, uns vereint darum bemühen, daß einmal glücklichere Tage anbrechen! Das wäre … eine Aufgabe, die unser würdig wäre.“

 

Ernst Schimmelmann war zwar der Haupterbe des väterlichen Vermögens, aber auch seine Geschwister wurden mit Schlössern, Gütern und Vermögenswerten bedacht. Das Eigentum am Schimmelmannsche „Konzern“ war also aufgeteilt worden, sollte dennoch wirtschaftlich zusammengehalten werden. Einmal im Jahr sollte eine Generalversammlung der Erben die wichtigen Unternehmensentscheidungen gemeinsam treffen. Allerdings sorgten solche Vorkehrungen nicht dafür, die Familie und ihr Vermögen zusammenzuhalten. Bald schrumpfte das Kapital und die Schulden wuchsen.

 

Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch stand Ernst Schimmelmann vor großen Schwierigkeiten. Die starken geistigen Einschränkungen des dänischen Königs Christian VII. lösten 1784 eine Staatskrise aus, und Schimmelmann musste sich an einem Putsch gegen den Monarchen beteiligen, um wieder stabile politische Verhältnisse herzustellen. In der Tradition seines Vaters stieg er danach zum Finanzminister auf.

 

Er war zunächst recht erfolgreich, sodass er wie sein Vater mit dem Elefantenorden ausgezeichnet wurde, dem höchsten dänischen Ritterorden. Aber die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verschlechterten sich rapide. Das dänische Königreich wahrte in den napoleonischen Kriegen zunächst eine neutrale Position, stellte sich aber nach einem britischen Überfall auf Kopenhagen im Jahre 1801 auf die Seite Napoleons.

 

Die französische Niederlage hatte zur Folge, dass Dänemark in eine politische und wirtschaftliche Krise geriet und aus dem Kreis der führenden europäischen Mächte ausschied. 1813 musste der Staatsbankrott erklärt werden. Die harten und unpopulären Maß­nahmen Ernst Schimmelmanns zur Sanierung der Staatsfinanzen kosteten ihn den Posten des Finanzministers, zumal auch Freunde den Eindruck hatten, dass er mit seinen Aufgaben überfordert war. Er blieb aber als Außenminister im Kabinett.

  

Engagement für die Abschaffung des Sklavenhandels

Der Widerstand gegen sein Engagement für ein Ende des Sklavenhandels kam von verschiedenen Seiten und war massiv. Die dänischen Kolonialbeamten und Kaufleute im Fort Christiansborg in Westafrika warnten vor einem baldigen Verlust des Stützpunktes, der bisher dem Kauf von Sklaven diente. Die Sklavenhändler und Sklavenhalter auf den dänischen Karibikinseln prophezeiten, dass die Plantagenwirtschaft ohne weitere Sklaven aus Afrika zusammenbrechen werde.

Manche Verwandte und Miterben Ernst Schimmelmanns fürchteten um ihre Gewinnanteile, wenn der Sklavenhandel beendet und angedachte Reformen im Umgang mit den Sklaven auf den Plantagen verwirklicht werden sollten. Sie warnten zudem davor, dass die Schimmelmannschen Fabriken Schaden nehmen würden, die jene Gewehre und andere Waren herstellten, die in Westafrika gegen Sklaven eingetauscht wurden, oder die den Rohzucker aus der Karibik verarbeiteten.

 

Auf der anderen Seite stand Ernst Schimmelmanns Freundeskreis, der die Gedanken der Aufklärung propagierte und nicht nur für ein Ende des Sklavenhandels, sondern sich auch für einen humanen Umgang mit den Schwarzen in der Karibik einsetzte. Dazwischen bewegte sich Schimmelmann, der immer neue Kompromisse einging, die weder den humanistischen Ansprüchen genügten, noch einen Weg zu einer wirtschaftlich tragfähigen Zukunft des dänischen Übersee-Engagements nach dem Ende des Sklavenhandels eröffneten.

 

Ernst Schimmelmann setzte sich für eine Übergangsfrist von zehn Jahren bis zur endgültigen Abschaffung des Sklavenhandels ein und konnte den König hierfür gewinnen. 1792 erließ dieser eine „Verordnung über den Negerhandel“. Dänemark war die erste europäische Kolonialmacht, die ein Verbot erließ, wenn auch mit einer Übergangsfrist. Dies erreicht zu haben, bleibt ein Verdienst von Ernst Schimmelmann. Das dänische Verbot hat auch in England jene Kräfte gestärkt, die bald darauf auch dort ein Ende des Sklavenhandels durchsetzten. Die Sklaverei selbst wurde von Dänemark allerdings erst 1848 abgeschafft.

 

Mit dem Verbot des Sklavenhandels kam der finanziell lukrative Sklavenimport der Schimmelmanns in die Karibik zum Erliegen. Bei der Frage Gewinn oder Gewissen hatte Ernst Schimmelmann sich entschlossen, seinem Gewissen zu folgen. Auch wenn er immer wieder zögerlich vorging, zerstörte er mit dem Verbot unvermeidlich auch eine wichtige Grundlage des wirtschaftlichen Erfolgs des Familienkonzerns.

Hinzu kam, dass Schimmelmann sich gemeinsam mit anderen Politikern erfolgreich für ein Ende der Leibeigenschaft im Königreich Dänemark und Schleswig-Holstein einsetzte. Dies brachte Verbesserungen für das Leben der Bauernfamilien und ermöglichte zugleich auf die Dauer einen Aufschwung der Landwirtschaft. Kurzfristig hatte diese Reform aber negative Auswirkungen auf die Güter der Familie Schimmelmann.

   

Der Glaube an das Gute im Menschen

Nachdem seine erste Frau 1780 an Tuberkulose gestorben war, heiratete Ernst Schimmelmann zwei Jahre später erneut. Seine zweite Frau Charlotte und er pflegten intensive Verbindungen zu Gelehrten und Dichtern. In Erinnerung geblieben ist, dass das Ehepaar gemeinsam mit Freunden den 1791 erkrankten Friedrich Schiller fünf Jahre lang mit einem Stipendium unterstützte und es ihm ermöglichten, sich finanziell sorgenfrei zu erholen. Der Dichter gab einem Sohn den Namen Ernst.

Charlotte Schimmelmann unterhielt in Kopenhagen einen Salon, in dem sich die literarischen und geistigen Größen Dänemarks ein Stelldichein gaben. Auch Diplomaten und hohe Regierungsbeamte kamen gern zu den Gesprächsrunden zu wissenschaftlichen, politi­schen und kulturellen Themen, geprägt von den Gedanken der Aufklärung und einem „aristokratischen Humanismus“.

 

Ernst Schimmelmann starb am 9. Februar 1831. Christian Degn, der ein umfangreiches Buch über die Schimmelmanns verfasst hat, zog diese Bilanz seines Wirkens: „Sein Nachgeben war gewiss oft Schwäche. Bisweilen aber bedeutete sie, dass der Idealist in stoischer Selbstüberwindung den Realitäten Rechnung trug ... Er wollte niemanden etwas aufzwingen, er wollte, ganz ein Kind des aufklärerischen Zeitalters, die Menschen zur Einsicht in das Gute und damit zur guten Tat aus freien Stücken bringen. Er glaubte trotz aller Enttäuschungen an das Gute im Menschen.“

  

Gemälde von Ernst Schimmelmann und seiner Frau Charlotte sind im Ahrensburger Schloss ausgestellt.

   

 

© Frank Kürschner-Pelkmann