Louise Reichardt, Gesangslehrerin und Komponistin, kommt 1809 nach Hamburg

Cover des Buches "Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 920 Seiten ISBN 978-3-384-05017-5 38 Euro

 

Louise Reichardt wurde am 11. April 1779 in Berlin geboren. Ihr Vater war der Komponist und Schriftsteller Johann Friedrich Reichardt. Die Mutter Juliane war Sängerin und Komponistin. Sie starb aber bereits, als Louise vier Jahre alt war. Louise erkrankte als Kind an Pocken und behielt zeitlebens Narben im Gesicht zurück. Der Vater unterrichtete die Kinder selbst, aber da er häufig auf Reisen war, fand dieser Unterricht nur sporadisch statt. Louise lernte im Selbststudium mehrere Instrumente zu spielen, darunter Klavier und Laute. Auch bildete sie weitgehend selbstständig ihre Gesangsstimme aus. Der Vater duldete aber nicht, dass sie und ihre ebenfalls sehr begabten jüngeren Schwestern und Halbschwestern öffentlich auftraten, nur in Kirchen und im privaten Kreis erklang Louises schöner Sopran.

 

Der Vater heiratete Ende 1783 in zweiter Ehe Johanna Alberti. 1791 zog die Familie auf das Gut Giebichenstein in der Nähe von Halle. Das Gut wurde zu einem Treffpunkt der Dichter und Gelehrten der Romantik, zur „Herberge der Romantik“. Die heranwachsende Louise lernte hier bekannte Persönlichkeiten wie Goethe, Schlegel, Fichte und Eichendorff kennen. Sie begann zu komponieren und vertonte einige Gedichte der mit ihr befreundeten Dichter Achim von Arnim und Clemens Brentano. Darunter waren einige Lieder aus Arnims „Des Knaben Wunderhorn“. Der Dichter schrieb dazu in einem Brief an eine Freundin: „Louise sang mir meine Lieder … so klockenvoll (glockenhell, der Autor), daß ich mich für einen Handlanger in einer Goldküche hielt.“

  

Frühe Verantwortung in der Familie und schwere Schicksalsschläge

Schon im Alter von 14 Jahren musste Louise die Verantwortung für den Haushalt und die Erziehung der jüngeren Halbgeschwister übernehmen, weil die Eltern oft auf Reisen waren und die Stiefmutter sich auch die übrige Zeit kaum um das Wohlergehen der Familie kümmerte. Zwei Mal scheiterten Louises Heiratspläne auf tragische Weise. Der Dichter Friedrich Eschen verunglückte 1800 vor der Hochzeit beim Bergsteigen tödlich, und der Maler Franz Gareis starb drei Jahre später kurz vor der geplanten Hochzeit in Italien an der Ruhr.

 

Finanzielle Sorgen der Familie kamen hinzu. Zurück blieb eine völlig verzweifelte junge Frau, die keinen neuen Versuch unternahm zu heiraten. Das Gut Giebichenstein wurde während der napoleonischen Kriege 1806 von französischen Soldaten verwüstet und konnte nur notdürftig wieder bewohnbar gemacht werden. Die Familie litt unter Geldnot.

  

Als Musik- und Gesangslehrerin in Hamburg

In dieser Situation entschied sich Louise Reichardt 1809, nach Hamburg zu ziehen, um als Gesangslehrerin Geld zu verdienen und ihre Familie zu unterstützen. Das war ein durchaus mutiger Schritt, denn bis dahin gab es nur wenige Frauen, die Musik zu ihrem Beruf gemacht hatten. Dank einiger Verwandter und Freunde ihrer Familie konnte sie aber in Hamburg rasch Fuß fassen. Sie wohnte im Haus der Bürgermeisterfamilie Sillem und genoss eine große Unterstützung durch Luise Marie Sillem. So gewann Louise Reinhardt viele Schülerinnen aus wohlhabenden Familien, die den Unterricht großzügig honorierten.

 

Nach einigen Jahren gab sie auch Klavierunterricht. Sie konnte sogar eine Singschule für Mädchen eröffnen und den ersten Frauenchor der Stadt gründen. Auch der Musikalische Verein für geistliche Musik geht auf ihre Initiative zurück. Sie organisierte außerdem zahlreiche musikalische Veranstaltungen und Musikfeste. Auch war sie an der Gründung der Hamburger Sing-Akademie beteiligt, man überging sie aber bei der Vergabe der Leitungspositionen.

 

Louise Reichardt verdiente in diesen Jahren gut, stellte aber viel Geld zur Unterstützung von Familienangehörigen und bedürftigen Menschen zur Verfügung. Ihr fehlte dann ein finanzielles Polster, als mehr Musikpädagogen und Musikschulen einen deutlichen Rückgang der Zahl ihrer Schülerinnen verursachten. Hinzu kamen vermehrt gesundheitliche Probleme. Sie verarmte im Alter und starb am 17. November 1826. Sie hinterließ etwa 90 Lieder und viele Chorwerke. Trotz ihrer großen Verdienste wurde sie in der Musik­ge­schichtsforschung lange Zeit weitgehend ignoriert. Erst durch die Frauenmusikforschung seit den 1980er Jahren findet sie wieder mehr Beachtung.

 

Die Reichardtstraße in Bahrenfeld erinnert seit 1929 an den Vater der Musikerin, an den Komponisten und Schriftsteller Johann Friedrich Reichardt – und seit Anfang unseres Jahrhunderts auch an seine Tochter Louise.

 

Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte

 

© Frank Kürschner-Pelkmann