
"Wer Waffen in der Hand hält, lege sie nieder. Wer die Macht hat, Kriege zu beginnen, entscheide sich für den Frieden. Nicht für einen Frieden, der mit Gewalt erzwungen wird, sondern durch Dialog." Diese Worte von Papst Leo XIV. in seiner Osterpredigt 2026 richtete er an die ganze Welt, aber es war nicht zu übersehen, dass sie besonders an die mächtigste globale Macht und ihren Präsidenten gerichtet war. Schon vorher hatte er in einer Predigt gefordert: "Haltet ein! Es ist Zeit für den Frieden!" Es beließ es nicht bei allgemeinen Appellen, sondern sprach auch von "Allmachtsfantasien, die um uns herum immer unberechenbarer und aggressiver werden". Die Drohungen Trumps, die gesamt Zivilisation des Iran auszulöschen, nannte der Papst "wirklich inakzeptabel". Die Botschaft kam bei Präsident Trump an, und wie so häufig reagierte er mit einem Wutausbruch.
Er bezeichnet den Papst als "schrecklich" hinsichtlich seiner Auenpolitik und "schwach" bei der Bekämpfung von Kriminalität. Der aus den USA stammende Papst hätte dieses Amt nur erhalten, weil man angenommen hätte, er könnte als US-Amerikaner besser mit Trump umgehen: "Wenn ich nicht im Weißen Haus wäre, wäre Leo nicht im Vatikan." Trump gab dem Papst diesen Ratschlag: "Leo sollte sich als Papst zusammenreißen, seinen gesunden Menschenverstand einsetzen und sich darauf konzentrieren, ein großer Papst zu sein, kein Politiker". In einer Antwort auf die Attacken betonte der Papst: "Die Botschaft des Evangeliums ist sehr deutlich: Selig sind die, die Frieden stiften." (vgl. hierzu u. a. den Beitrag "Trump nennt Papst 'schrecklich' und 'schwach'. ", tagesschau 24.de, 13.4.2026)
Noch nie hat es solche Attacken auf einen Papst durch einen US-Präsidenten gegeben. Auch andere führende Politiker der Welt, die mit Aussagen von Päpsten nicht übereinstimmten, haben es wohlweislich vermieden, eine öffentliche Konfrontation mit dem Oberhaupt der katholischen Kirche zu provozieren. Es muss aber erwähnt werden, dass in vielen Ländern der Welt katholische Priester und Bischöfe attackiert oder sogar ermordet worden sind, die es gewagt hatten, Unrecht beim Namen zu nennen.
Keine Kirche ist in dem Maße Weltkirche wie die römisch-katholische Kirche. Von ihrer Geschichte und ihrer Größe wie von ihrem Selbstverständnis und von ihrer Präsenz her ist sie global. Entsprechend unüberhörbar sind auch die Stimmen in der katholischen Kirche, die die negativen Auswirkungen der neoliberalen Globalisierung auf die Armen der Welt wahrnehmen und kritisieren. Liest man katholische Texte zu Fragen der Globalisierung, kommt man zur Einsicht, dass diese Kirche ein gewichtiger Faktor der globalen Protestbewegung und der Suche nach Alternativen ist.
Für viele immer wieder überraschend wsar es, wie deutlich Papst Johannes Paul II., der bei vielen Themen für seine konservative Position bekannt ist, sich kritisch zu wirtschaftlicher Ungerechtigkeit und den Schattenseiten der Globalisierung äußert. So begann der Evangelische Pressedienst eine Meldung über den Besuch des Papstes in Washington mit diesen Sätzen: „Papst Johannes Paul II. hat bei seiner ersten Begegnung mit US-Präsident George W. Bush soziale Ungerechtigkeit als Folge der Globalisierung beklagt. Die Kirche erkenne zwar die wirtschaftlichen Möglichkeiten dieses Prozesses an ... sie sei aber zutiefst besorgt über ‚die Trennlinie zwischen denen, die von den Vorteilen profitieren können und denjenigen, die davon abgeschnitten sind’.“ (epd Zentralausgabe, 23.7.2001)
Zahllos sind solche Aussagen des Papstes, und es kann kein Zweifel daran bestehen, dass es ihm ernst war mit dem Engagement für die Opfer des Globalisierungsprozesses. Immer wieder sprach Johannes Paul II. von den „unguten Folgen der Globalisierung“ und bei der Eröffnung der Bischofsversammlung in Rom Ende September 2001 betonte er, dass die Kirche ihre Stimme erheben muss zur Verteidigung der Armen, es gelte aber auch die Aufgabe wahrzunehmen und jene zu „benennen, die missbräuchlich von den Verhältnissen profitieren“. (Süddeutsche Zeitung, 1.10.2001)

Der Papst stand mit diesem Engagement nicht allein. Dies wurde zum Beispiel in Zusammenhang mit den Protesten anlässlich des G-8-Treffens in Genua deutlich. Dionigi Tettamanzi, Kardinal und Erzbischof von Genua, übte Kritik an der vorherrschenden Globalisierung und bezog eindeutig Partei für deren Opfer. Bei einer Veranstaltung aus Anlass des Gipfels erklärte er: „Die Kirche steht an der Seite derer, die gegen die Perversität dieser Globalisierung kämpfen“. Er wandte sich gegen den „Profit um jeden Preis“ und stellte fest, es sei „nur recht und billig, die Mächtigen dieser Welt massiv unter Druck zu setzen“. (Zitiert nach: Publik-Forum, 17/2001, S. 21)
Auch aus den Orden kommt in zunehmendem Maße Kritik an der gegenwärtigen Globalisierung. Dies gilt besonders für die Franziskaner. Im „Missionsdienst“ der Missionszentrale der Franziskaner schrieb Pater Andreas Müller im Oktober 1999 in einem Kommentar:
„Die Globalisierung der Märkte darf nicht absoluten Vorrang haben. Gott sei Dank regt sich auch allenthalben der Widerstand ... Als Christen sind wir Hoffnungsträger einer neuen Kontrastgesellschaft. Wenn wir wirklich an den menschenfreundlichen Gott glauben, der sich der Welt mitgeteilt hat und dabei seine Vorliebe für die Armen kundgetan hat, dürfen wir uns niemals abfinden mit der gnadenlosen Durchsetzung der Starken gegen die Schwachen, müssen wir der Globalisierung des Marktes die Globalisierung der Herzen entgegensetzen. Konkret heißt das: Wir müssen die Aspekte von der Würde der Person, der Solidarität, der Gerechtigkeit, der Befreiung der Armen in die Globalisierungsdebatte einbringen.“ (Andreas Müller, Globalisierung der Herzen, in: Missionsdienst, Missionszentrale der Franziskaner, Oktober 1999, S. 13f.)
Sehr deutlich hat sich auch Peter-Hans Kovenbach, der Generalobere der Jesuiten, geäußert, als er angesichts der Auswirkungen des Neoliberalismus eine neue „Befreiungstheologie“ forderte. (Vgl. Ecumenical News International, 24.9.1997) Dass die Orden es nicht bei solch klaren Stellungnahmen belassen, zeigt sich zum Beispiel darin, dass die Ordensleute für den Frieden immer wieder Mahnwachen vor dem Hauptsitz der Deutschen Bank in Frankfurt am Main durchführen. Über die Initiative berichtete Schwester Klarissa Watermann in einem Interview:
„Einmal hieß das Thema einer Aktion zum Beispiel: ‚Unser Wirtschaftssystem kettet Menschen an’. Da haben wir uns angekettet vor den Garagen der Deutschen Bank und hatten Bilder von Sklaven in Ketten dabei, um auf die Situation der Menschen in den armen Ländern hinzuweisen, die durch unser Wirtschaftssystem angekettet sind. Natürlich wurden wir schnell mit Schneidbrennern losgeschnitten und weggetragen.“ (Publik-Forum, 14/2000, S. 41)
In der katholischen Kirche und ihren Organisationen gibt es eine breite Diskussion über die Globalisierung, die schon deshalb eine kritische Position einnimmt, weil sie diesen Wirtschaftsprozess aus der Perspektive der Armen beleuchtet und bewertet. Ein Beispiel dafür ist ein Memorandum von Pax Christi in Deutschland zum Thema „Der Globalisierung des Kapitals eine globalisierte Solidarität entgegensetzen“. In dem im Juli 2000 veröffentlichten Papier wird vor allem der Zusammenhang zwischen Globalisierung, wachsender Armut und der Gefährdung des Friedens herausgearbeitet, wobei auch auf die Armut in Deutschland und die wirtschaftliche Notsituation vieler Flüchtlinge eingegangen wird. Es wird dann analysiert, wie sich die Deregulierung der Finanzmärkte auswirkt und konstatiert, dass sie viele Länder verwundbarer gemacht hat für plötzliche Finanzschocks und dass dies verheerende soziale und ökonomische Auswirkungen habe. Außerdem begünstige die Deregulierung Prozesse der sozialen Spaltung. Es wird daher gefordert:
„Damit Bemühungen um soziale Entwicklung nicht konsequent durch die Dominanz monetaristischer Interessen konterkariert werden, ist eine Neuordnung des Internationalen Finanzsystems dringend erforderlich. Dazu gehören u. a. Maßnahmen zur Entschleunigung von Finanzflüssen und zur Eindämmung von Wechselkursspekulationen.“ (Pax Christi, Deutsches Sekretariat, Der Globalisierung des Kapitals eine globalisierte Solidarität entgegensetzen, Bad Vilbel, Juni 2000, S. 3)
Außerdem wird unter anderem die Einführung einer Devisentransaktionssteuer (Tobin-Steuer) gefordert. Außerdem setzt sich Pax Christi für die vollständige Streichung der Schulden der ärmsten Länder und die Ausweitung der Entschuldung auf die sogenannten Schwellenländer ein. In einem längeren Abschnitt geht es dann um Fragen der Menschenrechte: „Im Kontext der Globalisierung wird die militärisch geschützte Wettbewerbsfähigkeit – mit ihren Folgen von sozialer Spaltung, Chaotisierung ganzer Länder und Regionen, Ausbau der Polizei-, Militär- und sonstigen Sicherheitsapparate – zur leitenden politischen Perspektive.“
Besorgt wird zudem registriert, dass die Grundrechte der Menschen im Zeitalter der Globalisierung nicht nur gegen staatliche Eingriffe, „sondern immer mehr auch gegen die Dominanz ökonomischer Interessen durchgesetzt werden müssen“. Pax Christi fordert, dass der Globalisierung des Kapitals eine „Globalisierung der Solidarität“ entgegengestellt werden muss.
Es kann nicht überraschen, dass die katholischen Hilfs- und Missionswerke eine aktive Rolle im Engagement für eine andere Globalisierung einnehmen, erfahren sie doch von ihren Partnern im Süden der Welt tagtäglich, wie sich die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich auf der Welt und in den einzelnen Ländern verheerend und nicht selten katastrophal auswirkt. So stellte Hermann Schalück, der Präsident von missio Aachen 1998 in einem Kommentar fest, dass die Globalisierung zwar Vorteile bringe und die Gewinne der Unternehmen erhöhe:
„Doch die Profite des einen erwirtschaften sich auf Kosten der anderen. Aspekte der Globalisierung, die für den einen Segen sind, erweisen sich für den anderen als Fluch. Autos und Fußbälle werden billig in Asien hergestellt – zum Teil mit Kinderarbeit ... Wir in der katholischen Kirche sollten Globalisierung nicht als Schicksal hinnehmen oder gar verteufeln, sondern bewusst gestalten. Kirche ist von Anfang an kulturüberschreitend angelegt ... Es ist unser Auftrag aus dem Evangelium, humane Dimensionen und ethisch-moralische Prinzipien in die Globalisierungs-Debatte einzubringen. Unser Ziel ist der Aufbau einer auf Werten fundierten Menschheitsfamilie, die sich in Frieden und Gerechtigkeit entfalten kann.“ (Hermann Schalück: Leben im globalen Dorf, in missio aktuell, 6/98, S. 37)
Hier könnten viele Stellungnahmen aus Werken wie Misereor zitiert werden, ich will mich aber darauf beschränken, Bischof Franz Greve, der an der Spitze von Adveniat (des katholischen Werkes zur Unterstützung der Kirchen in Lateinamerika) steht, zu Wort kommen zu lassen. Er nannte in einer Predigt die Armut in Deutschland und die extrem schlechte Situation von Kindern, Jugendlichen, Frauen und indianischer Bevölkerung in Lateinamerika ein „Ärgernis“ und konstatierte dann: „Überall sind die Spuren der Ungerechtigkeit sichtbar, die Armen in den hoch verschuldeten Ländern zahlen sich tot an den Zinsen.“ (Adveniat-Pressemeldung vom 18.12.2000)
Die Einsichten der Orden und katholischen Entwicklungs- und Missionswerke sind in die Studie „Die vielen Gesichter der Globalisierung – Perspektiven einer menschengerechten Weltordnung“ eingeflossen, die von der Wissenschaftlichen Arbeitsgruppe für weltkirchliche Aufgaben der Deutschen Bischofskonferenz 1999 herausgegeben wurde. Erarbeitet hatte sie eine Sachverständigengruppe der kirchlichen Werke Adveniat, Caritas international, Misereor, missio Aachen, missio München und Renovabis. Die Studie stellt im ersten Teil ausführlich dar, was Globalisierung ist und wie sie sich auswirkt. Dabei bemühen die Autorinnen und Autoren sich erkennbar um eine möglichst sachliche Darstellung unter Berücksichtigung auch der positiven Ergebnisse des Globalisierungsprozesses. In einem längeren Abschnitt wird dann auf die Globalisierung als „Herausforderung für die Religionen und die Kirche“ eingegangen.
Es wird deutlich, dass die großen Religionsgemeinschaften selbst zu globalen Akteuren geworden sind und sich dabei auch ihrer globalen Verantwortung bewusst werden: „Alle großen Religionen verstehen sich (zumindest heute) nicht nur als partikulare, sondern auch als universale Angebote. Sie erheben damit den Anspruch, Antworten zu besitzen bzw. Wahrheiten zu verkünden, die für alle Menschen gültig sind. Soll dies nicht zu schweren Konflikten führen, sondern zu einer gedeihlichen Pluralität, so erfordert dies eine umfassende Ökumene, die den Dialog der Religionen und die Zusammenarbeit der Menschen unterschiedlichen Glaubens als wesentliches Element einschließt.“
Im Abschnitt „Weltkirche als Lerngemeinschaft“ wird dargestellt, dass in einer Weltkirche ein Gleichgewicht zwischen Universalismus und Partikularismus hergestellt werden muss. Die Kirche „will zugleich Weltkirche sein und doch nicht die Ortskirchen bevormunden“. Unter Berufung auf das Zweite Vatikanische Konzil und die Erfahrungen von Ortskirchen tritt die Sachverständigengruppe für eine richtige Verbindung von universaler Botschaft des Evangeliums und partikularen Formen und Gestalten ein. Was das konkret bedeutet, wird eingeräumt, habe „weiten innerkirchlichen Konfliktstoff geschaffen“.
Dabei werden die „Spannungen zwischen Zentralismus und ortskirchlicher Selbstständigkeit – etwa in Asien – nicht verschwiegen: „Andererseits sind diese und ähnliche Vorteile zugleich auch Nachteile, weil sie den Eindruck einer nicht in Asien verwurzelten, fremdbestimmten Religion verstärken und das Bemühen um Inkulturation häufig bremsen.“
Ausführlich geht die Studie auf die Aufgaben der kirchlichen Hilfswerke ein. Für das sozialethische Verhalten der Werke und der übrigen Kirche werden eine Reihe von sozialethischen Maßstäben entwickelt, die hier nur in Stichworten wiedergegeben werden können: Menschenwürde, Orientierung am Gemeinwohl, individuelles und politisches Verantwortungsbewusstsein, Gerechtigkeit zwischen den Generationen, Subsidiarität sowie Verminderung des Spannungsverhältnisses von Universalität und Partikularität durch einen möglichst breiten interkulturellen Dialog.
Diese sozialethischen Einsichten werden in Beziehung gesetzt zur Realität der heutigen Globalisierung, und es kann nicht überraschen, dass dabei deutliche Kritik an den bestehenden Verhältnissen und dem zugrunde liegenden Konzept von Wirtschaften geübt wird. So wird zum Beispiel festgestellt: „Die Globalisierung in ihrer gegenwärtigen Form bedarf grundlegender Strukturreformen, wenn sie dem Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung entsprechen soll.“
Zum „freien Markt“ heißt es: „Das heute vorherrschende Steuerungsprinzip des freien Marktes allein erweist sich als unfähig, wirtschaftliche Effizienz, soziale Gerechtigkeit und ökologische Zukunftsfähigkeit auf verträgliche Weise miteinander zu verbinden. Noch weniger ist es imstande, dauerhaft Frieden, demokratische Partizipation und kulturelle Vielfalt zu schaffen bzw. zu sichern, wenn es nicht von einem Konsens in grundlegenden Wertfragen getragen ist.“
Aus diesen Erkenntnissen werden im letzten Teil der Studie Konsequenzen für erforderliches Handeln im Blick auf die internationale Rechtsordnung und Sicherheitspolitik, die Wirtschafts- und Sozialpolitik, die Reform der Weltwirtschaftsordnung und des internationalen Finanzsystems sowie die globale Umweltpolitik gezogen. Für die Kirche und ihre Werke werden zahlreiche Aufgaben identifiziert, und es heißt dann zum Schluss: „Die Weltkirche, die sich als Lerngemeinschaft versteht, verkündet ein Programm, das Brücken bauen soll. Nur im gemeinsamen Lernen voneinander, rückgebunden an die ihnen geschenkte Botschaft des Evangeliums, können die Ortskirchen in ihrer Vielfalt zu einer wahren Weltkirche werden. Dieses Programm, von dessen Realisierung die Kirche freilich noch weit entfernt ist, könnte ein Modell einer menschengerechten Globalisierung sein mit dem Ziel, ‚der Globalisierung des Profits und des Elends eine Globalisierung der Solidarität entgegenzustellen’ (Johannes Paul II.).“
Die Sachverständigengruppe „Weltwirtschaft und Sozialethik“ hat inzwischen zwei weitere Studien veröffentlicht, und zwar zu den Themen „Das soziale Kapital – Ein Baustein im Kampf gegen Armut von Gesellschaften“ und „Globale Finanzen und menschliche Entwicklung“. Es ist auffäälig, wie systematisch und mit langem Atem die katholische Kirche in Deutschland sich mit Fragen der Globalisierung befasst, und dies ganz selbstverständlich im Austausch mit anderen Diözesen, Bischofskonferenzen und Werken in allen Teilen der Welt.
Dass Johannes Paul II. sich so kritisch gegenüber der vorherrschenden Globalisierung aussprach und so stark für eine Globalisierung der Solidarität einsetzt, gab dem Engagement in allen Regionen der Weltkirche Auftrieb, aber davon nicht zu trennen ist die konkrete Erfahrung von Gemeinden vor Ort, wie negativ sich der gegenwärtige Globalisierungsprozess auf die Armen auswirkt. Um so mehr ist zu hoffen, dass die Weltkirche selbst noch überzeugender eine „Globalisierung der Solidarität“ vorleben und dabei vor allem das Verhältnis zwischen Vatikan und lokalen Diözesen und Gemeinden neu gestalten kann. Am Schluss dieses Absatzes kommt Bischof Franz Kamphaus zu Wort, der bei dem Entwicklungspolitischen Kongress „Solidarität – die andere Globalisierung“ am 13. November 1998 feststellte: „Eine Welt auf dem Weg zur Solidarität. Sie zeigt sich in den weltweiten politischen Aufbrüchen gegen den neoliberalen Marktradikalismus. Immer mehr Menschen stellen sich der Ökonomisierung aller Lebensbereiche entgegen. Sie sind nicht mehr bereit hinzunehmen, dass die Politik ganz und gar ins Schlepptau der Ökonomie gerät. Sie sagen: Wir dürfen unsere Seele doch nicht an den Markt verkaufen! Und sie haben Recht!“ (Zitiert nach: epd Entwicklungspolitik, 22/98, S. 37)

2015 hat sich Papst Franziskus in einem Interview mit einem portugiesischen Radiosender so zu den ungerechten globalen Strukturen geäußert: „Das derzeitige Flüchtlingsphänomen in Europa ist nur die Spitze eines Eisbergs. Wir sehen diese Flüchtlinge, diese armen Menschen, die vor dem Krieg, vor dem Krieg und dem Hunger flüchten. Aber an der Wurzel gibt es eine Ursache: ein böses, ungerechtes sozio-ökonomisches System. Auch mit Blick auf die ökologische Krise gilt: Der Mensch muss im Zentrum des Systems, der Politik stehen. Doch das heute dominierende Wirtschaftssystem hat den Menschen an den Rand gedrängt und stattdessen den Gott Geld, das Idol der Stunde, ins Zentrum gerückt. Man muss also an die Ursachen herangehen … Das herrschende Wirtschaftssystem hat Geld und nicht die Person in den Mittelpunkt gestellt. 17 Prozent der Weltbevölkerung besitzen 80 Prozent des Reichtums. Heute führt die Welt Krieg gegen sich selbst!“
2015 hat Papst Franziskus die Enzyklika "Laudato Si - Über die Sorge für das gemeinsame Haus" veröffentlicht. Darin hat er die Bedrohungen für dieses gemeinsame Haus der Menschheit mit deutlichen Worten benannt. Dazu gehörte auch die Kritik an der Gewinnmaximierung:
"Das Prinzip der Gewinnmaximierung, das dazu neigt, sich von jeder anderen Betrachtungsweise abzukapseln, ist eine Verzerrung des Wirtschaftsbegriffs: Wenn die Produktion steigt, kümmert es wenig, dass man auf Kosten der zukünftigen Ressourcen oder der Gesundheit der Umwelt produziert; wenn die Abholzung eines Waldes die Produktion erhöht, wägt niemand in diesem Kalkül den Verlust ab, der in der Verwüstung eines Territoriums, in der Beschädigung der biologischen Vielfalt oder in der Erhöhung der Umweltverschmutzung liegt. Das bedeutet, dass die Unternehmen Gewinne machen, indem sie einen verschwindend kleinen Teil der Kosten einkalkulieren und tragen."
Der Papst beharrte in der Enzyklika auf der gemeinsamen Verantwortung von Politik und Wirtschaft, gemeinsam zur Lösung der bedrohlichen globalen Probleme beizutragen:
"Die Politik und die Wirtschaft neigen dazu, sich in Sachen Armut und Umweltzerstörung gegenseitig die Schuld zuzuschieben. Was man jedoch erwartet, ist, dass sie ihre eigenen Fehler erkennen und Formen des Zusammenwirkens finden, die auf das Gemeinwohl ausgerichtet sind. Während die einen nur verzweifelt nach wirtschaftlicher Rendite streben und die anderen nur besessen darauf sind, die Macht zu bewahren oder zu steigern, haben wir als Ergebnis Kriege oder unlautere Vereinbarungen, bei denen es beiden Teilen am wenigsten darum geht, die Umwelt zu schützen und für die Schwächsten zu sorgen." Der Papst mahnte die einzelnen Gläubigen, zur Beschützung der von Gott geschaffenen Welt beizutragen. Aber das allein genüge nicht:
"Die Berufung, Beschützer des Werkes Gottes zu sein, praktisch umzusetzen gehört wesentlich zu einem tugendhaften Leben; sie ist nicht etwas Fakultatives, noch ein sekundärer Aspekt der christlichen Erfahrung ... Allerdings ist es zur Lösung einer so komplexen Situation wie der, mit der sich die Welt von heute auseinandersetzen muss, nicht genug, dass jeder Einzelne sich bessert. Die isolierten Einzelpersonen können ihre Fähigkeit und ihre Freiheit verlieren, die Logik der instrumentellen Vernunft zu überwinden, und sind schließlich einem Konsumismus ohne Ethik und ohne soziales und umweltbezogenes Empfinden ausgeliefert. Auf soziale Probleme muss mit Netzen der Gemeinschaft reagiert werden, nicht mit der bloßen Summe individueller positiver Beiträge."
Am 4. Oktober 2025 hat Papst Leo XIV. sein erstes Lehrschreiben unter dem Titel „Dilexi te – Über die Liebe zu den Armen“ veröffentlicht. Darin befasst er sich mit Fragen der Armut, des karitativen Handelns der Kirche und den globalen Märkten. Das Dokument ist in Teilen von seinem Vorgänger Papst Franziskus verfasst. Papst Leo XIV. hat es als Auftrag angesehen, dieses Dokument zu übernehmen und mit – wie er selbst schreibt – einigen weiteren Gedanken zu versehen und zu veröffentlichen.
Dilexi te erläutert die Haltung und Verantwortung der Kirche für die Armen, wobei Kranke und Migranten ebenso Berücksichtigung finden wie die lange Geschichte des kirchlichen Lebens für die Armen. Die Soziallehre der Kirche spielt in dem Dokument ebenso eine Rolle wie die strukturellen Ursachen für Armut.
Hier ein Auszug aus dem Sendschreiben:
"Die Sorge für die Armen ist Teil der großen Tradition der Kirche, wie ein Leuchtfeuer, das von den Anfängen des Evangeliums an die Herzen und die Schritte der Christen aller Zeiten erhellt hat. Daher müssen wir die Dringlichkeit verspüren, alle einzuladen, sich in diesen Strom an Licht und Leben zu begeben, der daraus hervorgeht, dass man Christus im Antlitz der Bedürftigen und Leidenden erkennt. Die Liebe zu den Armen ist ein wesentliches Element der Geschichte Gottes mit uns und sie entströmt dem Herzen der Kirche als ein fortwährender Aufruf an die Herzen der einzelnen Gläubigen wie auch ihrer Gemeinschaften. Als Leib Christi empfindet die Kirche das Leben der Armen, die ein privilegierter Teil des pilgernden Volkes sind, als ihr eigen „Fleisch“. Deshalb ist die Liebe zu den Armen – in welcher Form auch immer sich diese Armut zeigt – die evangeliumsgemäße Garantie für eine Kirche, die dem Herzen Gottes treu ist. Jede kirchliche Erneuerung hat denn auch immer diese vorrangige Aufmerksamkeit für die Armen, die sich sowohl in ihren Beweggründen als auch in ihrem Stil von der Tätigkeit je der anderen humanitären Organisation unterscheidet, zu ihren Prioritäten gezählt. Christen dürfen die Armen nicht bloß als soziales Problem betrachten: Sie sind eine 'Familienangelegenheit'. Sie gehören 'zu den Unsrigen'. Die Beziehung zu ihnen darf nicht auf eine Tätigkeit oder eine amtliche Verpflichtung der Kirche reduziert werden. "
Das Sendschreiben "Dilexi te" ist als pdf-Datei verfügbar.
Der Misereor-Hauptgeschäftsführer Andreas Frick schrieb zu diesem Sendschreiben:
"Das heute veröffentlichte Apostolische Schreiben Dilexi te ist eine eindringliche Mahnung für Misereor und die Kirche in Deutschland, aber auch weltweit, sich verstärkt für globale Solidarität und Gerechtigkeit einzusetzen, gerade in Zeiten zunehmender Konflikte und Krisen. Während Ungleichheit und Armut sich weltweit verschärfen, geopolitische und wirtschaftliche Interessen gewaltvolle kriegerische Konflikte befeuern und europäische Länder, deren Wohlstand seit Jahrhunderten auf der Ausbeutung ganzer Erdteile beruht, die Augen vor dem Elend in vielen Regionen verschließen und immer höhere Grenzzäune ziehen, stellt Papst Leo XIV. mit seinem ersten Apostolischen Schreiben die biblisch begründete Aufforderung zur Solidarität mit den Armen in den Mittelpunkt. "
