1835 – Elise Lensing und Friedrich Hebbel beginnen eine tragische Beziehung

Cover des Buches "Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
rank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 920 Seiten ISBN 978-3-384-05017-5 38 Euro

Sie ist als die liebende, aber von Friedrich Hebbel ausgenutzte Frau in die Literaturgeschichte eingegangen. Die Liebes- und Ausbeutungsgeschichte der beiden verarmten und von seelischen Nöten geplagten Menschen wirft ein Licht auf die schlechten Existenzbedingungen von Schriftstellern und ihrer Lebenspartnerinnen im 19. Jahrhundert. Man wird das Leben von Elise Lensing und Friedrich Hebbel als tragisch bezeichnen müssen und schon ihrer beider Kindheit war von tiefer Armut und Seelenqualen überschattet.

 

Maria Dorothea Elisabeth Lensing wurde am 14. Oktober 1804 in Lenzen im Landkreis Prignitz geboren. Ihr Vater, von Beruf Chirurg, war alkoholkrank und prügelte seine Kinder. Nachdem er entmündigt worden war, heiratete die Mutter erneut, einen Schiffer in Hamburg, der Elise ebenfalls schlecht behandelte. Sie konnte nur dankbar sein, dass ein Gutsherr beschloss, das schüchterne Mädchen zu fördern, ihr eine Ausbildung zur Elementarschullehrerin zu finanzieren und sie in einem Pensionat unterzubringen. Anschließend arbeitete sie als Lehrerin und Gesellschafterin. Einige Jahre später kehrte sie in das Elternhaus in Hamburg zurück und verdiente ihren Lebensunterhalt mit Privatunterricht, Nähkursen und als Gesellschafterin reicher Frauen. Nach den Misshandlungen durch Vater und Stiefvater vermied sie lange Zeit Beziehungen zu Männern.

 

Das änderte sich erst, als Friedrich Hebbel als Untermieter ihrer Eltern in ihr Leben trat. Er kam am 18. März 1813 als Sohn eines Maurers und einer Schustertochter in Wesselburen zur Welt und wuchs in tiefster Armut auf. Er litt unter seinem gewalttätigen Vater und unter der völligen Verelendung der Familie. Als der Vater durch eine leichtsinnige Bürgschaft auch noch das kleine Haus der Familie verloren hatte, gaben die Eltern den ältesten Sohn Friedrich 1827 als Laufburschen zum Kirchspielvogt. Zwar stieg er zum Schreiber auf, hatte aber auch dann kein eigenes Zimmer, sondern musste den Alkoven unter der Treppe mit dem Kutscher teilen. Der einzige Lichtblick war, dass er die Bibliothek seines Dienstherrn nutzen konnte und durch die Lektüre lyrischer Werke den Mut fand, erste eigene Gedichte zu schreiben.

 

Zwei Menschen, die in Kindheit und Jugend gelitten hatten, verlieben sich

Die Hamburger Schriftstellerin und Zeitschriftenherausgeberin Amalie Schoppe  wurde durch die ersten veröffentlichten Gedichte auf den jungen Mann aufmerksam. Sie beschloss, ihn zu fördern und nach Hamburg zu holen. Wie einsam er sich damals fühlte, geht aus einer Notiz in seinem Tagebuch hervor: „Ich habe oft das Gefühl, als ständen wir Menschen (d. h. jeder Einzelne) so unendlich einsam im All da, daß wir nicht einmal Einer vom Andern das Geringste wüßten und daß all uns’re Freundschaft und Liebe dem Aneinanderfliegen vom Wind verstreuter Sandkörner gliche.“

 

Erst einmal flogen 1835 der noch völlig unbekannte Dichter und die junge Frau aufeinander zu und verliebten sich ineinander. Für die acht Jahre ältere Elise Lensing war es die Liebe ihres Lebens, an der sie auch nach Zurückweisungen durch Hebbel festhielt. Er schwankte zwischen Liebesschwüren und der strikten Ablehnung einer Heirat. So zerrissen er innerlich war, so schwankend war auch seine Beziehung zu Elise Lensing. Aber ohne die finanzielle Unterstützung und die Liebe Elises, die ihm aus mehreren Krisen heraushalf, wäre Hebbel wohl nie ein bedeutender Dramatiker geworden.

 

Nach einem Jahr in Hamburg zog Hebbel im März 1836 nach Heidelberg, wo er ein Jurastudium begann. Von hier schrieb er Elise: „Ich grüße und küsse Dich tausendmal und nenn Dich meine gute, teure, einzige Elise! Sei nicht grausam und laß mich nicht allzu lange auf einen Brief von Dir warten, ich schmachte danach.“ Elise schrieb zurück und blieb ihm treu, auch nachdem er - wie zu erwarten - das ungeliebte Jurastudium aufgab und nach München zog, wo er sich als Dichter etablieren wollte. Und wie schon früher, war es Elise Lensing, die ihn aus ihren bescheidenen finanziellen Mitteln unterstützte. Aber auch mit dieser Hilfe gelang es Hebbel in München nicht, zu einem erfolgreichen Dichter zu werden oder auch nur erhebliche Einnahmen zu erzielen.

  

Der mühsame Weg zum Erfolg als Schriftsteller

Als Hebbel 1839 nicht nur erfolglos, sondern auch mittellos war und sein einziger Freund in München starb, machte er sich am 11. März 1839 zu Fuß durch Kälte und Schnee auf den Weg nach Hamburg, zu Elise. Er traf am 31. März bei ihr ein, völlig entkräftet und krank. Selbstkritisch notierte Hebbel über die Begegnung: „Schmerzlich-süßes Wiedersehen, denn auch wir standen nicht zueinander, wie wir sollten und schlecht vergalt ich ihr ihre unendliche Liebe, ihre zahllosen Opfer, durch ein dumpfes, lebefaules Wesen.“ Elise pflegte ihn aufopferungsvoll. Er erholte sich und blieb vier Jahre in Hamburg. Nach einem Jahr kam ihr gemeinsamer Sohn zur Welt. Er erhielt den Nachnamen des Vaters, aber Hebbel weigerte sich weiterhin, Elise Lensing zu heiraten.

 

Als Dichter blieb er zerrissen zwischen Selbstzweifeln und dem Glauben an das eigene Talent. Aber erstmals hatte Hebbel nun Erfolg als Verfasser von Theaterstücken. Seine Tragödie „Judith“ wurde 1840 erfolgreich in Berlin uraufgeführt. Es folgten eine weitere Tragödie und eine Komödie. 1842 erschien Hebbels erste Gedichtsammlung, und die literarische Welt wurde auf ihn aufmerksam. Der dänische König Christian VIII. gewährte dem Dichter 1842 ein zweijähriges Reisestipendium, und Hebbel reiste nach Paris. Er ließ seine Freundin ungerührt in Hamburg zurück, obwohl sie ein zweites Kind von ihm erwartete. Nach dem Tod des ersten Sohns und der Geburt des zweiten Sohns drängte Elise Lensing erneut auf eine Heirat. Hebbel lehnte weiter ab.

 

Als Liebhaberin eines deutlich jüngeren Mannes und Mutter unehelicher Kinder war sie der Verachtung ihrer Umwelt ausgeliefert und musste einen hohen Preis für ihre Liebe zu Hebbel zahlen. Neue Hoffnung keimte bei ihr auf, sich endlich aus ihrer prekären Situation zu befreien, als er ihr aus Paris schrieb: „Wir heiraten, sobald wir uns wiedersehen.“ Aber dieses Versprechen nahm er rasch wieder zurück und reiste 1844 von Paris aus nach Italien. Seine Freundin musste mit dem Tod des zweiten Kindes allein fertig werden – und hoffte weiter auf eine Ehe mit Hebbel. Dessen Stimmungen schwankten weiterhin und in einer deprimierten Phase notierte er in seinem Tagebuch: „Mein Leben ist eine langsame Hinrichtung meines innern Menschen. Seis drum.“

  

Eine gescheiterte Beziehung

1845 ließ sich Hebbel in Wien nieder. Er verliebte sich in die Schauspielerin Christine Enghaus und heiratete sie. Hebbel, der mit immer neuen Ausflüchten eine Heirat mit Elise Lensing verweigert hatte, war nun Ehemann einer anderen Frau. Das traf Elise Lensing verständlicherweise hart, und die Korrespondenz mit Hebbel kam fast zum Erliegen. Das hätte das Ende jeglicher Verbindung zwischen beiden sein können, aber Christine Hebbel nahm 1847 Kontakt zu Elise Lensing auf und lud sie nach Wien ein. Mit ihrer liebevollen Art konnte die Schauspielerin den Dichter und seine Förderin miteinander versöhnen. Christine und Elise wurden gute Freundinnen.

 

Elise Lensing blieb mehr als ein Jahr Gast bei den Hebbels in Wien, bevor sie im August 1849 nach Hamburg zurückkehrte. Sie nahm den Sohn Christines aus erster Ehe mit in die Hansestadt, wo sie sich um ihn kümmerte, während er eine Ausbildung machte. Sie, die Hebbel über viele Jahre all ihre Ersparnisse geopfert hatte, verarmte und verbitterte. Am 18. November 1854 starb Elise Lensing im Alter von nur 50 Jahren an einer Lungenerkrankung und wurde in einem Armengrab auf dem Friedhof von St. Georg beigesetzt. Es gibt nur noch wenige Spuren des Lebens von Elise Lensing in Hamburg. Christine Hebbel hatte 1899 dafür gesorgt, dass sie von ihrem Armengrab auf eine Grabstätte auf dem neu entstandenen Ohlsdorfer Friedhof umgebettet wurde, die bis heute erhalten ist. Die Patriotische Gesellschaft ließ eine Gedenktafel am Haus Lange Reihe 7 anbringen, wo Lensing von 1842 bis 1844 gewohnt hatte. In Barmbek-Nord erinnert der Elise-Lensing-Weg an die Freundin Hebbels.

   

 

Hebbel starb am 13. Dezember 1863 in Wien, auch er wurde nur 50 Jahre alt. In seinen Werken hat er oft tragische, schicksalhafte Verhältnisse thematisiert. Es waren auch die Verhältnisse, die er selbst und Elise Lensing erlebt und erlitten hatten. Kurz vor seinem Tod wurde ihm der Schillerpreis verliehen, eine sehr späte Ehrung nach einem lange Zeit entbehrungsreichen Leben. In Schenefeld trägt die Friedrich-Hebbel-Straße den Namen des Dichters. 

 

Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte

  

© Frank Kürschner-Pelkmann