Zur Einstimmung: Frohe Weihnachten in der heutigen Welt

Cover des Buches !Die Weihnachtsgeschichte - Fakten, Legenden und tiefere Bedeutung"
Frank Kürschner-Pelkmann: Die Weihnachtsgeschichte - Fakten, Legenden und tiefere Bedeutung, Rediroma Verlag, Remscheid 2025, ISBN 978-3-86870-734-2, 680 Seiten, 26,95 Euro

 

Weihnachten – das ist für die meisten Christinnen und Christen in aller Welt das wichtigste und schönste religiöse Fest des Jahres. Mögen auch die Weihnachtstra­ditionen in den einzelnen Ländern und Kulturen sehr unterschiedlich sein, die Geburt des Jesuskindes wird von allen ausgiebig und oft fröhlich gefeiert. Auch viele Menschen, die einen anderen oder gar keinen religiösen Glauben haben, feiern Jahr für Jahr Weihnachten und das zur Freude der Betreiber von Kaufhäusern und Plattformen des Einzelhandels. In einer glo­ba­len Wirtschaft ist Weihnachten längst zum wichtigsten globalen Konsumfest geworden. Zu keiner Zeit im Jahr wird so viel Umsatz gemacht wie in den Wochen vor Weihnachten. Und wenn es dann heißt, die Erwartungen des Handels seien in diesem Jahr übertroffen worden, herrscht große Freude.

 

„Die Ware Weihnacht ist nicht die wahre Weihnacht“, erinnert uns der Schweizer Theologe und Schriftsteller Kurt Marti. In diesem Satz hat er seine Kritik an der Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes zusammengefasst. Er schrieb zur Erläuterung: „Weihnachten ist mir vergällt worden durch den ganzen Konsumrausch, der mit Weihnachten verbunden ist, diese ganze Vermark­tung. Es fängt schon an im Advent, die Adventswochen, überall in der Stadt ist große Aufregung, die Heilsarmee singt an allen Ecken, das alles ist so penetrant, dass ich ein bisschen die Lust an Weihnachten verloren habe.“

 

Es gibt auch das andere Weihnachten, wie es Schriftstellerinnen und Schriftsteller erlebt und beschrieben haben. „Ich werde die Liebe zu den Zaubern des Weihnachtsfestes nie verlernen. Dieser Tag, dieser heiter geheiligte Abend, der aus Kinderaugen blickt, der die Kruste des Alltags von unseren Herzen löst und ein Lächeln menschlicher Rührung und Freude auf allen Gesichtern hervorruft, er ergreift mich heute, wie es mich als Knabe ergriff und beglückte.“ Das hat Thomas Mann 1924 geschrieben.

 

In Astrid Lindgrens Bullerbü-Geschichten sagt das Mädchen Lisa: „Die Kerzen am Weihnachtsbaum brannten, und auf dem Tisch standen auch brennende Lichter. Ich hatte Gänsehaut. Die habe ich immer, wenn es so schön und spannend ist. Vater las aus der Bibel vor. Und ich sagte einige schöne Verse auf …“

 

In der Geschichte „Weihnachten im Stall“ hat Astrid Lindgren das Weihnachtsgeschehen in Bethlehem für Kinder neu erzählt und in ihre schwedische Heimat ver­legt, „An einem Abend vor langer Zeit, da kamen ein Mann und eine Frau in der Dunkelheit ihres Weges daher. Sie waren weit gewandert, und darum waren sie müde und wollten schlafen, wussten aber nicht, wo. Überall auf den Höfen waren die Lichter erloschen. Die Menschen schliefen dort schon, und keiner kümmerte sich um die Wanderer, die noch unterwegs waren.“

 

In dem Stall, in dem das Paar Unterschlupf fand, befanden sich Tiere, darunter ein Pferd, eine Kuh und Schafe. Die Frau wärmte ihre kalten Finger unter der Mähne des Pferdes und trank von der Milch der Kuh. Und als das Paar sich niederlegte, scharten sich die Schafe um sie, um sie zu wärmen.

 

In der Nacht wurde das Kind geboren. „Und zur selben Stunde flammten am Himmel alle Sterne auf. Ein Stern aber war größer und heller als die übrigen. Genau über dem Stall stand er und leuchtete mit klarem Schein.“ Einige Hirten, die mitten im Winter noch einige Schafe heimholen wollten, sahen den Stern und machten sich auf zum Stall.

 

Dort fanden sie das Paar mit seinem neugeborenen Kind. „Das Kind schlief in der Krippe, ringsum standen stumm die Tiere und die Hirten. Alles war still. Und über dem alten Stall leuchtete der Weihnachtsstern. Denn als dies geschah, war es Weihnachten. Ein Weihnachten vor langer Zeit. Das erste Weihnachten.“

 

Der katholische Hamburger Erzbischof Werner Thissen hat 2007 in einem Vortrag über Astrid Lindgren zu dieser Weihnachtsgeschichte gesagt: „Und in der Geschichte ‚Weihnachten im Stall’ schildert Astrid Lindgren die Geburt Christi mit einfachen Worten als einzigartiges, aber stilles Geschehen in einer bäuerlich vertrauten Umgebung, schmucklos und unspektakulär.“

  

Weihnachten als Familienfest

Die Betonung von Weihnachten als Familienfest ist hierzulande nicht so alt, wie man vielleicht denken würde. Dazu schrieb der Liturgiewissenschaftler Stephan Wahle 2017 in der katholischen Zeitschrift „Herder Korrespondenz“: „Die Verbürgerlichung und Popularisierung des Weihnachtsfestes erfährt mit seinem Wandel zum Familienfest im 19. Jahrhundert seinen Höhepunkt und ist im Zeitalter der gesellschaftlichen Modernisierung als Massenkultur faktisch zum Durchbruch gekommen. Es ist zunächst noch die Hochkultur des Biedermeier, die aus dem kirchlich-liturgischen ein familiär-häusliches Fest gemacht hat. Vor allem das städtisch-protestantische Bürgertum avancierte in jener Zeit zur kulturbildenden Gesellschaftsschicht und sollte die heutige Art, Weihnachten zu feiern, maßgeblich und massentauglich prägen: mit Weihnachtsbaum, Bescherung und Festessen – mit einer häuslichen Feier also, zu der auch gesungen und gebetet, gespielt und gut gegessen wurde.“

 

Mit zunehmender Säkularisierung sank die Bedeutung des Betens und das noch mehr, als die religiöse Bindung vieler Menschen abnahm. Das galt auch für assimilierte jüdische Familien in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts und der ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Manche von ihnen feierten nun eine Mischung von Weihnachten und jüdischem Lichtfest Chanukka. Dazu passt, dass das weltweit populärste Weihnachtslied „White Christmas“ einen jüdischen Komponisten und Texter hatte, Irving Berlin.

 

Im „Songlexikon. Encyclopedia of Songs“ des Zentrums für populäre Kultur und Musik der Universität Freiburg ist zum Kontext dieses Songs zu lesen: „In den 1930er Jahren erfuhr das Weihnachtsfest in den Vereinigen Staaten eine säkulare Ausrichtung, die eine familiär und emotional geprägte Feierkultur mit einer Konsumorientierung verband. Symbolhaft hierfür steht die seit 1931 von dem Getränkehersteller Coca Cola gebrauchte Werbefigur des ‚Santa Claus‘. Auch die Unterhaltungskultur entdeckte Weihnachten als Sujet – erste Weihnachtsfilme entstanden, etwa A Christmas Carol nach Charles Dickens … WHITE CHRISTMAS gehört damit zu den frühen Produkten dieser säkularen Weihnachtskultur. Bemerkenswert ist, dass diese Lieder zwar weitgehend entchristlicht oder zumindest entkirchlicht sind, aber bestimmte Emotionen wie Liebe, Frieden oder Naturerfahrungen mit viel Pathos und zuweilen religiöser Emphase in den Vordergrund rücken.“

 

Im Beitrag des Kulturwissenschaftlers Michael Fischer im „Songlexikon“ wird dargestellt, dass Lieder wie „White Christmas“ einerseits idealisierte Bilder einer ländlich geprägten Vergangenheit wachrufen, aber andererseits selbst Produkte urbaner Unterhaltungskultur sind. Es ist ein Lied, das „nostalgisch an die eigene Kindheit erinnert und ideale Landschaften (mit Pferdeschlitten ausgestattet) beschreibt. Die besungene ‚weiße‘ Weihnacht bzw. der Schnee sind dabei allerdings nicht nur als romantische Naturbilder zu verstehen, sondern auch als Symbole für Unschuld, Reinheit und Frieden.“

 

Zum Erfolg des Songs trug ganz wesentlich der Sänger Bing Crosby bei. „Durch dessen einzigartige Stimme klingt jene melancholisch-traurige Stimmung durch, die der Komponist als jiddisches Flair in die bluesartige Melodie des Liedes hineingelegt hat.“ Anderen Quellen habe ich entnommen, dass die Studioaufnahme 1942 nach 18 Minuten zur Zufriedenheit aller Beteiligten abgeschlossen war. Zu erwähnen ist auch, dass der Komponist Irving Berlin keine Noten lesen konnte und ein Sekretär beschäftigt wurde, um die Noten auf Papier zu bringen. Es dürfte nur wenige andere musikalische Welterfolge geben, der unter solchen Bedingungen entstanden.

 

Der Komponist und Texter Irving Berlin war 1888 als Israel Isidore Beilin in Russland geboren worden. Sein Vater, ein jüdischer Kantor, wollte seine Frau und seine sieben Kinder vor Hunger und Pogromen retten. Es gelang die Flucht in die USA. Aber nach dem frühen Tod des Vaters war die Familie auch in New York von Armut betroffen. Der 14jährige Israel musste die Schule verlassen und als Zeitungs- und Botenjunge zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Als Irving Berlin schaffte er trotzdem den Aufstieg vom Kellner zum erfolgreichen Komponisten und Texter. Als Bandleader und Musiker wurde er berühmt und kam zu Wohlstand. Es ist überliefert, dass er mit seiner Frau Ellin und seinen drei Töchtern prächtige Weihnachtsfeste feierte, mit einem Festessen bei Kerzenschein, vielen Geschenken und einem riesigen geschmückten Weihnachtsbaum. Für seine jüdisch-orthodoxen Eltern wäre ein solches Fest völlig undenkbar gewesen, aber für Irving Berlin war es der Beweis, dass er in seiner neuen Heimat angekommen war und Erfolg hatte. Es war keine ungetrübte Weihnachtsfreude, denn die Familie erinnerte sich jedes Jahr neu daran, dass am Weihnachtstag 1928 der neugeborene Sohn gestorben war. Etwas von der Melancholie und Trauer kann man auch im Lied „White Christmas“ spüren.

 

Im Mai 1942, als Bing Crosby im Studio den Song aufnahm, waren die USA seit einigen Monaten aktiv am Zweiten Weltkrieg beteiligt. Viele Menschen waren verunsichert und hatten Angst angesichts der Gefahren des Krieges. Auch ahnten sie, dass der Krieg das Land und seine Menschen stark verändern würde. Deshalb sprach die nostalgisch-sentimentale Grundstimmung von „White Christmas“ die vorherrschenden Gefühle im Land an. Weil der Song die christlichen Weihnachtsthemen völlig unerwähnt lässt, wird er seither auch von Nichtchristen gern gehört und gesungen.

 

Das Lied hat eine enorm große Wirkung gehabt. Die Schallplatte mit dem Lied „White Christmas“ gehört zu den meistgespielten Songs unzähliger Radiosender in aller Welt in der Vorweihnachtszeit. Binnen kurzer Zeit wurden zwei Millionen Schallplatten verkauft. Inzwischen sind allein 50 Millionen Singles des Liedes in aller Welt abgesetzt worden.

 

Das Lied hat auch eine Wirkung auf die Art und Weise gehabt, wie die Menschen Weihnachten verstehen und feiern. Dazu noch einmal das „Songlexikon“: „Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass WHITE CHRISTMAS einen wichtigen Beitrag zur Säkularisierung und Globalisierung des Weihnachtsfests leistete. Gleichzeitig hält der Song ein wesentliches Element von Weihnachten offen: die Sehnsucht nach einer heilen Welt. Im Liedtext wird sie in der Vergangenheit gesucht, ersehnt wird sie aber für die Gegenwart und Zukunft. Vielleicht macht diese Möglichkeit zu träumen, einen Teil des Erfolgs dieses Liedes aus … Der Komponist und Textautor Irving Berlin war übrigens von seinem Song überzeugt. Schon im Jahr 1940 soll er zu seinem Sekretär gesagt haben, dies sei nicht nur das beste Lied, das er verfasst habe, sondern überhaupt das beste jemals geschriebene.“

 

Trotz aller Kommerzialisierungs- und Säkularisierungsprozesse bleibt die Weihnachtgeschichte eine religiöse Geschichte. Als Märchen wäre sie längst in Vergessenheit geraten, als theologischer Essay wahrscheinlich auch. Die Lukas-Geschichte von der Geburt des Kindes in einem Stall rührt auch nach zwei Jahrtausenden viele Millionen Menschen an. Maria und Josef, das Jesuskind, die Hirten und die Weisen (aus dem Matthäusevangelium) sind Hauptfiguren einer Geschichte, die schon viele Mal erzählt worden ist. Und immer wieder wird sie in der aktuellen eigenen Situation ganz neu gehört und verstanden. Und da Maria in der Geburtsge­schichte ihr aufrührerisches Mag­nifikat nicht wiederholt und Jesus seine unbe­que­men Botschaften noch nicht verkündet, wird die weihnachtliche Har­mo­nie nicht gestört.

  

Das Weihnachten von Theologinnen und Theologen

Die weihnachtliche Harmonie und Ruhe hat Kurt Marti gestört: „Nein, man darf ein kleines Kind nicht wecken, auch das in der Krippe nicht. Psst, psst, kein Gezeter, kein Streit, keine Schreie, keine Wut! Schlaf’ in himmlischer Ruh! Vielleicht ist Weihnachten just wegen dieses schlafenden Kindes zum beliebtesten aller Christenfeste geworden. Einmal im Jahr wird es betrachtet in seinem süßen Schlaf – und dann wieder munter an die Geschäfte, an die Weiterrüstung! Der Herr, der Veränderer (= Messias), schläft ja den Schlaf seiner scheinbar ewigen Kindheit.“ Der Theologe und Schriftsteller will es bei dieser Ruhe nicht belassen: „Ihr irrt, das Kind ist erwacht, schon längst! Das Kind ist ein Mann geworden! Wenn ihr das Evangelium des Lukas oder eines der anderen Evangelien lesen würdet, so wüsstet ihr, dass er, der Mann, seinen Mund aufgetan, laut und deutlich geredet hat.“

 

Kurt Marti blieb trotzdem ein hoffnungsvoller Christ. In das „Evangelische Gesangbuch“ in Deutschland hat eines seiner Lieder Aufnahme gefunden, das mit den Worten „Der Himmel der ist“ beginnt und dessen dritter Vers die Hoffnung auf das ganz andere Leben der Menschen besingt: „Der Him­mel, der kommt, das ist die Welt ohne Leid, wo Gewalttat und Elend besiegt sind.“ Und hoffnungsvoll heißt es im fünften Vers: „Der Himmel, der kommt, grüßt schon die Erde, die ist, wenn die Liebe das Leben verändert.“

 

Der bekannte Theologe Jörg Zink hat sich so an das Weihnachten seiner Kindheit erinnert: „Diese Geschichte begleitet mich nun, seit ich denken kann. Am Heiligen Abend, ehe es die Geschenke gab, sagten wir Kinder sie auf, als wir noch längst nicht lesen konnten. Die ganze geträumte Welt eines kindlichen Lichterfestes liegt in ihr, und ich kann sie noch heute nicht sprechen, ohne in die kleine Stube versetzt zu sein, in der damals der Christbaum stand. Noch heute ist sie mir der Inbegriff des Märchenhaften, diese Geschichte mit ihrem offenen Himmel und mit dem Gesang von En­geln, mit Hirten und Schafen, und mit einem jungen Paar, das bei aller Mühsal und Armut so unendlich geborgen mit seinem Kind in einem dunklen Stall ruht.“

 

Jörg Zink hat sich in einem langen Lebensweg mit historisch-kritischen Methoden der Auslegung der Bibel beschäftigt, stellte verschie­dene Dogmen der Kirche infrage, bezeichnete manche biblischen Geschichten als Legenden – und war trotzdem weiterhin fasziniert von dem, was der Evangelist Lu­­kas über die Geburt Jesu geschrieben hat. „Man mag diesen Bericht eine Legende nennen, also eine Erzählung, die etwas, das innen, in der Seele eines Menschen, ge­schah, ins Äußere verlegt und es als Ereignis über den Hügeln einer Landschaft und unter den Sternen schildert. Immerhin, das Bild ist stark, und es fasziniert uns bis zum heutigen Tag.“

 

Jenseits aller Fragen nach dem tatsächlichen historischen Gesche­hen bekannte Jörg Zink: „Die Geschichte von der Geburt des Kindes in Bethlehem sagt uns: Du bist auf diese Welt gesandt. Gehe nun diesen Weg auf der Erde, achte auf Gottes Willen, achte auf seine Führung, auf die Zeichen, die er dir gibt. Der dich ge­sandt hat, ist da. Er führt dich. Er begleitet dich mit dem Gesicht eines Bruders. Er stützt dich. Er zeigt dir deinen Weg. Er empfängt dich am Ende. Und er führt dich weiter, ohne Aufhören. Unendlich.“

 

Für Uta Ranke-Heinemann, eine katholische Theologin, die sich unerschrocken dem Establishment ihrer Kirche entgegengestellt hat (vgl. S. 611f.), blieb Weihnachten stets ein wunderbares Fest. „Die ganze Weihnachtsgeschichte ist eine Legende. Jesus ist Mensch und nicht Gott. Gott, der Urheber des Universums, ist unser aller Schöpfer. Jesus hat Wunderbares gesagt, z. B. ‚Selig sind die Friedensstifter’. Aber vieles wurde ihm nachträglich in den Mund gelegt: z. B. die Hölle. Er war ein Anti-Höllen-Prediger. Gott hat Himmel und Erde geschaffen – die Hölle haben die Menschen hinzu­erfunden. Trotz­­dem: Für mich war Weihnachten mit meinen geliebten Eltern und Geschwis­tern und meiner geliebten Großmutter, Hanna Heinemann, ein wunderbares Fest. Ein Fest des Glücks.“

 

„Weihnachten! An dieses Wort knüpft sich ein ganzes Universum von Symbolen: Kerzen und Sterne, die leuchtenden Kugeln am Tannenbaum, die Krippe, Ochs und Esel, die Hirten, Josef, der Gute, und die Jungfrau Maria, schließlich das auf Stroh gebettete Kind. Diese Symbole, in denen das Echo des größten Ereignisses der Geschichte – die Menschwerdung Gottes – nachklingt, wurden aus dem Glauben geboren und sprechen zum Herzen.“ Mit diesen Zeilen beginnt das Weihnachtsbuch „Mensch geworden“ des brasilianischen Befreiungstheologen Leonardo Boff. Er wehrt sich dagegen, das Feiern von Weihnachten zu einem intellektuellen Geschehen zu machen: „Feiern verlangt mehr als bloßes Wissen und Reflektieren. Das Herz muss sich öffnen, muss sich freuen.“

 

Leonardo Boff ist überzeugt: Wenn wir an diesem Tag mit unserer Familie zusam­mensitzen, Geschenke und Freundlichkeiten austauschen, dann können wir die wahre Bedeutung des Festes erkennen: „Dann treten die Werte hervor, nach denen wir uns immer gesehnt haben – Träume eines durchschaubaren, einfachen und freien Lebens, Träume, die unsere Vorstellungen so sehr geleitet haben. Wenn wir es schaffen, das heilige Kind in uns zu wecken, werden wir den wahren Geist von Weihnachten und den freudigen Advent Gottes gefunden haben.“

  

Aber warum gibt es dann zwei Evangelien, in denen die Weihnachtsgeschichte erzählt wird? Dazu äußerte Professor Thomas Söding 2016 in einem Interview des „Domradios“: „Man kann eher von Glück sagen, dass überhaupt etwas überliefert worden ist. Da waren viele Zufälle im Spiel. Lukas berichtet, wie er sein Evangelium geschrieben hat. Er hat alle ver­streuten Informationen gesammelt und sie dann nicht eins zu eins übernommen, sondern ausgewählt, weggelassen und das Übrige in eine Ordnung und einen Sinnzusammenhang gebracht. Das ist keine neutrale Berichterstattung, sondern es ist ein Glaubenszeugnis in Form einer Erzählung.“

   

© Frank Kürschner-Pelkmann