Eine mehr als 3.000 Jahre alte Haarlocke wurde zum Beweisstück in einer dramatischen Geschichte, die in der ägyptischen Wüste ihren Anfang nahm. Dort grub 1820 der preußische Generalleutnant Johann Heinrich Karl Menu von Minutoli nach Mumien und nach anderen Objekten aus dem alten Ägypten. Er war im Auftrag des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. unterwegs, um das geplante Ägypten-Museum des Monarchen zu füllen. Es war nach heutigen Maßstäben eher eine Raubgrabung als eine ernsthafte archäologische Forschung. Minutoli wollte lediglich möglichst rasch möglichst viele Objekten ausgraben oder kaufen.
Es gelang ihm, den Eingang der Sakkara-Pyramide zu entdecken und dort so viel Objekte zu finden, dass er 110 Kisten füllen konnte, die im Juli 1821 in Alexandria auf ein Schiff geladen wurden. Der ägyptische König wurde finanziell an dem erfolgreichen Unternehmen beteiligt und schenkte Minutoli ein arabisches Festzelt, das mit auf das Schiff geladen wurde. Das Schiff kam nach mehr als einem Monat in Triest an, und hier beging Minutoli nichts ahnend einen schweren Fehler. Er schickte nämlich nur 23 leichtere Kisten auf dem Landweg nach Berlin und vertraute die übrige wertvolle Fracht dem Zweimastfrachtsegler „Gottfried“ an.
Das Schiff geriet in der Nordsee auf dem Weg zum rettenden Hamburger Hafen in einen schweren Orkan. Vielleicht hätte die „Gottfried“ den Orkan überstanden, wären nicht ein Granit-Sarkophag und die Spitze der Pyramide an Bord gewesen. Sie lösten sich im Sturm aus ihren Verzurrung und durchschlugen die Bordwand. Das Schiff sank in der Nacht vom 11. zum 12. März 1822 sofort, nur ein Matrose überlebte die Katastrophe. Aus dem geborstenen Schiff gelangte ein Teil der wertvollen Ladung an die Oberfläche der aufgewühlten See, und die Bewohner der Küstenorte bei Otterndorf entdeckten mehrere leichte Holzsarkophage und andere ägyptische Objekte am Strand.
Die Mumien waren den abergläubischen Bauern so verdächtig, dass sie sie verscharrten. Die Versicherungsgesellschaft, die einen hohen Betrag an Minutoli zahlen musste, erhielt Kenntnis von den Funden und setzte alles daran, wenigstens einen Teil der Ladung sicherzustellen. Die Bauern mussten die Mumien wieder ausgraben und auch viele antike Objekte herausrücken. Die Versicherung ließ alles nach Hamburg bringen und dort versteigern. Dann verloren sich die Spuren der wertvollen angeschwemmten Objekte. Der preußische König musste sich damit zufriedengeben, sein Ägyptisches Museum erst einmal nur mit dem Inhalt der 23 wohlbehalten eingetroffenen Kisten zu füllen. Damit musste er allerdings die Hoffnung aufgeben, mit den ägyptischen Sammlungen in Paris und London zu konkurrieren.
In den letzten zwei Jahrhunderten hat es immer wieder Versuche gegeben, den größten Teil der wertvollen Fracht der „Gottfried“ zu bergen, aber auch mit Echographen hat man nicht Sarkophag, Pyramidenspitze, etwa hundert Stelen und andere Kostbarkeiten gefunden. Immerhin stieß 2003 eine Ägyptologin im Museum für Kunst und Gewerbe zufällig auf einen Briefumschlag, der eine Haarlocke enthielt und auf dem stand, dass sie im April 1822 an der Elbe angeschwemmt worden war. Es gibt sie also, die wertvolle Fracht der „Gottfried“, und die Suche geht weiter.
