„Ehre sei Gott und Friede auf Erden“, zu diesem Lobruf der Engel in der Weihnachtsgeschichte hielt Viola Raheb am 19. September 2010 eine Predigt zum Abschluss der ökumenischen „Dekade zur Überwindung von Gewalt“ in Essen. „Als christliche Palästinenserin aus Bethlehem habe ich zu diesem Satz eine ganz besondere Verbindung. Laut der Überlieferung sangen die Engel diese Zeile nicht weit weg von dem Ort, an dem ich geboren und aufgewachsen bin … Bethlehem bzw. Beit Sahour, die Stadt, in der die Hirten ihre Herden wachten, ist heute ein Teil der palästinensischen Autonomie-Gebiete. Das Wort ‚Autonomie’ verschleiert, dass die Städte weiterhin unter israelischer Besatzung leben. Besatzung war auch damals die Erfahrung der Leute – eine Besatzung durch die Römer … Bei allen Unterschieden zwischen damals und heute: ‚Friede’ war das damals für die Menschen nicht, und ‚Friede’ ist es heute nicht. Die Menschen in Bethlehem kämpfen damals wie heute gegen Armut, die die unfriedlichen Lebensbedingungen verursacht, und gegen militärische Gewalt. Die Menschen damals hatten keine Erfahrungen der Selbstbestimmung, die fehlt auch heute.“
Es war kein Zufall, ist Viola Raheb überzeugt, dass sich die Verkündigung des Engels an die Hirten richtete, an Menschen, die am Rande der Gesellschaft lebten und dringend Frieden in einem von Gewalt geprägten Alltag benötigten. Es sei also nicht überraschend, dass der Engel den Hirten zunächst einmal sagte: „Fürchtet euch nicht!“ Die Worte dienten nicht nur der Beruhigung: „Die erste Verkündigung ist die Zusage von Gott: Fürchtet euch nicht, die Rettung ist nahe, eure Freude ist groß, der Messias ist geboren. Das bedeutet, dass der Friede in greifbare Nähe gerückt ist.“
Nach der Beruhigung, sich nicht fürchten zu müssen, verkündete der himmlische Chor der Engel: „Ehre sei Gott und Friede auf Erden!“. Als Christen bezeugen wir, führte Viola Raheb in ihrer Predigt aus, das Lob und die Preisung, die Gott gebührt. Diese Proklamation erfolgt in Zusammenhang mit der Inkarnation Gottes als Kind: „Gott wird Mensch in einem armen Kind, das unter den Umständen leidet, dass eben kein Friede herrscht … Die Ehre gebührt Gott, der sich uns annimmt, in unserem Leben im Hier und Jetzt und als Friedensfürst zur Welt kommt.“ Lukas verbindet die Ehre Gottes und den Frieden auf Erden. „Diese Verknüpfung bindet die vertikale Dimension, die Beziehung zu Gott, an eine zweite Dimension unsers Christseins, nämlich die Horizontale, die Beziehung zu unseren Mitmenschen. Die beiden miteinander verflochtenen Dimensionen lassen sich nicht von einander lösen. Wer ‚Ehre sei Gott’ bekennt, kann nicht anders, als ‚Frieden auf Erden’ zu bezeugen.“
„Deine Mutter ist in Bethlehem geboren, als Tochter einer palästinensischen Familie, die unter israelischer Besatzung lebte. Beide Elternteile sind als Staatenlose geboren. Beide haben ihre Kindheit und Jugend im Krieg und in Konflikten verbracht, beide haben um ihr Leben bangen müssen – dass sie heute in Österreich leben, ist dem Schicksal zu verdanken.“ So beschrieb Viola Raheb in einem Brief an ihren Sohn Ranad, wie sie und ihr Mann aufgewachsen sind. Er ist in ihrem Buch „geboren in Bethlehem“ veröffentlicht worden. Das 2004 erschien. Viola Raheb wurde am 2. Oktober 1969 in Bethlehem geboren, zwei Jahre nach dem Sechstagekrieg und der Besetzung der Westbank durch Israel. In einem Radiointerview sagte sie im Rückblick: „… Ich bin damit groß geworden, dass Besatzung, Armee, Soldaten, Waffen, Straßensperren, Schikanen, all das zum Alltag gehört … Ich sage immer, der höchste Preis, den ich bezahlt habe, war meine Jugend und meine Kindheit, weil ich in so einem Kontext viel weniger die Möglichkeit hatte, Kind zu sein.“
Ihre Heimatstadt der Kindheit hat Viola Raheb später mit diesen Worten beschrieben: „Für mich ist Bethlehem seit meiner Kindheit eine laute, staubige orientalische Stadt mit kleinen Gassen, einem Suq, vielen Kirchen und Moscheen.“ Ihr Elternhaus lag ganz in der Nähe der Geburtskirche, und so beobachtete sie von der Terrasse aus die vielen Touristen aus aller Welt, die die Spuren Jesu suchten. „Ich konnte nicht – und es gelingt mir noch immer nicht – nachvollziehen, dass sie Jesus in den Trümmern der Geschichte suchten. Gott hat sich uns in Bethlehem als Mensch offenbart. Es ist mir daher ein Rätsel, dass Pilger und Pilgerinnen gerade in dieser Stadt das menschliche Antlitz Gottes in ihrem Nächsten so verfehlen.“
Dass gerade zur Weihnachtszeit sehr viele Besucherinnen und Besucher nach Bethlehem kommen, freute Viola Raheb als Kind nicht: „Ich erinnere mich daran, dass ich als Kind die Weihnachtszeit nicht mochte. Am Heiligabend habe ich mich mit meiner Mutter und meinem Bruder durch die Schar der Touristinnen hindurch gedrängt, um in unsere kleine lutherische Weihnachtskirche zu gelangen.“ Deshalb wünscht sie sich mit anderen Menschen in Bethlehem, dass die Menschen über das ganze Jahr verteilt kommen – und dass es zu menschlichen Begegnungen kommt.
Aber die Geschäftigkeit und das Gedränge am Heiligabend in Bethlehem waren fast vergessen, wenn Viola Raheb in der Weihnachtskirche saß: „… dort versammelten wir uns alle, um gemeinsam den Gottesdienst vom Heiligen Abend zu feiern. Die Weihnachtslieder weckten die Sehnsucht nach Frieden und Geborgenheit. Begleitet von Abu Firas an der Orgel sang ich jedes Jahr mein Solo, das mittlerweile zur Tradition geworden war. Meine Stimme gewann durch die Gewölbe unserer Kirche eine unendliche Tiefe. Eine Tiefe, die durch den Hall eindringlich wirkte … Ich habe den Abend anschließend mit der Familie verbracht. Ein Abend, der ganz und gar der engsten Familie gewidmet war. In einer Zeit, in der wir immer weniger Zeit für einander hatten, war dieser Abend umso schöner und wertvoller.“
Nach dem Besuch einer kirchlichen Schule und dem Abitur 1987 ging Viola Raheb im Alter von 19 Jahren für sechs Jahre zum Studium nach Deutschland. Sie studierte Erziehungswissenschaften und Evangelische Theologie in Heidelberg. Neben dem Studium hielt sie in Deutschland zahlreiche Vorträge und beteiligte sich an Veranstaltungen zu Palästina. Eine „Lernerfahrung“ in Deutschland war, schrieb sie 2009 in der Zeitschrift „Im Lande der Bibel“, dass sie seltener sagte, dass sie aus Palästina komme und häufiger ihre Geburtsstadt Bethlehem erwähnte:
„Denn während die Reaktion auf das Wort ‚Palästina’ eher skeptisch, zurückhaltend und ein wenig ängstlich war, reagierte die Mehrheit auf ‚Bethlehem’ mit ... einem Lächeln, ja mit Freude. Es schien mir so zu sein, als würden sie alle wieder in ihre Kindheit zurückgeschickt. Es schien fast so zu sein, als würde sich die Freude, die sie am Heiligabend bei der Bescherung spürten, erneut in ihren Gesichtern widerspiegeln.“
Nach der Rückkehr nach Bethlehem arbeitete Viola Raheb von 1995 bis 2002 als Koordinatorin für Erwachsenenbildung und Internationale Beziehungen im „Internationalen Begegnungszentrum Bethlehem“. Zusätzlich übernahm sie 1995 das Amt der stellvertretenden Schulrätin und dann ab 1998 das der Schulrätin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und Palästina. Seit 2002 ist Viola Raheb mit dem Musiker Marwan Abado verheiratet, einem Palästinenser aus dem Libanon, der in Österreich lebt.
Viola Raheb lebt seit 2002 in Wien im Exil. Ihrem Mann Marwan, der in einem palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon geboren wurde und aufwuchs, wird die Einreise nach Israel verweigert. Aus diesem Grunde kann die Familie nur im Exil zusammenleben. Die Rahebs sind seit 2005 österreichische Staatsbürger. Viola Raheb bemüht sich in Vorträgen und bei Veranstaltungen, nicht ausschließlich das Leiden des palästinensischen Volkes darzustellen: „Denn Palästina hat nicht nur Leiden mitzuteilen, sondern auch einen Willen zum Leben. Inmitten von Tod und Leid blüht ein ungewöhnliches Leben, das es wert ist, wahrgenommen zu werden.“
Leben im Exil, das ist für Viola Raheb besonders Weihnachten schwer. Im Dezember 2002 schrieb sie ihre Gefühle in dem Text „Heiligabend 2002“ auf: „Bethlehem ist so weit weg wie noch nie zuvor. Meine Familie so entfernt, wie schon lange nicht mehr … Diaspora – was für ein Zuhause. In der Diaspora muss unser Herz sehr viel ertragen, viel mehr, als es zu tragen geschaffen ist. In der Diaspora fahren unsere Gefühle Achterbahn und wir ebenso.“
Und wenn Viola Raheb dann am Heiligabend die gut vertrauten Weihnachtslieder hört, ist die Sehnsucht nach der Heimat besonders groß: „Heute überwältigt mich die Sehnsucht, und ich weiß weder ein noch aus. Lernen mit der Sehnsucht zu leben, ist zum integralen Bestandteil meines Lebens geworden. Die Sehnsucht zu einer positiven Triebkraft des Lebens zu machen, scheint die einzige Möglichkeit zu sein, weiter zu machen.“
Im Exil nimmt Viola Raheb stärker als früher wahr, wie die Exilpalästinenser aus dem Blick geraten sind: „Das Schicksal der im Exil lebenden Palästinenser – und damit meine ich nicht nur die Flüchtlinge, die die Mehrheit des palästinensischen Volkes ausmachen – wird marginalisiert bzw. kaum noch angesprochen – auch nicht von der palästinensischen politischen Führung.“
„Nächstes Jahr in Bethlehem“ hat Viola Raheb eines ihrer Bücher genannt, das 2008 erschienen ist. Zu diesem Titel schreibt die Autorin: „Für mich ist die Hoffnung, eines Tages mit meiner Familie in meiner Heimatstadt Bethlehem sein zu dürfen, eine lebendige Hoffnung, die mich Tag für Tag begleitet und dazu ermutigt, mich weiterhin dafür zu engagieren, dass die Zukunft anders wird als die Gegenwart.“
„Die Stadt ist dem Herrn geweiht und steht unter seinem Bann mit allem, was darin ist. Kein Mensch und kein Tier darf am Leben bleiben.“ So steht es bei Josua 6,17 in der Übersetzung der „Guten Nachricht“. In der Luther-Bibel ist der zweite Satz weggelassen worden, aber dieser Satz in der biblischen Darstellung der Eroberung Jerichos ist für palästinensische Christinnen und Christen ein Anlass zu kritischen Fragen. Viola Raheb hat zu diesem Satz geschrieben: „Was ist es für ein Gott, der solch einen Befehl erteilt? Was sind das für Menschen, die solch einen Befehl befolgen, ohne dabei ihren Glauben zu verlieren? Mit den Trompeten um Jericho herum zu gehen und die Mauern zum Einsturz zu bringen, scheint viele zu begeistern. Nur selten, wenn überhaupt, fragen sich Menschen und Theologen, war diese Geschichte wohl für die, die innerhalb der Mauern Jerichos lebten, bedeutete. Nur selten, wenn überhaupt, wagen sie es, das Bild Gottes in diesem Text zu hinterfragen.“
Diese Haltung und Tradition, schreibt Viola Raheb weiter, wurde immer öfter zu einem Stolperstein für ihren Glauben. Tilgen aus der Bibel lässt er sich nicht, aber man sollte sich mit seiner Wirkungsgeschichte beschäftigen: „… gilt es, bei der Interpretation und Anwendung dieser Geschichte nicht selbst zur Gewalt und Missachtung anderer Menschen aufzurufen“.Solche Erkenntnisse sind das Ergebnis von Lernprozessen und der Einsicht, wie die Beschreibung der „Landnahme“ im Alten Testament für die Legitimierung der heutigen „Landnahme“ herangezogen wird.
Angesichts des Holocaust zögern viele Menschen in Deutschland, sich kritisch gegenüber Israel zu äußern und fühlen sich Israel gegenüber solidarisch. Gleichzeitig ist das Unrecht, das der palästinensischen Bevölkerung geschieht, nicht zu übersehen. Viola Raheb sagt: „… wir brauchen eine Solidarität, die sich bewusst ist, dass es nicht darum gehen kann, mit allen solidarisch zu sein, sondern vielmehr mit denen solidarisch zu sein, die sich über die nationalen, religiösen und politischen Grenzen hinweg für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen“.
Viola Raheb schreibt über ihre Zukunftshoffnungen: „Als eine Palästinenserin, die unter Besatzung geboren und aufgewachsen ist, die Gewalt und Unterdrückung am eigenen Leib erfahren hat, vertraue ich darauf, dass eine andere Welt möglich ist. Deshalb wage ich es, eine andere Welt zu träumen: Ich träume eine andere Welt, eine, die keine Kriege braucht, die keine militärischen Machtzentralen benötigt, die keine Gewalt und Unterdrückung ausübt. Eine Welt, in der die Menschenrechte aller respektiert und bewahrt werden. Ich träume eine Welt, in der es keine Mauern gibt … Ich träume eine andere Welt, eine, in der es sich lohnt zu leben, in der das Leben nicht nur ein einfaches Überleben ist, sondern ein Leben in Fülle.“
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Lesetipp:
Die Weihnachtsgeschichte - Fakten, Legenden und tiefere Bedeutung
Viele haben sich im Weihnachtsgottesdienst schon gefragt, ob die Geschichten von der Geburt und Kindheit Jesu Legenden sind, vielleicht sogar Märchen. In diesem Buch wird fundiert und anschaulich dargestellt, was heute über das damalige Geschehen bekannt. Es wird deutlich, dass viele legendarische Texte die Glaubensüberzeugungen der Jesusbewegung zum Ausdruck bringen und auch heute noch eine religiöse Orientierung bieten. Ausführlich wird das damalige Leben in Palästina unter der Herrschaft des römischen Imperiums dargestellt. Es hatte überraschende Ähnlichkeiten mit heutigen Imperien. Der Autor stellt außerdem ausführlich dar, was es bedeutet, dass Jesus, seine Familie und die meisten Menschen, die in den ersten Kapiteln der Evangelien Juden waren.
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