1839 – Ferdinand Laeisz, ein Hamburger Reeder mit demokratischer Gesinnung

Cover des Buches "Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 920 Seiten ISBN 978-3-384-05017-5 38 Euro

Gern bezeichnete sich Ferdinand Laeisz als „ersten Mann des Jahrhunderts“, weil er am 1. Januar geboren worden sei. Aber das stimmte nicht ganz, denn im Kirchenbuch von St. Nikolai ist der 2. Januar 1800 als Geburtsdatum notiert. Aber nicht zu bestreiten ist, dass der aus armen Verhältnissen stammende Laeisz in seinem Jahrhundert den Aufstieg zu einem der bedeutendsten Reeder der Stadt schaffte. Als er Kind war, betrieb sein Vater am Schulterblatt ein „Colonialwarengeschäft“, das zunächst hauptsächlich durch den Verkauf von Schmuggelware profitierte.

 

Während der Besetzung Hamburgs durch napoleonische Truppen war es sowohl patriotisch als auch zum Überleben wichtig, Waren von und nach Altona und Wandsbek zu schmuggeln. Aber angesichts der intensiven Kontrollen der Besatzungstruppen lohnte sich das Geschäft bald nicht mehr. Die Verarmung der Familie Laeisz mit zehn Kindern nahm ein solches Ausmaß an, dass Ferdinand fortgeschickt werden musste.

 

Seine Schullaufbahn fand auch aus einem anderen Grund ein Ende: „Der Übermut, welchen ich an den Tag legte, und die fortwährenden tollen Streiche, welche ich auch in der Schule ausübte, hatte zur Folge, daß der Lehrer meinen Eltern erklärte, mit mir nichts mehr aufstellen zu können …“ Ferdinand Laeisz erinnerte sich an das, was nun passierte, später so: „Um sich von einer pekuniären Last zu befreien, wurde ich als elfjähriger Junge von einem entfernten Verwandten, welcher eine Krämerei auf dem Schweinemarkt hatte, ins Geschäft genommen. Hier wurde ich hauptsächlich zu den niedrigsten Arbeiten, Straßenfegen, Wasserholen u. dgl. verwendet und erhielt dabei schmale Kost und reichlich Schläge, besonders wenn der Meister betrunken nach Hause kam, was nichts Seltenes war.“

 

 

Der Aufstieg zum erfolgreichen Reeder

Solche Erfahrungen halfen Ferdinand Laeisz nicht beim Aufstieg zu einem bedeutenden Reeder, aber sie lehrten ihn, soziale Probleme sensibel wahrzunehmen und Verantwortung für ihre Überwindung zu übernehmen. Zunächst wollte er Seemann werden. Aber die aktive Seefahrtzeit als Schiffsjunge endete bereits nach einigen Stunden. Kaum hatte der Blankeneser Schoner „Elisabeth“ 1815 die Nordsee erreicht, geriet er auch schon in Seenot und musste in den Heimathafen zurückkehren.

 

Ferdinand Laeisz überließ die Seefahrt hinfort anderen und begann eine Buchbinderlehre. Wie damals üblich, folgte auf die Lehre eine mehrjährige Zeit als wandernder Geselle. In Berlin lernte er, Papierzylinder herzustellen, was sich als sehr nützlich erweisen sollte. 1824 kehrte er nach fünf Jahren in seine Heimatstadt zurück, gründete ein kleines Handelsunternehmen und fertigte heimlich Hüte, wozu er nicht berechtigt war, weil er nicht der Zunft der Hutmacher angehörte. Er galt als „Bönhase“, also als jemand, der bei einer Kontrolle die Flucht über die Dachböden („Bön“) ergreifen musste und notfalls wie ein Hase über die Böden flüchten musste.

 

Das behinderte seine Pläne, Johanna Ulrike Catharina Creutzburg zu heiraten, die Tochter eines Hutmachermeisters, der keinen „Bönhasen“ in seiner Familie dulden wollte. Es gelang Laeisz aber, seinen Status zu legalisieren und zum Hutmachermeister aufzusteigen. Daraufhin konnte im Juni 1826 geheiratet werden. Das Ehepaar hatte nur ein Kind, den Sohn Carl, der später die Reederei erfolgreich gemeinsam mit dem Vater und nach dessen Tod allein leitete.

 

Zurück zu dem jungen Ferdinand Laeisz. Das Bücherbinden gab er auf und besaß bald eine florierende Fabrikation von farbigen Seidenzylindern. Die Zylinder waren nicht nur in Hamburg, sondern auch in vielen Hafenstädten Südamerikas ein Verkaufsschlager und ermöglichten die Eröffnung diverser Filialen, wo er auch andere Manufakturwaren verkaufte. Er schrieb über diese Geschäfte: „Die Erträgnisse meiner überseeischen Verkäufe wurden mir vielfach in Producten, besonders Zucker und Baumwolle, remittiert, und so wurde mein Geschäft immer mehr ein kaufmännisches.“

 

Laeisz stieg in den Handel mit „Colonialwaren“ ein. Es entwickelte sich ein schwunghafter Handel mit Seidenzylindern und in der Gegenrichtung mit Rohprodukten aus Lateinamerika. 1839 konnte er sich eine eigene Brigg bauen lassen, ein kleines Segelschiff mit etwa 200 Nettoregistertonnen. Die „Carl“ brachte dem Reeder nur Verluste, auch ein zweiter Versuch, Reeder zu werden, scheiterte. Unverdrossen unter­nahm Laeisz 1856 einen neuen Anlauf als Reeder, diesmal mit Erfolg. Ein Jahr später lief die „Pudel“ vom Stapel. „Pudel“ war der Kosename der Schwiegertochter Sophie, die sehr krause Haare hatte. Hinfort erhielten fast alle Schiffe der Reederei einen Namen, der mit P begann. Außerdem beteiligte er sich an der Gründung der HAPAG.

 

Wie andere Reeder und Überseekaufleute nahm Laeisz aktiv am politischen Leben der Stadt teil, wobei er durch seine demokratische Gesinnung auffiel. Die Aufbruchsstimmung von 1848 kommentierte er mit den Worten: „Als alter Democrat, welcher in Zorn über den Hochmuth der bevorzugten Classen und die Unterdrückung der selbständigen Regung aufgewachsen war, begrüßte ich den Völkerfrühling mit Freuden.“ Fast drei Jahrzehnte gehörte er der Hamburger Bürgerschaft an und fiel dort durch fortschrittliche Positionen auf. So forderte er erfolgreich ein Ende der Torsperre und des Bürgermilitärs, denn beides hatte das Leben der armen Bevölkerung sehr belastet.

 

An der heutigen Laeiszstraße in St. Pauli ließ er ein Wohnstift für neunzig Witwen und alte Alleinstehende errichten, das auch von den nächsten Laeisz-Generationen unterstützt und geleitet wurde und bis 1975 bestand. Außerdem machte der Reeder sich auf vielen sozialen Gebieten von der Schiffssicherheit bis zum Seerettungswesen einen Namen. Auch setzte er sich erfolgreich für die Schaffung von Volksküchen ein. Er entwickelte ein weit höheres soziales Verantwortungsbewusstsein als so manche Reeder aus seit Langem etablierten Kaufmannsfamilien.

  

 1852 beteiligte Ferdinand Laeisz seinen Sohn Carl am Unternehmen. Im Abschnitt über ihn wird die weitere Expansion des Unternehmens dargestellt. Der Seniorchef starb am 7. Februar 1887.

 

© Frank Kürschner-Pelkmann