Elise Averdieck gibt ihrem Leben nach einem Bekehrungserlebnis eine neue Richtung

Cover des Buches "Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 920 Seiten ISBN 978-3-384-05017-5 38 Euro

„Wenn ich in mein Leben zurückblicke. So ist‘s als schaute ich in ein großes Bilderbuch mit vielen Kapiteln. Jedes Kapitel ist ganz verschieden vom vorigen, jedes mit vielen Bildern geschmückt mit fröhlichem und ernstem Inhalt; aber vorherrschend war von Anfang bis zum Ende die Fröhlichkeit. Der Herr hat mich unendlich gnädig geführt.“ Fast ein Jahrhundert hat dieser Weg gedauert, und noch lange blieb Elise Averdieck den Hamburgern im Gedächtnis.

 

Als Elise Averdieck am 26. Februar 1808 am Krayenkamp zu Füßen der St. Michaeliskirche geboren wurde, brach über ihre Familie gerade eine wirtschaftliche Katastrophe herein. So wie viele andere Hamburger Kaufmannsfamilien waren die Averdiecks stark betroffen vom Zusammenbruch des Außenhandels während der Napoleonischen Kriege und von der Besetzung der Stadt durch französische Truppen. Der Vater handelte mit englischen Waren, und die zündeten die Franzosen als Feindesgut an. Die Familie floh und kehrte erst 1815 nach dem Abzug der Truppen Napoleons zurück. Es war die erste von einer ganzen Reihe von Katastrophen, die Elise Averdieck erlebte und mit großem Gottvertrauen überstand.

 

Langsam belebten sich die Geschäfte wieder, neuer Wohlstand stellte sich ein und Elise konnte fröhliche Tage im Landhaus an der Alster verbringen. Zu den prägenden Erlebnissen ihrer Kindheit gehörte der Religionsunterricht bei dem jungen Theologen Johann Wilhelm Rautenberg, ein Unterricht, über den sie später schrieb: „Wir hatten treue Lehrer, sonderlich in Religion und Bibelkenntnis ... im letzten Jahr unseren treuen Candidaten Rautenberg, dessen lebendiger kindlicher Glaube großen Einfluss auf unser Gemüt übte.“ Aus dem „Candidaten“ wurde später ihr Seelsorger.

 

Aber erst einmal kam die nächste Handelskrise, und die heranwachsende Elise musste erleben, wie ihre Eltern weinend auf dem Sofa saßen, weil der Vater zahlungsunfähig war. Elise beschloss, nun zum Unterhalt der Familie beizutragen. Zunächst entlastete sie die Mutter bei der Betreuung ihrer elf Geschwister, und 1827 nahm sie Stellen als Gesellschafterin und als Pflegerin an. Im Alter von 24 Jahren baute Elise Averdieck 1832 zusammen mit einem Arzt ein privates Heim zur Pflege von Kindern mit Behinderungen auf und leitete es fünf Jahre lang.

  

Die Gründung einer Jungenschule und eines Krankenhauses

Danach gründete sie eine Jungenschule in St. Georg, die einzige Grundschule, die es zu dieser Zeit im Stadtteil gab. Eigentlich hätte sie lieber eine Mädchenschule eröffnet, aber dafür verweigerte man ihr die Genehmigung. Im Unterricht erzählte sie sehr spannend biblische Geschichten und schrieb eigene Lese- und Sachbücher, weil sie die vorhandenen als zu langweilig und zu wenig vom Glauben geprägt empfand. Ihre Kinderbücher fanden rasch eine große Verbreitung, so das Lesebuch „Gott schuf die Welt“. In diesen Büchern wird von frommen und guten Menschen erzählt, und es kommt Averdiecks Glaube zum Ausdruck, der besonders von Rautenberg geprägt worden war.

 

Averdiecks Pädagogik orientierte sich am Erziehungsstil ihrer Mutter: Liebe zu den Kindern, die in der Strenge und im Verzeihen zum Ausdruck kam. Sie engagierte sich auch in der Sonntagsschularbeit in St. Georg, die Rautenberg leitete. So lernte sie das ganze Ausmaß der Armut in der Vorstadt kennen, vor allem die unerträglichen Zustände im städtischen Krankenhaus. Um ein Zeichen der Nächstenliebe zu setzen, baute sie von 1856 an ein Pflegeheim mit nur zehn Zimmern auf, das sie Bethesda nannte. Jede und jeder wurden aufgenommen, egal, ob für die Pflege bezahlt werden konnte oder nicht. Bald reichte das kleine Pflegeheim nicht mehr aus, und so entstand 1859 ein Krankenhaus in der Stiftstraße. Averdieck blieb in ihren Plänen bescheiden: „Bethesda sollte keine Zierde für Hamburg werden; wir wollten mit Freuden klein bleiben und den kleinen Leuten dienen.“

  

Die "Mutter" einer Schwesternschaft

Dank zahlreicher Spenden reichte das Geld immer, und 1859 konnte Averdieck an ihr nächstes Vorhaben gehen, die Erweiterung von Bethesda um ein Diakonissen-Mutterhaus, in dem Schwestern eine Ausbildung erhielten. Sie forderte von den Schwestern nicht, „Dreiviertel-Heilige“ zu werden, aber Gehorsam und Demut, sah sich ganz als Mutter der Schwesternschaft. Die Diakonisse selbst sollte nicht zur Dienerin werden, sondern zu einer Mutter der Armen: „Sie ist nicht allein Helferin und Trösterin, sondern Ratgeberin, Erzieherin; sie mahnt die Ungezogenen und übt auch - in Mutterliebe - das Strafamt, was wahrlich in unserer zuchtlosen Zeit nicht fehlen darf.“

 

Vorherrschend war bei den Diakonissen die Liebe und bei der „Bethesda-Mutter“ auch die Fröhlichkeit. Die Not forderte Elise Averdieck und ihre Mitschwestern dazu heraus, immer neue soziale Aufgaben zu übernehmen, vor allem für die Kranken und Schwachen der Stadt. Die in Bethesda ausgebildeten Diakonissen übernahmen in Hamburger Kirchengemeinden den Aufbau einer Gemeindepflege.

 

Die Gründerin der Schwesternschaft hatte recht traditionelle Vorstellungen von der Rolle der Frau und sah es als ihre eigene Aufgabe an, „Mädchen bereit zu machen zum Beruf des Weibes, zu dienender Liebe heranzubilden“. Das schloss Bildung keineswegs aus, und sie fragte sich schon in ihrer Jugend: „Warum haben ferner die Männer das Vorrecht, mehr lernen zu dürfen als die Frauen?“ Scharf setzte sie sich mit überkommenen Bildern der Rolle von Mann und Frau auseinander: „Dazu ist eine Gattin doch nicht gut, nur eine etwas besondere Magd zu sein - nein, Freund, das geht nicht.“

 

Sie wollte Frauen dabei unterstützen, zu starken Müttern zu werden, und dies vielleicht auch deshalb, weil ihr selbst die Mutterrolle verwehrt blieb: „Ach Mütter, Mütter, wie seid ihr glücklich!“ Sich selbst tröstete sie damit, dass sie sich um viele Kinder kümmern durfte, die ihre Liebe mit Zuneigung beantworteten. 1881 ging sie in den Ruhestand: „Es ist gewiss ebenso notwendig, treu in der Arbeit bleiben, als zu rechter Zeit den Herrscherstab niederzulegen, ehe er den Händen entfällt.“

Die Hektik und die vielen Veränderungen des neuen Jahrhunderts blieben ihr dann fremd: „Die Menschen ändern immer so viel, Gott ändert nie. Schon über 6.000 Jahre bleibt alles beim Alten und ist immer unübertrefflich schön!“ Im festen Glauben an diesen ewigen Gott starb Elise Averdieck am 4. November 1907 im Alter von fast 100 Jahren.

   

Neben dem Bethesda-Krankenhaus (seit 1952 in Bergedorf) erinnert die Elise-Averdieck-Straße in Borgfelde an die fröhliche Diakonissenmutter. Ein Gymnasium, das ihren Namen trug, wurde inzwischen mit einem anderen Gymnasium unter neuem Namen zusammengeschlossen. 

 

 Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte

 

 © Frank Kürschner-Pelkmann