Johann Wilhelm Rautenberg wird 1820 Pastor in Hamburg und gründet eine Sonntagsschule

Cover des Buches "Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 920 Seiten ISBN 978-3-384-05017-5 38 Euro

 

Es war ein tristes und armes St. Georg, in das Johann Wilhelm Rautenberg 1820 als Pastor an die Dreieinigkeitskirche berufen wurde. Die europäischen Kriege bis 1814 hatten dem Hamburger Handel geschadet und die französische Besatzungszeit große Teile der Bevölkerung noch mehr verarmen lassen. St. Georg lag außerhalb der Stadtwälle, die zwar keine militärischen Befestigungen mehr waren, aber die Stadt von denen trennte, die in Armut in den Vorstädten lebten. Es gab dort auch wohlhabende Einwohner, aber St. Georg war vor allem zur Heimat von Tausenden von Menschen geworden, die die Mieten in der Stadt nicht bezahlen konnten und in schäbigen Behausungen wohnen mussten.

 

Der neue Pastor Johann Wilhelm Rautenberg war am 1. März 1791 in Moorfleet als Sohn eines Bäckermeisters geboren worden. Nach dem frühen Tod des Vaters war er „Schulgehülfe“ an verschiedenen Privatschulen geworden, um seine Familie finanziell zu unterstützen. Erst im Alter von fast 20 Jahren konnte er dank eines Freiplatzes die Hamburger Gelehrtenschule Johanneum besuchen und anschließend seinen lang gehegten Plan verwirklichen, Theologie zu studieren. Er war 29 Jahre alt, als er 1820 seine erste Pfarrstelle in der Dreifaltigkeitskirche in St. Georg übernahm. Es sollte zugleich seine letzte Stelle sein, denn hier fand er seine Lebensaufgabe und blieb 45 Jahre bis zu seinem Tod in der Gemeinde. Hier auch heiratete er 1821 Johanna Elisabeth Duncker und gründete eine Familie mit sechs Kindern. Die Kunsthalle besitzt das Aquarell „Pastor Johann Wilhelm Rautenberg und seine Familie“ von Carl Julius Milde.

 

Gleich nach seiner Amtseinführung besuchte Rautenberg viele Familien in seiner neuen Gemeinde und war erschüttert von dem Elend, das ihm dort begegnete. Vor allem die deprimierende Situation der Kinder, die ohne Schulbildung und ohne eine berufliche Ausbildung in dunklen Hinterhöfen aufwuchsen und oft schon in jungen Jahren als Hilfsarbeiter zum elterlichen Einkommen beitragen mussten, riefen Rautenbergs Mitgefühl hervor. Staatliche Hilfe und private Initiativen reichten bei Weitem nicht aus, um diese Not zu überwinden.

  

Die Gründung einer Sonntagsschule

So entschloss sich der Pastor nach Vorbildern in England und den Vereinigten Staaten auch in Hamburg eine Sonntagsschule aufzubauen. Fest überzeugt von seiner Mission, schritt er 1824 zur Tat und veröffentlichte eine „Ansprache an die Freunde des Guten um Theilnahme an der Stiftung einer Sonntagsschule hierselbst“. Erst nachträglich wandte sich Rautenberg mit der Bitte um Genehmigung an die Behörden: „Da ich voraussetze, dass keine unsrer hohen Behörden einer so unzweydeutig heilsamen Unternehmung ihre Billigung versagen würde, so habe ich mit dem Aufruf zur Theilnahme daran denn nicht zögern wollen bis das angemeßne Local gefunden u. die darnach sich modificirende höhere Concession gegeben worden sey.“ Die Genehmigung wurde tatsächlich nachträglich erteilt, und Bürgermeister Heise gehörte zu den finanziellen Förderern dieses Vorhabens.

 

Rautenberg gewann gebildete Hamburgerinnen und Hamburger dafür, jeden Sonntagnachmittag zwei Stunden Unterricht in St. Georg zu erteilen. In der ersten Stunde lernten die Kinder Lesen, Schreiben und Rechnen, in der zweiten Stunde wurden ihnen biblische Geschichten erzählt. Anders als in den Armenschulen der Stadt, in denen 100 und mehr Kinder eine Klasse besuchten, gab es in der Sonntagsschule für jeweils 10 bis 15 Kinder eine Lehrkraft. Damit war ein lebendiges Unterrichtsgespräch möglich. Außerdem besuchten diese Lehrkräfte die Familien der Kinder und bauten so ein Vertrauensverhältnis auf. Der Unterrichtsstil war auch für die damalige Zeit recht altmodisch und bestand auch im Auswendiglernen und Aufsagen, aber die Atmosphäre war freundlich, und körperliche Strafen gehörten - anders als damals üblich - nicht zum pädagogischen Repertoire.

  

Pastor Rautenberg und seine Sonntagsschule geraten in Kritik

All das war verdienstvoll und geriet doch von Anfang an ins Kreuzfeuer der Kritik. Pastor Rautenberg machte sich dadurch verdächtig“, dass er zu den bekanntesten Vertretern der kirchlichen Erweckungsbewegung gehörte. Diese Bewegung betonte die individuelle Entscheidung zu einem christlichen Leben und die Gemeinschaft in kleinen Gruppen, die sich in privaten Häusern trafen. Bekannte Vertreter dieser Bewegung arbeiteten in der Sonntagsschule mit, darunter Johann Hinrich Wichern, Elise Averdieck und Amalie Sieveking.

 

Angesichts der Kritik an der Sonntagsschularbeit entsandte der Rat eine Polizeikommission und anschließend einen Senator in die Sonntagsschulklassen Rautenbergs, um festzustellen, ob dort gesetzeswidrige Aktivitäten stattfanden. Es konnte nichts Gefährliches entdeckt werden, und Senator Schaffhausen nannte die Sonntagsschularbeit sogar „ein lobenswerthes und nützliches Institut“.

Die Kritik verstummte trotzdem nicht. Sie kam vor allem von jenen Hamburgern, die im Geist der Aufklärung die Allgemeine Armenanstalt und die Armenschulen aufgebaut hatten und in Rautenbergs Sonntagsschule eine Konkurrenz sahen. Dass die Kinder in der Sonntagsschule auch Kleidung und etwas zu Essen erhielten, deuteten die Kritiker als Versuch des Pastors, sie durch materielle Anreize in diese „verfluchte Einrichtung“ zu locken.

 

Die Sonntagsschule in St. Georg war so erfolgreich, dass bald Ableger in anderen Stadtteilen entstanden. 1834 besuchten 1.100 Kinder die Sonntagsschulen und wurden von 80 unentgeltlich arbeitenden Freiwilligen unterrichtet. Rautenberg verstand die Sonntagsschulen nicht als Konkurrenz zu anderen Bildungseinrichtungen, dafür war eine Stunde Unterricht pro Woche ohnehin viel zu wenig. Er setzte sich deshalb vehement für die Allgemeine Schulpflicht ein. Als tatsächlich immer mehr Kinder aus armen Familien eine Schule besuchen konnten, war es nicht mehr sinnvoll, die Sonntagsschularbeit in der bisherigen Form fortzuführen. Daraus entstand später der Kindergottesdienst.

 

Rautenberg hat unermüdlich auf die soziale Not der armen Bevölkerung aufmerksam gemacht und für deren Überwindung ge­kämpft. Durch die Hausbesuche wurden auch die freiwilligen Lehrerinnen und Lehrer aus wohlhabenden Kreisen für das gern übersehene Elend sensibilisiert. Rautenbergs Kritik an Missständen in Kirche und Gesellschaft war kompromisslos und stieß bei vielen auf Ablehnung. Und dennoch: Als er am 1. März 1865 gestorben war, folgten Tausende Menschen aus allen Bevölkerungsschichten seinem Sarg.

  

Seit 1899 gibt es in St. Georg eine Rautenbergstraße.

 

 

Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte

  

© Frank Kürschner-Pelkmann