Erich Kästner 1961
Erich Kästner im Jahre 1961, Foto: Basch, [...] / Opdracht Anefo https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d1/Erich_K%C3%A4stner_1961_%28cropped%29.jpg

Erich Kästner – vom Weihnachten armer Familien

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!

Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.

Mutter schenkte euch das Leben.

Das genügt, wenn man’s bedenkt.

Einmal kommt auch eure Zeit.

Morgen ist’s noch nicht soweit.

 

Doch ihr dürft nicht traurig werden.

Reiche haben Armut gern.

Gänsebraten macht Beschwerden.

Puppen sind nicht mehr modern.

Morgen kommt der Weihnachtsmann.

Allerdings nur nebenan.

 

Das Gedichts „Weihnachtslied, chemisch gereinigt“, dem diese Verse entnommen sind, gehört zu den bekanntesten Weihnachtstexten von Erich Kästner. Es erschien erstmals 1927 und ist eine Parodie auf das Weihnachtslied „Morgen, Kinder, wird’s was geben“. Erich Kästner zeigt sich hier als Schriftsteller der Neuen Sachlichkeit und stellt der Sentimentalität des Weihnachtsliedes eine sachliche, realistische und sozialkritische Darstellung des Weihnachtsfestes armer Leute gegenüber. Diese Darstellung der sozialen Realität prägt auch andere Gedichte Kästners.

 

Erich Kästner wurde 1899 in Dresden geboren. Sein Vater war Sattlermeister, seine Mutter Dienstmädchen und Heimarbeiterin, später Friseurin. Die Mutter liebte ihren Sohn intensiv und das über Jahrzehnte. Für Mutter und Sohn spielte die Verbindung zum Ehemann bzw. Vater nur eine geringe Rolle. Vermutlich war der Vater immerhin ein Vorbild für das spätere politische Engagement des Sohns. Der Vater war Sozialdemokrat und in der Arbeiterbewegung aktiv. Er beteiligte sich an Streiks.

  

Heiligabend bei Kästners

Weihnachten war für den kleinen Erich stets eine Zeit, die mit Kummer und Stress verbunden war. In der Geschichte „Ein Kind hat Kummer“ hat er dargestellt, dass er das Jahr über ganz zufrieden damit war, das einzige Kind seiner Eltern zu sein. Nur am Heiligabend war es anders. Da hätte er sich sehnlichst Geschwister gewünscht und nicht gezögert, seine Weihnachtsgeschenke mit ihnen zu teilen. So aber machte er jedes Jahr aufs Neue diese Erfahrung: „Ich hatte Angst. Ich fürchtete mich vor der Bescherung! Ich hatte Furcht davor und durfte sie nicht zeigen.“

 

Den Grund hat Erich Kästner so beschrieben: „Meine Eltern waren, aus Liebe zu mir, aufeinander eifersüchtig. Sie suchten es zu verbergen, und oft gelang es ihnen. Doch am schönsten Tag im Jahr gelang es ihnen nicht. Sie nahmen sich sonst, meinetwegen, so gut zusammen, wie sie konnten, doch am Heiligabend konnten sie es nicht sehr gut. Es ging über ihre Kräfte. Ich wusste das alles und musste, uns dreien zuliebe, so tun, als wisse ich’s nicht.“

 

Die Vorweihnachtszeit war davon geprägt, dass Mutter und Vater bemüht waren, alles zu tun, damit ihre Weihnachtsgeschenke die Geschenke des Ehepartners übertrafen. So war der Vater zum Beispiel wochenlang damit beschäftigt, einen wunderbaren Pferdestall mit sehr vielen Details zu basteln. Die Mutter durchstreifte in diesen Wochen zahllose Geschäfte, um möglichst viele Geschenke für den geliebten Sohn zu kaufen. „Es war ein Konkurrenzkampf aus Liebe zu mir, und es war ein verbissener Kampf. Es war ein Drama mit drei Personen, und der letzte Akt fand alljährlich am Heiligabend statt. Die Hauptrolle spielte ein kleiner Junge. Von seinem Talent aus dem Stegreif hing es ab, ob das Stück eine Komödie oder ein Trauerspiel wurde.“

 

Wenn Erich zur Bescherung gerufen wurde, galt es für ihn, die Geschenke von Mutter und Vater abwechselnd zu bewundern. Sie waren jeweils auf der Hälfte des Tisches aufgebaut worden, und dahinter standen erwartungsvoll die Schenkenden. „Zögernd ging ich auf en herrlichen Tisch zu, auf den halbierten Tisch, und mit jedem Schritt wuchsen meine Verantwortung, meine Angst und der Wille, die nächste Viertelstunde zu retten.“

 

Der Sohn zeigte im „Pendelverkehr“ seine Freude über die Geschenke und fand die richtigen Worte, um die jeweiligen Geschenke zu bewundern. Die gegenseitigen Geschenke der Eltern und die Geschenke des Sohns für Mutter und Vater spielten bei dieser Bescherung nur eine Nebenrolle. War die Entgegennahme der Geschenke beendet, gab es Kartoffelsalat und Würstchen. In der Nachbarwohnung wurde das Lied „O, du fröhliche, o du selige gnadenbringende Weihnachtszeit!“ gesungen.

 

Zu den prägenden Erinnerungen Erich Kästners an seine Kindheit gehörten auch die Weihnachtsbesuche bei dem reichen Onkel Franz und seiner Familie. Der Onkel behandelte die armen Verwandten sehr gönnerhaft. So hielt er Erichs Vater eine geöffnete Havanna-Zigarrenkiste mit der Bemerkung unter die Nase: „Da, Emil! Nun rauch mal ´ne anständige Zigarre!“ Anschließend provozierte er Erichs Mutter mit Geschichten aus der gemeinsamen Kindheit. Sie reagierte wütend. „‚Ihr wart ganz gemeine, niederträchtige und faule Lausebuben!‘, rief sie giftig. Onkle Franz freute sich, dass sie sich ärgerte. ‚Na und, Frau Gräfin?‘, gab er zur Antwort. ‚Aus uns ist trotzdem was geworden!‘ Und er lachte, dass die Christbaumkugeln schepperten.“ Diese Arroganz eines Reichen, dazu noch zu Lasten seiner geliebten Mutter, hat Erich Kästner nie vergessen.

  

Von der Schule zum Lehrerseminar

Die kleinbürgerliche Familie Kästner nahm aus finanziellen Gründen Untermieter in ihre Wohnung auf. Die Eltern wählten dafür ausschließlich Lehrer aus. Die Gespräche mit diesen Lehrern und die Lektüre ihrer Bücher ergänzten die Schulbildung Erich Kästners in einer Bürgerschule. So war er gut auf die Ausbildung in einem Lehrerseminar vorbereitet. Diese Ausbildung war eine höhere Bildung, die die Eltern finanzieren konnten, während das Studium an einer Universität viel zu teuer gewesen wäre. Vor allem war es der Wunsch der Mutter, dass der Sohn Lehrer werden sollte. Erich Kästner brach aber die Ausbildung am Lehrerseminar nach drei Jahren ab. Er hatte eingesehen, dass er nicht für den Lehrerberuf geeignet war. Immerhin hatte er auf diese Weise so genaue Kenntnisse über Bildungsanstalten gewonnen, dass er später das Kinderbuch „Das fliegende Klassenzimmer“ schreiben konnte.

 

1917 zog man Erich Kästner zum Militärdienst ein. Die Brutalität der militärischen Ausbildung machte ihn zum Gegner alles Militärischen und zum Pazifisten. Der Drill durch seinen Ausbilder Waurich hat bei Erich Kästner eine Herzschwäche verursacht, unter der er zeitlebens litt. Er rächte sich mit dem Gedicht „Sergeant Waurich“, in dem dessen Menschenschinderei angeprangert wird („Sergeant Waurich hieß das Vieh, damit es jeder weiß“).

 

Nach dem Ende des Krieges holte Erich Kästner in einem Jahr das Abitur nach und das mit Auszeichnung. Er erhielt ein Stipendium für ein Studium an der Universität Leipzig. Er studierte Geschichte, Philosophie, Germanistik, Zeitungskunde und Theaterwissenschaft. Das mochte keine ideale Fächerkombination für jemanden sein, der danach das große Geld verdienen wollte. Aber das breit angelegte Studium bereitete Erich Kästner sehr gut für seine Berufung zum Journalist und Schriftsteller vor. Er schloss das Studium 1925 mit einer germanistischen Doktorarbeit ab.

 

Parallel zum Studium hatte er bereits als Journalist und Theaterkritiker für die „Neue Leipziger Zeitung“ gearbeitet. Hier fand er danach eine feste Anstellung. 1926 unternahm er seine erste Auslandsreise. Sie führte ihn gemeinsam mit seiner Mutter in die Schweiz und nach Italien. Er schrieb in den folgenden Jahren fast täglich an seine Mutter und schickte ihr Pakete mir seiner schmutzigen Wäsche.

 

Erich Kästner veröffentlichte nun neben seiner Redakteurstätigkeit eine größere Zahl satirischer Gedichten, vorsichtshalber unter Pseudonym. Aber als in seiner Zeitung bekannt wurde, wer diese kritischen und frivolen Gedichte verfasst hatte, wurde ihm 1927 gekündigt. Er zog danach mit seiner Freundin Luiselotte Enderle, die Redakteurin bei der gleichen Zeitung gewesen war, nach Berlin. Beide blieben auch in den schwierigen Krieg- und Nachkriegszeiten ein Paar, auch dann noch, als Kästner immer wieder Affären mit anderen Frauen hatte.

 

In Berlin angekommen, veröffentlichte Erich Kästner zahlreiche Geschichten und Gedichte. Gleich am Anfang seiner Berliner Zeit musste er allerdings einen Rückschlag hinnehmen. Kein Theater und kein Verlag zeigte Interesse an seiner Komödie „Klaus im Schrank oder Das verkehrte Weihnachtsfest“.

  

Eine Komödie mit einem wundersamen Weihnachtsfest

Im Mittelpunkt des Stücks stehen die Kinder Kläre und Klaus. Ihre Eltern sind jeder für sich mit ihrem eigenen Leben beschäftigt und kümmern sich kaum um die Kinder. Kurz vor Weihnachten verkehren sich auf wundersame Weise die Rollen in dieser Familie. Die beiden Kinder übernehmen die Erwachsenenrollen, während die Eltern zu deren Kindern werden. Das ist Anlass zu komischen Szenen, aber auch zu der Einsicht, dass Kindheit und Erwachsenensein beide kompliziert sein können. Am Ende des Stücks, während des Weihnachtsfestes, kehren alle in ihre früheren Rollen zurück. Besonders die Eltern haben durch die Verwandlung dazugelernt und wollen sich von nun an intensiver um die Kinder und den Ehepartner kümmern. So kann unter dem Weihnachtsbaum ein „Happy End“ gefeiert werden. Diese Komödie von einer wundersamen Verwandlung am Weihnachtsfest wurde erst im Dezember 2013 in Dresden uraufgeführt, die Buchausgabe erschien erst 2024.

 

1928 veröffentliche Erich Kästner sein erstes Buch, eine Gedichtsammlung. Bis 1933 folgten drei weitere Gedichtbände. Bekannt wurde Kästner vor allem durch seine politischen Artikel, in denen er sich auch mit dem erstarkenden Nationalsozialismus auseinandersetzte. Mit „Emil und die Detektive“ veröffentlichte er 1929 sein erstes Kinderbuch, das gleich ein Bestseller wurde. Es folgten „Pünktchen und Anton“ und „Das fliegende Klassenzimmer“. In seinen Kinderbüchern hielt Erich Kästner die Hoffnung auf eine bessere Welt aufrecht, die ihm in seinen Werken für Erwachsene mehr und mehr abhandenkam. Die Erwachsenen ermahnte der Schriftsteller: „Lasst euch die Kindheit nicht austreiben. Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch.“

 

Christinnen und Christen werden hier an Jesu Aufforderung erinnert: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (Matthäus 18,3) Kannte Kästner diesen Bibelvers? Jedenfalls hegte er Sympathie für den „Revolutionär Jesus“, weniger Sympathie hingegen für das, was seiner Auffassung nach die Kirche aus dieser revolutionären Botschaft gemacht hatte. Er erlebte die Kirche immer wieder als reaktionär und auf der Seite der politischen Kräfte, die Aufrüstung und Krieg propagierten und rechtfertigten.

 

Erich Kästner ließ sich nicht in die Schublade „Kinderliteratur“ verbannen. Er schrieb bis 1933 zahlreiche andere Beiträge für Tageszeitungen und die „Weltbühne“. Er war nun eine anerkannte Persönlichkeit in der Berliner Publizistik. Seine Kritik am wachsenden Militarismus in der Weimarer Republik war scharf und kompromisslos. Bis heute sehr bekannt ist sein Gedicht „Kennst du das Land, wo die Kanonen blühen?“. Ein Vers lautet:

 

Die Kinder kommen dort mit kleinen Sporen

Und mit gezogenem Scheitel auf die Welt

Dort wird man nicht als Zivilist geboren

Dort wird befördert, wer die Schnauze hält.

 

Das Gedicht endet mit einem prophetischen Satz über das Land, wo die Kanonen blühen:

 

Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen.

  

Ein kritischer Brief an den Weihnachtsmann

Anfang Dezember 1930 erschien in der linken „Weltbühne“ Kästners Gedicht „Brief an den Weihnachtsmann“. Mitten in der Weltwirtschaftskrise mit rasch wachender Arbeitslosigkeit und zunehmender Verarmung steckte Deutschland in einer tiefen politischen Krise. Reichskanzler Brüning besaß keine Mehrheit im Reichstag und regierte nur noch mit Notverordnungen. Das änderte sich auch bei den Reichstagswahlen im September 1930 nicht. Nur hatten die Nationalsozialisten nun fast ein Fünftel der Stimmen erhalten und ihre Fraktion war von 12 auf 107 Abgeordnete gewachsen. Auch angesichts von gewaltsamen Auseinandersetzungen auf den Straßen der Großstädte entschlossen sich Großindustrielle, Hitler zu unterstützen. Erich Kästner sah eine politische Katastrophe kommen. Schonungslos benannte er die Missstände:

 

Lieber, guter Weihnachtsmann,

weiß du nicht, wie’s um uns steht?

Schau dir mal den Globus an.

Da hat einer dran gedreht.

….

In den Straßen knallen Schüsse,

Irgendwer hat uns verhext.

Lass den Christbaum und die Nüsse

Diesmal, wo der Pfeffer wächst.

 

Kästner forderte den Weihnachtsmann auf, Prügel zu verteilen „Aber, bitte nicht zu knapp.“ Er gab dem Weihnachtsmann Hinweise, wer Prügel verdient hatte:

 

Lege die Industriellen

Kurz entschlossen übers Knie.

Und wenn sie sich harmlos stellen,

glaube mir, so lügen sie.

 

Ziehe denen, die regieren,

bitteschön, die Hosen stramm.

Wenn sie heulen und ich zieren,

zeige ihnen ihr Programm.

 

Und nach München lenk die Schritte,

wo der Hitler wohnen soll.

Hau dem Guten, bitte, bitte,

den Germanenhintern voll!

 

Schriftsteller und Journalisten wie Walter Benjamin haben Erich Kästner vorgeworfen, er übe zwar Kritik, ergreife aber keine politische Partei. Diesen Eindruck kann man bestätigt finden, wenn man den letzten Vers des Gedichtes liest:

 

Komm, erlös uns von der Plage,

weil ein Mensch das gar nicht kann.

Ach, das wären Feiertage,

lieber, guter Weihnachtsmann.

  

Ein Schriftteller in Zeiten der NS-Herrschaft

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verließ eine große Zahl von Schriftstellern, Künstlern und Professoren Deutschland. Erich Kästner blieb, zunächst blieb er in der Hoffnung, die Herrschaft Hitlers und seiner Partei werde nur kurze Zeit dauern. Später wollte er als Zeitzeuge diese Herrschaft miterleben und später davon Zeugnis ablegen. Er blieb wohl auch, um seine Mutter nicht allein zu lassen. Zu seinem Verbleiben n Deutschland hat er ein Epigramm verfasst:

 

Ich bin ein Deutscher aus Dresden in Sachsen.

Mich lässt die Heimat nicht fort.

Ich bin wie ein Baum, der – in Deutschland gewachsen –

Wenn’s sein muss, in Deutschland verdorrt.

 

Kästner beobachtete die Bücherverbrennung in Berlin am 10. Mai 1933 und musste erleben, dass Goebbels gleich an dritter Stelle die Werke Kästners dem Feuer übergab. „Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt … Es war widerlich.“ Auch danach blieb er in Deutschland. Zweimal wurde er von der Gestapo vorgeladen, aber nicht inhaftiert. Er durfte nun nicht mehr in Deutschland publizieren, erhielt aber die Sondergenehmigung, dass seine Bücher in der Schweiz erscheinen konnten.

 

Erich Kästner schrieb in diesen Jahren unterhaltsame Filmdrehbücher und Theaterstücke unter Pseudonym. 1942 schrieb er mit Genehmigung von Propagandaminister Goebbels das Drehbuch für den Film „Münchhausen“ unter Pseudonym. „Münchhausen“ wurde der teuerste Film in der nationalsozialistischen Herrschaftszeit. Er sollte die kriegsmüden Bevölkerung unterhalten und auch zeigen, wozu das Land weiterhin in der Lage war. Der Kästner-Fachmann Professor Sven Hanuschek äußerte über diesen Film: „Das entspricht natürlich der Durchhalte-Logik. Andererseits sind Sequenzen drin, die einfach ziemlich irrsinnig sind. Also, es gibt so eine Cagliostro-Figur, das ist für mich eine Hitler-Karikatur.“ Bei der Sichtung des Films soll Hitler einen Wutanfall bekommen haben.

 

Auch mit Durchhalte-Filmen war der Krieg für die Nationalsozialisten verloren. Daran änderte auch der Volkssturm nicht, für den Kästner in Berlin gemustert wurde. Am 7. März, als russische Truppen vor Berlin standen, gelang es Erich Kästner, nach Tirol auszureisen, um angeblich an einem Film mitzuwirken. Nach Kriegsende zog Kästner nach München und arbeitete dort zunächst als Zeitungsredakteur. Als Journalist, als Herausgeber der Kinder- und Jugendzeitschrift „Pinguin“ und als Kabarettist konnte er an seine frühere Bekanntheit anknüpfen.

  

Weihnachten im Jahr 1945

In biografischen Texten über Erich Kästner liest man, dass die wichtigste Frau in seinem Leben seine Mutter war und blieb. Das wird durch seinen autobiografischen Artikel „Sechsundvierzig Heiligabende“ bestätigt, der im Dezember 1945 entstand. Am Anfang des Artikels erinnert er sich: „Fünfundvierzigmals hintereinander hab ich mit meinen Eltern zusammen die Kerzen am Christbaum brennen sehen. Als Flaschenkind, als Schuljunge, als Seminarist, als Soldat, als Student, als angehender Journalist, als verbotener Schriftsteller. In Kriegen und im Frieden. In traurigen und in frohen Zeiten. Vor einem Jahr zum letzten Mal. Als es Dresden, meine Heimatstadt, noch gab.“

 

Kästner stellt sich in dem Artikel vor, wie seine Eltern in diesem Jahr ohne ihn im Wohnzimmer sitzen und schweigend vor sich hinstarren. Der Vater wird dann mit einem Male „Gute Nacht“ murmeln und klein und gebückt in sein Schlafzimmer gehen. Damit ist der Auftritt des Vaters in diesem Beitrag beendet. Anschließend ist nur noch liebevoll von der Mutter die Rede. „Nun sitzt sie ganz einsam und verlassen. Ein paarmal hört sie ihn nebenan noch husten. Schließlich wird es in der Wohnung vollkommen still sein … Bei Grüttners oder Ternettes singen sie vielleicht ‚O du fröhliche, o du selige‘. Meine Mutter tritt ans Fenster und schaut auf die weiß bemützten Häuserruinen gegenüber. Am Neustädter Bahnhof pfeift ein Zug. Aber ich werde nicht in dem Zug sein.“

 

Wie gern wäre Erich Kästner von München zu seiner Mutter nach Leipzig gefahren, aber er ist verhindert. So denkt er liebevoll an sie: „Meine liebe Mutter … Nun bin ich doch selber schon ein leicht angegrauter, älterer Herr von reichlich sechsundvierzig Jahren. Aber der Mutter gegenüber bliebt man immer ein Kind. Mutters Kind eben. Ob man sechsundvierzig ist oder Ministerpräsident von Bischofsweda oder Johann Wolfgang von Goethe persönlich. Das ist den Müttern, Gott sei Dank, herzlich einerlei!“ Der Heiligabend ist für den Schriftsteller ein Anlass, sich an frühere Weihnachtsfeste zu erinnern. Er ist sicher, dass auch seine Mutter an frühere glückliche Weihnachten denken wird.

  

Zum Geburtstag des Revolutionärs Jesus

Erich Kästner hat eine ganze Reihe von Weihnachtsgeschichten und -gedichte geschrieben. Am provokantesten ist das Gedicht „Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag“. Es beginnt mit diesem Vers:

 

Zweitausend Jahre sind es fast,

seit du die Welt verlassen hast,

du Opferlamm des Lebens!

Du gabst den Armen ihren Gott,

Du littest durch der Reichen Spott.

Du tatest es vergebens!

 

Jesus wollte die Freiheit für alle Menschen und Frieden auf Erden, schrieb Erich  Kästner in den nächsten Versen. Aber der Revolutionär sei an den Menschen und besonders an Staat und Industrie gescheitert. Pessimistisch klingt deshalb der letzte Vers dieses Gedichtes:

 

Die Menschen wurden nicht gescheit.

Am wenigsten die Christenheit,

trotz allem Händefalten.

Du hattest sie vergeblich lieb.

Du starbst umsonst. Und alles blieb

Beim Alten.

  

Ein Mahner in der Nachkriegszeit

In dem Gedicht klingt bereits die Resignation Kästners an, der erleben musste, dass sich die Hoffnungen für einen grundlegenden Neuanfang in Deutschland nach dem verlorenen Krieg nicht erfüllten. Kästner wurde zu einer viel beachteten Stimme all derer, die eine Remilitarisierung und Militarismus ablehnten. So war er immer wieder als Redner bei Ostermärschen zu vernehmen. Später schloss er sich den Protesten gegen den amerikanischen Vietnamkrieg an. 1954, als das noch nicht politisch opportun war, hielt er eine Rede in Erinnerung an die Attentäter vom 20. Juli 1944.

 

Als Schriftsteller fand Erich Kästner viel Anerkennung und wurde 1951 zum Präsidenten des „PEN-Zentrums Deutschland“, der westdeutschen Vereinigung der internationalen Schriftstellervereinigung. Seine Kinderbücher wurden mehrfach verfilmt und der Schriftsteller war als Rezitator seiner eigenen Werke gefragt. Den großen Roman über die Zeit des Nationalsozialismus, für den er heimlich zahlreiche Notizen gemacht hatte und der ein Grund dafür war, in Deutschland zu blieben, hat er nie vollendet. Er hat wieder Bücher für Kinder geschrieben. „Das doppelte Lottchen“ und „Die Konferenz der Tiere“ sind auch heute noch bekannt.

  

Erich Kästners Privatleben gestaltete sich in der Nachkriegszeit schwierig. In München lebte er mit seiner Lebensgefährtin Luiselotte Enderle zusammen, ebenfalls in München und dann in Berlin mit seiner Geliebten Friedel Siebert. Mit ihr hatte er seit 1957 einen gemeinsamen Sohn hatte. Davon erfuhr Luiselotte Enderle erst vier Jahre später, hat aber trotzdem eine wohlwollende Biografie des Schriftstellers geschrieben. Erich Kästner starb 1974 im Alter von 75 Jahren. Den Erwachsenen gab er mit auf den Lebensweg: „Wir können nicht wieder wie die Kinder werden, aber wohl danach trachten, dass die Kinder nicht so werden wie wir.“

   

© Frank Kürschner-Pelkmann 

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Cover des Buches "Die Weihnachtsgeschichte - Fakten, Legenden und tiefere Bedeutung"
Frank Kürschner-Pelkmann: Die Weihnachtsgeschichte - Fakten, Legenden und tiefere Bedeutung, Rediroma Verlag, Remscheid 2025, ISBN 978-3-86870-734-2, 680 Seiten, 26,95 Euro

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Die Weihnachtsgeschichte - Fakten, Legenden und tiefere Bedeutung 

 

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