Malawisee/Nyasasee – viele Herausforderungen und ermutigende Initiativen

Landschaftsaufnahme vom Malawisee
Der Malawisee gehört zu den landschaftlich besonders schönen Seen Afrikas und zeichnet sich durch eine sehr große Vielfalt in der Tierwelt aus. Foto: Paul venter at English Wikipedia, Public domain, via Wikimedia Commons

Es gibt über 1.000 Fischarten im Malawisee, mehr als in irgendeinem anderen See auf der Welt. Bekannt ist der See vor allem durch seine Vielfalt an Buntbarscharten. Es wurden bisher etwa 800 Arten gezählt, und die meisten von ihnen kommen nur in diesem See vor. Diese Buntbarsche sind auch bei Aquarienbesitzern beliebt. In der Wissenschaft beschäftigt man sich u. a. mit den maulbrütenden Buntbarschweibchen. Für die Evolutionsforschung hat der Malawisee eine ähnliche Bedeutung wie die Galapagos Inseln. Entsprechend wichtig ist die Bewahrung dieses Ökosystems auch für die Erhaltung der biologischen Vielfalt auf der Erde.

 

Der See wird in Malawi als Malawisee bezeichnet, in Tansania als Nyasasee. In diesem Beitrag verwende ich die Bezeichnung Malawisee und orientiere mich dabei am bedeutendsten Anrainerstaat. Der See ist mit knapp 30.000 qkm der drittgrößte See Afrikas (er hat etwa der Fläche von Brandenburg). Der See hat eine Länge von 560 km und eine Breie von bis zu 80 km. Malawi ist der wichtigste Anrainerstaat, im Nordosten grenzt der See an Tansania und im Südosten an Mosambik. Das Wasser des Sees fließt im Süden in den Fluss Shire und von dort in den Sambesi, der im Indischen Ozean mündet.

 

Der wichtigste Anrainerstaat des Sees, Malawi, gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Mehr als die Hälfte der Menschen lebt unterhalb der Armutsgrenze, etwa ein Viertel in extremer Armut. Malawi weist ein sehr hohes Bevölkerungswachstum auf. Gab es bei der Unabhängigkeit 1964 vier Millionen Einwohner, so sind es inzwischen mehr als 22 Millionen. Da die Fische des Malawisees etwa 70% des tierischen Eiweißbedarf der Einwohner decken, steigt der Bedarf an Fisch rasch und das erhöht den ohnehin bestehenden Druck auf die Fischbestände.

 

Die Frühgeschichte der Menschen am Malawisee

 

Die menschliche Geschichte am Malawisee reicht mindestens bis 8.000 v. Chr. zurück. Die damaligen Bewohner gehörten zu den San, die zu dieser Zeit im ganzen südlichen Afrika lebten. Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung siedelten sich die ersten Angehörigen von Bantu-Völkern aus dem Norden kommend am See an. Ihre Nachfahren gründeten immer neue Siedlungen, und mit der Ankunft weiterer Bantu vom 13. bis 15. Jahrhundert entstanden politische Strukturen mit zentralisierten Herrschaftssystemen.

 

Großen Einfluss gewann die etwa 1480 gegründete „Maravi Konföderation“, auf die der Name Malawi zurückgeht. Die Konföderation dehnte sich auf den größten Teil des heutigen Zentral- und Südmalawi aus und umfasste in ihrer Blütezeit im 17. Jahrhundert auch Teile des heutigen Mosambiks und Sambias. Nördlich dieser Konföderation entstand am See das Ngonde-Königreich. In beiden Gebieten gab es eine produktive Landwirtschaft, u. a. durch die Einführung von Mais, Maniok und Reis.

Diese eigenständige politische und wirtschaftliche Entwicklung am heutigen Malawisee erlebte vom Ende des 18. Jahrhunderts schwere Rückschläge durch den sich ausbreitenden Sklavenhandel. Er wurde durch arabische Sklavenhändler betrieben, die eine große Zahl von Einheimischen versklavten und an die ostafrikanische Küste brachten, wo sie verkauft wurden.

 

Im 19. Jahrhundert verbreiteten sich sowohl der Islam als auch das Christentum in der Region am heutigen Malawisee. Die ersten Europäer, die das Ufer des Sees erreichten, waren portugiesische Händler. Später kam der Forschungsreisende David Livingston 1859 an den See und besuchte ihn insgesamt vier Mal. Etwas später als Livingston erreichte der Hamburger Forschungsreisende Albrecht Roscher den See. Er erforschte die Region am Ostufer des Sees, wurde aber ermordet, vermutlich von arabischen Sklavenhändlern, die fürchteten, Roscher könnte Informationen über ihre Aktivitäten weitergeben.

 

Die britische Kolonialherrschaft im heutigen Malawi

 

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen immer mehr weiße Händler und Siedler in die Region, wobei letztere sich große fruchtbare Flächen aneigneten. Sie bildeten die Vorhut für die Kolonisierung durch Großbritannien. 1891 gründete die britische Regierung das Protektorat Nyasaland. Die Kolonialverwaltung vertrat die Interessen der weißen Siedler und Geschäftsleute. Die Gouverneure setzten ihre Kolonialsoldaten ein, um großflächig Landenteignungen und die Vertreibung der einheimischen Bevölkerung aus fruchtbaren Gebieten durchzusetzen, die dann weiße Siedler erhielten. Die Kolonialverwaltung tat nichts zur Förderung der Landwirtschaft der schwarzen Bevölkerung und sehr wenig für deren Bildung und Gesundheit.

 

Die neuere Geschichte am Malawisee ist über längere Phasen ein Geschichte der kolonialen Ausplünderung und Repression. Dagegen wehrte sich schon früh die einheimische Bevölkerung und dies besonders nach dem Zweiten Weltkrieg. In den 1950er Jahren wurde der Arzt Hastings Kamuzu Banda zum Anführer der Unabhängigkeitsbewegung und gewann die Legislativwahlen 1961 an der Spitze der „Malawi Congress Party“.

 

Die Hoffnungen in die Unabhängigkeit haben sich zunächst nicht erfüllt

 

Bei der Unabhängigkeit Malawis am 6. Juli 1964 wurde Banda zum Premierminister. Bereits im Oktober 1964 wurde die Verfassung geändert und Banda zum Alleinherrscher des Landes, in dem es nun nur noch eine einzige Partei gab, die „Malawi Congress Party“. Zwei Jahre später wurde Malawi zur Republik und Banda zum Präsidenten, 1971 zum Präsidenten auf Lebenszeit. Oppositionelle hat das Regime brutal verfolgt. Die Menschenrechtsverletzungen und die fortbestehende Armut großer Teile der Bevölkerung waren Anlässe zur Kritik oppositioneller Politiker und 1992 auch der katholischen Bischöfe des Landes.

 

Freie Wahlen gab es erst wieder 1994, mehr als 30 Jahren nach den letzten freien Wahlen. Banda verlor die Wahlen. Er akzeptierte seine Wahlniederlage und blieb Vorsitzender der nunmehr wichtigsten Oppositionspartei „Malawi Congress Party“ bis zu seinem Tod im Jahre 1975. Seine Rolle im Unabhängigkeitskampf und seine Hinnahme der Abwahl gehören zu seinen bleibenden Verdiensten. Eine Gedenkstätte erinnert heute an ihn.

 

Eine seit Jahrzehnten ungelöste Frage zwischen Malawi und Tansania

 

Die Präsidenten und die Regierungen von Malawi und Tansania haben sich wiederholt bemüht, eine Lösung für den Konflikt über ihre Seegrenze zu finden und bis dahin eine Eskalation zu vermeiden. Um den Konflikt zu verstehen, muss man bis ins 19. Jahrhundert zurückgehen.

 

Damals konkurrierten Großbritannien und das Deutsche Reich um politischen und wirtschaftlichen Einfluss in Ostafrika.1890 schlossen sie einen anglo-deutschen-Vertrag, in dem die Einflusszonen und kolonialen Grenzen festgelegt wurden. Das Deutsche Reich sicherte sich Tanganjika, Ruanda und Burundi, die hinfort Deutsch-Ostafrika genannt wurden. Großbritanniens Ansprüche auf Sansibar wurden festgeschrieben, wobei der dortige Herrscher nicht gefragt wurde.

 

Der Vertrag wird auch Helgoland-Sansibar-Vertrag genannt. Das hat hierzulande immer wieder zu der irrigen Annahme geführt, das Deutsche Reiche habe Sansibar gegen Helgoland getauscht. Historisch korrekt ist, dass das Deutsche Reich seine Versuche beendete, Sansibar zu seiner Einflusszone zu machen und verpflichtete sich, die britischen Bemühungen nicht länger zu stören, Sansibar unter seine Kontrolle zu bringen. Großbritannien überließ als Gegenleistung die Nordseeinsel Helgoland dem Deutschen Reich.

 

Südlich von Tanganjika hatte Großbritannien sich bereits die Kolonie Nyasaland gewaltsam gesichert. Bei der Festlegung der Grenze zwischen der deutschen und der britischen Kolonie wurde eine Linie entlang dem damaligen Njasasee gezogen. Großbritannien erhielt den gesamten nördlichen Teil des Sees, während die deutsche Kolonie am Ufer des Sees endete.

 

Die deutschen Kolonisierungsinteressen konzentrierten sich damals auf die Küste und die fruchtbare Region am Kilimandscharo. Den Nyasasee im Süden der Kolonie überließ man den Briten. Die örtliche Bevölkerung wurde an dem Entscheidungsprozess nicht beteiligt. (Zu den Grenzvereinbarungen mit den portugiesischen Kolonialherren für dien Süden des Sees siehe unten.)

 

Da Großbritannien nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg ein Völkerbundmandat zur Verwaltung von Tanganjika erhielt, konnten Fischfang und Schiffsverkehr auf dem Nyasasee ungeachtet der Grenzziehung ungehindert erfolgen. Der See war Teil des britischen Weltreichs. Die lokale Bevölkerung am oberen Abschnitt des Sees bildete kulturell und wirtschaftlich schon immer eine Einheit, und so gab es keinen Anlass zu Konflikten. Das änderte sich auch nicht, als Tanganjika nach dem Zweiten Weltkrieg zum britischen UN-Treuhandgebiet Großbritanniens wurde.

 

Nach der Unabhängigkeit von Tanganjika (Tansania nach dem Zusammenschluss mit Sansibar) und Malawi trennte die Seegrenze nun zwei souveräne Staaten. Malawi beruft sich seither auf den Vertrag von 1890 sowie den Beschluss der „Organisation für afrikanische Einheit“ (OAE) im Jahr 1964, dass keine der bisherigen kolonialen Grenzen respektiert werden müssen.

 

Das war eine weise OAE-Entscheidung. Es mag oberflächlich als Anachronismus erscheinen, dass die gerade unabhängig gewordenen afrikanischen Staaten die kolonialen Grenzen festschrieben. Aber die Alternative wären eine große Zahl von Grenzkonflikten und mutmaßlich auch einige Kriege gewesen. Die Kolonialherren hatten die Grenzen ohne jede Rücksicht darauf gezogen, dass Völker getrennt und nun in zwei oder drei Kolonien leben mussten. Das ließ sich aber nicht ohne gravierende Konflikte wieder rückgängig machen.

 

Für Tansania würde aber die Anerkennung der Grenze gemäß dem Vertrag von 1890 bedeuten, dass die für die Fischer wichtigen Fanggebiete und die Küstenschifffahrt von Genehmigungen und ggf. Gebührenzahlungen Malawis abhängig wären.

Tansania beruft sich auf internationale Übereinkommen, die festlegen, dass die Grenzlinie zwischen zwei souveränen Staaten in der Mitte von Gewässern verlaufen soll. Das wurde zuletzt 1982 in der UN-Seerechtskonvention festgeschrieben. Nach tansanischer Auffassung ersetzt die UN-Konvention die Vereinbarung zwischen zwei Kolonialmächten aus dem 19. Jahrhundert.

 

Die politischen Führungen von Malawi und Tansania haben mehrfach versucht, eine einvernehmliche Regelung in diesem Konflikt zu finden und Vermittler eingeschaltet. Vergeblich. Die Präsidenten und Regierungen der beiden Länder betonen, dass sie ihre jeweiligen Ansprüche nicht gewaltsam durchsetzen wollen. Das ist immerhin ein Fortschritt gegenüber dem Verhalten des ersten malawischen Präsidenten Hastings Kamuzu Banda, der mit martialischen Liedern im Radio den Anspruch seines Landes auf den ganzen Nordteil des Sees verkünden ließ – allerdings ohne den kriegerischen Liedtexten irgendwelche Taten folgen zu lassen.

 

Tansanische Fischerboote und Frachtschiffe verkehren weiterhin ungehindert auf der nordöstlichen Seite des Sees. Malawi hält an seinen Ansprüchen fest, setzt sie auf dem See aber nicht durch. Der Status quo wird davon begleitet, dass beide Länder auf vielen anderen Gebieten einvernehmlich zusammenarbeiten.

 

Ungeklärte Verhältnisse und politische Spannungen

 

Spannungen sind nicht ausgeblieben. Malawi hat 2011 einem britischen Unternehmen die Genehmigung erteilt, im nördlichen Teil des Sees nach Öl und Gas zu bohren, und zwar auch in dem Teil des Sees, den Tansania beansprucht. Dagegen hat die tansanische Regierung heftig protestiert und das Vorhaben wurde zunächst nicht weiterverfolgt.

 

Der Binnenstaat Malawi ist auf den Warentransport durch Tansania angewiesen. Zwar werden die Wasser-, Eisenbahn- und Straßenverbindungen nach Mosambik ausgebaut, aber bewaffneten Konflikte im Norden Mosambiks in den letzten Jahrzehnten lassen es nicht ratsam erscheinen, sich auf diese Außenhandelswege zu verlassen. Und der Weg zum südafrikanischen Hafen Durban ist weit. So muss das wirtschaftlich und militärisch deutliche schwächere Malawi eine offene Konfrontation mit Tansania vermeiden.

 

Das schließt entschiedene Proteste vonseiten Malawis nicht aus. Das geschah zum Beispiel, als das tansanische Erziehungsministerium 2024 eine verbindliche Landkarte für alle Schulen einführte, auf der die Grenze in der Mitte des Sees verläuft. Wie sensibel diese Thematik in Malawi ist und welche Erwartungen an Präsident Chakwera bestehen, zeigte ein Kommentar der „Nyasa Times“ vom 21. Dezember 2024, in dem u. a. zu lesen war:

 

„Es geht nicht lediglich um Landkarten. Es geht um Identität, Souveränität und Ressourcen. Der Malawisee ist nicht nur ein nationales Symbol, sondern auch eine kritische wirtschaftliche Lebensader der Menschen in Malawi. Er unterstützt Fischergemeinschaften, den Tourismus und potenziell die Ölförderung. Ein Scheitern, dies zu sichern, riskiert nicht nur die territoriale Integrität, sondern die Lebensgrundlage von Millionen … Die Frage bleibt bestehen: Wird die Regierung Chakweras der Gelegenheit entsprechend handeln oder will wird sie erlauben, dass Malawis Souveränität über den wertvollen See erodiert, eine Kare nach der nächsten. Die Nation – und die Geschichte – erwarten eine Antwort.“

 

Malawischen Politkern bleiben vorerst Proteste, und die hat es auch gegeben, wenn Tansania seine Häfen am See ausgebaut hat und neue größere Frachtschiffe auf dem See fahren lässt. Der See selbst wird von malawischer Seite konsequent „Lake Malawi“ genannt und von tansanischer Seite „Lake Nyasa“, so wie der See schon in der Kolonialzeit genannt wurde.

 

Dass der Status quo die wirtschaftliche Entwicklung der Region behindern kann, zeigt das tansanische „Mtwara Development Project“. Dieses Vorhaben hat zum Ziel, die wirtschaftliche Entwicklung im Süden Tansanias zu fördern und ebenso die Infrastruktur dieses Landesteils sowie den benachbarten Regionen in Mosambik, Sambia und Malawi.

 

Ein zentrales Vorhaben ist der Ausbau des Hafens von Mbamba Bay am Lake Nyasa und der Straßenverbindung zum Hafen in Mtwara am Indischen Ozean. Das soll die ganze Region auf kostengünstige Weise besser an den Welthandel anbinden. Aber da das Vorhaben die malawischen Ansprüche auf den ganzen Nordteil des Sees tangiert, hat die Regierung Malawis den Nachbarstaat aufgefordert, den Plan erst einmal zu suspendieren.

 

Das stete Bemühen um Kooperation von Mosambik und Malawi

 

Die Regierungen von Malawi und Mosambik haben sich in den letzten Jahrzehnten mit einigem Erfolg um eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit bemüht. Die Voraussetzungen dafür waren günstig Vor der Unabhängigkeit von Malawi und später von Mosambik war die Grenze zwischen beiden Ländern bereits 1891 einvernehmlich zwischen den beiden Kolonialmächten Großbritannien und Portugal geklärt worden.

Sie verläuft in der Mitte des Sees. Es gibt aber zwei kleine Inseln, die vor dem Ufer Mosambiks liegen, aber trotzdem Teil von Malawi sind. Hintergrund ist, dass die Inselbewohnerinnen und -bewohner durch anglikanische Missionare zum Christentum bekehrt wurden und nicht durch katholische Missionare wie Bewohner im heutigen Mosambik. Diese Verbindung zum anglikanischen Glauben und in gewissem Umfang zum britischen Kolonialreich wurde bei der Grenzregelung berücksichtigt.

 

Die Einzelheiten der Grenzziehung auf dem See und an Land ist durch mehrere weitere Verträge präzisiert worden, zuletzt 1963 unmittelbar vor der Unabhängigkeit Malawis. Das unabhängige Malawi und später auch Mosambik haben diese Verträge nie infrage gestellt. Hastings Banda, der erste Präsident Malawis, unterhielt gute Beziehungen zur portugiesischen Kolonialverwaltung. Das legte sich schon deshalb nahe, weil Banda mit seiner Politik des Dialogs und der Zusammenarbeit mit dem Apartheidregime in Südafrika ein gespanntes Verhältnis zu den beiden Nachbarstaaten Tansania und Sambia hatte und über die portugiesische Kolonie einen alternativen Zugang zum Meer besaß.

 

Die Zusammenarbeit mit dem südafrikanischen Regime ging so weit, dass Pretoria bereit war, Malawi beim Aufbau einer Marine auf dem Malawisee zu unterstützen. Ein vorgesehenes kleines Kriegsschiff kam allerdings nie auf dem Malawisee an, denn vorher war Mosambik 1975 unabhängig geworden. Es war ausgeschlossen, dass die nun in Maputo regierende Befreiungsbewegung FRELIMO den Transfer eines südafrikanischen Kriegsschiffes über ihr Territorium nach Malawi erlauben würde.

 

Kriegerische Auseinandersetzung in Mosambik verhinderten zunächst die Ausweitung der Zusammenarbeit

 

Das erste Jahrzehnt der Unabhängigkeit Mosambiks war dadurch geprägt, dass sich von Südafrika unterstützte Rebellen einen Bürgerkrieg mit der Armee des Landes lieferten. Mehr als eine Million Menschen flüchteten von Mosambik in das Nachbarland Malawi, wo sie freundlich aufgenommen und – auch mit internationaler Hilfe – unterstützt wurden.

 

Nach dem Ende der Kämpfe konnte die wirtschaftliche Zusammenarbeit beider Länder intensiviert werden. So wurde die Grenzlinie im See einvernehmlich neu markiert. Der malawische Binnenschiffhafen Nsanje ist über die Flüsse Shiri und Sambesi mit der mosambikanischen Hafenstadt Beira am Indischen Ozean verbunden. Außerdem gibt es Straßen- und Eisenbahnverbindungen zwischen beiden Ländern. Sie sind unverzichtbar für den Binnenstaat Malawi. Seit einiger Zeit bezieht Malawi Strom, der im Wasserkraftwerk Cabora Bassa im Norden Mosambiks erzeugt wird.

 

Es entstanden allerdings in den letzten Jahren gewisse Spannungen, als bekannt wurde, dass im Malawisee und in seinen Uferregionen mit einiger Wahrscheinlichkeit beachtliche Öl- und Gasvorkommen vorhanden sind. Aber anders als bei den malawisch-tansanischen Debatten über die Nutzung und Aufteilung der erwarteten Einnahmen konnte ein Einvernehmen zwischen Malawi und Mosambik erzielt werden, dass die Exploration und Förderung dieses natürlichen Reichtum im Südteil des Malawisees erst beginnen wird, wenn alle Fragen zu deren Nutzung im Grenzgebiet geklärt sind. Daran wurde 2026 intensiv gearbeitet.

 

Ein Hoffnung weckendes Vorhaben von Tansania, Malawi und Mosambik

 

Nicht am Malawisee, aber in seiner Nähe, fließt der Ruvuma-Fluss. Er entspringt in Tansania und erreicht über Malawi und Mosambik nach 800 Kilometern den Indischen Ozean. Als Folge der intensivierten landwirtschaftlichen Nutzung, der Abholzung von Wäldern und des raschen Bevölkerungswachstum ist der ökologische Reichtum im Fluss und in seinen Uferregionen auf vielfältige Weise gefährdet.

 

Deshalb haben Tansania, Malawi und Mosambik im März 2026 ein gemeinsames Projekt zum grenzüberschreitenden Management, zum Schutz der Umwelt und zur Verbesserung des Lebensgrundlagen der Gemeinschaften im Flussbecken des Ruvuma gestartet. James Chitete, der die malawische Delegation bei den Verhandlungen leitete, betonte anschließend: „Bei dem Projekt geht es nicht nur um Wasser-Management. Es geht um den Schutz der Ökosysteme, die Verbesserung der Lebensgrundlagen und um die Sicherstellung, dass unsere natürlichen Ressourcen der jetzigen und zukünftigen Generationen nützen.“ Die örtliche Bevölkerung soll eine zentrale Rolle beim Schutz des Flussbeckens erhalten.

 

Die bedrohte Natur in und am Malawisee

 

Der Malawisee wurde vom „Global Nature Fund“ (GLF) zum „Bedrohten See des Jahres 2022“ erklärt. Der Fonds begründete das so: „Einer der ältesten Seen der Erde leidet: Bevölkerungswachstum, Überfischung und die Auswirkungen des Klimawandels setzen den Malawisee … unter Stress. Um auf die dramatische Situation aufmerksam zu machen, erklären der „Global Nature Fund“ und das Netzwerk Living Lakes das einzigartige Ökosystem zum ‚Bedrohten See des Jahres 2022‘.“ Es sollen auch Wege aufgezeigt werden, den Lebensraum nachhaltig zu schützen. Die „International Union for Conservation of Nature“ (IUCN), schätzt, dass 9% der Fischarten vom Aussterben bedroht sind.

 

Neben der Überfischung stellt auch die Ausweitung landwirtschaftlicher Flächen in den Ufergebieten des Sees eine gravierende ökologische Herausforderung dar. Daniel Mwakameka, der Geschäftsführer der Organisation „Action for Environmental Sustainability“ hat dieses Problem so beschrieben: „Unangemessene landwirtschaftliche Praktiken, Kahlschlag, Bodenerosion und hoher Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden stören den Nährstoffkreislauf im See und stellen eine ernsthafte Gefahr für das empfindliche Ökosystem dar.“

 

Die Auswirkungen des Klimawandels

 

Außerdem sind der See und sein Einzugsgebiet zunehmend von den Folgen des Klimawandels betroffen, vor allem von höheren Durchschnittstemperaturen. Zunehmende, lang anhaltende Dürrezeiten beeinträchtigen sowohl die Landwirtschaft als auch die Wasserversorgung. Zu anderen Zeiten treten vermehrt Zyklone auf, tropische Wirbelstürme mit extrem hohen Windgeschwindigkeiten und kurzzeitig heftigen Niederschlägen.

 

Mehr als 80% der Bevölkerung Malawis arbeitet in der Landwirtschaft und 90% der landwirtschaftlichen Flächen wird im Rahmen des Regenfeldbaus genutzt, also ohne eine künstliche Bewässerung. Entsprechend abhängig sind die Menschen von regelmäßigen Niederschlägen, auf die aber kein Verlass mehr ist.

 

Wie andere Seen in Ostafrika sinkt der Wasserspiegel des Malawisees tendenziell, es gibt aber Zeiten, in denen er steigt. Das ist besonders in den kürzeren und heftigeren Regenzeiten der Fall. Viel Wasser versickert dann nicht allmählich im Boden, sondern strömt über Bäche und Flüsse in den See. Beides, hohe und niedrige Wasserstände, werfen Probleme auf. Die hohen Wasserstände des Sees haben in den letzten Jahren immer wieder zur Überflutung von Ortschaften in Ufernähe geführt.

 

Die Kamuzu-Staumauer am Shire-Fluss, dem einzigen Ausfluss des Sees, dient der Stromerzeugung und soll gleichzeitig den Wasserstand im See stabilisieren. Das große Volumen des Sees und die starken Schwankungen des Wasserstandes sind aber mit dem vorhandenen Staudamm nicht kurzfristig wirksam zu regulieren. Dabei ist zu berücksichtigen, dass nur 17% des Wassers des Sees, das das Wasservolumen des Sees vermindert, durch den Shire-Fluss strömt, während der große Rest verdunstet. Hinzu kommt, dass dann, wenn maximal viel Wasser aus dem See in den Shire-Fluss strömt, dies den Effekt hat, dass es unterhalb der Staumauer überflutet wird.

 

Initiativem zum Schutz des Malawisees

 

Die Organisation „Action for Environmental Action” führt in Zusammenarbeit mit dem „Global Nature Fund“ konkrete Projekte durch, um Bedrohungen am Malawisee zu bekämpfen. Für Thies Geertz, Projektleiter beim GNF, spielen Bewusstseinsbildung und die Aufklärung der Menschen vor Ort eine zentrale Rolle: „Wir wollen die Entscheidungsträger*innen zuständiger Behörden, von Fischereiverbänden, Verwaltungsausschüssen und Komitees der Dörfer beim nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen unterstützen. Landwirt*innen erhalten Schulungen in biodiversitätsfreundlicher Landwirtschaft, Agroforstwirtschaft und Fischteichwirtschaft. Wenn wir gemeinsam mit den Menschen vor Ort alternative Einkommensmöglichkeiten entwickeln, haben sie eine Chance, ihre eigene Lebensgrundlage zu erhalten.“

 

Der Malawisee-Nationalpark

 

Zum Schutz der Brutstätten der Fische und der Tiere an Land entstand 1980 der Malawisee-Nationalpark im Süden des Gewässers. Er steht seit 1984 auf der Liste des UNSCO-Weltnaturerbes. Der Park hat eine Landfläche von 87 qkm und eine Seefläche von lediglich 7 qkm. Fünf Orte sind als Enklaven über die Fläche des Naturschutzgebietes verteilt. Die Bevölkerung in den Enklaven wird auf mehr als 45.00 Menschen geschätzt. Ihr Bedarf an Fischen, Feuerholz etc. macht den Nationalpark anfällig für menschliche Eingriffe im See und auf der Landfläche des Parks. Die Bewohner leben vor allem vom Fischfang.

 

Die UNESCO hat 2020 in Zusammenarbeit mit der Regierungspartei das „Lake Malawi Fish Conservation Project“ ins Leben gerufen. Es ist im Nationalpark angesiedelt und hat das Ziel, im See in gesundes Ökosystem zu bewahren. Es wird angestrebt, ein Fisch-Managementsystem aufzubauen, das von der lokalen Bevölkerung getragen wird und besonders die Buntbarschbestände im Seebereich des Nationalparks und den angrenzenden Flächen des Sees schützen soll. Deshalb werden zum Beispiel Ausbildungskurse für die lokale Bevölkerung angeboten. Lokale Komitees haben zum Beispiel bereits Maßnahmen zum Schutz der Jungfische ergriffen und illegale Fischnetze mit engen Maschen konfisziert. Es ist gelungen, die Zusammenarbeit der staatlichen Stellen mit der örtlichen Fischerbevölkerung deutlich zu verbessern.

 

Besonders die Bewohner des Ortes Cheme am Eingang des Parks profitiert vom Tourismus. Der Nationalpark hat eine große Bedeutung für den Tourismus in Malawi. Etwas südlich vom Nationalpark befindet sich seit 1971 das „Lake Malawi Museum“, das vor allem die Geschichte der Region am Malawisee darstellt.

 

Tauchen für den Umweltschutz

 

Eine weitere wichtige Initiative im Nationalpark sind Tauchaktionen zur Befreiung der Seeflächen von großen Mengen Plastikmüll. Die malawische Nichtregierungsorganisation „Health, Education, Environmental and Economic Development“ (HEED) engagiert sich, um den Müll aus dem See zu holen und soweit möglich sinnvoll wiederzuverwenden.

 

Mehr als ein Dutzend Freiwilliger taucht regelmäßig nach Müll und holen es aus dem See. Der Schwerpunkt liegt auf den Flächen des Sees, die zum Nationalpark gehören. Es soll verhindert werden, dass der Plastikmüll weiterhin die Gesundheit von Menschen und Tieren gefährdet, wobei Mikroplastik eine besondere Gefahr darstellt. Es entsteht u. a. auch dadurch, dass der Plastikmüll sich allmählich auflöst.

Die großen Müllmengen im See beeinträchtigen auch den Tourismus, werden doch Urlauber, die tauchen oder sich am Strand erholen wollen, durch die Umweltbelastung abgeschreckt. Felix Sibosi, der die Tauchaktionen leitet, sagte „Afrianews“: „Der Müll unter Wasser scheint nutzlos zu sein, aber er ist zerstörerisch. Wenn Tauchtouristen hierher mit ihren Kameras kommen, wollen sie Fische sehen, stattdessen sehen sie Müll unter Wasser, und das ist nicht gut.“

  

Beim Umgang mit den Müllmengen am Malawisee ist der Slogan von HEED: „Reduce, Re-use, Recyle“. Ein Teil des gesammelten Mülls wird wiederverwendet, ein anderer „upcycled“, also einer neuen Verwendung zugeführt. Es werden zum Beispiel Stühle und Taschen produziert. Dafür wurden lokale Arbeitskräfte angestellt. Ein Teil der neuen Produkte werden an Touristen verkauft und so Einnahmen für HEED erzielt. Um die Menge des Mülls zu reduzieren, wird Bewusstseinsbildung in den örtlichen Gemeinschaften betrieben. Erste Erfolge der HEED-Arbeit sind ermutigend, aber die Aufgabe ist gewaltig angesichts der großen Müllberge im See und an seinen Ufern. 

 

 © Frank Kürschner-Pelkmann