Pauline und Philipp Otto Runge, ein frisch verheiratetes Paar, findet in Hamburg sein Glück

Cover des Buches " Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 920 Seiten ISBN 978-3-384-05017-5 38 Euro

 

Philipp Otto Runge wurde am 23. Juli 1777 in Wolgast geboren. Der Vater war Kaufmann und Reeder. Philipp Otto war das neunte von elf Kindern. Er litt schon in der Kindheit an Lungentuberkulose und war dem Tode schon nahe, als ihn seine weinende Mutter am Krankenbett veranlasste, neuen Lebenswillen zu entwickeln. Später bekannte er, „bey jeder Freude und jedem Leide, die mir begegnen, denke ich an meine Mutter, daß sie es ist, die mir zweimal das Leben gab“. Die Mutter war es auch, die das immer wieder erkrankte Kind in die Kunst der Scherenschnitte einführte und zu eigenen Arbeiten ermutigte.

 

Runge besuchte in den Zeiten, in denen er nicht krank war, mit mäßigem Erfolg die Schule in Wolgast. Sein ganzes Interesse galt dem Zeichnen und den Scherenschnitten. Der Rektor bekannte später, „daß der Beruf des jungen Mannes zum Künstler seit seiner Erschaffung entschieden gewesen sei“. Nach dem Abschluss der Schule schickten ihn seine Eltern 1795 nach Hamburg, damit er dort eine kaufmännische Lehre im Handels- und Speditionsunternehmen seines älteren Bruders Daniel machen sollte.

  

Die Kunstausbildung in Kopenhagen und Dresden

Durch seinen gebildeten und kulturell sehr interessierten Bruder lernte Philipp Otto die Dichter Matthias Claudius und Friedrich Klopstock sowie weitere Dichter und Künstler kennen. Auch nahm er regelmäßig an den Leseabenden teil, zu denen der Bruder einlud. Man las Goethe und Schiller und andere Dichter. Das regte ihn dazu an, Zeichenunterricht zu nehmen. Sein einfühlsamer Bruder nahm wahr, dass aus Philipp Otto wirklich kein Kaufmann werden würde und er im Kontor „Seelenqualen“ litt. Deshalb überzeugte er die Eltern, dass Philipp Otto ein Künstler werden konnte. 

Der Bruder finanzierte ihm von 1799 an eine Kunstausbildung an der Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen. 1801 setzte Philipp Otto Runge die Ausbildung an der Kunstakademie in Dresden fort. Bei einem Weimar-Besuch lernte er Goethe kennen. Die beiden blieben bis zu Runges Tod im brieflichen Austausch über Kunstthemen.

 

1801 traf der Künstler bei einer Abendgesellschaft in Dresden Pauline Susanna Bassenge und verliebte sich auf der Stelle in sie. Sie war am 18. September 1785 geboren worden. Sie stammte aus einer Hugenottenfamilie, und der Vater war ein erfolgreicher Handschuhfabrikant. Runge schrieb nach der Begegnung mit Pauline seinem Bruder umgehend: „Sieh, ich bin verliebt, sehr verliebt, mich dünkt, ich habe alles das gefunden, was mich sonst wohl einzeln entzückt hat.“ Pauline war erst fünfzehn Jahre alt, und deshalb lehnte ihr Vater das Heiratsbegehren Runges ab.

  

"Der ganze Himmel voller Geigen"

Der Maler geriet daraufhin in eine tiefe seelische Krise, gab aber nicht auf, und zwei Jahre später stimmten Pauline und ihre Eltern einer Verlobung zu. Daraufhin erhielt Daniel Runge einen Brief, in dem davon die Rede war, dass „mir der ganze Himmel jetzt voll Geigen hängt“. Das wirkte sich auch auf die künstlerische Arbeit positiv aus: „So ist denn nun alles wieder rosenrot in mir und mein Bild soll und muß nun gut werden.“

 

Am 3. April 1804 konnte geheiratet werden. Das frischvermählte Paar verließ Dresden und zog nach Hamburg, wo der erste Sohn Sigismund geboren wurde. Runge wurde durch die Eheschließung zu großer Kreativität inspiriert, und es entstand zum Beispiel das Gemälde „Amors Triumphzug“. Wie freundschaftlich die Beziehung von Philipp Otto und Pauline Runge mit dem Bruder Daniel war, zeigt eine Zeichnung des Malers von 1804, das die drei als Gruppe darstellt und den Titel „Wir Drei“ trägt. Daniel Runge lehnt sich an eine Eiche, damals ein Symbol für Treue und Einigkeit.

 

Und mit großer Treue finanzierte der Kaufmann auch weiterhin das Künstlerleben des Bruders. Selbst als angesehener Maler blieb er auf die Unterstützung des Bruders angewiesen. Philipp Otto Runge war zeitlebens seiner Familie eng verbunden und besonders Daniel. 1802 schrieb er in einem Brief: „… mit meinem Bruder in Hamburg bin ich auf jeden Fall verbunden, zu stehen oder zu fallen“.

  

Große Erfolge als Porträtmaler

Runge machte sich zunächst mit zahlreichen sehr gelungenen Scherenschnitten einen Namen. Einige Blumen-Scherenschnitte sandte er an Goethe. Runge ging später zu Radierungen über. Heute ist er vor allem für seine Gemälde bekannt, darunter vor allem Porträts, unter anderem mehrere Porträts seiner Frau und seiner Kinder sowie Selbstporträts. Neben Caspar David Friedrich zählt Runge zu den bedeutendsten Malern der Norddeutschen Frühromantik. Zu seinen Gemälden, die die Hamburger Kunsthalle besitzt, gehört das 1806 entstandene Bild „Die Hülsenbeckschen Kinder“. Es zeigt die drei Kinder der Kaufmannsfamilie Hülsenbeck, mit der die Runges befreundet waren. Die pausbäckigen Kinder hat der Maler sehr realistisch und sehr liebevoll in einer romantischen ländlichen Atmosphäre dargestellt.

 

Runge war überzeugt: „Kinder müssen wir werden, wenn wir das Beste erreichen wollen.“ Für den Maler waren Kinder ein Zeichen für das Ursprüngliche, den Neuanfang und den Morgen, und so finden wir eine große Zahl von Kindern auf seinen Bildern. So auch auf seinem Bild „Der große Morgen“, in dessen Vordergrund das neugeborenes Kind im Glanz der Morgenröte als Symbol des reinen Ursprungs des Menschen dargestellt ist. Leider ist das Bild nur noch als Fragment erhalten. Die geplanten großformatigen Gemälde „Der Tag“, „Der Abend“ und „Die Nacht“ hat der Künstler vor seinem Tod nicht mehr vollenden können.

   

Eine romantische Kunstkonzeption

Runge entwickelte in seinen Schriften eine romantische Kunstkonzeption, mit der er Malerei, Dichtung, Musik und Architektur als Einheit verstand. Auch als Verfasser von Gedichten und Märchen fand er Anerkennung, so mit dem berühmten Märchen „Von dem Fischer und sine Fru“, das die Brüder Grimm in ihre Märchensammlung aufnahmen. Auch Spielkarten, Bucheinbände und Innenausstattungen von Räumen hat er entworfen. Kurz vor seinem Tod erschien sein Werk „Farbenkugel oder Construction des Verhältnisses aller Mischungen der Farben zu einander und ihrer vollständigen Affinität“. Runge war nicht nur einer der bedeutendsten, sondern auch einer der vielseitigsten Künstler der Romantik.

 

Am 2. Dezember 1810 starb Philipp Otto Runge mit nur 33 Jahren an Lungentuberkulose. Goethe schrieb: „Daß wir den Herrn Runge verlieren, schmerzt mich sehr.“ Am Tag nach Runges Tod kam sein viertes Kind zur Welt. Der Sohn erhielt die Vornamen des Vaters. Die Witwe zog mit ihren drei jüngeren Kindern zu ihren Eltern nach Dresden, während der älteste Sohn bei ihrem Schwager Daniel Runge in Hamburg blieb.

 

Nach dem Tod ihres Vaters arbeitete Pauline im Unternehmen der Familie in Dresden und gab daneben Französischunterricht. Pauline Runge starb am 26. April 1881 im Alter von 95 Jahren und wurde in Hamburg beigesetzt. Sie hatte ihren Ehemann um mehr als sieben Jahrzehnte überlebt. Sie entsprach nicht den damaligen Erwartungen an eine Künstlerfrau und ist als schlichte Frau beschrieben worden, die glücklich über das Leben mit ihrem Mann und den Kindern war.

  

Runges Werke in der Hamburger Kunsthalle

Drei bedeutende Gemälde Runges gingen bei einem Brand des Glaspalastes in München verloren. Von den 35 heute noch existierenden Gemälden befinden sich 30 in der Hamburger Kunsthalle, die auch fast 400 Arbeiten des Künstlers auf Papier besitzt. Die meisten Werke erwarb der Kunsthallen-Direktor Lichtwark. 2011 konnten sieben Gemälde für 9,2 Millionen Euro gekauft werden. Der Künstler wäre froh gewesen, auch nur einen Bruchteil dieser Summe für seine Werke zu erhalten. Die Ausstellung „Kosmos Runge. Der Morgen der Romantik“ besuchten 2011 fast 130.000 Menschen. Nach der Beobachtung von Kunsthallendirektor Gaßner waren darunter viele junge Leute.

  

In Runges Geburtshaus in Wolgast befindet sich heute ein Museum. Das Gymnasium in Wolgast trägt den Namen des berühmten Sohns der Stadt. In Hamburg wird an verschiedenen Orten an den Künstler erinnert. Auf dem Althamburgischen Gedächtnisfriedhof des Ohlsdorfer Friedhofs steht ein Grabstein mit einem Porträt-Relief des Malers. Hier soll auch seine Frau die letzte Ruhe gefunden haben, erwähnt wird sie auf dem Grabstein aber nicht. In Barmbek-Nord findet man die Rungestraße und den Rungestieg. 

 

Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte

 

 © Frank Kürschner-Pelkmann