Napper Tandy, ein irischer Freiheitskämpfer, löst 1798 eine diplomatische Krise aus

Cover des Buches " Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 920 Seiten ISBN 978-3-384-05017-5 38 Euro

 

„Wie wertvoll auch die kommerziellen Beziehungen zwischen dem britischen Inselreich und dem Handelsstaat an der Elbe namentlich seit 1795 für beide Teile gewesen sein mochten, so hatte England doch wiederholt Anlaß gehabt, die einheimische wie die fremdländische Einwohnerschaft Hamburgs argwöhnisch zu überwachen.“ So beginnt eine Darstellung des Hamburger Historikers Adolf Wohlwill aus dem Jahr 1914 über die Festnahme der irischen Rebellen „Napper Tandy und Genossen“ in Hamburg.

 

Napper Tandy wurde 1740 in Dublin geboren und betätigte sich als Händler. Er organisierte einen Boykott englischer Waren und stieg zu einem prominenten Sprecher der irischen Unabhängigkeitsbewegung auf. Wie viele Iren war er begeistert von der Französischen Revolution und baute nach französischem Vorbild eine kleine Nationalgarde auf. Das brachte ihn notwendigerweise in Konflikt mit den englischen Herrschern über Irland und er musste in die Vereinigten Staaten flüchten.

1798 reiste er nach Frankreich, wo bereits andere Iren im Exil lebten. Gemeinsam planten sie einen Aufstand in Irland, der von Frankreich unterstützt werden sollte. Napper Tandy überzeugte die französische Regierung, dass 30.000 Iren nur auf das Signal zum Aufstand warteten.

 

Als die französische Korvette „Anacreon“ am 7. September 1798 mit Napper Tandy, einigen irischen Mitstreitern und einer großen Menge Waffen und Munition an Bord den Hafen von Dünkirchen verließ und Richtung Irland segelte, ahnte in Hamburg noch niemand, bald in eine ernste politischen Krise europäischen Ausmaßes zu geraten. Die Stadt hielt sich damals nach Möglichkeit aus allen politischen und militärischen Auseinandersetzungen heraus, die nach der Französischen Revolution von 1789 Europa in ein Pulverfass verwandelt hatten.

 

Die Neutralität der Stadt brachte große Vorteile für die Kaufleute. Hamburg war auch ein neutraler Ort, wo die Gesandten aller Groß- und Kleinmächte miteinander und gegeneinander agierten. Besonders die verfeindeten Mächte Frankreich und England waren hier intensiv auf diplomatischem und geheimdienstlichem Terrain tätig. Adolf Wohlwill bemerkte im Rückblick: „Gewiß läßt sich nicht feststellen, ob 1798 in Hamburg mehr englische oder mehr französische Agenten, Spione und Gegenspione tätig waren.“ Der englische Gesandte hatte den Auftrag, die proirischen Aktivitäten der Franzosen und Exiliren genau zu überwachen.

 

Am 16. September 1798 erreichte die französische Korvette Irland. Napper Tandy ging mit einigen Gefolgsleuten auf einer kleinen Insel an Land und hisste die irische Flagge. Er hoffte, dass dies das Signal für die Bevölkerung sein würde, sich dem Aufstand anzuschließen, aber darauf wartete der Rebell vergeblich. Die Bevölkerung ergriff die mitgebrachten Waffen nicht, und die „Anacreon“ musste die Anker lichten und mit Napper Tandy an Bord in See stechen. Um den britischen Kriegsschiffen zu entgehen, segelte die Korvette nach Norwegen. Von Bergen aus machten sich Napper Tandy und eine kleine Gruppe von Rebellen auf den Weg nach Hamburg, wo sie am 22. November 1798 eintrafen.

  

Diplomatische Verwicklungen nach dem Eintreffen der irischen Rebell

Sie blieben zunächst unbehelligt, weil sie sich als Kaufleute ausgaben. Die britischen Spione kamen den irischen Freiheitskämpfern aber rasch auf die Spur, und der britische Gesandte forderte umgehend ihre Auslieferung. Aber Napper Tandy und seine Begleiter hatten sich gleich nach ihrer Ankunft an die französische Gesandtschaft gewandt und französische Pässe erhalten, um nach Frankreich weiterzureisen.

Dem britischen Wunsch nach einer umgehenden Auslieferung der Iren entsprachen die Hamburger Behörden deshalb zunächst nicht. Immerhin erschien auf britische Bitten am Morgen des 24. November 1798 ein großes Polizeiaufgebot in dem Hotel, in dem Napper Tandy und seine Begleiter wohnten, und nahmen sie fest.

 

Der französische Gesandte erfuhr dank seines Spionagenetzes umgehend von der Inhaftierung und legte noch am gleichen Vormittag scharfen Protest ein. Er berief sich darauf, dass Napper Tandy und einer seiner Begleiter französische Offiziere wären und deren Auslieferung nach Großbritannien das Völkerrecht und die Neutralität Hamburgs verletzten würde. Der Rat war auf Höchste beun-ruhigt, wollte man angesichts der Hamburger Wirtschaftsinteressen keine der beiden Mächte gegen sich aufbringen. Man entschied sich für eine Verzögerungstaktik. Es sollten die beiden Gesandten angehört und der Kaiser in Wien sowie Preußen konsultiert werden. Um den französischen Gesandten etwas entgegenzukommen, befreite man die Inhaftierten von ihren Ketten und gewährte ihnen weitere Hafterleichterungen.

 

Aber die französischen Drohungen wurden massiver, je länger die Iren in Haft waren. Da half es auch nicht, dass Hamburg den Gefangenen bequeme Betten, gutes Essen

und Wein zukommen ließ. Inzwischen ergriff der russische Zar Partei für England und verkündete den Plan, gemeinsam mit Preußen und Dänemark eine Armee nach Hamburg zu entsenden, um zu verhindern, dass die Stadt von Frankreich besetzt und zu einem Hort revolutionärer französischer Kräfte würde. Allerdings lehnte Preußen diesen Plan ab, um einen Krieg mit Frankreich zu vermeiden.

  

Als Hamburg dem englischen Druck nachgab

Im Frühjahr 1799 spitze sich die Lage weiter zu. England entsandte Kriegsschiffe an die Elbmündung, und der russische Zar ließ Hamburger Handelsschiffe in russischen Häfen festsetzen. Der Rat erkannte, dass weiteres Zögern die Beziehungen gleich zu allen beteiligten Mächten noch mehr verschlechtern würde und entschloss sich, die Iren an England auszuliefern. Am 1. Oktober 1799 übergab die Stadt die Iren dem britischen Gesandten. Neben der britischen Regierung war auch der Zar erfreut und versicherte Hamburg seines Wohlwollens.

  

Aber wie zu erwarten, ließ die heftige Reaktion der französischen Regierung nicht lange auf sich warten. Die Auslieferung wurde als Attentat auf das Völkerrecht, als Verbrechen gegen die Humanität und als Beleidigung der Französischen Republik verurteilt. Frankreich verhängte ein Embargo gegen Hamburger Schiffe, hob es aber zur Erleichterung der Hamburger Reeder bald wieder auf. Die vier überstellen Iren wurden zwar zum Tode verurteilt, dann aber begnadigt. Napper Tandy konnte bereits im März 1802 als Ergebnis britisch-französischer Verhandlungen nach Frankreich zurückkehren. Dort starb er am 24. August 1803 in Bordeaux. In Irland zählt er zu den Vorkämpfern der Unabhängigkeit – und in Hamburg vergaß man ihn lieber ganz schnell. 

 

Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte

 

© Frank Kürschner-Pelkman