„Wenn das Evangelium keine gute Nachricht für die Armen ist, ist es kein evangelikales Evangelium.“ Dieser Satz stammt von Jim Wallis, einem der prominentesten Sprecher einer Bewegung in den USA, die ein evangelikales Bibelverständnis mit der Aufforderungen zur Umkehr der Reichen, zum Teilen mit den Armen und zur sozialen Gerechtigkeit verbindet. Dazu Jim Wallis in einem Interview: „Es ist unmöglich, ein Evangelikaler zu sein und die gar nicht zu übersehende Lehre in der Bibel über arme Menschen zu ignorieren.“
Es war ein weiter, aber konsequenter Weg, der Jim Wallis von einem weißen Viertel in Detroit und einer konservativen evangelikalen Gemeinde zu einem prominenten Vertreter und Sprecher derjenigen Evangelikalen in den USA machte, die die biblische Aufforderung sehr ernst nehmen, sich für Gerechtigkeit, Frieden und Wahrheit in der Welt einzusetzen.
Jim Wallis wurde am 4. Juni 1948 geboren. Er bezeichnete sich selbst später als „Sohn des Amerikanischen Traums“. In dem Stadtteil am Rande der Großstadt, in dem er aufwuchs, wohnten junge weiße Familien der Unter- und Mittelschicht. So hatte er viele Spielkameraden. Sein Idol war Robin Hood: „Den Reichen nehmen und den Armen geben – das schien mir ein guter Gedanke zu sein.“
Der Vater wurde nach dem Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg zum Mechaniker in Detroit und arbeitete sich allmählich zum leitenden Angestellten hoch. Jim Walis schrieb in seinem autobiografischen Buch „Wiederbelebung. Meine Pilgerreise“ über seinen Vater: „Er glaubte an seinen Gott, sein Vaterland und seinen Lebensstil. Er war ordentlich, zuverlässig und selbstbewusst und allzeit bereit, das Rechte und das Beste zu tun. Er war im Herzen ein Idealist.“ Die Mutter teilte die Werte des Vaters. Beide gehörten der evangelikalen Plymouth Brüdergemeinde an. Der Vater leitete die Gemeinde, während die Mutter im Hintergrund viele Aktivitäten vorbereitete und organisierte.
Sie erzogen ihre Kinder dazu, sich um ihre Nächsten zu kümmern und ihnen zu helfen. Die Eltern gingen mit gutem Vorbild voran, halfen Armen und nahmen Menschen in Not für einige Zeit in ihr Haus auf. Sie tadelten ihre Kinder, wenn sie „Negerwitze“ erzählten, die sie in der Schule aufgeschnappt hatten. „Aber dem Rassismus als Institution standen sie völlig anders gegenüber. Kaum wurde ihr Land oder das bestehende System beschuldigt, rassistisch zu sein, gingen sie in die Verteidigung. Sie sahen alles von einer persönlichen Warte aus; so entgingen ihnen tatsächlich all die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten Amerikas.“
Ihr Sohn Jim fügte sich zunächst mustergültig in diese soziale und religiöse Welt ein. Dazu gehörte es, in der Schule der Beste sein zu wollen. Das gelang ihm zur Freude der Eltern auch häufig – aber um die Preis ständiger Versagensangst. In der Gemeinde der Plymouth Brüdergemeinde war er beliebt und geschätzt. All das änderte sich im Alter von dreizehn Jahren. Er wurde rebellisch und stellte vieles infrage, was er bis dahin als selbstverständlich akzeptiert hatte. Dazu gehörte auch, dass er sein Wettbewerbsstreben aufgab und bald nicht mehr zu den erfolgreichsten Schülern und Sportlern gehörte. Auch trug er zum Entsetzen seiner Eltern und der Kirchengemeinde enge Hosen und lange Haare. Auch ging er jedes Wochenende zu Tanzvergnügungen, ein absolutes Tabu in seiner Kirchengemeinde.
Enge Hosen, lange Haare und Tanzvergnügen gab er nach einer Weile wieder auf, aber umso hartnäckiger stellte er unbequemen Fragen. Das löste immer wieder heftigen Streit mit seinem Vater aus. Ein Anlass waren im Sommer 1967 die Rassenauseinandersetzungen in Detroit, die gewaltsam ausgetragen wurden. „Ich spürte die feindselige Spannung, die jedes Mal das Gespräch der Weißen beherrschte, sobald Themen wie die Schwarzen, Rassismus, die Innenstadt oder Kriminalität angeschnitten wurden. Menschen, die ich sonst als warmherzig und liebevoll kannte, waren plötzlich wie verwandelt und verfielen in eine Ausdrucksweise, die von blanker Intoleranz und einer Mischung aus Furcht und Hass zeugten.“
Der Sohn stellte unbeirrt unbequeme Fragen, erinnerte er sich später: „Weshalb lebten Weiße und Schwarze völlig isoliert voneinander? Weshalb waren Weiße reich und Schwarze arm? Woher kam diese Angst?“ Er bekam darauf in seiner Familie keine Antworten. In seiner Kirchengemeinde stellte er die Frage: „Was ist mit unserem christlichen Glauben? Liebt Gott nicht alle Menschen?“
Man antwortete ihm, Gott liebe natürliche alle Menschen, aber es gebe dennoch Unterschiede. Auch die Gemeindemitglieder liebten natürlich alle Menschen, aber das hieße nicht, dass alle zusammenleben müssten. „Einige Leute wiederum prophezeiten mir, ich würde nur Schwierigkeiten bekommen, wenn ich solche Fragen stellte. Dies sollte sich als die einzig ehrliche und zutreffende Antwort erweisen.“
An diesem Punkt beschloss Jim Wallis, sich nicht mit dem Schweigen oder den Ausflüchten zufriedenzugeben, die er in seiner Umgebung erlebte. Er begann jene Pilgereise, die ihn zu einem glaubwürdigen evangelikalen Christen machte, der sich nicht scheut, unbequeme Fragen zu sozialen, ökonomischen und politischen Zuständen zu stellen und gemeinsam mit anderen Christinnen und Christen aus dem Glauben heraus nach Antworten zu suchen. Der nächste unverzichtbare Schritt ist für ihn seither das Engagement in Gesellschaft und Kirche.
Er begann seine Pilgereise damit, dass er sich in die schwarzen Innenstadtviertel von Detroit begab, was die Weißen in seiner Umgebung konsequent vermieden. Jim Wallis wurde dort freundlich aufgenommen, fand interessierte Gesprächspartner und im Laufe der Zeit auch Freunde. Zu seiner Überraschung stieß er auch auf eine schwarze Plymouth Brüdergemeinde, von der er in seiner weißen Gemeinde nie erfahren hatte. Unter Mühen gelang es Jim Wallis, einige Gespräche zwischen den beiden Gemeinden zu organisieren, aber es zeigte sich rasch, dass seine weiße Gemeinde kein Interesse an einer Gemeinschaft mit den schwarzen Glaubensgeschwistern hatte.
Um die Welt der Schwarzen besser kennenzulernen und zu verstehen, nahm Jim Wallis in den Ferien Jobs als Hilfsarbeiter an, die ansonsten fast nur von Schwarzen zu schlechten Lohn- und Arbeitsbedingungen ausgeführt wurden. Er war erschüttert darüber, was er dort an Diskriminierungen und Unrecht wahrnahm. Er lernte: „Wenn ich wirklich auf der Seite der Leidenden stehen wollte, dann musste ich mich von den Werten, den Vorrechten und dem Komfort lösen, mit denen ich aufgewachsen war.“ Er schwor sich, alles zu tun, um das rassistische System zu verändern.
In der Begegnungen und durch die Freundschaft mit Schwarzen in Detroit lernte er viel: „Sie zeigten mir das andere Amerika, das unfaire, üble, gemeine und hasserfüllte Amerika; das Amerika, das wir Weißen hochhalten und verteidigen. Von diesen Schwarzen habe ich nicht nur etwas über Rassismus gelernt. Sie zeigten mir auch, was Liebe, Familiensinn und Mut ist und vor allen: was es heißt, Mensch zu sein. Als ich ihnen zuhörte, lernte ich mehr über mich, mein Land und meinen Glauben als irgendwo sonst.“
Der Weg zum „Radikalen“ – aus der Perspektive zahlloser Weißer – war nun vorgezeichnet. Es konnte nicht überraschen, dass Jim Wallis Versuch, in seiner weißen Kirchengemeinde über Rassismus zu sprechen, scheiterte und er sich immer stärker von dieser Gemeinde entfremdete. Das zeigte sich drastisch, als ein amerikanische Missionar in der Gemeinde über seine Arbeit in Südafrika sprach, ohne ein einziges Mal die rassistische Apartheid zu erwähnen. Auf Jim Wallis Rückfrage zur Apartheid verteidigte der Missionar diese mit den Argumenten, die von weißen Rassisten in Südafrika zu hören waren. Jim Wallis war so zornig, dass er dem Missionar prophezeite: „Eines Tages, wenn die Schwarzen in Südafrika aufstehen, um sich ihre Freiheit zu holen, und wenn sie Leute wie Sie an die Wand stellen, dann haben Sie bitte nicht die Unverschämtheit zu behaupten, sie würden um Christi willen verfolgt.“
Im Nachhinein schrieb Jim Wallis: „Ich war ein zorniger junger Man geworden, und mein Zorn richtete sich vornehmlich gegen die Heuchelei der Kirche. Meine Wut enthielt wenig Verständnis oder Demut. Ich entfernte mich immer mehr vom ganzen christlichen Glauben.“ Der Zorn und die Entfremdung von Kirche und christlichem Glauben nahmen noch zu, als er sich während des Studiums gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam engagierte. Er erlebte nicht nur die Brutalität der Polizei, sondern auch die Ablehnung in Kirche und Gesellschaft, wenn er und andere Studierende das Unrecht anprangerten, das ihr Land tagtäglich in Vietnam beging.
Jim Wallis wurde zu einem radikalen Studentenführer, der die Brutalität des Staatsapparats am eigenen Leib erfuhr und noch radikaler in seiner Kritik wurde. Enttäuscht musste er feststellen, dass der Krieg in Vietnam die evangelikalen Gruppen an seiner Universität gänzlich unberührt ließ. Zur Enttäuschung von Jim Wallis löste sich die Friedensbewegung an seiner Universität nach dem Ende des Vietnamkrieges weitgehend auf. Die ganze Gesellschaft hat den Krieg und die Niederlage möglichst rasch und gründlich verdrängt.
Und Jim Wallis? Er schrieb in seiner Autobiografie: „Obwohl meine Entfremdung von der Kirche in den Jahren der Antikriegsbewegung zum vollständigen Bruch geführt hatte, konnte ich Jesus niemals ganz loswerden. Irgendwo in mir schien er ständig, wenn auch sehr leise, gegenwärtig zu sein. Jetzt, wo mein Leben am Scheideweg stand, trat er wieder deutlicher ans Licht und brachte mich zu sich zurück.“ Nach dem ersten Universitätsexamen entschloss er sich, Theologie zu studieren. Ausgangspunkt für diese Entscheidung war ein intensives Studium des Neuen Testaments und vor allem der Bergpredigt (Matthäus 25 31-46). Die Lebensweise, die in diesem biblischen Text dargestellt wird „ist wahrhaftig revolutionär, viel tiefer und radikaler als all die revolutionären Bewegungen, in die ich bisher hineingeschmeckt hatte“.
Jim Wallis war nun noch überzeugter, dass man die Wahrheit über eine Gesellschaft immer bei ihren Opfern erfährt. Um zu Jesus zurückzukehren, sei es deshalb unweigerlich erforderlich, in das Leben der Hungernden, Heimatlosen und Entrechteten einzutreten. Die Botschaft Jesu ist für Jim Wallis deshalb „sowohl politisch als auch persönlich, sowohl ökonomisch als auch geistlich“.
Mit diesen Überzeugungen begann er 1970 ein Studium am Trinity Evangelical Divinity School, einer der führenden evangelikalen Hochschulen in den USA. Von seinem Verständnis davon, wie man als Evangelikaler den Glauben an Gott mit dem Engagement für soziale Gerechtigkeit und politisch Rechte für alle verbinden soll, überzeugte er rasch eine Reihe anderer Theologiestudenten. Sie gründeten ein Gruppe, die sich regelmäßig außerhalb der Hochschule traf, um über die Frage zu diskutieren, welche Konsequenzen ein radikales Verständnis der Nachfolge Jesu hatte.
Jim Wallis formulierte einen Text der „radikalen“ evangelikalen Studenten, in dem zu lesen war: „Die Kirche hat es versäumt, das Evangelium von Jesus Christus in angemessener Weise an unsere Gesellschaft weiterzugeben … Die Heilige Schrift ist eindeutig in ihrer Verurteilung von sozialer und wirtschaftlicher Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Rassismus, Heuchelei, Umweltzerstörung und chauvinistischem Nationalismus, der zu Aggression, Imperialismus und endlosen Kriegen führt … Aufgrund biblischer Lehre ist eindeutig klar, dass Glaube ohne soziale Gerechtigkeit Hohn und Spott ist. Echte Spiritualität zeigt sich in der Fürsorge für die Bedürftigen und Rechte anderer Menschen.“ Nachdem die anderen Mitglieder der Gruppe diesem Text begeistert zugestimmt hatten, wurde er auf dem ersten Flugblatt verteilt, das diese konservative Hochschule jemals „heimgesucht“ hatte. Entsprechend heftig und kontrovers wurde der Inhalt des Flugblatts diskutiert.
Die Hochschulleitung war beunruhigt und bestellte Jim Wallis und die anderen Unterzeichner des Flugblatts zu einem Gespräch ein. Es ließ sich aber nicht widerlegen, dass sie einen tiefen evangelikalen Glauben hatten. Nur zogen sie aus dem Lesen der Bibel radikale Konsequenzen im Blick auf Gesellschaft und Politik, während an der Hochschule bisher eine Theologie gelehrt wurde, die auf individuelle Bekehrung und individuelles christliches Leben (besonders in der Familie) ausgerichtet war.
Als ein Problem für das Trinity Evangelical Divinity School erwies sich, dass auch unter den Förderern der Hochschule bekannt wurde, welch radikales Verständnis der Bibel dort inzwischen diskutiert wurde. Daraufhin ging das Spendenaufkommen um eine Million Dollar zurück. Es gab Bestrebungen, Jim Wallis der Hochschule zu verweisen. Er traf in dieser Situation eine Absprache mit dem Dekan: „Er tat alles, um uns zu halten und uns akademische Freiheit zu gewähren, und wir versuchten, ihm möglichst wenig Probleme mit dem Lehrkörper und dem Spenderkreis zu machen.“
Die Vereinbarung mit der Leitung der Hochschule hinderte die Gruppe nicht daran, auch in öffentlichen Aktionen auf ihr Verständnis der Bibel und ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Auch war Jim Wallis inzwischen als Redner bei kirchlichen Veranstaltungen gefragt. Er wurde sogar als Hauptredner zu einem Treffen christlicher Studentenführer in der Oral-Roberts-Universität eingeladen. Diese Universität war von dem Fernsehprediger Oral Roberts gegründet worden, der mit seinen Heilungen und seinen fundamentalistischen Botschaften ein Millionenpublikum erreichte. Er stand der Pfingstbewegung nahe und machte sich auch als Verfechter eines Wohlstandsevangeliums einen Namen. Oral Roberts hatte in ziemlich allen Fragen andere Auffassungen als Jim Wallis und seine Universität lehrte diese Botschaften. Trotzdem gelang es Jim Wallis, mit einer Verknüpfung von persönlichem Zeugnis und biblisch begründetem Aufruf zu christlichem Engagement in der Gesellschaft auch in diesem Auditorium viel Zustimmung zu finden und sogar Begeisterung auszulösen.
Jim Wallis und der Kern der von ihm geführten Gruppe entschlossen sich im Frühjahr 1971, die Zeitschrift „Post-American“ herauszugeben. In der ersten Ausgabe ihrer Zeitschrift schrieben sie: „Als radikale Christen wollen wir die Lehren der Urchristenheit neu entdecken, ihren radikalen ethischen Geist und ihr revolutionäres Gewissen … Unsere kleine Gruppe sieht sich als Teil einer Erweckungsbewegung von Menschen, die persönliche Befreiung und eine neue ethische Grundlage für soziales Engagement bei Jesus, wie er in den Schriften des Neuen Testaments offenbart wird, sowie die Kraft, dieses Leben im Geist Gottes zu leben, gefunden haben.“
Die Gruppe, die die Zeitschrift herausgab, entschlosss sich zusammenzuziehen, und ein Unternehmer überließ ihnen kostenlos ein großes Haus. Zunächst verband die Gruppe die gemeinsame Arbeit an der Zeitschrift, aber sie entschloss sich dann, eine christliche Gemeinschaft zu bilden, die von einem Verständnis des radikalen Christseins geprägt war. Die Gruppe zog in ein Armenviertel von Chicago und engagierte sich nun auch in der christlichen Sozialarbeit. Es kam allerdings zu zwischenmenschlichen Spannungen in der Gruppe, die, so Jim Wallis im Rückblick, „immer mehr zu einem Macht- und Konkurrenzkampf untereinander“ ausarteten. Nach zwei Jahren trennte man sich. „Das große Experiment war gescheitert!“
Jim Walls zog mit einer kleinen befreundeten Gruppe in ein anderes Armenviertel von Chicago und setzte die Arbeit an der Zeitschrift fort. Jim Wallis hielt inzwischen überall im Land Vorträge. Aber er und die übrigen in der Gruppe gerieten in eine tiefe Krise, aus der sie durch ihren Aktionismus nicht herauskamen: „Wir hatten verlernt, einander zu lieben und zu dienen, und so füreinander da zu sein, wie wir von der Kirche forderten, sie müsse für die Welt da sein. Zwischen unserer Sorge um die Gerechtigkeit in der Welt und unserer konkreten Fürsorge füreinander klaffte eine gewaltige Kluft.“
Die Gruppe sprach ehrlich und ausführlich über ihr Zusammenleben und darüber, wie es weitergehen sollte. Einige lasen das Buch „Gemeinsam leben“ von Dietrich Bonhoeffer, in dem er schrieb, dass eigene Vorstellungen von Gemeinschaft erst einmal erschüttert werden müssten und dass dies ein Akt der Gnade Gottes sei. Danach könne man beginnen, füreinander da zu sein und eine christliche Gemeinschaft zu werden. Bonhoeffer begann sein Buch mit einem Vers aus dem Psalm 133: „Siehe wie fein und lieblich ist es, dass Brüder einträchtig beieinander wohnen.“ Eine solche Gemeinschaft ist im Verständnis von Dietrich Bonhoeffer und in seiner Tradition auch von Jim Wallis ein Geschenk Gottes.
1975 machte die Gruppe einen Neuanfang. Es kamen einige neue Mitglieder hinzu. Die Gruppe hatte gelernt: „Ohne eine biblische Vision für eine gerechte Welt droht jeder Gemeinschaft die Gefahr, in falsche Innerlichkeit und im eigenen Saft zu schmoren. Ohne tiefen seelsorgerlichen Austausch gibt es überhaupt keine Gemeinschaft, wie wir bereits erfahren hatten.“
Die Gruppe entschied sich für einen erneuten Ortwechsel. Achtzehn Erwachsene und zwei Babys zogen in zwei Häuser in einem Armenviertel der Hauptstadt Washington. Zum neuen Verständnis als christliche Gemeinschaft gehörte es, in biblischer Tradition eine Gütergemeinschaft zu bilden und einen einfachen Lebensstil zu praktizieren. Neben der Herausgabe der Zeitschrift gehörte das soziale Engagement im Armenviertel erneut zu den Aufgaben, denen man sich gemeinsam stellte. Im Vergleich zu früheren Zeiten erhielt das religiöse Leben in der Gemeinschaft mit Gebeten, Gesprächen über biblische Texte und Gottesdiensten ein sehr viel größeres Gewicht im Alltag.
Die Gruppe entschloss sich, der Zeitschrift und ihrer Gemeinschaft einen neuen Namen zu geben, „Sojourners“, was im Englischen Pilger und Fremdlinge bedeutet. Jim Wallis hat über diesen Titel geschrieben: „Er drückt aus, dass Gottes Leute Fremdkörper sind in dieser Welt, Pilger, eigentlich Bürger eines anderen Reiches, ganz gegenwärtig in dieser Welt und doch einer ganz anderen Lebensordnung verpflichtet, Leute, die ‚die Lieder des Herrn fern, auf fremder Erde‘ singen (Psalm 137,4).“
Ein Ziel der Gemeinschaft wurde es, der Kirche eine neue Vision aufzuzeigen, die auch neue Möglichkeiten für die Gesellschaft eröffnet. Dafür sollten weiterhin politische Analysen aus biblischer Sicht betrieben werden: „Es ging uns immer mehr darum, endlich all das zu vereinen, was allzu lange nicht beisammen war, weil die Kirche selbst innerlich so zerspalten ist: Evangelisation und soziale Gerechtigkeit, Spiritualität und Politik, Gebet und Friedensdienst, Gottesdienst und Aktion, Glaube und Geschichte.“
Solche Ziele zu verfolgen, sei hier angemerkt, war und ist nicht nur das Ziel der Sojourners-Gemeinschaft und der Leserschaft ihrer Zeitschrift. Das gilt auch dann, wenn man einräumt, dass solche Glaubensüberzeugungen in den Kirchen der USA und auch unter den dortigen Evangelikalen in den 1970er Jahren nicht weit verbreitet waren. Das Sendungsbewusstsein und die Überzeugungskraft der Sojourners war und ist immerhin so groß, dass überall in den USA Gruppen entstanden sind, die sich an den Zielen der Gruppe und der Zeitschrift orientierten.
Als Jim Wallis 1983 sein Buch „Wiederbelebung. Meine Pilgerreise“ veröffentlichte, konnte er berichten: „Überall im Lande treffen sich unsere Leser in Gesprächskreisen … Einst fühlten wir uns ein wenig wie die einsamen Rufer in der Wüste. Aber jetzt beginnt die Wildnis zu blühen. Vielerorts ist ein neues Erwachen des christlichen Glaubens und eines geschärften christlichen Gewissens unverkennbar.“
Allerdings, die große Mehrheit der evangelikalen Christinnen und Christen sowie der Mitglieder der übrigen Kirchen ging eigene Wege – sehr unterschiedliche Wege. Die Kirchen waren und sind sehr viel vielfältiger, als dies in dem Buch von Jim Wallis manchmal erscheinen mag. Man denke zum Beispiel an die Katholiken, die die katholische Soziallehre als Orientierung betrachten und sie mit Leben füllen wollen. Es gibt nicht eine monolithische kirchliche Welt, gegen die die Sojourners ein Gegengewicht schaffen wollen. Als gefestigte Gemeinschaft haben sich die Sojourners später stärker dafür geöffnet, sich als Verbündete der Christinnen und Christen zu sehen, die sehr ähnliche Ziele verfolgen, auch wenn sie häufig keine Kommunitäten gebildet haben.
Jim Wallis schreibt in seinem Buch „Wiederbelebung. Meine Pilgerreise“, dass die Gemeinschaft weniger selbstgerecht und demütiger geworden war. Was blieb, war das gemeinsame geistliche Leben mit Gebeten, Zeiten der Stille und der Seelsorge untereinander. Auch das Bibelstudium hatte einen zentralen Platz in der Gemeinschaft und ebenso das gemeinsame Engagement für die Armen. In ihrer neuen Heimatstadt Washington D.C. gab und gibt es eine sehr große Zahl von Armen, die nicht nur materiell arm sind, sondern auch unter Gewalt und Verzweiflung leiden.
Das Eintreten der Sojourners für die Armen und die Teilnahme an Protestaktionen für Gerechtigkeit und gegen Militarismus ist von den Herrschenden nicht selten mit Festnahmen und Gefängnisstrafen beantwortet worden. Auch die Verweigerung von Kriegssteuern während des Vietnamkrieges brachte die Sojourners in Konflikt mit den Herrschenden. Jim Wallis selbst fand sich 22 Mal im Gefängnis wieder. Geistliche Inspiration haben die Sojourners aus der Beschäftigung mit Menschen wie Franz von Assisi und der sozial engagierten Katholikin Dorothy Day gewonnen.
Jim Wallis großes Vorbild blieb Martin Luther King mit seiner Vision einer geliebten Gemeinschaft. In seinem 2005 erschienenen Buch „God’s Politics“ schrieb Jim Wallis: „Mit der Bibel in der einen Hand und der Verfassung in der anderen hat King überzeugt, nicht lediglich etwas ausgesprochen. Er hat uns alle an Gottes Ziel von Gerechtigkeit, von Frieden und von der ‚geliebten Gemeinschaft‘ erinnert, wo diejenigen, die außen vor gelassen und hintan gestellt werden, einen Platz in der ersten Reihe erhalten. Und es gelang ihm, Religion ins öffentliche Leben zu bringen – auf eine Weise, die immer willkommen heißend, inklusiv und einladend für alle war, die bemüht waren um moralische, spirituelle und religiöse Werte. Niemand fühlte sich aus diesem Austausch ausgeschlossen.“
Georg W. Bush war von 2001 bis 2009 der 43. Präsident der USA. Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 kündigte Bush einen „Krieg gegen den Terror“ an und sprach von einer „Achse des Bösen“. Damit verbunden war eine Hegemonialpolitik der USA, die auch militärisch durchgesetzt werden sollte. In einem Aufsatz in dem Sammelband „Evangelicals and Empire“ diagnostizierte Jim Wallis: „Die Verwendung des Wortes Empire in Zusammenhang mit der Macht Amerikas in der Welt war früher kontrovers, oft beschränkt auf linke Kritiker der US-Hegemonie. Aber jetzt werden Konzepte der Hegemonie und sogar die Formulierung ‚Pax Americana‘ zunehmend in Kommentaren auf Meinungsseiten der Zeitungen und im politischen Diskurs der Nation ... verwendet.“ Diese Begriffe wurden, würde man hierzulande wohl sagen, salonfähig.
Dieser Anspruch der politischen Dominanz hatte ganz konkrete Konsequenzen, wie der Irakkrieg und der Afghanistankrieg zeigten. Jim Wallis warnte vor einer weiteren Gefahr: „Zu dieser aggressiven Ausweitung der amerikanischen Macht in der Welt fügte Präsident George W. Bush Gott hinzu – und das verändert das Bild dramatisch. Es ist eine Sache für eine Nation, eine krude Dominanz über die Welt zur Geltung zu bringen; es ist etwas ganz anderes, wie der Präsident zu behaupten, dass der Erfolg der amerikanischen Außen- und Militärpolitik mit einer religiös inspirierten ‚Mission‘ in Beziehung steht und sogar, dass die Präsidentschaft eine göttliche Berufung in einer Zeit wie dieser sein könnte.“ Überliefert ist diese Äußerung von Bush: „Ich glaube, dass Gott mich als Präsidenten will.“
Auf diesem Hintergrund ist für Jim Wallis die Ankündigung zu sehen „die Welt vom Bösen zu befreien“. Auch äußerte Bush: „Gott segne unsere Truppen.“ Jim Wallis hat beobachtet: „Präsident Bush verwendet mehr als jeder andere US-Präsident in der Geschichte eine religiöse Sprache und einige seiner wichtigsten Redenschreiber kommen unmittelbar aus der evangelikalen Gemeinschaft … Das Problem ist, dass die Zitate aus Bibel und Gesangbuch allzu oft aus dem Zusammenhang genommen werden oder, schlimmer noch, in einer Weise verwendet werden, die sich deutlich von der ursprünglichen Bedeutung unterscheidet.“
Kritsch setzte Jim Wallis sich in dem Buchbeitrag mit dem Anspruch eines amerikanischen Imperiums auseinander: "Christinnen und Christen sollten stets beunruhigt über ein Imperium sein, denn es droht ständig götzendienerisch zu werden und Gottes Ziele durch säkulare Ziele zu ersetzen.“ Es sei erhellend, so Jim Wallis, über die frühe Kirche und ihr Verhältnis zum damaligen römischen Imperium nachzudenken. „Es gab einmal Rom; nun gibt es ein neues Rom … Und es gab damals Christinnen und Christen, die nicht loyal zu Rom waren, sondern zum Reich Gottes. Wem gegenüber werden die Christinnen und Christen heute loyal sein?“
Jim Wallis blieb ein evangelikaler Christ, aber selbstkritisch sagte er über evangelikale Christinnen und Christen fest: „Wir haben kein gutes Studium der Bibel betrieben. Wir haben die Bibel ignoriert und uns unserer Kultur angepasst … Zu viele evangelikale Christinnen und Christen sind eher reiche Vorstadtbewohner der oberen Mittelschicht als jene, die die Bibel lieben, wertschätzen und sich nach ihr richten. Nun, sie denken, dass sie es tun. Sie glauben, dass sie es tun. Aber sie beachten nicht die biblische Lehre, die wirtschaftliche Gerechtigkeit fordert.“
Jim Wallis propagiert nicht den christlichen Staat. Im Mai 2009 sagte er in einem Beitrag des „Deutschlandfunks“ zum Wiederaufbau der USA nach acht Jahren Bush-Ära: „Ich bin für die Trennung von Kirche und Staat. Aber ich bin gegen die Trennung von moralischen Werten und öffentlichem Leben. Ja, wir respektieren die Vielfalt. Es gibt in den USA mehr Muslime als Presbyterianer. Der Respekt und die Verpflichtung zum Wiederaufbau erstreckt sich übrigens auch auf Atheisten und die vielen Menschen, die zwar spirituell, aber nicht religiös sein wollen.“
Ein wichtiger Teil der Arbeit von Jim Wallis und der Sojourners-Bewegung sind Kampagnen- und Advocacyaktivitäten zu einem breiten Spektrum politischer, ökonomischer, ökologischer Themen. Jim Wallis selbst hat mehr als ein Dutzend Bücher und zahllose Artikel veröffentlicht und ist ein gefragter Redner zu Fragen des christlichen Engagements in der Gesellschaft. Er war geistlicher Berater von Präsident Obama.
Auch konnte er seine Auffassungen von einer „moralischen Wirtschaft“ in einem Vortrag beim „World Economic Forum“ in Davos präsentieren. Er hat eine Sprache gefunden, radikale Inhalte so zu vermitteln, dass ihm auch Unternehmer und Manager zuhören und sich mit seinen Argumenten auseinandersetzen. Weiterhin erreicht er aber auch gläubige Christen in der Gesellschaft, wie sich auf Evangelischen Kirchentagen in Deutschland zeigte, wo er als Prediger und Redner zu Wort kam.
Stets stellt Jim Wallis eine direkte Beziehung her zwischen dem, was die Bibel von Christinnen und Christen fordert, und dem, was in der Gesellschaft tatsächlich geschieht. Dafür ein frühes Beispiel aus dem Jahr 1974 zum Abfall der USA von Gott: „Amerika ist eine gefallene Nation … Wenn wir der Bibel geglaubt hätten, hätten wir die Unterdrückung der Armen nicht ignoriert, wir hätten nicht die Fakten zu Vietnam abgewehrt und wir wären nicht durch Watergate überrascht worden.“
Im Jahre 1999 nahmen Jim Wallis und andere Mitglieder der Sojourners-Gemeinschaft an den Protesten in Seattle gegen das Treffen der Welthandelsorganisation WTO und ihre Förderung der vorherrschenden Globalisierung teil. Aus diesem Anlass schrieb Jim Walls in der Zeitschrift „Sojourners“: „Die Bibel schlägt keinen ‚blueprint‘ für ein Wirtschaftssystem vor, aber sie besteht stattdessen darauf, dass alle menschlichen Übereinkünfte in Wirtschaftsfragen am Maßstab der Gerechtigkeit Gottes zu messen sind, dass große Unterschiede vermieden oder beseitigt werden müssen und dass die Armen nicht abgehängt werden dürfen.“
2015 betonte Jim Wallis in einem Interview: „Es ist unmöglich, ein Evangelikaler zu sein und die gewaltige Lehre der Bibel über arme Menschen zu ignorieren … Man kann kein Evangelikaler sein und sich an der Seite von Jesus und dem, was er über die Armen sagt, sehen und in unserem Land kein anderes Anliegen haben als Steuerverminderungen für reiche Menschen.“ Er sagte in dem Interview außerdem: „Ich denke, evangelikal zu sein bedeutet, besessen zu sein von dem biblischen Gebot, nach Gerechtigkeit für die Armen zu streben. Das ist evangelikal.“
Aus der Kommunität Sojourners ist in den 1990er Jahren eine bedeutende Organisation geworden, die sich den Zielen verpflichtet weiß, die die Zeitschrift und die Gemeinschaft derer, die sie herausgeben, schon immer geprägt hat. Auf der Sojourners-Website stellt die Organisation sich so vor: “Sojourners ist eine christliche Organisation, die sich engagiert für soziale Gerechtigkeit, Frieden und vom Glauben angetriebenen Aktivismus. Durch nicht am Profit orientierten Aktivismus, digitale Medien, Advocacy, Bildung und Mobilisierung der Menschen an der Basis stärken wir Bewegungen für Menschenrechte, Würde und Gerechtigkeit – auf den Gebieten Rassismus, Gender, Wirtschaft und Umwelt. In Zusammenarbeit mit Menschen unterschiedlichen Glaubens und Hintergrunds fördern wir Gerechtigkeit und multirassische Demokratie. Verwurzelt in Jesu Lehren und der Vision einer geliebten Gemeinschaft streben wir danach, Furcht und Spaltung zu ersetzten durch eine Vision, die die Verletzlichen aufrichtet, das Gemeinwohl fördert und allen Gemeinschaften ermöglicht aufzublühen.“
Jim Wallis gab 2021 die Leitung der Zeitschrift „Sojourners“ auf. Er lehrt weiterhin an den Universitäten Harvard und Georgetown. Er ist außerdem immer noch als Redner, Buchautor und Verfasser von Artikeln und Kolumnen (in der „New York Times“) tätig. Mehrere seiner Bücher wurden zu Bestsellern. Er lebt mit seiner Frau Joy, die Pfarrerin der Episkopalen Kirche ist, in einem Armenviertel von Washington D.C. Jim Wallis gilt weiterhin als einflussreichster progressiver Evangelikale in den USA.
Ein Problem all der Evangelikalen, die sich für soziale Gerechtigkeit engagieren, besteht spätestens seit dem Amtsantritt von Präsident Trump darin, dass sich in der US-Öffentlichkeit das Bild verfestigt hat, dass Evangelikale weiße Anhänger der Republikaner sind, die begeistert Politiker wie Trump unterstützen. Dazu trägt auch bei, dass der US-Präsident evangelikale Berater um sich gesammelt hat. Jim Wallis schreibt, diese „öffentliche Wahrnehmung der Evangelikalen untergräbt und schädigt im Kern das Zeugnis und die Reputation der christlichen Kirche als Ganzer“. Deshalb gelte es, die öffentliche Wahrnehmung der Evangelikalen zu rehabilitieren und der Kirche eine inklusive und multirassische Zukunft zu ermöglichen, die bereits Gottes kommendes Reich widerspiegelt.
Worum es geht, zeigte sich exemplarisch am Pfingstsonntag 2020. Um sich gut ins Bild zu setzen, ließ Präsident Donald Trump friedliche Demonstranten vor dem Weißen Haus von Soldaten vertreiben und begab sich vor die gegenüberliegende Episkopale Kathedrale, um sich dort mit hoch erhobener Bibel fotografieren zu lassen. Das geschah ohne Zustimmung der Episkopalen Kirche und löste deren Protest aus. Jim Wallis schloss sich der Kritik am Verhalten des Präsidenten an: „Der Präsident kann unsere heiligen Räume und unsere heilige Bibel entehren, aber er kann uns nicht unseren Glauben und unseren Gehorsam gegenüber Christus nehmen. Wir, in all unseren Glaubenstraditionen, stellen uns auf die Seite der Bischöfe der Episkopalen Kirche gegen das religiöse Vergehen des Präsidenten.“
2024 veröffentlichte Jim Wallis ein Buch über das falsche weiße Evangelium, „The False White Gospel: Rejecting Christian Nationalism, Reclaiming True Faith, and Refounding Democracy“. Ein Ausgangspunkt seines Buches ist die Frage, warum so viele Evangelikale Donald Trump gewählt haben und unterstützen. Er kritisiert die Rolle der weißen Megakirchen bei der Propagierung eines falschen weißen Evangeliums, wie es von Donald Trump gefördert wird. Jim Wallis warnt: „Der weiße christliche Nationalismus ist die größte Bedrohung für die Demokratie in Amerika und für die Integrität des christlichen Glaubens.“
Jim Wallis kritisiert in seinem Buch den Auftritt Trumps bei seiner ersten Amtseinführung, als er sich demonstrativ vor die Episkopale Kathedrale stellte und die Bibel in die Höhe hielt, allerdings verkehrt herum. Dazu Jim Wallis in seinem Buch: „Trumps umgedrehte Bibel wurde im ganzen Land und in der ganzen Welt zum mächtigen Bild eines Tyrannen, der sowohl den wahren Glauben als auch die echte Demokratie auf den Kopf stellt.“
Als Alarmzeichen betrachtet Jim Wallis auch den Sturm auf das Kapitol von Trump-Anhängern am 6. Januar 2021, als Trump seine Wahlniederlage nicht anerkennen wollte und als Betrug bezeichnete. Jim Wallis warnt davor, dass Lügen zur Gewalt führen kann und erinnert daran, dass bei dem Sturm aufs Kapitol fünf Menschen getötet und 140 verletzt wurden. Was Jim Walis beim Verfassen seines Buches noch nicht wusste, war, dass Präsident Trump gleich am ersten Tag seiner zweiten Amtszeit die verurteilten Gewalttäter begnadigte.
Jim Wallis fordert in seinem Buch dazu auf, zwischen falscher und wahrer Religion zu unterscheiden. Das falsche weiße Evangelium ignoriere die prophetische Kraft des Evangeliums, um Macht und Privilegien zu perpetuieren, indem es Systeme durchsetzt, die die weiße Vorherrschaft unterstützen. Jim Wallis erhebt den Vorwurf: „Der weiße christliche Nationalismus hat aus seinen Bibeln alles aus der Heiligen Schrift herausgetrennt, was aus dem Glauben heraus zu Gerechtigkeit führt."
Er fügt hinzu: „Wann haben sie das letzte Mal einen MAGA-Pastor gehört, der von der Kanzel herab über Gerechtigkeit gesprochen hat – Gerechtigkeit für die Armen, Gerechtigkeit für die Migranten, für diejenigen, die diskriminiert werden? Die einzige Worte, die sich auf Gerechtigkeit beziehen, sind Vorhersagen der Bestrafung all derjenigen, die sich ihrer politischen Agenda entgegenstellen. Die bessere Religion zelebriert hingegen den gleichen heiligen Wert aller Menschen; es hebt die moralische Verantwortung empor, alle Menschen zu lieben, sogar unsere Feinde; es betrachtet die Natur als Teil einer großen Gemeinschaft und nicht lediglich als Rohstoff, der konsumiert werden kann; sie bringt den Armen eine Gute Nachricht, befreit die Unterdrückten und kümmert sich um die Verletzlichen; sie sieht Glauben und Gerechtigkeit als untrennbar miteinander verbunden an und sie ruft alle Menschen auf, ihre Stimme zu erheben gegen alle Formen von Unrecht und sich allen Systemen zu widersetzen, die Unrecht perpetuieren."
Jim Wallis sieht die Notwendigkeit eines „christlichen Widerstandes“ gegen eine falsche Religion und spricht in diesem Zusammenhang von einem „Bonhoeffer-Moment“. Jim Wallis erhielt für sein Buch viel Anerkennung in den amerikanischen Kirchen – jedenfalls in den Kirchen, die der Instrumentalisierung der christlichen Religion durch Trump und seine Anhänger kritisch gegenüberstehen.
Der gegenwärtige Verteidigungsminister (inzwischen „Kriegsminister“) Peter Hegseth verbannte nach seinem Amtsantritt 381 Bücher aus der Bibliothek der US Marineakademie. Unter den Autoren der verbannten Bücher war Jim Wallis.
