
Dichtgedrängt standen Hanseatinnen und Hanseaten mit Fackeln auf dem Jungfernstieg und lauschten tief bewegt dem Lied „Deutschland, Deutschland über alles!“. Es sangen vor einem großen Publikum die Hamburger Liedtafel von 1823 und die Hamburger Turnerschaft von 1816. Anwesend war auch Hoffmann von Fallersleben, der Dichter der Hymne, die an diesem 5. Oktober 1841 das erste Mal öffentlich erklang. Mit dem Lied wurde der liberale Politiker und Professor Karl Theodor Welcker, ein bekannter Vorkämpfer für ein vereintes Deutschland, geehrt. Er logierte im Streit's Hotel am Jungfernstieg, einem der vornehmsten Häuser der Stadt. Eine Abordnung des Senats überreichte Professor Welcker ein Prachtexemplar des Liedes, gebunden in Leder.
Hoffmann von Fallersleben hatte das „Lied der Deutschen“ am 26. August 1841 bei einem Besuch auf der Insel Helgoland gedichtet, auf der damals die britische Flagge wehte. Als Melodie wählte er Joseph Haydns „Gott erhalte Franz den Kaiser“. Er sollte nicht mehr erleben, dass sein Lied zur deutschen Nationalhymne wurde. Aber an diesem 26. August brachten die Hamburgerinnen und Hamburger eindrucksvoll die Hoffnung auf ein vereintes, demokratisches Deutschland mit „Recht und Freiheit“ zum Ausdruck.
Der Dichter kam am 2. April 1798 als August Heinrich Hoffmann in Fallersleben (heute ein Teil von Wolfsburg) zur Welt. Der Vater war Kaufmann und Gastwirt, und die Eltern konnten ihren fünf Kindern nur ein Leben in bescheidenem Wohlstand bieten. Seit seiner Studienzeit behauptete der Sohn August Heinrich kühn, aus einer verarmten Adelsfamilie zu stammen und schmückte sich mit dem Namen Hoffmann von Fallersleben.
Er studierte 1816 ein Semester Theologie und wechselte dann zur klassischen Philologie und Archäologie. Auf Anregung des berühmten Jacob Grimm beschäftigte er sich intensiv mit deutscher Sprache und Literatur. Nachdem er zum Bibliothekar an der Universitätsbibliothek Bonn berufen worden war, entdeckte er 1821 in den dortigen Buchbeständen die Teile eines wertvolles Evangelienbuches und machte sich anschließend als Verfasser wissenschaftlicher Beiträge über dieses Buch und weitere Themen einen Namen. 1823 erhielt er eine Anstellung als Bibliothekar an der Universität Breslau und konnte dort einige Jahre später zum Professor für deutsche Sprache und Literatur aufsteigen.
Vielleicht wäre der Professor nicht über Breslau hinaus bekannt geworden, hätte er nicht 1840 die „Unpolitischen Lieder“ im Hamburger Verlag Hoffmann und Campe veröffentlicht. In den Liedern setzte er sich kritisch mit den damaligen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen auseinander. Rasch musste eine zweite Auflage gedruckt werden, und noch rascher geriet er ins Visier der Obrigkeit verschiedener deutscher Staaten, wurde entlassen, von Polizei und Spitzeln beobachtet und mehrmals verhaftet. Als er im August 1841 nach Helgoland reiste, ließ ihn die hannoversche Regierung von einem Spion begleiten.
Das „Lied der Deutschen“ wurde dem Dichter gleich auf Helgoland von seinem Verleger Campe für vier französische Goldmünzen abgekauft, ein gutes Geschäft für den Verleger, wie sich zeigen sollte. Hoffmann von Fallersleben erinnerte sich später: „Ich lese ihm: ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ und noch ehe ich damit zu Ende bin, legt er mir vier Louisd’or auf meine Brieftasche.“ Nach Hamburg zurückgekehrt, ließ der Verleger das Lied gleich in großer Auflage drucken. Es stieß bei den meisten Herrschern der 39 deutschen Teilstaaten auf Ablehnung.
Dass der Hamburger Senat Professor Welcker ein in Leder gebundenes Exemplar dieses Liedes überreichte, war eine große Ausnahme. Ein vereintes Deutschland hätte den Fürsten und Königen der Kleinstaaten ihre Macht genommen, und Recht und Freiheit klang für sie nach Aufruhr. Der Dichter wurde in Preußen als „staatsgefährdend“ abgestempelt, führte nun das Leben eines politisch Verfolgten und musste sich zeitweise als Kuhhirt tarnen. Immerhin fand er Zeit, viele Gedichte und etwa 550 Kinderlieder zu verfassen, von denen einige bis heute gesungen werden, darunter „Alle Vöglein sind schon da“. Es sind leider auch antisemitische Liedtexte von ihm überliefert.
Am politischen Aufbruch 1848 nahm von Fallersleben nicht aktiv teil, woraufhin die reaktionäre preußische Regierung bereit war, ihn zu rehabilitieren. Professor durfte er zwar nicht wieder werden, aber immerhin wurde ihm ein „Wartegeld“ zugesprochen. Der Fünfzigjährige nahm die einigermaßen gefestigte finanzielle Lage zum Anlass, endlich zu heiraten und zwar seine 18-jährige Nichte Ida vom Berge. Das Paar hatte vier Kinder. Sie starb 1860 bei der Geburt eines Kindes.
Auf Vermittlung des befreundeten Komponisten Franz Liszt erhielt der Dichter 1860 eine feste Anstellung als Bibliothekar der Schlossbibliothek von Corvey, eine Tätigkeit, die ihm Zeit ließ, seine sechsbändige Autobiographie zu verfassen. Hoffmann von Fallersleben starb am 19. Januar 1874 in Corvey. An seiner Beerdigung nahmen etwa 1.000 Trauergäste teil.
Das Deutsche Kaiserreich von 1871 wählte das „Lied der Deutschen“ nicht zur Nationalhymne, sondern bei offiziellen Anlässen wurde „Heil dir im Siegerkranz“ gesungen, ursprüngliche die Hymne auf den preußischen König und nun auf den Deutschen Kaiser („Heil, Kaiser, Dir“). Erst 1922 erklärte Reichspräsident Friedrich Ebert, das Lied von Hoffmann von Fallersleben zur Nationalhymne. Die Nazis sangen dann nur noch die erste Strophe und ersetzten die zweite und dritte Strophe durch das „Horst-Wessel-Lied“ („Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen!“).
Bundeskanzler Adenauer setzte durch, dass das ganze Lied Hoffman von Fallersleben wieder zur Nationalhymne wurde, aber Bundespräsident Heuss sorgte dafür, dass bei offiziellen Anlässen nur der dritte Vers gesungen wurde. 1991 legten Bundespräsident und Bundeskanzler fest, dass nur noch der dritte Vers die deutsche Nationalhymne ist und das „Deutschland, Deutschland über alles“ des ersten Verses keine falschen Assoziationen mehr aufkommen lässt. So ist die Geschichte des Liedes ein Spiegelbild der jüngeren deutschen Geschichte.
In Bergedorf trägt eine Straße den Namen von Hoffmann von Fallersleben. Am Streit’s Haus am Jungfernstieg erinnert eine Tafel daran, dass hier 1843 das erste Mal öffentlich das Lied „Deutschland, Deutschland über alles“ gesungen wurde. Fälschlicherweise wird auf der Tafel behauptet, dem Dichter des Liedes wäre damals „eine Huldigung dargebracht“ worden. Geehrt wurde tatsächlich Professor Welcker. Auf Helgoland stellte man eine große Bronzebüste für den Lieddichter auf.
Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte
