Jörg Zink – die tieferen Wahrheiten der Weihnachtsgeschichten

 

„Diese Geschichte begleitet mich nun, seit ich denken kann. Am Heiligen Abend, ehe es die Geschenke gab, sagten wir Kinder sie auf, als wir noch längst nicht lesen konnten. Die ganze geträumte Welt eines kindlichen Lichterfestes liegt in ihr, und ich kann sie noch heute nicht sprechen, ohne in die kleine Stube versetzt zu sein, in der damals der Christbaum stand. Noch heute ist sie mir der Inbegriff des Märchenhaften, diese Geschichte mit ihrem offenen Himmel und mit dem Gesang von En­geln, mit Hirten und Schafen, und mit einem jungen Paar, das bei aller Mühsal und Armut so unendlich geborgen mit seinem Kind in einem dunklen Stall ruht.“

 

Mit diesen Worten beschrieb der bekannte Theologe Jörg Zink in seinem Buch „Zwölf Nächte“ das Weihnachten seiner Kindheit. Er hat sich in einem langen Lebensweg mit historisch-kritischen Methoden des Umgangs mit der Bibel beschäftigt, stellt verschie­dene Dogmen der Kirchen infrage, bezeichnet manche biblischen Geschichten als Legenden – und ist trotzdem noch immer fasziniert von dem, was der Evangelist Lu­­kas über die Geburt Jesu geschrieben hat. „Man mag diesen Bericht eine Legende nennen, also eine Erzählung, die etwas, das innen, in der Seele eines Menschen, ge­schah, ins Äußere verlegt und es als Ereignis über den Hügeln einer Landschaft und unter den Sternen schildert. Immerhin, das Bild ist stark, und es fasziniert uns bis zum heutigen Tag.“

 

Jenseits aller Fragen nach dem tatsächlichen historischen Gesche­hens bekannte Jörg Zink: „Die Geschichte von der Geburt des Kindes in Bethlehem sagt uns: Du bist auf diese Welt gesandt. Gehe nun diesen Weg auf der Erde, achte auf Gottes Willen, achte auf seine Führung, auf die Zeichen, die er gibt. Der dich ge­sandt hat, ist da. Er führt dich. Er begleitet dich mit dem Gesicht eines Bruders. Er stützt dich. Er zeigt dir deinen Weg. Er empfängt dich am Ende. Und er führt dich weiter, ohne Aufhören. Unendlich.“

  

Vom Waisenkind zum Theologen und Buchautoren

Jörg Zink wurde am 22. November 1922 geboren. Seine Eltern lebten auf dem Habertshof, einem christlichen Bruderhof im hessischen Schlüchtern, wo sie Gedanken des religiösen Sozialismus verwirklichen und in Armut leben wollten. Aber aus der Armut wurden in der Inflationszeit tiefes Elend und Hunger. Die Mutter starb an Schwindsucht, als ihr ältester Sohn Jörg drei Jahre alt war, der Vater starb ein Jahr später. Jörg Zink wuchs mit seinen beiden Brüdern bei seiner Stiefmutter in Ulm auf. Obwohl seine Stiefmutter zu den Hitlergegnern gehörte, wurde Jörg Zink zum begeisterten Hitlerjungen. Er machte 1941 Abitur, aus Technikbe­geisterung meldete er sich zur Luftwaffe und wurde Jagdflieger. Von den 400 Pilo­ten seines Geschwaders überlebten nur drei. Jörg Zink überstand drei Abstürze, wurde aber in Frankreich wegen unerlaubter Entfernung von der Truppe zu einer Haftstrafe verurteilt. Im Gefängnis lernte er einen französischen Widerstandskämp­­fer kennen, der ihn wegen seiner Freundlichkeit, seiner Gelassenheit und des inneren Friedens tief beeindruckte, mit der er als Christ der Hinrichtung entgegenging. Das hat Jörg Zink überzeugt und ihm den Anstoß dafür gegeben, Theo­loge zu werden.

 

Nach der Kriegsgefangenschaft kam Jörg Zink in eine zerstörte Heimat zurück, und war wie viele auf der Suche nach Sinn und einem neuen Anfang. Er studierte The­o­logie und Philosophie und entschloss sich, Pfarrer zu werden. Im Rückblick sagte er im Jahre 2000 im Bayerischen Rundfunk: „Das habe ich nie bedauert: Wenn ich heute noch einmal jung wäre, würde ich genauso Pfarrer werden wie damals. Das ist für mein Gefühl der sinnvollste, schönste und auch freieste Beruf, den ein junger Mann, der etwas verändern will, ergreifen kann.“ 1950 heiratet er Heidi Daur und wurde in den folgenden Jahren Vater von vier Kindern.

 

1951 schloss Jörg Zink das Theologiestudium ab und absolvierte sein Vikariat in Stuttgart. Im folgenden Jahr trat er die Stelle als Lehrbeauftragter am Evangelischen Stift in Stuttgart an und veröffentlichte bald dar­auf sein erstes Buch, den Essayband „Würde und Freiheit“. Es folgte 1955 die Pro­motion bei Helmut Thielicke in Hamburg zum Thema „Der Kompromiß als ethisches Problem“. Danach arbeitete Jörg Zink zwei Jahre lang als Pfarrer in Esslingen und wurde anschließend zum Leiter des Jugendbildungszentrums Burck­hardthaus in Gelnhausen berufen.

  

Der theologische Aufbruch

Die neu entstehende politische Theologie der 1960er Jahre wurde für ihn, schrieb Jörg Zink später, eine Befreiung: „Endlich war es erlaubt, von der Theologie her die Zustände im gesellschaftlichen Raum anzugehen, als Dorothee Sölle und Johann Baptist Metz die Wendung vollzogen von einer existenzialen beziehungsweise transzendenten Bibelauslegung in eine politische. Leider ist der Sinn dieser Wendung den Kirchen erst mit durchschnittlich zwanzigjähriger Verspätung aufgegangen.“ Und er fügte hinzu: „Eine Theologie, die nichts kennt als die einsame Familiengeschichte oder Familientragödie zwischen Gott und Mensch, gehört der Vergangenheit an.“ Jörg Zink bekennt, von der Befreiungstheologie und vor allem von der feministischen Befreiungstheologie viel gelernt zu haben. Da überrascht es nicht, dass er mit der lutherischen Zwei-Reiche-Lehre nichts mehr anfangen kann und sie als „theologisches Götzenbild“ bezeichnet, die bei uns das „reak­tionäre Staatskirchenrecht“ hervorgebracht hat.

 

Jörg Zinks Auslegungen neutestamentlicher Texte beruhen auf der Auffassung, dass das, was wir im Neuen Testament lesen, nicht das Original dessen ist, was Jesus gesagt und getan hat. Er schrieb in seinem Buch „De Urkraft des Heiligen“: „Da sind Worte, die Jesus selbst gesprochen haben kann. Da sind aber auch Worte, an die sich die Berichterstatter nur ungenau erinnerten, oder Worte, in denen sie formulierten, was ihnen erinnerlich war, in denen sie ihre eigenen Erfahrungen mit Jesus ausdrückten oder in denen sie zum Ausdruck brachten, was ihnen an Jesus kostbar war.“ Jörg Zink war überzeugt, dass der Versuch gescheitert ist, zu trennen, was authentische Jesus-Worte sind und was später hinzugefügt wurde, was historisch stattfand und was Legende ist. Auch sei es nicht möglich, Mythologisches auszuscheiden: „Denn jede Art von Wort oder Erzählung ist Ausstrahlung eines Wortes oder einer Geschichte oder vielfacher Wi­derschein dieser Ausstrahlung und nicht das Originalgeschehen.“

 

Eine Glaubensüberzeugung von Jörg Zink nach Jahrzehnten des theologischen Nachdenkens war es, dass es sich bei der Bezeichnung Jesu als „Sohn Gottes“ um einen Titel handelt, nicht um eine Beschreibung der leiblichen Abkunft Jesu. In seinem Buch „Die Urkraft des Heiligen“ entwickelt er ein Verständnis von dem Begriff „Sohn Gottes“, das deutlich von herkömmlichen dogmatischen Vorstellungen abweicht. Er erinnert daran, dass schon mehr als ein Jahrtausend vor der Geburt Jesu auf dem erst­geborenen Sohn die besondere Hoffnung lag, „er könnte der Messias, der Erlö­ser Israels sein“. Wichtig in der weiteren Argumentation Jörg Zinks ist, dass im antiken Orient durch die Anerkennung des Vaters „Du bist mein Sohn“ ein Verhält­nis von Vater und Sohn entstand. Es war zunächst, so Zink, ein Rechtsverhält­nis und erst in zweiter Linie eine Blutsverwandtschaft. Der Begriff „Sohn“ wurde in vielen Beziehungen verwendet, ohne dass eine Blutsverwandtschaft bestand, zum Beispiel zwischen Lehrer und Schüler.

 

Die Formulierung „Sohn Gottes“ ist in der Bibel und in der jüdischen Tradition häufiger zu finden. In der antiken Welt machte ein König häufig einen tüchtigen Mann zu seinem „Sohn“, der als sein Stellvertreter tätig wurde, solange dieser König regierte. Der „Sohn“ sprach zum Beispiel in seinem Auftrag im Lande Recht. In diesem Sinne versteht Jörg Zink die Aussage des Johannes, „und er hat ihm Vollmacht gegeben, das Gericht zu halten“ (Johannes 5,27). Der Bevollmächtigte, der „Sohn“, saß im antiken Thronsaal zur Rechten des Herrschers.

 

Daran wird nach Auffassung von Jörg Zink angeknüpft, wenn im Neuen Testament davon gesprochen wird, dass Jesus zur Rechten Gottes sitzt. Der evangelische Theologe schließt aus seiner hier nur in Kurzform wiedergegebenen Argumentation: „Für uns darf klar sein, dass das Wort ‚Sohn’ den Rang beschreibt, den Jesus für uns hat, seine Bedeutung, seinen Auftrag, seine Vollmacht, und dass wir die skurrile Vorstellung, Gott habe, allein und ohne eine Frau, einen Sohn zur Welt gebracht, mit Gelassenheit weglegen dürfen.“

 

Als Beleg dafür, dass es um den Titel „Sohn“ ging und nicht eine leibliche Abkunft von Gott, sah Zink die Abstammungsreihen an, die Matthäus und Lukas auflisten und die die irdischen Vorfahren Jesu deutlich machen sollen. „Erst in späterer Zeit, als das Evangelium den Menschen des griechisch-römischen Kulturkreises er­klärt werden musste, begann man den Titel ‚Sohn’ misszuverstehen und deutete ihn im Sinne von leiblicher Geburt und Abkunft. Die Evangelien des Matthäus und Lukas aber bemühen sich deutlich, dieses Missverständnis abzuwehren, indem sie Jesu Ahnenreihe bis zu Abraham und bis zu Adam nachweisen.“

 

Dieses Verständnis der Gottessohnschaft Jesu hat weitreichende Konse­quen­zen für den Glauben und auch für das Handeln, das aus diesem Glauben er­wächst. Das kann Christinnen und Christen verunsichern, ihnen aber auch einen ganz neuen Zugang zum Glauben eröffnen. Und Letzteres hat Jörg Zink immer wie­der erreicht und zahlreichen Menschen wichtige Anstöße dafür gegeben, neu über Gott und die Welt nachzudenken.

  

Ein Pfarrer in Fernsehen und Film

1961 wurde Jörg Zink Beauftragter für Fernsehfragen der Württembergischen Landeskirche und sprach mehr als 100 Mal „Das Wort zum Sonntag“, eine Aufgabe, der er sich mit Akribie widmete. Jedes Manuskript wurde bis zu zwanzig Mal bearbeitet, was vier Wochen dauern konnte. Aber der Aufwand lohnte, denn Jörg Zink erreichte hohe Einschaltquoten und große Popularität. Er stieß allerdings auch immer wieder auf Widerspruch konservativer Kreise. Noch im Alter rechnete er es der Württembergischen Landeskirche hoch an, dass sie ihn mit „vornehmer Liberalität“ behandelt hat: „… meine Kirche hat zwar manchmal unter dem gelitten, was ich gesagt habe, aber sie hat mich nie diszipliniert und mir auch nie Vorschriften gemacht“.

 

Von 1970 produzierte Jörg Zink zahlreiche Filme zu religionsgeschichtlichen und kulturellen Themen im Nahen Osten. 1980 ließ sich der Theologe von seiner Landeskirche beurlauben, um sich ganz auf seine Arbeit als freier Publizist zu konzentrieren. Seine Bibelarbeiten auf Kirchentagen sind bei vielen Tausend Men­schen unvergessen. Beim Evangelischen Kirchen­­tag 1981 in Hamburg kamen 60.000 meist junge Leute zu seiner Bibelarbeit unter freiem Himmel.

 

Die Bewahrung der Schöpfung wurde zu einem der wichtigsten Themen in diesen Bibelarbeiten und in der publizistischen Arbeit Jörg Zinks. Deshalb en­gagierte er sich für den konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung, wobei er weniger auf Kirchenleitungen als auf Ökologiegruppen und ökumenische Ini­tiativen setzte. Dazu passte, dass er 1979 in die neugegründete Partei „Die Grünen“ eintrat und sie mit Erfolg im Wahlkampf unterstützte. Sie zog in den baden-württembergischen Landtag ein. Manchen galt Zink nach diesem Engagement und nach einigen gesellschaftskritischen „Wort zum Sonntag“-Bei­trä­gen als Politpfarrer. Und als er Bi­schof Scharf nach dessen Besuch von Ulrike Meinhof im Gefängnis in Schutz nahm, erhielt der Fernsehpfarrer Morddrohungen, und man warf ihm die Fensterscheiben ein.

  

Das Hoffen auf Umkehr

Jörg Zink lebte in der Hoffnung auf eine Umkehr, im Jahre 2000 musste er allerdings in dem erwähnten Interview bekennen: „Meine Hoffnung ist im Laufe der Zeit aber immer kleiner gewor­den. Es müsste heute schon ein Wunder geschehen, wenn die Menschheit noch dahin kommen wollte, mit der Schöpfung so umzugehen, wie sie mit ihr umgehen müsste, damit auch noch unsere Urenkel in einer Welt leben könnten, in der es sich auch lohnt zu leben.“ Aber das hinderte Jörg Zink nicht daran, sich weiter für die Bewahrung der Schöpfung zu engagieren. Es gelte, den Krieg gegen die Natur zu beenden und in Frieden mit ihr zu leben. Und miteinander in Frieden leben müssen die Menschen selbstverständlich auch, und deshalb beteiligte sich Jörg Zink von den 1980er Jahren an aktiv an der Friedensbewegung.

 

Vielen Kirchenoberen galt Jörg Zink als unbequemer Geist, der den Status quo infrage stellt, etwa dann, wenn er sagt: „Für mich persönlich gibt es keine Trennung zwischen den Konfessionen. Ich lebe ebenso gerne mit Katholiken wie mit Protestanten, und ich feiere ebenso gern eine katholische Messe mit wie einen evangelischen Gottesdienst … für mein Gefühl ist alles, was mit Konfessionen zusammenhängt, ein Rest der Geschichte.“ Bereits 1946 feierte Jörg Zink gemeinsam mit einem orthodoxen Bischof, einem katholischen Abt und dem damaligen Leiter der EKD-Kanzlei eine Eucharistie. Und der Himmel ist nicht eingestürzt, könnte hinzugefügt werden. Seither war Jörg Zink für jede konfessionelle Enge verloren.

 

1996 schrieb er in einem Zeitungsartikel: „… ich denke, wir gehen heute über die Ränder unseres archaischen Sektenbewusstseins hinaus, fröhlich und unbe­küm­mert, wo immer die Mauerreste der Konfessionen wie Steinriegel aus dem Mittelalter in der Landschaft herumliegen“. Ein Jahr später, 1997, erregte Jörg Zink den Zorn der Vertreter eines engen Konfessionalismus, als er dafür plädierte, die Reihenfolge beim Umgang mit der Frage des gemeinsamen Abendmahls zu ändern. Er ermutigte die Gläubigen „Lasst uns feiern“, und wenn man sich erst einmal am Tisch des Herrn zusammengesetzt habe, könnte man anschließend darüber spre­chen, welche Fragen beim Abendmahlsthema wirklich noch offen sind.

 

Das stieß nicht nur bei der katholischen Hierarchie auf Widerspruch, sondern auch bei man­chen protestantischen Theologen, die fürchteten, die evangelische Identität werde preisgegeben. Aber schon der Titel von Jörg Zinks Buch zum Thema war Pro­gramm: „Zum Abendmahl sind alle eingeladen“. Kurz vor dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin 2003 erschien ein weiteres Buch Jörg Zinks zur ökumenischen Zusammenarbeit. Es trug den Titel: „Die eine Kirche – wann endlich?“

Hinter seiner theologischen Position zum Abendmahl steht die Einsicht Jörg Zinks, dass Jesus alle an seinen Tisch eingeladen hat. Für ihn ist die Antwort Jesu auf eine Anfrage von Jüngern des Johannes, warum Jesu Jünger nicht fasteten, von zen­traler Bedeutung: „Wie können die Hochzeitsgäste Leid tragen, solange der Bräu­­tigam bei ihnen ist.“ (Matthäus 9,15)

 

Jörg Zink schrieb dazu in seinem Buch „Die Urkraft des Heiligen“: „Da wird also Hochzeit gefeiert, die Hochzeit Gottes mit seinem Volk, das Fest der Errichtung des Gottesreiches unter den Menschen. Da ist der Tisch frei für jeden, der mitmachen will, und am Tisch versammelt sich weder die religiöse Elite noch der soziale Kehricht, sondern das neue brüderliche Gottesvolk der Armen und der Reichen, der Gerechten und der Ungerechten.“ Kein Zweifel, bei diesem Verständnis des gemeinsamen Mahls kann niemand durch kirchliche Bestimmungen oder Dogmen aus­­geschlossen werden, ausschließen kann man nur sich selbst, und so ermutigt Jörg Zink uns alle: „Das Reich Gottes wächst dort, wo du den Schritt tust von der Straße deiner eingebildeten Rechtschaffenheit zum gemeinsamen Fest aller Menschen.“

 

Ebenso offen zeigte sich Jörg Zink gegenüber Menschen anderen Glaubens: „Wir leben in einem Land, in dem Menschen verschiedenster Religionen beieinander leben, miteinander leben müssen und sich auch verstehen müssen. Wer da heute noch regelrecht isoliert in seinem christlichen Gehäuse lebt, der versäumt auch etwas von seiner Zeit.“ Jörg Zink bekannte 2001 in einem „Chrismon“-Interview, dass er indianische Religionen immer sehr geliebt habe, dass er sich den islamischen Sufis verwandt fühle und auch manchen Hindus, und er bekundete: „Ich möchte das Ganze des religiösen Bewusstseins der Menschheit verstehen.“

   

Der Geist weht, wo er will

Immer wieder hat Jörg Zink seine Vorbehalte gegen eine verfestigte institutionalisierte Kirche geäußert, und er hat dies in seinem Buch „Zwölf Nächte“ biblisch begründet: „Wenn ich das Evangelium frage, dann ist der Geist Gottes nirgends an Ämter gebunden, nirgends an eine Hierarchie, nirgends an eine Organisation. Er weht, wo er will und wo Menschen sind, die ihn aufnehmen und sich von ihm bewegen lassen. Der Geist Gottes ist ausgegossen auf alle Menschen, sagt die Bibel: also auf Mann und Frau, auf Greis und Kind. Und was dort entsteht, wo man sich dem Geist Gottes überlässt, das ist das, was wir als die Gemeinschaft der Heiligen bezeichnen.“ Jörg Zink betont die Freiheit Jesu, der alle einlädt, und die Anfechtung, die dies immer für die Kirche be­deutet hat: „Und so gab es in der späteren Christenheit immer wieder jene, die Ordnung in die Sache bringen wollten, die ihre Kirchen und Gemeinden vor der Großzügigkeit Jesu zu bewahren strebten.“

 

Den Geist Gottes sah Jörg Zink in der Begegnung von Maria und Elisabeth wirken: „In diesen beiden Frauen steht zum ersten Mal das Bild jenes Menschen vor uns, der sich und sein Schicksal unmittelbar von Gott empfängt, ohne den Umweg über irgendwelche Autoritäten. Und es steht in ihnen zugleich zum ersten Mal jene Kirche vor uns, jene Gemeinschaft der Heiligen, die keiner Organisation bedarf, weil sie unmittelbar ausdrückt, wie da Menschen von Gottes Geist zueinander geführt werden. Sie sind zugleich die ersten Menschen, die von jeder Art menschlicher Herrschaft frei sind dadurch, dass ihnen der Geist Gottes verliehen ist.“

 

Jörg Zink hat seine Einsichten in weit mehr als 100 Büchern veröffentlicht, ebenso in zahlreichen Aufsätzen und Zeitschriftenbeiträgen. Zu erwähnen ist auch eine eigene Bibelübersetzung. Die Gesamtauflage seiner Bücher beträgt mehr als 17 Millionen Exemplare. Dazu hat er mehr als 100.000 Briefe beantwortet, viele mit der Bitte um Rat in schwierigen Lebenssituationen. „Alle diese Menschen bekommen von mir eine eigene Antwort“, hob der Theologe im Ruhestand im Jahre 2000 hervor. Er erhalte weiterhin jeden Tag einige Briefe und beantworte sie auch.

 

Diese Briefe und zahllose Begegnungen mit Christinnen und Christen haben Jörg Zink dazu bewegt, stärker über die Mystik zu sprechen. Schon in der Kindheit sei er Mystiker gewesen, betonte er in einem Interview, aber als Pfarrer habe er den Eindruck gehabt, es wäre zu früh, über Mystik zu sprechen. In den 1980er Jahren habe er, sagte er 2002 in einem „Publik-Forum“-Gespräch, dann eine starke Bewegung in Richtung auf eine mystische Spiritualität erkannt: „Deshalb habe ich versucht, das Christliche einer solchen Mystik herauszustellen und zu sagen: Leute, das kommt ja auch in der Bibel vor.“ Worum geht es für ihn in der Mystik? „Die Mystik will, dass alles, was wir von Gott reden, in uns selbst hineingenommen wird, in uns selbst lebendig gemacht wird, in uns selbst verwandelt, in uns selbst zur Aktivität führt, zu einem in sich geschlossenen Leben auf dem Weg der Besinnung, der Einkehr, des Gebets und des In-Seins, wie man sagt.“

 

Mystik und das Engagement für Gerechtigkeit und für die Schöpfung gehören für Jörg Zink aufs Engste zusammen. Er erinnerte daran, dass die meisten Mystiker der Welt von einem Staat oder einer Kirche verfolgt wurden, weil sie So­zialreformer und mit ihren Forderungen nach Gerechtigkeit unbequem waren.

  

Weihnachten mit Jörg Zink

Wer mit Jörg Zink Weihnachten feiern will, der muss sich verabschieden von dem verkitschten Weihnachtsfest. Der Theologe beharrte in seinem Buch „Lichter und Geheimnisse“ darauf, dass wir Weihnachten keine Idylle feiern, sondern den Beginn eines Menschenweges: „Sein Weg wird nicht in Glanz und Herrlichkeit verlaufen, sondern in Dunkelheit und Gefahr und Leiden.“ Und dies wird der Weg von Menschen sein, die Jesus nachfolgen. Es wird ein Weg mit Höhen und Tiefen sein, aber ein Weg, den Gott mit den Menschen geht.

 

Es ist ein hoffnungsvoller Weg: „Und dieser Weg führt weiter als alle Erfolge und Misserfolge unserer sechzig oder achtzig Jahre. Er hat seine Schönheit aus der Liebeskraft, die uns unterwegs zuwächst. Aus der Weisheit, die wir finden, aus den Opfern, zu denen wir bereit sind. Aus dem weiten Raum des Gottesreiches, durch den er geführt hat und in dem er weitergehen wird, wenn unser Leben auf dieser Erde endet.“ Jörg Zink ermutigte die Menschen, beim eigenen Lebensweg auf Gottes Willen, auf seine Führung und seine Zeichen zu achten. Gott zeigt uns unseren Weg und empfängt uns am Ende. „Der neue Mensch in dir, der von Gott erweckte, wird weitergehen in ein anderes Land.“

 

Aus dem, was bereits über die theologischen Überzeugungen Jörg Zinks gesagt wurde, wissen wir, dass er kein Freund dogmatischer Vorstellungen in Zusammenhang mit dem Weihnachtsgeschehen sein kann. Zur Jungfrauengeburt schrieb er im Buch „Zwölf Nächte“: „Ich wäre nicht böse, wenn die Sache mit der Jungfrauenschaft der Maria ein Symbol wäre, mit dem man später zu deuten versuchte, wer Jesus sei und woher er komme … Vielleicht brauchten die Menschen der damaligen Zeit die Geschichte von der unbefleckten Jungfrau, um auszudrücken, was sie meinten. Für uns, jedenfalls für mich, ist ein Mädchen, das ein Kind erwartet, keineswegs ‚befleckt’. Es kann an Herz und Seele sehr rein und schön und wie Maria bereit sein, sich zu seinem Kind dankbar zu bekennen.“

 

Jörg Zink suchte nicht nur die historische Wahrheit des Geschehens rund um die Geburt Jesu, sondern auch jenseits davon eine tiefere Wahrheit. Daher konnte er schreiben: „Und wenn mir einer sagen würde, die Hirten hätten nur geträumt, was sie in Bethlehem erzählten, so würde ich noch lange sagen: Was für ein guter Traum! Und wieviel Wahrheit in ihm über das, was aus ihnen, den Menschen von den Feldern, und aus ihrer ganzen Welt werden kann und soll!“

 

Ganz Ähn­liches schrieb er zur Geschichte von den drei Königen: „Wer sich bewusst ist, dass die Heiligen Drei Könige die Kinder einer frommen, bilderreichen Phantasie sind, der wird sie als Gleichnis verstehen. Und ihre Wahrheit wird die eines Gleichnisses sein. Denn wenn sich im Kind das Innerste unserer eigenen Seele spiegelt, so spie­gelt sich in der Weisheit der Weisen unser eigener, auf das Kind hin denkender Geist. Und es spiegelt sich in der Herrlichkeit und Pracht der Könige unsere Berufung zu neuen, schönen, das Bild Gottes wiedergebenden Menschen. In der Reise nach Bethlehem aber erscheint das Bild unseres eigenen Lebensweges, der ein Ziel hat; nämlich das Heilszeichen eines Sterns.“

  

Umgang mit Flüchtlingen heute

Für Jörg Zink war die Weihnachtsgeschichte auch eine Geschichte, wie man mit Fremden und Flüchtlingen umgehen soll: „Als Jesus auf die Welt kam, hatte er weder Haus noch Bett. Kurze Zeit später, als kleines Kind, war er auf der Flucht nach Ägypten und zurück.“ Das Verhältnis zu Jesus entscheidet sich an dem Verhältnis zu den Fremden, fasst Jörg Zink eine zentrale Botschaft Jesu zusammen. Diese Botschaft lautet in der Übersetzung des Theologen: „Wo euch ein Fremder begegnet, begegne ich euch, und was ihr tut, entscheidet über euer Verhältnis zu Gott. Gott ist euch in dieser Welt so nahe wie der nächste Asylant oder Gastarbeiter.“

 

Angesichts wachsender Fremdenfeindlichkeit und der Abschottung der reichen Länder gegen Flüchtlinge aus den armen Regionen der Welt schrieb Jörg Zink 1994: „Man hat unser Jahrhundert das Jahrhundert des Flüchtlings genannt … Man nennt das Jahrhundert des Flüchtlings auch das Jahrhundert des Kindes, als verstände man heute das Schützen und Bewahren und Beheimaten von Kindern besser als in früheren Zeiten. Aber die Kinder leiden in den Flüchtlingstrecks ebenso mit wie in den Gastarbeiterunterkünften, und immer ist es das Kind, das uns, die Sesshaften, am härtesten anklagt. Es hat etwas Beklemmendes an sich, dass unsere sesshafte Gesellschaft ihr wichtigstes Fest im Bild eines heimatlosen Kindes im Rahmen einer Notunterkunft feiert und nichts dabei findet.“

 

Jörg Zink sieht eine Ursache für das Verhalten der sesshaften Gesellschaft bei uns darin, dass die Menschen nicht mehr in den Traditionen und Bildern ihres Glaubens zu Hause sind und das Bild von der Flucht der heiligen Familie nur noch als Postkartenmotiv dient, statt das Verstehen zu fördern. „Es spiegelt sich dann eins im anderen: Die Angst der Besitzenden ist es, die den Landsuchenden in die Angst hinaustreibt. Die Ungeborgenheit derer, die in den sicheren Häusern wohnen, ist es, die den Ungeborgenen hindert, Geborgenheit zu finden.“

  

Kritische Worte zu bestehendem Unrecht in der Welt

Eng damit zusammen hängt die Frage globaler Gerechtigkeit. Bei einer Tagung in der Evangelischen Akademie Bad Boll sagte Jörg Zink 2008 in einem Referat: „Globale Gerechtigkeit? Es waren doch wohl nicht die Chinesen oder Inder, die seit fünfhundert Jahren mit ihren Kriegsflotten von Ufer zu Ufer gefahren sind, um die Reichtümer aller Völker in ihrer Heimat anzuhäufen, bis am Ende die ärmsten der armen Völker von ihnen abhängig waren? Ist das System der heutigen Weltwirtschaft nicht das von den Christen erfundene Mittel zu einer weltweiten Herrschaft der Reichen?“

 

Auch im Blick auf das von den Kirchen postulierte christliche Friedensengagement fragte Zink kritisch: „Und wer hat denn die Kriege so entsetzlich gemacht? Wer hat das ganze Kriegsgerät, das in den heutigen Kriegen einge­setzt wird, erfunden? Waren es nicht die christlichen Völker? Und heute? Wer in den christlichen Völkern nimmt sich vor, diese Waffen tatsächlich zu vernichten, anstatt sie in alle Welt zu exportieren?“ Und zum Engagement der Kirchen für eine Bewahrung der Schöpfung sagte Jörg Zink in dem Vortrag: „Sorgfalt mit der Erde? Wer hat denn die moderne technische Zivilisation erfunden? Wer die energiefressende Industrie? Wer war es denn, der heute auf der Bühne dieser Welt mit dem arroganten Anspruch auftritt, alle anderen Völker hätten sich dieser zerstö­rerischen Lebensweise anzupassen? Die Kirchen tun gut daran, dass sie ihre neuen Bekenntnisse vernehmlich in die Welt sprechen. Aber sie sollten sich darin keiner Illusion hingeben, was sie sagen, sei in den Augen irgendeines Menschen außerhalb der christlichen Welt glaubwürdig.“

 

Bei der Verleihung des Medienpreises der Diakonie 2005 befasste sich Jörg Zink mit dem Umgang mit der Armut im eigenen Land: „Es ist das Merkmal einer ungerechten bis inhumanen Gesellschaft, dass das Leid ihrer Opfer verschleiert wird und dass auch der leidende Mensch selbst gezwungen ist, es hinter einem nichts ausdrückenden Gesicht zu verbergen. Es gibt in unserer Gesellschaft mehr verdräng­ten Zorn, als ihr anzusehen ist, und der ist mit Brot und Spielen weniger wirk­sam aufzuheben, als man meint. Sie ist tiefer gespalten zwischen Verzweiflung und Gleichgültigkeit. Es gilt also, genauer hinzusehen, als dies im Allgemeinen erwünscht ist. Dies aber könnte eine der befreienden Aufgaben eines heutigen Massenmediums sein.“

 

Aber was ist gerecht, was ist Gerechtigkeit? Jörg Zink hat in seinem Buch „Die Urkraft des Heiligen“ dazu ausgeführt: „Gerecht ist, wer einem anderen Menschen und dem, was er sagt oder tut oder versäumt, gerecht wird. Gerecht ist, wer den Menschen dieser Erde, ihrer Würde und ihrem Elend, gerecht wird. Gerechtigkeit ist immer und zuvörderst: Gerechtigkeit für die, die dem Unrecht ausgeliefert sind. Denn Recht ist nicht das Recht des Stärkeren. Nicht der Reichen. Recht schaffen kann nur heißen, es für die Schwachen und die Armen herzustellen. Recht schaffen heißt Leben möglich machen, wo Leben bedroht ist. Heißt Freiheit geben, wo Knechtschaft ist. Gerechtigkeit, die jedenfalls, die Jesus uns zeigt, ist Parteilichkeit für die, die unten sind.“

 

Eine schonungslose Analyse der bestehenden Verhältnisse geht für Jörg Zink einher mit utopischen Vorstellungen, deren Orientierungspunkt für ihn das Reich Gottes ist: „Dabei gilt es, zweierlei sorgsam zu unterscheiden. Das Reich Gottes mit seiner Ferne und Ungreifbarkeit. Und die Zielvorstellung für das menschliche Handeln auf dieser Erde. Das Reich Gottes herbeiführen zu wollen, ist Unsinn. Ein Reich des künftigen Menschen auf dieser Erde anzustreben, ist eine unausweichliche Aufgabe. Für dieses Reich des künftigen Menschen aber gilt, dass es das ferne Reich Gottes abzuspiegeln habe nach dem Maß einer menschlichen Weisheit, die geleitet ist vom Geist Gottes. Was wir dem Reich Gottes entgegen zu gestalten haben, dieses Reich des künftigen Menschen, steht im Rang einer Utopie. Der Utopie vom Frieden, von der Gerechtigkeit, der Menschenwürde, auch dem Frieden zwischen den Menschen und der Schöpfung und wie immer man es beschreiben will. Utopien sind menschheitliche Träume. Aber Träume, auf die die Menschheit konkret zugeht. Utopien sind der Einstieg in jede entscheidende Veränderung des Bewusstseins und danach der Wirklichkeit.“

 

Jörg Zink, der 2016 starb, erinnerte daran, dass es große Träume gibt, die uns hinausführen über das, was wir sehen und erfahren. Es sind Träume von einer zukünftigen Welt, von einem zukünftigen Menschen. Er zitierte in diesem Zusammenhang einen Satz des brasilianischen Theologen Dom Helder Camara: „Wenn einer träumt, ist es ein Traum. Wenn viele miteinander träumen, ist es der Anfang einer neuen Wirklichkeit.“

 

 © Frank Kürschner-Pelkmann 

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Cover des Buches "Die Weihnachtsgeschichte - Fakten, Legenden und tiefere Bedeutung"
Frank Kürschner-Pelkmann: Die Weihnachtsgeschichte - Fakten, Legenden und tiefere Bedeutung, Rediroma Verlag, Remscheid 2025, ISBN 978-3-86870-734-2, 680 Seiten, 26,95 Euro

Lesetipp: 

 

Die Weihnachtsgeschichte - Fakten, Legenden und tiefere Bedeutung 

 

Viele haben sich im Weihnachtsgottesdienst schon gefragt, ob die Geschichten von  der Geburt und Kindheit Jesu Legenden sind, vielleicht sogar Märchen. In diesem Buch wird fundiert und anschaulich dargestellt,  was heute über das damalige Geschehen bekannt. Es wird deutlich, dass viele legendarische Texte die Glaubensüberzeugungen der Jesusbewegung zum Ausdruck bringen und auch heute noch eine religiöse Orientierung bieten. Ausführlich wird das damalige Leben in Palästina unter der Herrschaft des römischen Imperiums dargestellt. Es hatte überraschende Ähnlichkeiten mit heutigen Imperien. Der Autor stellt außerdem ausführlich dar, was es bedeutet,  dass Jesus, seine Familie und die meisten Menschen, die in den ersten Kapiteln der Evangelien Juden waren.

Weitere Informationen zum Buch finden Sie hier.