
„Unter einem glücklichen Stern stand die Backwoche, wo mit Pfeffer- und Zuckernüssen begonnen und mit Brezeln, Kranz- und Blechkuchen aufgehört wurde. Wir durften nicht nur mit in die Backstube hinein. Darin es überaus anheimelnd nach bitteren Mandeln und geriebener Zitrone roch, sondern erhielten auch als Weihnachtsvorgeschmack eigens für uns Kinder gebackene kleine Wecken, alles reichlich zugemessen. ‚Ich weiß‘, sagte meine Mutter, ‚dass sie sich den Magen daran verderben, aber das ist besser, wie wenn sie knapp gehalten werden. Sie sollen, all diese Zeit über, eine Festfreude haben, und die bringt ihnen ein Festkuchen am besten bei.‘ Es hat was für sich, und bei ganz robusten Kindern mag es das unbedingt Richtige sein. Aber so robust waren wir doch nicht, dass es für uns so ohne weiteres gepasst hätte. Mir war denn auch, um Weihnachten herum, immer sehr weinerlich zumute.“
Theodor Fontane, von dem dieser Bericht stammt, wurde am 30. Dezember 1819 geboren. Beide Eltern hatten hugenottische Vorfahren, die als reformierte Christen aus Frankreich geflüchtet und in Preußen eine neue Heimat gefunden hatten. Die Mutter, erinnerte sich Theodor Fontane in seinem Buch „Meine Kinderjahre“, hatte keine Spur von „Religionseifer“ gehabt. Sie war ein „Kind der Aufklärung“. Ihr Mann und sie waren Mitglieder der reformierten Gemeinde, aber offenbar keine sehr aktiven Mitglieder. Der Vater war Apotheker, zunächst in Neuruppin und dann in Swinemünde. Die Familie war wohlhabend. Das zeigte sich auch beim Weihnachtsfest, das auf die große Backaktion folgte:
„… fieberhaft gespannt, sahen wir dem Heiligabend entgegen. Endlich war er da. Wie herkömmlich verbrachten wir die Stunde vor der eigentlichen Bescherung in dem kleinen, nach dem Garten hinaus gelegenen Wohnzimmer meines Vaters, das absichtlich ohne Licht blieb, um dann den brennenden Weihnachtsbaum, den meine Mutter mittlerweile zurechtmachte, desto glänzender erscheinen zu lassen. Mein Vater unterhielt uns, so gut er konnte, was ihm jedes Mal blutsauer wurde … Sonst ein so glücklicher Humorist, konnte er den richtigen Ton bei solchen Gelegenheiten nie treffen.“
Deshalb waren die Kinder erleichtert, „wenn dann zuletzt die Klingel der Mama das Zeichen gab, und wir nach dreimaligem Ummarsch um einen runden Tisch und dem Absingen eines an Plattheit nicht leicht zu übertreffenden Verses:
Heil, Heil, Heil,
Heil, dreifacher Segen.
Strahl, o heller Lichterglanz,
Unserm Fest entgegen
über den Flur fort in das Vorderzimmer einmarschierten, war er, mein Vater, womöglich noch froher und erlöster als wir, die wir bis dahin doch bloß vor Ungeduld gelitten hatten.“
Die Kinder starrten verwirrt und befangen auf den Baum, bis die Mutter sie schließlich aufforderte, ihre Geschenke anzusehen. Die Freude war grenzenlos, aber nur, bis ein letztes Geschenk zum Vorschein kam, ein Kantschu, eine kurze, dicke Riemenpeitsche. Das war von der Mutter scherzhaft gemeint, aber Weihnachten eignete sich nicht für solche Scherze. Theodor Fontane schrieb in seinen Kindheitserinnerungen: „Ich war einfach außer mir und lief in den Garten hinaus, um da wieder zu mir zu kommen, was freilich nicht glücken wollte. Die Weihnachtsfreude war hin, war an einem gut gemeinten, aber verfehlten Scherz gescheitert.“
Theodor Fontane erhielt Privatunterricht von seinem Vater und von Privatlehrern, die befreundete wohlhabende Familien in Swinemünde gemeinsam bezahlten. Als er älter war, besuchte Theodor Fontane zunächst ein Gymnasium und dann eine Gewerbeschule, die er mit der Mittleren Reife abschloss. Danach erhielt er eine Ausbildung zum Apothekergehilfen. Der Vater wollte, dass der Sohn später seine Apotheke übernehmen würde. Dem beugte sich der Sohn zunächst und arbeitete von 1840 an in verschiedenen Apotheken als Apothekengehilfe. Parallel begann er, Erzählungen und Gedichte zu veröffentlichen. Auch schloss er sich einer Berliner Literatenvereinigung an.
1844 musste er für ein Jahr zum Militär und arbeitete danach in der väterlichen Apotheke. 1847 bestand er das pharmazeutische Staatsexamen und war nun „Apotheker erster Klasse“. Im März 1848 beteiligte sich dieser Apotheker an der Märzrevolution in Berlin und veröffentliche revolutionäre Gedichte und Artikel. Er schloss sich darin den Forderungen nach Freiheit und Demokratie an. Bekanntlich scheiterte die Revolution und Theodor Fontane musste erst einmal untertauchen. Er nahm eine Apothekerstelle im Diakonissenhaus Bethanien an, das damals außerhalb der Berliner Stadttore lag.
Nach dem Scheitern der Revolution war Theodor nicht nur desillusioniert, sondern zunächst auch verarmt. Er beschloss im Herbst 1849, „sein Leben auf den Vers zu stellen“. Er gab seine Tätigkeit als Apotheker endgültig auf und versuchte, sich als Schriftsteller eine Existenz aufzubauen. Trotz erster literarischer Erfolge musste er wie andere damalige Literaten feststellen, dass man von der Schriftstellerei nicht leben konnte. Am 3. Januar 1850 schrieb Fontane einem Freund, wie er und seine frisch vermählte Frau das Weihnachtsfest verbracht hatten:
„Die Festtage über laborierten wir beide, Emilie und ich, an der Grippe. Der Weihnachtsabend war gemütlich, aber doch – dürftig; keiner hatte Geld, dem andern mehr als ein Paar Handschuh und dergleichen zu schenken. Ich musste daran denken, dass an demselben Abend meine Gedichte in wenigstens fünfzig bis hundert Prachtexemplaren auf verschiedenen Festtischen prangten; und doch, unter dem Weihnachtsbaum des Verfassers sah es derweil ärmlich genug aus. Zum Glück stört mich so was wenig. Ich weiß, dass das Leben sein bisschen Honig woanders saugt – und nur die Aussicht auf direkte Hungerleiderei verdirbt mir in den letzten Tagen meine sonst gute Laune.“
Hatte sich Fontane kurz vorher noch als Barrikadenkämpfer an der Revolution beteiligt, blieb ihm nun nichts anderes übrig, als eine Stelle im preußischen Innenministerium anzunehmen. Die Aufgabe des früheren Revolutionärs war es nun, die Presse regierungsfreundlich zu lenken. Es war eine vorübergehende Tätigkeit, und nach Monaten anschließender Arbeitslosigkeit konnte Fontane froh sein, eine Anstellung in der preußischen „Centralstelle für Preßangelegenheiten“ zu bekommen. Nun musste er Propaganda für die erzkonservative preußische Regierung machen. Von 1852 an erhielt er sich längere Zeiten im Auftrag seines Arbeitsgebers und von 1856 bis 1858 als Presseattaché der Botschaft in London auf. Er schrieb wiederholt Artikel für deutsche Zeitungen, so den Beitrag „Tannenbaum und Stechpalme“.
„Weihnachten klopft auch in London an die Türen. Es ist nicht mehr der national-britische Christmaseve mit seinem vorwiegend patriarchalischen Charakter, der Klopfende gleicht vielmehr unserm alten Freunde ‚Knecht Ruprecht‘, der während der letzten zwanzig Jahre es prächtig verstanden hat, für sich selber Propaganda zu machen und auch der englischen Weihnachtszeit ein mehr und mehr deutsches Gepräge zu geben. Mit anderen Worten, es ist der Sieg des Tannenbaums über den altenglischen Weihnachtsbaum, den mistle-tree … Weihnachten im englischen Hause ist ein Kinderfest geworden, und im Einklang mit dieser Wandlung präsentieren sich jetzt die Londoner Straßen.“
Weihnachten 1856 schickte er aus London ein Gedicht an seine Frau Emilie, die mit den Kindern in Deutschland geblieben war. Das Gedicht beginnt mit diesem Vers:
Die Weihnachtszeit ist wieder da
Mit Tannen und mit Lichtern,
Ich stünde gern als Herr Papa
Unter lachenden Gesichtern.
Doch ach, zu fremdem Gänse-Genuss
Nach Brompton fahr ich im Omnibus,
Es geht nun mal nicht anders.
Über das Weihnachtsfest 1857 in London schrieb Fontane einen Zeitungsartikel mit der Überschrift „Des armen Mannes Weihnachtsbaum“. Er berichtete, dass am Weihnachtstag Groß und Klein nach Hause strömte, „alles war Leben, Bewegung, Freude“. Aber es entging dem sozialkritischen Journalisten nicht, dass es auch die andere Seite gab: „Unter denen, die ihrer Wohnung zuschritten, war auch ein Arbeiter, ein Mann in der Mitte der Dreißiger, blass, rußig, ermüdet. Neben ihm ging sein ältestes Kind, ein Knabe von sechs oder sieben Jahren; er schleppte sich mühsam weiter. Das jüngste Kind war auf der linken Schulter des Vaters eingeschlafen, während er auf der rechten einen mächtigen Ginsterbusch als Weihnachtsbaum nach Hause trug. Der Ginsterbusch blühte. Man sieht viel Elend in den Straßen Londons, aber selten eines, in dessen Öde sich zarte Züge mischten, und so blieb ich stehen und sah dem müd und matten Zuge nach.“ Fontane nahm an, dass die Mutter gestorben war und der Vater den beiden Kindern nun allein ihr Christfest bereiten musste, immerhin mit einem mitten im Winter blühenden Ginsterbusch.
Nach der Rückkehr aus London fand Theodor Fontane eine Anstellung bei der konservativen „Kreuzzeitung“. Er hatte Zeit, seine „Wanderungen durch die Mark Bandenburg“ zu verfassen. Die aufwendig recherchierten Beschreibungen erschienen zunächst in der „Kreuzzeitung“ und dann in mehreren Büchern. Von 1864 an betätigte sich Fontane zusätzlich als Kriegsberichterstatter, zuletzt im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71.
1870 übernahm er eine Stelle als Theaterkritiker der liberalen „Vossischen Zeitung“ und schrieb fast 650 Beiträge über Aufführungen in Berliner Theatern. 1889 gab er im Alter von 70 Jahren seine Stelle als Theaterkritiker auf und konzentrierte sich nun ganz darauf, Romane zu schreiben. Dabei wurde er sehr tatkräftig von seiner Frau unterstützt, unter anderem in geschäftlichen Angelegenheiten und beim Lektorieren seiner Texte. Fontane hat seinerseits Frauen in seinen Romanen als eigenständige Persönlichkeiten dargestellt.
In seinen Gesellschaftsromanen stellte er sehr realistisch Menschen in ihrem sozialen Kontext dar und verband dies mit Sozialkritik an der Oberschicht. 1886 schrieb Fontane: „Das wird der beste Roman sein, dessen Gestalten sich in die Gestalten des wirklichen Lebens einreihen, sodass wir in der Erinnerung an eine bestimmte Lebensepoche nicht mehr genau wissen, ob es gelebte oder gelesene Figuren waren, ähnlich wie manche Träume sich unserer mit gleicher Gewalt bemächtigen wie die Wirklichkeit.“
In diesem Rahmen beschäftigte Fontane sich in seinen Romanen und auch seinen Reiseberichten häufiger mit religiösen Themen. Er selbst lebte in einer „entkirchlichten Zeit“ und war Teil dieser Zeit. Er nahm wahr, dass die Frömmigkeit an Bedeutung verlor. Die Literaturwissenschaftlerin Anett Lütteken erläuterte 2019 in einem Interview mit der „Katholischen Nachrichtenagentur“: „Fontane war sicherlich kein strenggläubiger Mensch. Er beschreibt jedoch, wie brüchig die christliche Sozialisation geworden ist – und betont, dass sie doch eigentlich das christliche Europa zusammenhält.“
1895 erschien der Roman „Effi Briest“ als Buch, nachdem er vorher als Fortsetzungsroman in einer Zeitung veröffentlicht worden war. Der Roman hat Thomas Mann beeindruckt und zu seinem Roman „Die Buddenbrooks“ inspiriert. Buddenbrook war übrigens der Name einer Nebenfigur in „Effi Briest“. Thomas Mann äußerte 1910 bei der Einweihung eines Fontane-Denkmals über den Schriftsteller: „Unendliche Liebe, unendliche Sympathie, ein Gefühl tiefer Verwandtschaft.“
„Effi Briest“, der Roman, der Theodor Fontane berühmt machte, ist eine Kritik an der damaligen preußischen Gesellschaftsordnung und ihrem Verständnis von Ehre. Effi Briest wuchs auf dem elterlichen Gut Hohen-Cremmen in Brandenburg auf. Sie heiratete auf Drängen ihrer Mutter den mehr als doppelt so alten Baron von Innstetten. Er war früher einmal ein Verehrer von Effis Mutter gewesen. Der Ehemann behandelt die 21 Jahre jüngere Effi wie ein Kind und war vor allem damit beschäftigt, an seiner Kariere im preußischen Staatsdienst zu arbeiten. Nach der Heirat stieg er zum Landrat in dem fiktiven verschlafenen Kreisstadt Kessin auf. In dem Ort und vor allem in dem düsteren Dienstsitz des Landrats fühlte Effi sich sehr unwohl und fürchtete sich in dem „Spukhaus“. Effi hatte auch Mühe, sich in ihre Rolle als Baronin und Ehefrau des Landrats einzuleben. Einziger Freund war zunächst der Apotheker Alonzo Gieshübler.
Dann nahte das erste gemeinsame Weihnachtsfest. „Die musikalische Soiree bei Gieshübler hatte Mitte Dezember stattgefunden, gleich danach begannen die Vorbereitungen für Weihnachten, und Effi, die sonst schwer über diese Tage hingekommen wäre, segnete es, dass sie selber einen Hausstand hatte, dessen Ansprüche befriedigt werden mussten. Es galt nachsinnen, fragen, anschaffen und das alles ließ trübe Gedanken nicht aufkommen.“
Dann nahte das Weihnachtsfest selbst. „Und so kam Heiligabend heran. Innstetten selbst baute auf für seine junge Frau, der Baum brannte, und ein kleiner Engel schwebte oben in Lüften. Auch eine Krippe war da mit hübschen Transparenten und Inschriften, deren eine sich in leiser Andeutung auf eine dem Innstettenschen Hause für nächstes Jahr bevorstehendes Ereignis bezog. Effi las es und errötete.“ Dass es der Ehemann war, der sich um den Weihnachtsbaum und die Krippe gekümmert hatte, während Effi wie ein Kind behandelt wurde, ließ Probleme erahnen. Erst einmal freute sich das Paar auf die Geburt ihres Kindes, das das einzige Kind bleiben sollte.
Ihren Eltern schrieb Effi nach dem Fest: „Innstetten und mein guter Freund Gieshübler hatten alles aufgeboten, mir den Heiligen Abend so angenehm wie möglich zu machen, aber ich fühlte mich doch ein wenig einsam und bangte mich zu Euch … Ich kann das Gefühl des Alleinseins nicht ganz loswerden.“ Sie hatte an diesem Fest mit den Tränen zu kämpfen, was Innenstetter aber auf keinen Fall sehen sollte. Sie hoffte darauf, dass mit einem Kind alles besser werden würde.
Neun Monate nach der Hochzeit wurde die Tochter Annie geboren. Etwa zur gleichen Zeit kam Major von Crampas nach Kessin, den Innstetten aus der gemeinsamen Militärzeit kannte. Der Major war unglücklich verheiratet und verliebte sich in die jugendliche, natürlich auftretende Effi. Er überredet sie, gemeinsam ein Theaterstück mit dem beziehungsreichen Titel „Ein Schritt vom Wege“ einzuüben. Die Aufführung kurz vor dem Weihnachtsfest löste beim Publikum Begeisterung aus. Die vorher abschätzig behandelte Effi wurde von den Damen der Kessiner Gesellschaft bewundert. Innstetten war aber aufgefallen, dass Crampas sie im Stück kaum angesehen hatte. Er sagte seiner Frau hinterher: „Der Crampas war wie befangen … und mied dich immer und sah dich kaum an. Was doch ganz unnatürlich ist; denn erstens ist er überhaupt ein Damenmann, und nun gar Damen wie du, das ist seine besondere Passion. Ich wette auch, dass es keiner besser weiß als meine kleine Frau selber.“
Ein Jahr später stand das zweite gemeinsame Weihnachtsfest des Ehepaars bevor, das Fontane so beschrieben hat: „Der Heilige Abend kam und verging ähnlich wie das Jahr vorher; aus Hohen-Cremmen kamen Geschenke und Briefe; Gieshübler war wieder mit einem Huldigungsvers zur Stelle, und Vetter Briest sandte eine Karte: Schneelandschaft mit Telegrafenstangen, auf deren Draht geduckt ein Vögelchen saß. Auch für Annie war aufgebaut: ein Baum mit Lichtern, und das Kind griff mit seinen Händchen danach. Innstetten, unbefangen und heiter, schien sich seines häuslichen Glücks zu freuen und beschäftigte sich viel mit dem Kinde. Roswitha war erstaunt, den gnädigen Herrn so zärtlich und zugleich so aufgeräumt zu sehen. Auch Effi sprach viel und lachte viel, es kam ihr aber nicht aus innerster Seele. Sie fühlte sich bedrückt und wusste nur nicht, wen sie dafür verantwortlich machen sollte, Innstetten oder sich selber. Von Crampas war kein Weihnachtsgruß eingetroffen; eigentlich war es ihr lieb, aber auch wieder nicht, seine Huldigungen erfüllten sie mit einem gewissen Bangen, und seine Gleichgültigkeiten verstimmten sie; sie sah ein, es war nicht alles so, wie's sein sollte.“
Kurz darauf fand ein Fest der Kessiner Honoratioren in einer abgelegenen Oberförsterei statt. Bei der Heimfahrt ergab es sich durch einen Zufall, dass Effi und Crampas zu zweit im letzten Schlitten saßen, der sie zurück in die Stadt bringen sollte. Während der Fahrt durch einen dunklen Wald näherte sich Crampas der jungen Frau an und küsste sie leidenschaftlich. Ihr verspätete Ankunft wurde misstrauisch von Innstetten beobachtet. Die Verliebten trafen sich von nun an mehrfach heimlich. Fontane beschrieb die Situation von Effi so: „Das Verbotene, das Geheimnisvolle hatte seine Macht über sie.“
Es war dann eine Erleichterung für Effi, dass ihr Mann kurz darauf eine Stelle in Berlin erhielt und die Familie aus Kessin wegzog. Die Affäre mit Crampas fand so ein abruptes Ende. Sechs Jahre lang lebten Innstetten und Effi in Berlin ohne große Konflikte zusammen und es wäre wohl so geblieben, wenn Innstetten nicht zufällig auf ein Bündel Briefe gestoßen wäre, die unten im Nähkästchen seiner Frau lagen. Sie war zu dieser Zeit zur Kur in Bad Ems. Die Briefe entpuppten sich als die Liebesbriefe von Crampas an Effi.
Die Jahre zurückliegende Affäre der Ehefrau hätte Anlass zu einem Ehekrach sein können. Aber Innstetten, der alten Ehrbegriffen anhing, machte daraus eine Katastrophe. Er forderte Crampas zum Duell, bei dem der Major getötet wurde. Dann schrieb er an Effis Eltern, dass er sich von seiner Frau trennen würde. Sie sollten das Effi in der Kur mitteilen. Innstetten blieb unglücklich zurück, konnte sich später nicht einmal über eine Beförderung freuen, weil sein Leben „verpfuscht“ war.
Die Eltern schrieben an Effi in die Kur, dass sich Innstetten von ihr trennte und teilten ihr auch gleich mit, sie wäre nun wegen der gesellschaftlichen Konventionen auch nicht mehr in ihrem Elternhaus willkommen. Effi zog daraufhin in eine kleine Wohnung in Berlin. Nach drei Jahren besuchte ihre Tochter sie endlich einmal, aber die Begegnung endete enttäuschend. Die ohnehin kränkelnde Effi erkrankte danach so ernsthaft, dass an ihre Eltern geschrieben wurde, ob sie die Tochter nicht doch zu sich nehmen würden. Sie taten es auf Drängen des Vaters, aber für eine Genesung war es zu spät. Nach Effis Tod fragte sich die Mutter Luise, ob sie und ihr Mann durch ihr Verhalten Schuld auf sich geladen hatten. Ihr Mann sagte angesichts der komplizierten, widersprüchlichen Verhältnisse einen Satz, mit dem der Roman zu Ende geht: „Ach, Luise, lass … das ist ein zu weites Feld.“
Der 70. Geburtstag Theodor Fontanes wurde 1890 in Berlin als großes gesellschaftliches Ereignis gefeiert. 1897 erschien Fontanes letzter Roman „Der Stechlin“. Hier tauchte noch einmal ein Landpastor alten Typs auf. Sein Patron ließ ihn – im Gegensatz zu anderen Patronen - weitgehend gewähren. Von ihm, Dublav von Stechlin, erfahren wir, er „hörte gern eine freie Meinung, je drastischer und extremer, desto besser“. Das teilten manche seiner Verwandten nicht, und sich deshalb entspannenden Debatten gehören zu den vielen Gesprächen, die Fontane in seinen Roman aufgenommen hat. Über die Handlung in seinem Roman äußerte Fontane ironisch: „Zum Schluss stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich; - das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht.“
Der EKD-Kulturbeauftragte Johann Hinrich Claussen hat 2019 über den Landpastor, der nicht von seinem Patron gegängelt wurde, im „Stechlin“ geschrieben: „Lorenzen nutzt diese Freiheit für ein intensives soziales Engagement und eine undogmatische Verkündigung. Er versucht, die frühere Weite des märkischen Landpfarrers durch den Einsatz für die unteren Schichten wiederzugewinnen und nähert sich deshalb – unerhört! – der Sozialdemokratie an. Zu kirchlichen Konventionen hält Lorenzen Abstand. Indoktrination, religiöser oder moralischer Zwang sind ihm fremd. Er will andere Menschen in die Freiheit führen und diese auch für sich selbst bewahren.“
Fontane stand der kirchlichen Obrigkeit kritisch gegenüber. Scharf kritisierte er die Kirche dann, wenn sie sich in den Dienst der Herrschenden stellte. Der Dorfpfarrer Lorenzen war links, aber auch der geschätzte Seelsorger seines alten Patrons. Er konnte Brücken bauen – und gerade das war den meisten Personen in Fontanes Romanen nicht gelungen, viele wollten es nicht einmal. Und auch in der sozialen und politischen Realität Preußens mangelte es an solchen Brückenbauern.
Am 20. September 1898 starb Theodor Fontane in Berlin. Zum 24 Dezember 1890 hatte er dieses Gedicht verfasst:
Noch einmal ein Weihnachtsfest,
Immer kleiner wird der Rest,
Aber nehm' ich so die Summe,
Alles Grade, alles Krumme,
Alles Falsche, alles Rechte,
Alles Gute, alles Schlechte –
Rechnet sich aus allem Braus
Doch ein richtig Leben raus.
Und dies können ist das Beste
Wohl bei diesem Weihnachtsfeste.
---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Lesetipp:
Die Weihnachtsgeschichte - Fakten, Legenden und tiefere Bedeutung
Viele haben sich im Weihnachtsgottesdienst schon gefragt, ob die Geschichten von der Geburt und Kindheit Jesu Legenden sind, vielleicht sogar Märchen. In diesem Buch wird fundiert und anschaulich dargestellt, was heute über das damalige Geschehen bekannt. Es wird deutlich, dass viele legendarische Texte die Glaubensüberzeugungen der Jesusbewegung zum Ausdruck bringen und auch heute noch eine religiöse Orientierung bieten. Ausführlich wird das damalige Leben in Palästina unter der Herrschaft des römischen Imperiums dargestellt. Es hatte überraschende Ähnlichkeiten mit heutigen Imperien. Der Autor stellt außerdem ausführlich dar, was es bedeutet, dass Jesus, seine Familie und die meisten Menschen, die in den ersten Kapiteln der Evangelien Juden waren.
Weitere Informationen zum Buch finden Sie hier.
