Kaum jemand in Hamburg weiß noch, dass John Parish am Ende des 18. Jahrhunderts der reichste Kaufmann der Stadt und wahrscheinlich einer der reichsten Männer Europas war. Keine Straße, kein Park, keine Villa und kein Denkmal erinnern in Hamburg an ihn. Seine Villa an der Elbchaussee (nach heutiger Hausnummernzählung 411) ist 1936 abgerissen worden, das Stallgebäude auf der anderen Seite der Straße Mitte der 1970er Jahre. Parish soll trotz fehlender historischer Gebäude ein Abschnitt in diesem Buch gewidmet werden.
Als John Parish am 5. März 1742 in Schottland geboren wurde, arbeitete sein Vater George Parish als Kapitän für einen englischen Kaufmann in Hamburg. Als dieser Kaufmann sein Geschäft auflöste, gab George Parish die Seefahrt auf und ließ sich in Hamburg nieder. Er eröffnete 1755 ein Geschäft für Schiffsmaterialien, allerdings nur mit mäßigem Erfolg. Er ließ trotzdem seine Frau und seine drei Kinder nach Hamburg nachkommen. Von 1759 an unterstützte sein Sohn John den Vater im Laden und wurde im folgenden Jahr zum Teilhaber des Unternehmens. Zwei Jahre später verstarben die Eltern, und der Sohn musste das Unternehmen allein fortführen. In seinen Lebenserinnerungen lesen wir: „Ich war erst vierzehn Jahre alt, als ich in Hamburg anlangte, in einem fremden Lande. Im Alter von zwanzig Jahren verlor ich schon meine Eltern … Welche Aussicht hatte ich zu jener Zeit, dereinst auf meinem Rücken zwei Millionen mit fortnehmen zu können?“
Obwohl John Parish nur über wenige Jahre Schulbildung und geringe kaufmännische Kenntnisse verfügte, florierte das Unternehmen bald. Er dehnte seine Geschäfte rasch aus und machte aus dem kleinen Ladenbetrieb ein internationales Handelshaus mit einem Kontor in der Deichstraße. Große Gewinne erzielte Parish in den 1770er Jahren damit, im Baltikum ganze Schiffsladungen Getreide zu kaufen und nach England zu liefern, wo dafür hohe Preise erzielt werden konnten.
1779 war Parish im Alter von 37 Jahren bereits so wohlhabend, dass er sich ein großes Anwesen an der Elbchaussee leisten konnte. Ursprünglich war das Gelände im Besitz des Pastors von Nienstedten gewesen. Dieser verkaufte es 1756, und die Eigentumsverhältnisse änderten sich mehrmals, bevor es von Parish erworben wurde. Er kaufte Grundstücke hinzu und nach heutiger Hausnummerierung reichte sein Anwesen schließlich von der Elbchaussee 411 bis 439 (etwa vom Restaurant Jacob bis zum Hirschpark). Zum Süden hin reichte sein Besitz bis an das Ufer der Elbe.
Parish ließ das vorhandene Wohnhaus am Ostrand des Anwesens umbauen und erweitern, damit es viel Platz für ihn, seine Frau Henriette und die acht Kinder bot – und für große Gesellschaften. In diesem Haus fanden nun große Essen und Feste statt, die viel Geld kosteten, aber über das verfügte Parish. Allein 1804 bewirtete Parish 1.132 Personen bei 54 Diners. Hinzu kam noch etwa die gleiche Zahl von Besuchern bei anderen Gesellschaften. Der Naturliebhaber Parish leistete sich außerdem einen schön angelegten großen Garten.
Der Kaufmann vermehrte sein Vermögen durch riskante Geschäfte. England versuchte nach der einseitigen Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, den Seehandel der abtrünnigen Kolonien zu unterbinden. Der neu entstehende Staat fand einen Partner, um diese Blockade zu brechen – John Parish. Zum Zorn der britischen Regierung und des britischen Gesandten in Hamburg organisierte er einen florierenden Handel zwischen verschiedenen europäischen Häfen und den Vereinigten Staaten. Zur Belohnung ernannte ihn 1790 der US-Präsident George Washington zum ersten Generalkonsul in Hamburg.
Einige Jahre später nahmen die britische Regierung und Parish für beide Seiten vorteilhafte Geschäftsbeziehungen auf. Nach der Französischen Revolution von 1789 bildete sich eine Koalition europäischer Monarchien, die einen gemeinsamen Feldzug gegen das revolutionäre Frankreich führten. Aber das Bündnis zerbröckelte, und die angreifenden englischen Truppen erlitten eine schwere Niederlage. Die englischen Regimenter mussten sich 1795 in die Gegend von Osnabrück zurückziehen. Nun galt es für die Londoner Regierung, sie mit Proviant zu versorgen und in die Heimat zurückzuholen.
Gesucht wurde ein Handelshaus, das die Getreidebeschaffung und Finanzierung übernahm. Viele scheuten davor zurück, aber John Parish ging das Risiko ein und wurde mit hohen Gewinnen belohnt. Es folgte ein weiteres riskantes Geschäft. Die britische Regierung benötigte Schiffsraum, um ihre Kavallerie vom Festland ins aufständische Irland zu befördern. Anderen Handelshäusern war das Risiko zu hoch, ihre Schiffe zu verlieren, aber John Parish übernahm das Geschäft, hatte Glück und machte hohe Gewinne.
Im erneuten englisch-französische Krieg winkte ein weiterer lukrativer Auftrag und der war besonders riskant. Gekämpft wurde nämlich auch in der Karibik, wo beide Staaten Kolonien besaßen. Nun ging es darum, ausländische Soldaten, die für England kämpfen sollten, in die Karibik zu transportieren. Der Landgraf von Hessen „verlieh“ eigene Soldaten sowie Zwangsrekrutierte gegen Bezahlung an die Engländer. Dem Landgrafen warf man ob solcher Geschäfte zur Finanzierung seiner Hofhaltung Freiheitsberaubung und Menschenhandel vor. Es war zu befürchten, dass Frankreich gegen die Transporteure dieser Truppen vorgehen würde. Deshalb warnte der Hamburger Rat alle Handelshäuser und Reeder eindringlich davor, sich an diesem riskanten Unternehmen zu beteiligen. Und wieder war es John Parish, der den Auftrag übernahm.
Bald lagen vor Stade und Neumühlen über 70 Schiffe zur Fahrt über den Atlantik bereit. Auf fünf Schiffen mit 900 Soldaten an Bord kam es am Abend vor der Abfahrt in die Karibik zur einzigen Meuterei in der Geschichte Nienstedtens. John Parish erinnerte sich daran so: „Unter den Leuten brach eine Meuterei aus. Sie zwangen alle meine Kapitäne nebst dem Transportagenten zur Flucht, und erst Kapitän Pepham gelang es, sie zu beruhigen. Glücklicherweise war am folgenden Tag der Wind günstig, so daß sie sich bald mit der übrigen Flotte vereinigen konnten.“
Parish schrieb am Ende seiner Berufstätigkeit, zu der auch immer wieder ein drohender Ruin gehört hatte, nachdenklich: „Worin besteht der innere Wert des Reichtums? Nur in dem Vergnügen, ihn anzuhäufen? Oder in seiner Fähigkeit, weise Genüsse, Komfort zu schaffen?“. Er entschied sich Ende 1796 im Alter von 54 Jahren für die „weisen Genüsse“. Gemeinsam mit seiner Frau Henrietta und seinen Kindern lebte er weiterhin in dem Landhaus an der Elbchaussee. Nun hatte John Parish viel Zeit, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Sein Luxusleben fiel auf, und wenn ein Hamburger Kaufmann hinfort viel Geld für Festessen ausgab, wurde ihm vorgeworfen, er wolle wohl „Parish spielen“.
1806 besetzten französische Truppen Hamburg, und John Parish entschloss sich, seinen Landsitz in Nienstedten aufzugeben und mit seiner Familie in seine britische Heimat zurückzukehren. Er zog in den damals mondänen Badeort Bath. Auch hier genoss er ein luxuriöses Leben. Mit 83 Jahren stellte er zufrieden fest, dass sein Haus „mehr Schönheit und liebliche, verführerische Gesichter als irgend ein anderes Haus der Stadt“ gesehen hatte. John Parish nutzte sein großes Vermögen auch für bedeutende Spenden und Stiftungen.
Als John Parish am 4. Februar 1829 im Alter von 87 Jahren starb, hatte sein Hamburger Handelshaus längst seine herausragende Bedeutung verloren. Es wurde ohne großen Erfolg von drei Parish-Söhnen fortgeführt und musste 1842 aufgelöst werden. Das Anwesen an der Elbchaussee hatte der Sohn Richard geerbt. Er kümmerte sich umsichtig um diesen Besitz und ließ von dem Gartenarchitekten Ramée die Gartenanlage neu gestalten und um Gemüsebeete, einen Blumengarten und Obstwiesen erweitern. Das Wohnhaus erhielt ein neues Zimmer mit großen Fenstern nach drei Seiten und einem herrlichen Blick auf die Elbe. Weitere Anbauten trugen allerdings nicht zur Verschönerung des Hauses bei.
Nach dem Tod von Richard Parish 1860 verkaufte sein Bruder George das Anwesen. Es wurde mehrfach geteilt und mit Villen bebaut. Auch die Parish-Villa wechselte mehrmals den Besitzer und wurde immer wieder umgebaut, bis sie schließlich Mitte der 1930er Jahre abgerissen worden ist. Paul Th. Hoffmann hat das Haus vor der Zerstörung besucht und beschrieb es in seinem Buch „Die Elbchaussee“ so:
„Das Ganze wirkte von der Elbe her wie ein merkwürdiges Flickwerk von Bauten und Anbauten; Geschlechter nach Geschlechtern, die hier in anderthalb Jahrhunderten kamen und gingen, haben, je nach Laune und Bedürfnis, aber ohne einen großen durchgehenden Willen zur baulichen Gestaltung, bald hier, bald dort angebaut, abgerissen, neugebaut und aufgestockt … Ebenso niedrig, verbaut und verwinkelt waren die Innenräume. Dielen, Säle, Zimmer, Vorzimmer, Küchen, Zwischenräume, Gänge wechselten in seltsamem Treppauf und Treppab.“ Kein Zweifel, mit dem Abriss des Hauses ging kein architektonisches Kleinod verloren. Es ist durch eine Villa ersetzt worden.
Erhalten blieb zunächst das Stallgebäude auf der Nordseite der Elbchaussee am Rande des Nienstedtener Friedhofs. Dieses Gebäude war ursprünglich ein Teil des Wirtschaftshofes der Familie Parish und von einem großen Grundstück umgeben. Stallgebäude und Grundstück waren zuletzt im Besitz der Stadt Hamburg. Die Kirchengemeinde wollte in den 1970er Jahren gern das Friedhofsgelände erweitern und erwarb für diesen Zweck das Grundstück mit dem früheren Stallgebäude.
Der Denkmalschutz kämpfte für den Erhalt des letzten baulichen Zeugnisses des einst riesigen Anwesens von John Parish. Aber da die Renovierung des Gebäudes hohe Kosten verursacht hätte, entschloss man sich 1975 mit behördlicher Genehmigung zu einem Abriss. Der südöstliche Teil des Friedhofs ist heute die einzige zusammenhängende Fläche des früheren Landbesitzes der Familie Parish.
Aus: Frank Kürschner-Pelkmann
Entdeckungsreise entlang der Elbchaussee
Mit dem Linienbus 112 von Altona bis Blankenese
Rediroma Verlag 2024, 342 Seiten mit zahlreichen Farbfotos, 31,95 Euro
Hinweis: Die Fotos zu diesem Beitrag sind nur im gedruckten Buch zugänglich.
