Finnlands Nationalhymne ist von einem Hamburger Auswanderer komponiert worden. Friedrich Pacius, der sich später Fredrik nannte, wurde 1809 in Hamburg geboren. Seine musikalische Kaufmannsfamilie förderte das Musiktalent des Sohnes und der Vater erteilte ihm Geigenunterricht. Die Familie ermöglichte dem Sohn nach dem Besuch des Johanneums von 1824 an ein Musikstudium in Kassel, wo er unter anderem von dem berühmten Louis Spohr unterrichtet wurde. Bereits nach zwei Jahren Studium unternahm er eine ausgedehnte Konzertreise im Ostseeraum. Ein schwedischer Musikliebhaber überzeugte ihn, sich um eine Stelle als Violinist bei der Stockholmer Hofkapelle zu bewerben. Pacius hatte Erfolg, gab sein Studium auf und zog 1828 in die schwedische Hauptstadt.
1835 bewarb Pacius sich auf die Stelle des Musikdirektor der Universität Helsinki. Er schaffte es nicht auf die offizielle Vorschlagsliste, wurde aber trotzdem berufen. Die Universitätsleitung traute dem 25jährigen Musiker und Komponisten zu, ein Musikleben nach mitteleuropäischem Vorbild in der noch kleinen Stadt Helsinki aufzubauen. Und tatsächlich erwarb Pacius sich große Verdienste bei der Förderung des finnischen Musiklebens. Finnland war nach dem schwedisch-russischen Krieg 1809 zu einem Teil des Zarenreiches geworden, und der Zar hatte das kleine Helsinki zur Hauptstadt eines neuen Großfürstentums gemacht.
Das kleine Bildungsbürgertum Helsinkis nahm Pacius sehr freundlich auf, und da er wie die gebildeten Einwohner Helsinkis Schwedisch sprach, gab es auch keine Sprachbarrieren. Die Heirat mit der Beamtentochter Nina Martin trug zu seiner Verwurzelung in Finnland bei. Pacius fand als Solist, Lehrer, Komponist und Musikveranstalter rasch große Anerkennung. Er gründete mehrere Chöre und ein Orchester. Es gelang ihm, das erste Mal in der finnischen Musikgeschichte eine Oper aufzuführen und dies ausschließlich mit einheimischen Musikern und Sängern. Auch brachte er große Oratorien und eigene Werke zur Aufführung, darunter mehrere Kantaten und drei Opern. Er gilt heute als „Vater der finnischen Musik“. Jean Sibelius äußert über ihn: „Alles, was wir Musiker hier in Finnland tun, baut auf dem Lebenswerk von Pacius auf.“
1848 erreichte die europäische Aufbruchsbewegung auch Finnland. Die Studenten planten einen großen nationalen Festumzug in Helsinki, für den ein patriotisches Lied benötigt wurde. Pacius nahm diesen Auftrag an und komponierte ein Lied zu dem Gedicht „Vårt Land“ („Unser Land“) von Johan Ludvig Runeberg, einem berühmten finnisch-schwedischen Dichter. Das Lied im Dreivierteltakt erfreute sich gleich großer Beliebtheit und wurde in seiner finnischen Textfassung zur Nationalhymne des Landes. Auch Estland hat diese Melodie für seine Nationalhymne ausgewählt.
Obwohl er den größeren Teil seines Lebens in Finnland verbrachte, erwarb Pacius nie die finnische Staatsbürgerschaft. Wie viele Migranten, hatte er im Alter den Wunsch, in sein Geburtsland zurückzukehren. Aber trotz längerer Aufenthalte in Hamburg fühlte er sich dort nicht mehr heimisch und blieb in Helsinki. Hier starb er 1891. In Hamburg erinnern die Paciusstraße und eine Plakette am Johanneum an den Musiker. In Helsinki errichtete man ein Denkmal für Pacius. eH
