
„Harry Heine & Comp.“ stand 1818 auf dem Ladenschild in der Straße Graskeller, und in der Auslage waren schöne englische Stoffe zu sehen. Aber Harry Heine selbst ließ sich dort höchst selten blicken, denn er saß lieber in einem Kaffeehaus an der Alster und aß Kuchen. „Comp.“, das wusste jeder in der Stadt, war der reiche Onkel Salomon Heine, der aus Harry gern einen hanseatischen Kaufmann gemacht hätte.
Aber der junge Mann war nicht für die Welt der Banken und Stoffe geboren, und bevorzugte einen Platz im Schweizerpavillon, einem Vorgänger des heutigen Alsterpavillons: „Da läßt sich gut sitzen, und da saß ich gut, gar manchen Sommernachmittag, und dachte, was ein junger Mensch zu denken pflegt, nämlich gar nichts, und betrachtete, was ein junger Mensch zu betrachten pflegt, nämlich die jungen Mädchen, die vorübergehen und deren Röcke noch immer viel zu lang sind.“ Der Onkel gab auf und verkaufte das Geschäft wieder.
Harry Heine wurde am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf geboren und kam 1816 nach Hamburg. Zunächst hatte er auf Initiative seines Onkels eine Banklehre begonnen, ohne jeden Erfolg, denn der junge Mann war an Gedichten und nicht an Soll und Haben interessiert. Immerhin lernte Heinrich Heine in dem Bankhaus etwas: „Ich habe früh eingesehen, daß den Bankiers einmal die Weltherrschaft anheimfalle.“ Dann verliebte er sich in Amalie Heine, die Tochter seines reichen Onkels, eine gänzlich einseitige Liebe. Und auch die Liebe zu Amalies Schwester Therese blieb unerfüllt.
Nach dem Scheitern des Textilgeschäftes zahlte der Onkel weiter. Es bestand eine Jahrzehnte dauernde konfliktreiche, aber enge Beziehung zwischen dem reichen und wohltätigen Bankier und dem ehrgeizigen, aber armen Dichter. Salomon Heine nannte den Neffen eine „Kanaille“ und dieser schleuderte seinem Gönner entgegen: „Weißt Du, Onkel, das Beste an Dir ist, dass Du meinen Namen trägst.“ Aber hinter allem Streit stand eine gegenseitige Hochachtung und Liebe. So schrieb Heinrich Heine über seinen Onkel: „Wir leben zwar in beständigen Differenzen, aber ich liebe ihn außerordentlich, fast mehr als mich selbst. Dieselbe störrige Keckheit, bodenlose Gefühlsweichheit und unberechenbare Verrücktheit - nur daß Fortuna ihn zum Millionär und mich zum Gegenteil, das heißt, zum Dichter gemacht hat.“
Salomon Heine zahlte nun die stattliche Summe von 400 Talern im Jahr als Stipendium für ein Jurastudium. Harry Heine studierte von 1819 an tatsächlich Jura, und daneben die Fächer, die ihn wirklich interessierten: Geschichte, Philosophie und Literatur. 1825 schloss er das Jurastudium mit einem Examen, ,,welches ich ganz vortrefflich bestand“, und einer Promotion ab. Aber was konnte der Jude Dr. Heine in Deutschland erreichen, wo den Juden weiterhin Positionen im Staatsdienst verwehrt waren? Das galt auch für Hamburg.
„Ob ich mich in Hamburg fixieren werde?“, fragte Heine in einem Brief. Er entschloss sich, zum Christentum zu konvertieren, ein Schritt, den die meisten seiner Verwandten verweigert hatten, so auch sein Onkel Salomon. Aber nicht einmal die Taufe half. Der Jurist, der sich nun Heinrich nannte, bekam die erhoffte Stelle im Hamburger Staatsdienst nicht. „Kaum bin ich getauft, so werde ich als Jude verschrien ... jetzt bei Christ und Jude verhasst ... ich bereue.“
Dafür freundete sich Heinrich Heine mit dem Hamburger Verleger Julius Campe an, der von nun an alle seine Bücher herausbrachte. Es war für beide über Jahrzehnte ein gutes Geschäft, das sie immer mal wieder bei Wein und Austern feierten. Heine lebte bis 1831 in Hamburg und Wandsbek. Er blieb in der „Schacherstadt“ Hamburg ziemlich isoliert: „Schlechtes Leben hier. Regen, Schnee und zu viel Essen. Und ich sehr verdrießlich. Hamburg ist am Tage eine große Rechenstube und in der Nacht ein großes Bordell.“
Auf das Thema Essen kam Heine noch zurück, und in besserer Stimmung schrieb er: „Die Hamburger sind gute Leute und essen gut. Über Religion, Politik und Wissenschaft sind ihre respektiven Meinungen sehr verschieden, aber in Betreff des Essens herrscht das schönste Einvernehmen. Mögen die christlichen Theologen dort noch so sehr streiten über die Bedeutung des Abendmahls; über die Bedeutung des Mittagsmahls sind sie ganz einig.“ Und an anderer Stelle schrieb er: „Von Goethe, Tieck und Jean Paul wusste man nichts. Sie hatten für die Ewigkeit geschrieben, aber ganz gewiß nicht für die Hamburger Bürger.“
Heinrich Heine gab sich keine Mühe, den Hamburgern zu gefallen. Der Schriftsteller August Lewald beobachtete: „Sein Gang war nachlässig, stolpernd, und er gaffte links und rechts die Häuser an. Dies war Heine. Es lag in der Erscheinung eine vornehme Gleichgültigkeit, die es verschmähte bei diesen Hamburgern ein anständiges Aufsehen zu erregen ... Ich begegnete nun Heine öfter, und fast immer auf dieselbe Weise: allein, schlendernd und gaffend; es schien sich in seinem Wesen eine unendliche Langeweile auszusprechen.“ Der schüchterne junge Mann hatte es schwer mit sich und mit der Stadt, sodass er in einem Brief an einen Freund bekannte: „Ich lebe hier ganz isoliert“.
Dass Heinrich Heine 1831 nach Paris ins Exil ging, hatte aber vor allem andere Gründe. Der wachsende Antisemitismus (1830 wurden bei antijüdischen Unruhen in Hamburg die Scheiben des Hauses von Salomon Heine eingeworfen) trug ebenso dazu bei wie die Zensur, der seine Schriften immer wieder zum Opfer fielen. Auch Verhöre und Hausdurchsuchungen mussten bei ihm die Befürchtung nähren, bald verhaftet zu werden. In Frankreich war er willkommen, fand viel Anerkennung für seine Romane und Gedichte und erhielt von der französischen Regierung eine Staatspension. Auch in anderen europäischen Ländern erfreute er sich nun großer Beachtung und Wertschätzung.
In Deutschland wurde der aus seiner Heimat vertriebene Heine von den herrschenden Regimen und deren Kultur-Gefolgsleuten heftiger denn je attackiert und als „lästerlicher, zerstörerischer, zersetzender Jude, der mit Ironie spottet“ diffamiert. In Preußen und anderen Staaten des Deutschen Bundes verbot man 1833 alle bisherigen und zukünftigen Werke des Dichters. Wie viele Menschen im Exil hasste Heine die Regime und den Antisemitismus in seinem Geburtsland, aber liebte doch diese Heimat: „Ich liebe im Grunde das Deutsche mehr als alles auf der Welt, ich habe meine Lust und Freude dran, und meine Brust ist ein Archiv deutschen Gefühls.“
In Paris fühlte sich Heine sehr wohl, und dies noch mehr, nachdem er seine Mathilde, eine Schuhverkäuferin, die eigentlich Augustine Crescence hieß, geheiratet hatte.
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.
Beide mussten allerdings schwer darunter leiden, dass Heinrich Heine sie zu einer Dame von Welt machen wollte. Sie verteidigte sich mit heftigen Temperamentsausbrüchen. Immerhin, sie gewann die Zuneigung des Onkels in Hamburg, der auch zu Besuch nach Paris kam. Und nach einem Besuch des Dichter-Neffen mit Frau im August 1844 in Hamburg schrieb der gnädig gestimmte Onkel Salomon: „Harry von Paris wahr hier, hatt mir sehr gefallen, zu seinem Vortheil sehr gebessert.“ Je länger Heinrich Heine in Paris lebte, desto mehr vermisste er seine Heimat und besonders seine in Hamburg lebende Mutter Betty:
Die Jahre kommen und vergehn!
Seit ich die Mutter nicht gesehn.
Aber schon wegen der Befürchtung, verhaftet zu werden, gab er alle Pläne einer dauerhaften Rückkehr auf. Erst zwölf Jahre nach seiner Übersiedlung nach Paris kam Heinrich Heine wieder für einige Wochen zu Besuch nach Hamburg, eine Reise, die er in „Deutschland. Ein Wintermärchen“ beschrieben hat – das sofort in den meisten deutschen Staaten verboten und konfisziert wurde. Hamburg hatte zu dieser Zeit gerade erst mit dem Wiederaufbau nach dem Großen Brand von 1842 begonnen und Heine zeigte Mitgefühl mit den Bewohnern der zerstörten Stadt.
Hinter allem Spott über die Hanseaten verbarg sich eine - unerwiderte - Liebe zur Stadt an der Elbe. Im folgenden Jahr besuchte Heinrich Heine zusammen mit seiner Frau ein letztes Mal Hamburg, dann erkrankte er in Paris so schwer, dass er keine Reisen mehr unternehmen konnte. Er starb am 17. Februar 1856. Seine Lebensbilanz: „… denn ich war ein braver Soldat im Befreiungskriege der Menschheit.“
Der Hamburger Stadtteil Wilstorf bekam 1945 eine Heinrich-Heine-Straße. Das kann als Versuch gewertet werden, der Tilgung jeglicher Erinnerung an den jüdischen Dichter während der Nazizeit, insbesondere der Zerstörung des Heinedenkmals, etwas entgegenzusetzen. Aber es war ein Zeichen an einem doch recht abgelegenen Ort. Erst dank der Initiative von Arie Goral erhielt der Rathausmarkt 1982 ein neues Heine-Denkmal. Die Geschichte eines Heinedenkmals der Kaiserin Elisabeth, das von Korfu über Hamburg und Altona nach Toulon reiste, finden Sie hier.
Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte
